Erpressung am Grün
Das große Finale auf dem vergangenen Event der LIV-Golftour hätte prominenter, spannender und wegweisender kaum ausfallen können. Nach vier Runden des Turniers in der Nähe von Johannesburg standen sich die beiden Flagschiffe der von Saudi-Arabien finanzierten Serie im Play-off gegenüber. Bryson DeChambeau und Jon Rahm hatten je 26 Schläge unter Par gelegen und spielten nun in einem Eins-gegen-Eins-Duell den Sieger unter sich aus.
DeChambeau machte mit einem Birdie das Rennen und gewann schon das zweite von fünf Turnieren in einem Jahr, in dem ziemlich viel neu ist auf der Tour, die im Juni 2022 als große Konkurrenz zur Tour der Professional Golfers Association (PGA) gestartet war.
Seither haben sich die Touren bekriegt und stark beeinflusst. Die Traditionalisten haben derzeit wieder Oberwasser und forcieren einen Showdown zu ihren Gunsten. Im Mittelpunkt: DeChambeau, dessen Vertrag nach der Saison ausläuft und dem die PGA sehr eindeutige Avancen macht. Und eben Rahm, dem ebenso die Rückkehr schmackhaft gemacht wird. Große Namen wie Brooks Koepka oder Patrick Reed sind diesen Weg schon komplett gegangen. Nun ist Rahm die zentrale Figur im Machtkampf des Profigolfs.
Mit Unsummen waren vor vier Jahren und in der Folge prominente Spieler von LIV abgeworben worden, die durchaus zugaben, dass das Geld beim Wechsel eine wesentliche Rolle gespielt habe. Stars wie Phil Mickelson, Dustin Johnson, Koepka, aber eben auch DeChambeau und Rahm sollen dreistellige Millionenbeträge nur für ihre mehrjährige Teilnahme kassiert haben.
Der Angriff auf das etablierte Golf zeitigte durchaus Wirkung, der durchschlagende Erfolg aber blieb aus. In der internationalen Berichterstattung spielt LIV-Golf bis heute nur eine untergeordnete Rolle. Und nun gab die Serie auch noch ihr großes Alleinstellungsmerkmal auf.
Verrat am eigenen Namen
Der Name LIV rührt von der lateinischen Zahl 54, was wiederum für die gespielten Löcher bei einem LIV-Event steht. Jetzt muss es heißen: stand. Seit dieser Saison werden – wie auf allen anderen Profitouren auch – 72 Löcher und damit vier Runden gespielt, VXXII also. Das Official World Golf Ranking (OWGR) hatte sich schlicht geweigert, für Turniere, die nur über drei Runden gehen, Weltranglistenpunkte zu verteilen. Also knickte LIV ein, nun müssen auch ihre Profis einen Tag früher loslegen und von Donnerstag bis Sonntag spielen. Im Gegenzug gibt es Zähler für die Weltrangliste, die wiederum maßgeblich für die Teilnahme an den vier großen Major-Turnieren sind.
Allerdings gibt sich OWGR knickrig, wegen der kleinen Starterfelder bei LIV bekommen nur die ersten zehn Spieler Punkte gutgeschrieben. Was unter anderem Rahm stört. Er sei froh, dass es nun Zähler gebe, sagt er, meint aber auch: „Die Spieler werden nicht gleich behandelt, das ist nicht fair.“
Nun steht das erste dieser vier Großevents im Golfkalender bevor. Vom 9. bis zum 12. April findet in Augusta/Georgia das Masters auf seinen manikürten Grüns statt. Rahm wird dabei sein, so oft und lange er will. Der Spanier hat das Turnier 2023 gewonnen und genießt als Titelträger lebenslanges Startrecht – die Regel ist eine der vielen Besonderheiten dieses Events. Die Frage ist: Kann Rahm mit seinem explosiven Schwung und seinem gefühlvollen kurzen Spiel um den Sieg kämpfen? Oder fehlt es bei LIV an Wettkampfhärte?
Dort beweist der 29-Jährige Woche um Woche seine Extraklasse. Mit einem Sieg und drei zweiten Plätzen führt er die Jahresrangliste deutlich vor DeChambeau an. Seit seinem Wechsel 2024 hat Rahm bei den Majors jedoch einige Enttäuschungen erlebt. Zwar schaffte er drei Top-Ten-Platzierungen, um den Sieg spielte er aber nie mit, sondern schob sich eher am Ende der Turniere noch ein wenig nach vorn. Auch deswegen werden in Augusta die Augen vor allem auch auf Rahm gerichtet sein. Und auf sein Treffen mit Rory McIlroy, der allen LIV-Avancen getrotzt hat.
Nur einer lehnte den Deal ab
Die DP World Tour, einst European Tour, hatte zu Saisonbeginn ihre Pforten für abtrünnige LIV-Spieler geöffnet, die dann in beiden Serien parallel spielen dürfen. Unter klaren Bedingungen: Sie müssen die für ihren Wechsel auferlegten Strafzahlungen leisten, etwaige Rechtsstreitigkeiten mit der DP World Tour beenden und an mindestens sechs regulären Turnieren teilnehmen, zwei mehr als bei klassischen Mitgliedern. Acht Spieler haben diesen Deal akzeptiert, einer nicht: Jon Rahm.
Das Geld, die Strafzahlungen sollen im Fall Rahm über zwei Millionen Euro betragen, dürfte ihm ob seines Reichtums mehr oder minder egal sein. Rahm geht es entweder ums Prinzip oder tatsächlich um die sechs Pflichtveranstaltungen im Jahr. Das seien ihm zwei zu viel. Er fühle sich „erpresst“ und wolle wie jedes andere Mitglied auch behandelt werden. „Sie haben uns ein Angebot gemacht, das ich nicht für richtig halte“, betonte Rahm am Sonntag: „Offenbar ziehen sie die Grenze genau bei diesen zwei zusätzlichen Turnieren, und ich habe ihnen gesagt, dass ich nicht bereit bin, diese zu spielen. Wir versuchen, das zu klären, ich habe nicht das Gefühl, dass ich zu viel verlange.“
Rahm moniert also eine Ungleichbehandlung, fordert aber selbst quasi eine Sonderbehandlung gegenüber den acht anderen LIV-Spielern ein. Wer erpresst hier wen? Es ist schwer zu sagen. Ob Rahms sportlicher Bedeutung und seiner Reichweite könnte das Spiel für ihn jedoch aufgehen. Dass er seinen Einspruch gegen die Sanktionen der DP World Tour vor dem europäischen Schiedsgerichtshof gerade zurückgezogen hat, dürfte ein Signal dafür sein. Auch wenn dieser Volte eh nur kleine Erfolgschancen zugerechnet worden waren.
Hinter allem steht nicht nur der Machtkampf zwischen dem alten und dem neuen Golf, sondern auch das größte Ereignis im Golfsport überhaupt: der Ryder Cup. Um beim Wettstreit der Mannschaft Europas mit dem Team der USA zugelassen zu werden, muss man Mitglied einer der beiden alten Touren sein oder vom jeweiligen Kapitän eingeladen werden. Rahm war seit 2018 immer dabei und eine tragende Säule des europäischen Teams, auch beim hart errungenen Auswärtssieg vergangenen Herbst in New York. Rahm durfte spielen, weil er auf dem Papier noch Mitglied der DP World Tour war, obwohl er die Strafen für seine LIV-Einsätze nicht gezahlt hatte. Das könnte sich nun ändern.
McIlroys deutliche Worte
Die Stimmung bei den Europäern ist wegen Rahms Entscheidung angespannt. Superstar Rory McIlroy macht daraus auch gar keinen Hehl. Auf die Blockadehaltung seines Teamkollegen angesprochen, sagte der fünfmalige Major-Champion und sportliche Anführer der europäischen Mannschaft: „Es gibt einen Grund, warum acht von neun Spielern zugestimmt haben, denn sie denken wahrscheinlich das Gleiche. Nur einer denkt etwas anders, und das ist eine Schande.“ McIlroy weiter: „Der Ryder Cup ist größer als jede einzelne Person. Ich denke, wir sollten alle dankbar sein, dass wir eine Plattform wie den Ryder Cup haben und dort Teil von etwas sein können, das offensichtlich viel größer ist als wir selbst.“ Um das zu genießen, müsse man sich eben „an die Regeln und Vorschriften halten“, führte der Nordire aus.
Rahm (l.) und McIlroy feiern den europäischen Sieg in Amerika. Derzeit sind die beiden nicht so innigMcIlroy und Rahm haben bald Zeit, sich über ihren kontroversen Ansichten auszutauschen. Ein weiterer Brauch des Masters ist das Champions-Dinner. Am Dienstag der Masters-Woche lädt der Titelverteidiger alle vorherigen Gewinner zum Abendessen ein, dessen Menüfolge er selbst bestimmt. McIlroy erfüllte sich vor einem Jahr seinen Lebenstraum, als er sich in Augusta das Grüne Jackett des Siegers überstreifen durfte.
Nun lässt er im Masters Club Room zum Hauptgang ein Wagyu-Filet Mignon mit „Champ“ servieren. Es handelt sich um ein irisches Kartoffelpüree mit fein gehackten Frühlingszwiebeln, wie man es auch am Austragungsort des nächsten Ryder Cups kennt: 2027 wird das Match im Adare Manor Golf Club im County Limerick ausgetragen. Mit oder ohne Jon Rahm.
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