Selbst dem hartgesottensten Max Musterfan kommt da die Bratwurst hoch
Das Ereignis ist selten. Der Sportkalender sieht es nur alle vier Jahre vor: Der Fußball, der zwischen August und Mai die gesamte Sportwelt überstrahlt, ist plötzlich für zwei Wochen verschwunden. Anfang Februar war es aufgrund der Olympischen Winterspiele mal wieder so weit: Fußball-Finsternis in Deutschland.
Kurz vor ihrem Einsetzen hatte die Bundesliga noch mal eine Schlagzeile geliefert: Ein französischer Abwehrspieler erhielt vom FC Bayern ein Handgeld von 20 Millionen Euro; nur dafür, dass er seinen nächsten Multi-Millionen-Vertrag eben bei den Münchnern und nicht anderswo unterschreibt.
Die Nachricht klang bei mir noch nach, als schon die Geschichten über die vielen unbekannten Athleten, die in den folgenden Tagen für deutsches Gold, Silber und Bronze in Italien sorgen sollten, in den Medien verbreitet wurden. Porträts über Sportsoldatinnen, Grenzschützer und Polizisten. Man erfuhr, dass sie sich vier oder mehr Jahre auf ihren Wettkampf vorbereitet hatten, hörte von Opferbereitschaft, fehlenden Geldern, Disziplin und Leidenschaft, von Idealismus und Askese.
Athleten, die ihren Sport ohne staatliche Fördergelder gar nicht auf höchstem Niveau ausüben könnten, die für Reisen zu internationalen Wettkämpfen Kosten selbst tragen oder ihren Bob im eigenen Transporter von Wettkampf zu Wettkampf fahren. Es fühlte sich nicht fair an. Und ich fragte mich, wie sich die Handgeld-News für die Laura Noltes und Philipp Raimunds dieser Welt anfühlen muss und wie lange wir diese Schieflage noch zu unterstützen bereit sind.
Es soll im Folgenden gar nicht darum gehen, ob die 20 Millionen Euro gerechtfertigt sind. Wäre ich der Abwehrspieler, ich würde das Geld nehmen. Wäre ich der FC Bayern und mein Etat gäbe diese Summe her, um die Mannschaft Erfolg versprechend auf meine Saisonziele auszurichten, ich würde sie bezahlen.
Die Frage ist, welche Auswirkungen derartige Nachrichten auf all jene haben, die den Fußball in diese Dimensionen aufgeblasen haben: auf uns, die Konsumenten professionellen Sports, auch Fans genannt. Und ob sie ursächlich mit dazu geführt haben, dass die Monokultur in der deutschen Sportlandschaft gerade aufzubrechen scheint.
Denn die Indizien verdichten sich, dass sich seit geraumer Zeit etwas dreht. Resonanz und Reichweite bei Olympischen Spielen und Großereignissen anderer Sportarten legen einen Wandel nahe. Wer sich anschaut, wie der Zuschauer zuletzt abstimmte, muss konstatieren, dass der Fußball Dominanz eingebüßt hat. Zunehmende Diversität aus Verdruss? Experten sprechen vom sogenannten Upamecano-Syndrom.
Popkulturelle Aufwertung Olympischer Spiele
Verstehen wir uns nicht falsch: König Fußball regiert weiter durch, doch eben nicht mehr so selbstverständlich und uneingeschränkt wie noch vor zehn oder 20 Jahren. Eindrucksvoll zu sehen im Sommer 2024, als auf die Fußball-EM in Deutschland die Olympischen Spiele von Paris folgten. Ein direktes Duell um Reichweite und Relevanz, das – für viele überraschend – auf Augenhöhe stattfand.
Nahezu alle großen Medien, darunter auch WELT, registrierten bei den Klicks ihrer Online-Artikel einen Sieg der Spiele von Paris. Biles, Boll, 3x3 oder die algerische Boxerin interessierten in Summe mehr als die tanzenden Niederländer (Nar links...!). Auch wenn der Fußball bei den TV-Quoten einen großen Teil seines Vorsprungs hielt (47,6% vs. 30,1% Marktanteil), erlebte Olympia einen spürbaren Aufschwung.
Durchschnittlich 3,6 Mio. Menschen schalteten in ARD und ZDF über die gesamte Dauer ein. Zum Vergleich: Bei den Sommerspielen von Tokio 2021 waren es 1,3 Mio., 2016 in Rio de Janeiro 2,6 Mio. Selbst die in vielen Bereichen herausragenden Spiele von London 2012 (3,4 Mio.) wurden übertroffen.
Ein Trend, der sich 2026 bei den Winterspielen noch deutlicher niederschlug. „Die Digitalzahlen gehen durch die Decke“, frohlockte ARD-Sportkoordinator Axel Balkausky angesichts von 135 Millionen Videoabrufen bei ARD und ZDF, die auch mit der Omnipräsenz der Spiele in den sozialen Medien korrespondierten.
Darüberhinaus bescherten durchschnittlich 3,173 Millionen TV-Zuschauer und ein Marktanteil von 23,2 Prozent ARD und ZDF die mit Abstand erfolgreichsten Winterspiele der Geschichte. Dass insbesondere jüngere Zuschauer die Wettkämpfe auf Eis und Schnee live im Fernsehen verfolgten, ließ manchen Romantiker schon von einer Renaissance des linearen TV träumen.
Bei Google trendete in der ersten Woche der Begriff „Curling-Regeln“, und nicht nur Snoop Dogg sorgte mit seiner Präsenz dafür, dass Olympische Spiele jüngst eine spürbare popkulturelle Aufwertung erfuhren.
Und der Fußball?
Auch wenn das Lagerfeuer der Nationalmannschaft alle paar Jahre nach zwei oder drei sieglosen Spielen in Folge mal auszugehen droht, leuchtet es doch immer noch heller als alles andere. Die DFB-Auswahl ist als Kulturgut tief in unserer Gesellschaft verankert und über Generationen vererbt. EM und WM sind von klein auf gelernt. Alle zwei Jahre, daran konnten weder der winterliche Turnuswechsel in Katar noch die zunehmende Migration entscheidend etwas ändern, steht der Deutsche bei EM und WM 30 Minuten vor Anpfiff stramm und pünktlich im Trikot am Grill.
Das Phänomen dürfte angesichts deutscher WM-Gruppengegner wie Curacao und Duellen zwischen Kap Verde und Saudi-Arabien jedoch weiter an Kraft verlieren. Zählen Sie mal die 48 Teilnehmer auf. Schaffen Sie 35? Keine Tradition scheint stärker als die selbstzerstörerische Kraft der Fifa, die ihren Wein immer stärker verwässert und mit Friedenspreis-Erfinder Gianni Infantino einem Fußball-Autokraten folgt, der selbst die korruptesten IOC-Funktionäre vor Fremdscham erröten lässt.
Upamecanos Handgeld reicht für zwei Volleyball-Saisons
Die Bundesliga hat ihre Entwertung bereits hinter sich. Außer neuen Begrifflichkeiten und ein bisschen frisches Geografie-Wissen hat die Hälfte der aktuellen Teilnehmer der Elite-Klasse eigentlich nichts gegeben. Ganz ehrlich: Wer will die Fuggerstädter auf der Ostalb sehen? Oder die Werkself im Kraichgau? Hoffenheim, Wolfsburg, Mainz und Heidenheim interessieren 20 Kilometer hinter dem Ortsschild niemanden. Augsburg, Leipzig und ja, ohne Xabi Alonso auch Leverkusen, sind eher Beifang als dicke Fische.
Die Bundesligakonferenz bei Sky verfolgten in der Saison 2019/2020 durchschnittlich 1,74 Mio. Zuschauer. In der vergangenen Spielzeit waren es gerade mal 856.000. Zu viele der neun Partien pro Spieltag ziehen ihre Relevanz beim Zuschauer nur noch aus dessen ganz persönlichen Motiven. Ohne Managerspiele, Tipprunden und Sportwetten würde kaum noch jemand einschalten. Bei den Einzelspielen der vergangenen Saison kamen vier Partien nicht mal mehr auf 10.000 TV-Zuschauer. Hoffenheim gegen Bochum wollten 8.000 sehen.
So alarmierend die Zahlen im TV, so zuverlässig strömen die Zuschauer in die Stadien. Auch wenn die Bundesliga in den vergangenen Jahren leicht an Zuspruch verlor, macht der Fußball, in der Summe all seiner Spielklassen, immer noch knapp zwei Drittel der jährlich knapp 50 Millionen Besucher von Sportveranstaltungen in Deutschland aus. Was noch interessiert, sind der eigene Klub und das Stadionerlebnis. Das Interesse an darüber hinaus gehenden Informationen und Geschichten über andere Klubs oder die Liga als ganzes schwindet jedoch merklich. Das war früher anders.
Nachlassendes Interesse, das auch auf fehlenden Inhalten beruhen könnte. Wenn der Stürmer sogar nach frisch geschnürtem Fünferpack noch behauptet, dass er sich allein darüber freue, „der Mannschaft geholfen“ zu haben und die Analysen und Interviewantworten vereinsübergreifend und personenunabhängig aus immer dem selben Sprachbaukasten gebastelt werden, kommt selbst dem hartgesottensten Max Musterfan die Bratwurst hoch. Wer will und soll diesen Nonsens noch sehen, hören oder lesen?
Gewollte Inhaltsleere – aus Kalkül, nicht aus Einfältigkeit. Interviews mit Spielern sind zum erwartbaren und ermüdend glatt gebügelten Pflicht-Schaulaufen geworden. Ebenso wie der Gang vor die Kurve nach 90 Minuten: künstliche Folklore statt gelebter Authentizität. Was es dann auch nicht unbedingt leichter macht, bei Nachrichten über Milliarden-Ablösen und Millionen-Handgelder empathisch Beifall zu klatschen.
Am Finaltag der Olympischen Spiele haben die deutschen Viererbobs einen Doppelerfolg gefeiert. Gold und Silber ging an das Team Deutschland. Den Olympiasieg holte sich Johannes Lochner mit seiner Crew Thorsten Margis, Jörn Wenzel und Georg Fleischhauer.Und ganz generell: Was kann daran gut sein, wenn ein Spieler der Fußball-Bundesliga ein Handgeld bekommt, das so groß ist wie die Jahresetats der drei Topklubs in der Basketball-Bundesliga, FC Bayern, Alba Berlin und Telekom Baskets Bonn, zusammen? Allein mit dem Geld für seine Vertragsunterschrift könnte Upamecano alle Spielerinnen und den kompletten Ligabetrieb der Frauen-Volleyball-Bundesliga bezahlen – für zwei Jahre.
Nein, nicht nur der VAR sorgt für Kopfschütteln, es sind die Spieler und Vereine selbst. Wer soll sich dafür stundenlang vor den Fernseher setzen, wem zujubeln – und dann dafür auch noch teuer bezahlen? Immer mehr Anbieter, immer höhere Preise für ein schlechter werdendes, weichgespültes Produkt.
Handball, Eishockey und die Heim-WMs 2027
Kritische Töne sind nicht neu. Proteste gegen den modernen Fußball und seine Auswüchse begleiten den Sport mittlerweile seit Jahrzehnten. Nur ändert es im Ergebnis wenig bis nichts, wenn Ultragruppierungen irgendwo zwischen Salzgitter und Baden-Baden zum Schweigemarsch zusammenkommen, Aktionsbündnisse buchlange Petitionen verfassen, Spruchbänder wehen, Tennisbälle fliegen oder in den ersten 7:24 Minuten eines Spiels in der Kurve auf Gesang verzichtet wird. Proteste mit der Effektivität der Volksfront von Judäa.
Deutlich mehr schmerzt die Funktionäre der stille Protest, die leise Entfremdung und Abwanderung derer, die nicht krakeelen, sondern einfach umschalten. Die Zeit der Menschen ist begrenzt, und die TV-Quoten bei Olympia 2024 oder 2026 sind keine Sonderfälle, sondern stehen mit den dazwischenliegenden Sport-Großereignissen in einer Linie.
Die Basketball-EM 2025 etwa war ein großer Erfolg. Das Endspiel der Deutschen gegen die Türkei verfolgten allein bei RTL bis zu sechs Millionen Zuschauer, bei den 14- bis 49-Jährigen lag der Marktanteil am 14. September bei 48,8 Prozent. Noch erfolgreicher die Handball-EM 2026: Das Finale der Deutschen gegen Dänemark sahen mehr als 13 Millionen Zuschauer.
Deutsche Erfolge bei Großereignissen, die einen bereits zuvor eingesetzten Trend verstärkten und unterjährig für anhaltenden Effekte sorgen dürften. Schon in der Saison 2023/24 hatten die Klubs der Basketball-Bundesliga bei den Besucherzahlen ein Plus von sechs Prozent verzeichnet, beim Eishockey waren es sogar 21 Prozent, beim Handball sieben. Auch einst exotische Sportarten wie American Football und Darts verzeichnen seit Jahren konstantes Wachstum – im TV und bei Live-Erlebnissen vor Ort.
Die Schwächen des Fußballs bieten anderen Chancen. „Jetzt ist Handball tatsächlich nicht mehr auf der Abschussrampe, sondern jetzt verlässt die Rakete so langsam die Basis“, sagte Christian Seifert, Gründer des Sport-Streamingdienstes Dyn, jüngst bei der Sportbusiness-Konferenz SpoBis in Hamburg und empfahl den Funktionären aus der Handball-Bundesliga angesichts der erfolgreichen EM eine Marketingoffensive: „Da draußen sind fünf Millionen Handball-Fans, die haben noch keinen Lieblingsklub. Wenn ich Klub wäre, wüsste ich jetzt, was ich tue. Die nächsten 18 Monate werden über die Zukunft von Handball in Deutschland entscheiden“, sagte Seifert, der die Deutsche Fußball Liga Ende 2021 für sein Streaming-Startup mit Handball, Basketball, Tischtennis und Volleyball verlassen hatte und damit selbst ein Überläufer ist.
Die Aussichten sind tatsächlich vielversprechend: 2027 findet die Handball-Weltmeisterschaft in Deutschland statt, und auch die Eishockey-WM wird im kommenden Jahr in Deutschland ausgetragen. Großereignisse, die einen Turbo für die aktuelle Entwicklung bedeuten und den Fußball weitere Pfründe kosten könnten. Vor allem dann, wenn er weiter zuverlässig Upamecano-Momente liefert.
Wenn Lutz Wöckener nicht gerade irgendeinen Sport im Selbstversuch ausprobiert, schreibt er über Darts und Sportpolitik, manchmal aber auch Abseitiges wie Fußball.
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