„Wir brauchen kein Mitleid“, sagt der Para-Eishockeyspieler
Die Niederlage war erwartbar, von ihrer Heftigkeit waren die deutschen Para-Eishockeyspieler dann aber doch überrascht. Die Nationalmannschaft verlor bei den Paralympics in Mailand ihr Auftaktspiel gegen die favorisierten Chinesen klar mit 0:10. Trotzdem überwog nach der deftigen Niederlage der Stolz, schließlich war es der erste Auftritt des Teams bei den Spielen seit 20 Jahren.
„Die Chinesen waren echt krass in dem, was sie gemacht haben. Dass wir aber so hoch verlieren, haben wir nicht gedacht. Aber das sind eben alles Vollprofis, die ihr ganzes Leben lang nichts anderes machen. Wir müssen ja alle noch nebenbei arbeiten gehen“, sagt Leopold Reimann, der gegen China sein Debüt bei den Paralympics gefeiert hat.
Auch beim zweiten Gruppenspiel gegen die USA am Montagnachmittag dürfte Reimann und sein Team ein ähnliches Schicksal ereilen. Die Amerikaner gelten als Topfavorit auf Gold und werden noch stärker als die Chinesen eingeschätzt. Für die Deutschen war schon die Qualifikation für das Turnier in Italien ein großer Erfolg – alles, was während der Spiele in Mailand noch kommt, sieht das Team als Zugabe. Auch Reimann, der erst seit zweieinhalb Jahren Para-Eishockey spielt. Der 29-Jährige hat turbulente Jahre und einen steilen Aufstieg in der schnellsten Mannschaftssportart im Behindertensport hinter sich.
Bis 2023 war sein Metier das nicht gefrorene Wasser. „2014 war ich mit kurzer Hose unterwegs, da hat mich ein Trainer auf offener Straße angesprochen, als er meine Beinprothese gesehen hat. Er hat mich gefragt, ob ich nicht Lust hätte, zu rudern“, erzählt Reimann. Er hatte Lust und setzte sich in Rüdersdorf bei Berlin ins Boot und fing an zu rudern. Mit großem Ehrgeiz und viel Erfolg. Reimann wurde mehrmals deutscher Meister und gewann bei den Europameisterschaften Bronze.
Für die Sommerspiele fehlten 0,06 Sekunden
„Meine Eltern haben mich immer zum Sport geschickt. Sie haben mich früh auf Skier und Snowboard gestellt. Ich habe Tischtennis gespielt und viel Schulsport betrieben. Sie haben immer gesagt, dass ich zu viel Energie habe und mich auspowern muss“, sagt Reimann. Seine Behinderung – Reimann wurde mit einem verkürzten Oberschenkel geboren und ist seit seinen ersten Gehversuchen auf eine Beinprothese angewiesen – empfand er während des Sports nie als solche: „Ich war nie in einem Para-Sportverein. Warum auch? Ich habe an den Sport-AG teilgenommen, war im Sportverein in unserem Dorf und habe überall ganz normal mittrainiert.“
Sein Ehrgeiz brachte ihn bis an die Spitze im Para-Rudern in Deutschland. Für die Paralympics reichte es nicht, der große Traum einer Teilnahme blieb zunächst unerfüllt. Für die Spiele in Rio 2016 wurde er nur als Ersatzmann nominiert, in der Qualifikation für die Paralympics in Tokio fünf Jahre später scheiterte er um die Winzigkeit von 0,06 Sekunden. Reimann gab nicht auf und nahm die Paralympics in Paris ins Visier. Doch vor den Spielen stieg seine Ruderpartnerin, die Wettbewerbe werden im Mixed ausgetragen, aus dem Boot. Reimann wechselte zum Kanu, hatte dann aber erst einmal genug vom Sport – ein Sommer nur mit Familie, Freunden und Festivals.
Para-Eishockey hat mit Nachwuchsproblemen zu kämpfen
Doch der Drang nach Bewegung und den Erlebnissen im Sport waren größer. „Ich habe den Sommer genossen. Dann haben mich die Jungs vom Para-Eishockey bei Instagram angeschrieben. Die sind ja immer händeringend auf der Suche nach Nachwuchs. Es ist halt so, dass beim Parasport nicht immer tausend Leute Schlange stehen. Am besten ist es, wenn die Neuen wie ich aus dem Leistungssport kommen“, sagt Reimann.
Im November 2023 saß er erstmals auf einem Schlitten und spielte Para-Eishockey. Er profitierte dabei von seiner Grundkonstitution, die er sich in einem Jahrzehnt des Ruderns antrainiert hatte. Reimann lernte schnell und wurde zum Leistungsträger des Teams. Nur fünf Monate später wurde er mit Deutschland bei der B-WM Vizeweltmeister, im vergangenen Jahr qualifizierte er sich mit dem Team als Fünfter der Weltmeisterschaft für die Paralympics: „Para-Eishockey ist koordinativ echt die Königsklasse. Es ist koordinativ die anspruchsvollste Sportart im paralympischen Bereich. Anders als beim Rudern erlebe ich hier auch ganz stark den Team-Gedanken.“
Die Mannschaft erscheint wie ein kurios zusammengewürfelter Haufen. Auf dem Eis spielen Studenten, Lehrer, Ingenieure, Sozialarbeiter und Ärzte zusammen. Jano Bussmann ist mit 18 Jahren der Jüngste, sein Teamkollege Jörg Wedde feiert kommenden August seinen 61. Geburtstag. „Wir haben Leute, die wie ich mit einer Behinderung auf die Welt gekommen sind. Andere haben einen schrecklichen Motorrad- oder Autounfall gehabt, einer ist bei der Arbeit vom Gerüst gefallen und einer ist beim illegalen Graffiti-Sprühen unter einen Zug geraten“, erzählt Reimann.
„Um den Sport so intensiv zu betreiben, musst du eine extreme Macke haben“
Sie eint zwei Dinge: die Leidenschaft für ihren Sport und ihr natürlicher Umgang mit ihrem Handicap. Wie Reimann, der in Berlin für Siemens als Projektmanager arbeitet, mussten die meisten für die Paralympics Urlaub nehmen. „Um den Sport so intensiv zu betreiben, musst du einfach auch eine extreme Macke haben“, sagt Reimann, der nicht nur für den PEC Berlin in Deutschland, sondern auch für Sparta Prag in der tschechischen Liga spielt.
„Ich glaube, die meisten Menschen meinen das nicht einmal böse, wenn sie verstohlen auf meine Prothese schauen. Sie haben einfach Berührungsängste mit dem Thema, weil das im Alltag einfach nicht so präsent ist. Wir brauchen kein Mitleid. Die meinen es nicht böse, aber das ist einfach in den Köpfen drin“, sagt Reimann.
Zusammen mit dem Nationalteam besuchte er vor dem China-Spiel eine deutsche Schule in Mailand. Dort erlebte er das genaue Gegenteil: Kinder, die ohne Berührungsängste und Hemmungen auf ihn zugingen: „Die Kinder konnten uns alle Fragen stellen. Da waren Dritt- und Viert- und Fünftklässler, alle wollten Autogramme und haben gefragt, ob sie die Prothesen anfassen und an den Knöpfen drücken können. Das war total entspannt und megawitzig.“
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