Die gähnende Littler-Langeweile wird zur großen Gefahr
Wenn große Erfolge zur Normalität werden, schwindet mit jeder Wiederholung ein Stück weit die Emotion. Die obligatorische Meisterfeier des FC Bayern auf dem Marienplatz wirkt daher bisweilen wie die Wiederholung des immer gleichen Pflichtprogramms. Zweimal die Schale in die Höhe stemmen, ein Schluck aus einem überdimensionierten Weißbierglas – und fertig. Bei Spielern, die mehrere Jahre im Klub bleiben und eine Meisterschale nach der anderen entgegennehmen, tritt genauso wie bei Fans schlicht ein Abstumpfungseffekt ein. Ganz Ähnliches ist nun im Darts zu beobachten.
Als Luke Littler am Sonntag seinen entscheidenden Pfeil zum Titelgewinn bei den UK Open in der Doppel-6 unterbrachte, reagierte er mit einem kurzen Zähnefletschen. Ein Lächeln beim Handschlag mit seinem unterlegenen Gegner James Wade. Kurzes Klatschen in Richtung des Publikums. Littler wirkte, als hätte er gerade die erste Runde eines dieser für ihn längst nebensächlichen Turniere in Sindelfingen, Riesa oder Göttingen gewonnen, und nicht eines der wichtigsten Events seines Sports. Große Freude sieht anders aus.
Littler hat sich schlicht daran gewöhnt. Von den letzten neun Major-Turnieren hat der Engländer sieben gewonnen, allein die vergangen fünf in Serie. Die letzten beiden Weltmeisterschaften gingen an Littler. Es ist alles in allem ungefähr so, als würde der FC Bayern zwölfmal in Folge Deutscher Meister – nur um irgendwann einmal von Bayer Leverkusen im Dauersiegen gestoppt zu werden. Moment, da war ja was.
Littler gewinnt, selbst wenn er schlagbar scheint
Der Dartsport versinkt in der gähnenden Littler-Langeweile. Noch ein Beispiel: Der 19-Jährige führt die auf zwei Jahre berechnete Weltrangliste mit 2,96 Millionen Pfund Preisgeld an. Das ist mehr, als Platz zwei, drei und vier in diesem Zeitraum zusammen eingespielt haben.
Das Erschreckende: Littler gewinnt selbst dann die großen Turniere, wenn er besiegbar scheint. In den vergangenen Wochen mühte sich „The Nuke“ in der Premier League von Abend zu Abend. Erst am vergangenen Donnerstag in Cardiff, dem 4. Spieltag der Elite-Liga des Darts, schaffte es Littler erstmals ins Finale und gewann auch direkt. „Ich glaube nicht, dass viele Leute damit gerechnet haben, dass ich hierherkomme und gewinne, und ich glaube auch nicht, dass viele Leute damit gerechnet haben, dass ich am Donnerstag in der Premier League gewinne“, sagte Littler dann auch nach seinem UK-Open-Sieg.
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Beim Turnier in Minehead hätte Littler durchaus vorzeitig ausscheiden können. Dass es beim Konjunktiv blieb, ist Littlers Stärke über die Langdistanzen zu verdanken. Gegen Danny Noppert im Viertelfinale startete Littler mit einem 0:3, um am Ende doch noch souverän 10:6 zu gewinnen. Im Halbfinale gegen Josh Rock stand der Youngster dann beim Stand von 7:9 schon mit dem Rücken zur Wand, schaffte es aber wie so oft, sich aus brenzligen Situationen herauszuwinden. Littler gewann vier Legs in Folge und gewann 11:9. Wird nicht wie bei kleineren Turnieren üblich bis sechs Legs, sondern bis zehn Legs oder länger gespielt, ist Littler nahezu unschlagbar.
Littler prägt die dritte Ära eines Darts-Überfliegers
Genau hier liegt die Gefahr für den Dartsport. Alle großen Turniere laufen früher oder später auf lange Spiele hinaus. Sie sind wie gemacht für Littler. Der wiederum ist erst 19 Jahre alt. Er prägt schon jetzt nach Phil Taylor und Michael van Gerwen die dritte Ära eines Überfliegers, der alle anderen in Grund und Boden spielt. Van Gerwen hat dies sieben Jahre geschafft, Taylor rund 20 Jahre. Wenn Littler Lust hat, kann er noch Jahrzehnte auf höchstem Niveau spielen – und locker zum besten Spieler aller Zeiten werden. Selbst der Fakt, dass die Weltspitze immer enger zusammenrückt, ist in diesem Zusammenhang egal. Nicht einmal der zum Rivalen auserkorene Luke Humphries kann ihm noch das Wasser reichen.
Dem Darts-Boom haben weder die Taylor-Ära noch die Van-Gerwen-Ära bislang Abbruch getan. Bei Littler könnte das – zumindest in Deutschland – anders sein. Er wird hierzulande nicht geliebt. Seine sportliche Dominanz, gepaart mit seinem teilweise bockigen Verhalten auf der Bühne und seiner offenen Antipathie gegen das deutsche Publikum, hat Kredit gekostet. Spätestens seit seinem verbalen Kinnhaken gegen die Ally-Pally-Fans während der WM steht Littler zusätzlich unter Beobachtung.
Wenn es in diesem Gemisch niemand schafft, ihn zu schlagen, wird das die Motivation der Zuschauer, Woche für Woche den Fernseher einzuschalten, sicher nicht steigern. Denn wer schaut schon jemandem gerne dauerhaft beim Gewinnen zu, dem man es eigentlich nicht gönnt? Fußballfans von 17 anderen Bundesligisten können mit Blick auf die Tabellenspitze ein Lied davon singen.
Luca Wiecek ist Sportredakteur für WELT. Er berichtete bei der letzten Darts-WM aus dem Alexandra Palace in London und spielt selbst semi-gut Darts in der Berliner Oberliga.
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