„Während bei uns die Menschen sterben, bekommt Russland eine Bühne“
Vladyslav Heraskevych war einer der prägenden Persönlichkeiten bei den Olympischen Winterspielen in Italien. Der ukrainische Skeletoni wollte bei den Wettkämpfen einen Helm mit 22 im Krieg gefallenen Athleten seines Landes tragen und wurde vom IOC deshalb disqualifiziert. Jetzt spricht der studierte Physiker über das Comeback russischer Athleten bei den am Freitag beginnenden Paralympics, warum sich der 27-Jährige von Deutschland mehr Haltung wünscht und wieso er 2030 mit seinem Helm zurückkehren will.
WELT: Herr Heraskevych, wir erreichen Sie gerade in Kiew. Wie ist die Lage im Moment?
Vladyslav Heraskevych: Es wird Frühling, es wird endlich wärmer, das hilft. Aber es gibt weiterhin große Probleme mit der Stromversorgung. In vielen Häusern funktionieren die Aufzüge nicht, in manchen Vierteln kommt es immer noch zu Blackouts. Im Zentrum, wo ich lebe, ist es etwas stabiler, aber in den äußeren Bezirken ist es deutlich schlimmer, weil dort oft keine Generatoren vorhanden sind. Ein großes Problem war in den vergangenen Wochen das Heizen. Als es minus 20 Grad hatte, sind in vielen Häusern die Leitungen eingefroren und geplatzt. Aber es ist trotzdem schön, zu Hause zu sein. Kiew ist eine großartige Stadt. Ich liebe sie.
WELT: Müssen Sie noch regelmäßig in Schutzräume?
Heraskevych: Es gibt weiterhin täglich Luftalarm. Eigentlich sollte man bei jeder Warnung in den Schutzraum gehen. Ich gebe zu, ich bin da manchmal etwas nachlässig. Aber ich habe hier einen Schutzraum im Haus – das macht es einfacher.
WELT: Bei den Paralympics dürfen russische und belarussische Athleten mit Flagge und Hymne antreten. Was hat das in Ihnen ausgelöst?
Heraskevych: Ungläubiges Entsetzen. Es war zwar schon seit Monaten klar, dass sie wieder unter Flagge und Hymne starten dürfen – obwohl internationale Verbände sie zuvor nicht zugelassen hatten. Dass es wirklich so kommt, wirkt surreal. Am Ende wurden ihnen die Startlizenzen gewissermaßen geschenkt, wie Wildcards. Das widerspricht allen sportlichen Prinzipien. Was mich besonders schockiert: Es gibt keinerlei ernsthafte Überprüfung der Athleten. Gleichzeitig wurde ich disqualifiziert – angeblich wegen eines Verstoßes gegen Regeln. Aber hier sagt man plötzlich, man könne nichts gegen Flaggen und Hymnen tun. Das ist total widersprüchlich.
WELT: Sie sehen darin eine politische Dimension?
Heraskevych: Natürlich. Russland nutzt Sport systematisch für Propaganda. Diese Bühne wird genutzt, um Narrative zu verbreiten, um ein positives Bild zu erzeugen – während in der Ukraine ein Krieg tobt. Sie dürfen aufs Podium, hören ihre Hymne, während sie gleichzeitig in der Ukraine Menschen töten. Wir sprechen immer über olympische Werte, über Frieden – und gleichzeitig dürfen Personen antreten, die möglicherweise direkte Verbindungen zum Militär haben. Es gibt Aussagen aus Russland selbst, dass Hunderte Athleten im Krieg waren und nun Teil paralympischer Teams sind. Eine unabhängige Verifizierung findet nicht statt. Das ist doch vollkommen verrückt.
WELT: Was bedeutet das für ukrainische Athleten? Sollten sie Wettkämpfe mit Russen boykottieren?
Heraskevych: Das ist extrem schwierig. Ich habe mit Athleten gesprochen, für die es die ersten Paralympics wären. Einige überlegten, nicht zu fahren. Aber wenn wir die Bühne verlassen, überlassen wir sie Russland. Das ist meine größte Sorge. Deshalb glaube ich eher an sichtbaren Protest. Unsere Athleten sollten im Wettkampf zeigen, dass sie damit nicht einverstanden sind. Es gibt kein Sportevent auf der Welt, das wichtiger ist als Menschenleben. Während wir jeden Tag einen hohen Preis zahlen, wird Russland diese Plattform gegeben. Das ist inakzeptabel.
WELT: Sie sprechen von doppelten Standards.
Heraskevych: Ja. Sogar unsere Teamkleidung wurde wegen einer Landkarte auf den Outfits beanstandet, aber schauen Sie sich bitte die Kleidung der Russen bei den Olympischen Spielen 2022 in Peking an. Was sehen Sie da? Eine Landkarte Russlands! Damals war das offenbar kein Problem. Ich sehe diskriminierende Entscheidungen gegenüber der Ukraine. Es fühlt sich an, als würde man dem Aggressor Geschenke machen – und das angegriffene Land bestrafen.
WELT: Wie nehmen Sie die Haltung Deutschlands wahr?
Heraskevych: Deutschland setzt ein wichtiges Zeichen und boykottiert die Eröffnungsfeier. Großartig! Ich habe aber auch den Eindruck, dass Deutschland beim IOC sehr vorsichtig agiert. Es gibt viel Zurückhaltung bei den Offiziellen. Ein Grund könnte sein, dass Deutschland selbst Olympische Spiele ausrichten möchte. Wenn ein Land Gastgeber werden will, legt es sich nicht gern mit dem IOC an. Politisch mag das verständlich sein. Aber moralisch ist es schwierig. Entscheidungen sollten auf Werten basieren – nicht auf strategischen Interessen. Deutschland ist ein starkes, einflussreiches Land im Sport. Eine klare Position hat Gewicht. Auch der Druck auf die italienische Regierung wächst jetzt, wenn immer mehr Länder die Eröffnungsfeier boykottieren. Es ist noch nicht zu spät, die Russen auszuschließen. Man könnte ihnen die Visa entziehen
WELT: Gab es nach Ihrem Gerichtsverfahren noch Kontakt mit dem IOC oder mit Präsidentin Kirsty Coventry?
Heraskevych: Nein. Sie hat damals in ihrem Tränen-Interview nach meiner Disqualifizierung Unterstützung für mein Land angekündigt: Hilfe für ukrainische Sportstätten. Sie wollten uns mit Generatoren beliefern. Aber danach gab es keinen Kontakt mehr und noch sind auch keine Generatoren angekommen.
WELT: Wie geht es für Sie persönlich weiter?
Heraskevych: Sportlich ist meine Saison beendet. Wir werden juristisch weiter gegen meine Disqualifikation vorgehen. Ich bin überzeugt, dass unser Fall gute Argumente hat. Dann arbeite ich an Projekten zur Unterstützung der ukrainischen Familien, deren Angehörige gestorben sind und deren Gesichter ich auf meinem Helm trage. Wir planen Fundraising-Events und Bildungsinitiativen. Ich möchte meine Stimme nutzen, solange ich sie habe.
WELT: Und Ihr sportliches Ziel?
Heraskevych: Mein Ziel ist: Ich trete 2030 mit meinem Helm bei den Winterspielen in Frankreich an und hole dort eine Medaille.
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