„Er hat nie mit uns trainiert, ist immer direkt zu den Spielen angereist“
Niemand sitzt mehr auf seinem Platz in der Wuppertaler Unihalle. Noch zwei Sekunden bis zur Schlusssirene, die Zeit wird angehalten. Im Zweitligaspiel zwischen dem LTV Wuppertal und dem VfL Bad Schwartau steht es 26:26. Die 4000 Zuschauer starren gebannt aufs Spielfeld, wo sich ein Vier-Mann-Block formiert hat, hinter dem sich der Superstar für den Freiwurf bereit macht: Erhard Wunderlich.
Die Schiedsrichter pfeifen an, Wunderlich bekommt den Ball, steigt hoch und feuert ihn aus 14 Metern mit dem Abpfiff ins lange Eck. Wie eine Rakete war die Kugel über Freund und Feind hinweggezischt. Kaum zu sehen, unhaltbar. Woher ich das so genau weiß: Ich, der Reporter, stand damals im Tor des LTV Wuppertal.
Als damals 19-Jähriger schwankte ich 60 Minuten lang zwischen Ehrfurcht, Respekt und Stolz, gegen diesen Ausnahme-Handballer spielen zu dürfen. Noch heute frage ich mich, wie dieser Wurf im Jahr 1989 den Weg zum 27:26-Sieg für Bad Schwartau ins Tor finden konnte. Wunderlich, damals knapp 33 Jahre alt, war zwar schon im Karriere-Herbst unterwegs, konnte aber immer noch Spiele entscheiden, wenn es darauf ankam.
1978 hatte ich ihm vor dem Farbfernseher meiner Großeltern zugejubelt: bei der Live-Übertragung des WM-Finals der Deutschen gegen die UdSSR. 20:19 gewannen die westdeutschen Außenseiter. Heutzutage eher ein Halbzeitergebnis. Beim sensationellen Titelgewinn war Wunderlich mit 21 der jüngste Spieler im deutschen Team, traf im Finale zwar nur einmal, hatte aber eine ungeheure Präsenz – dank seiner stattlichen Größe von 2,04 Metern und seines unnachahmlichen Auges für die Mitspieler.
„Einen besseren wird es nie mehr geben“
Trainer des damaligen Weltmeisters war Vlado Stenzel (91), genannt „der Magier“. Der Kroate sagt zu „Sport Bild“: „Es gab vorher keinen besseren Spieler und später auch nicht. Einen besseren wird es nie mehr geben.“
Stenzel hat vor allem Wunderlichs offensive Vielseitigkeit imponiert. „Als er noch in Augsburg war, hat er Basketball als Nebensport betrieben. Dadurch hat er ein noch größeres Spielverständnis und mehr Übersicht im Handball gewonnen. Er war ein großartiger Anspieler, aber auch mit seinen präzisen Würfen einzigartig. Er war so stark, dass er im Rückraum auf jeder Position spielen konnte.“
So wie im WM-Finale 1978, als Wunderlich – Spitzname „Sepp“, wegen seiner bayerischen Herkunft – zu Beginn im rechten Rückraum auflief, während Jo Deckarm, der im Jahr darauf tragisch verunglückte, im linken Rückraum agierte.
Der gebürtige Augsburger wechselte 1976 vom FCA zum großen VfL Gummersbach. Im selben Jahr debütierte der damals 19-Jährige in der Nationalmannschaft, aus der er bald nicht mehr wegzudenken war und mit der er 1984 Olympia-Silber gewann. Mit dem VfL Gummersbach, dem damals erfolgreichsten Handballverein der Welt, wurde Wunderlich zweimal Deutscher Meister, viermal Pokalsieger. Er gewann dort den Europacup der Landesmeister 1983, je zweimal den Europacup der Pokalsieger und die Vereins-EM, einmal den IHF-Cup.
Sein ständiger Begleiter im Verein und in der Nationalmannschaft war Legende Heiner Brand. Der einzige Handballer, der als Trainer und Spieler Weltmeister wurde, sagt über Wunderlich: „Sepp hatte außergewöhnliche Fähigkeiten im Angriff. Er hatte das große Talent, Situationen zu erkennen.“ Brand sagt aber auch: „In der Abwehr war er nur auf außen zu gebrauchen. Sein Nachteil: Er war nicht immer topfit. Er hat stets ein bisschen Übergewicht mit sich herumgeschleppt. Sonst hätte er wohl der beste Handballer der Welt sein können.“
Brand war es auch, der Wunderlich 1983 darin bestärkte, zum FC Barcelona zu wechseln. „Wenn du die Möglichkeit hast, dann mach das“, sagte Brand damals und fügt heute hinzu: „Ich hatte vollstes Verständnis für seinen Wechsel.“
Zumal Wunderlich zum ersten Handball-Millionär werden konnte. 2,5 Millionen Mark (1,3 Millionen Euro) sollte er in Barcelona für drei Jahre bekommen. Nach einem Pokalsieg und dem Gewinn des Europacups der Pokalsieger war das Kapitel Spanien bereits beendet. Wunderlich wurde nie richtig glücklich bei Barça. Zudem war die Geburt des ersten Kindes für August 1984 terminiert. „Und da möchte ich lieber in meiner Heimat sein. Dort soll es zur Welt kommen“, sagte er damals.
Ein weiteres Argument: Der Zweitligist TSV Milbertshofen köderte ihn mit einem ordentlichen Gehalt und einem Job bei Sponsor Minolta. Fünf Jahre blieb Wunderlich bei den Münchnern, mit denen er 1986 in die Bundesliga aufstieg. 1989 sollte dann eigentlich Schluss sein. Eigentlich.
Sein alter Weltmeistertrainer Stenzel, damals bei Zweitliga-Schlusslicht VfL Bad Schwartau unter Vertrag, bat seinen Lieblingsschüler um Hilfe. Der „Magier“ wollte die Klasse halten, Wunderlich sollte helfen. Heimlich holte sich Stenzel die Zusage. Im Schwartauer Team wusste niemand vom prominenten Zuwachs. Erst kurz vor dem Debüt Anfang Februar 1989.
Plötzlich ging die Kabinentür auf
Thomas Knorr, Vater des aktuellen Nationalspielers Juri Knorr, war als damals 17-Jähriger im Schwartauer Kader. Der 83-malige Nationalspieler erinnert sich: „Die gemeinsame Zeit mit Sepp in Bad Schwartau war geil und absurd zugleich. Wir mussten damals beim LTV Wuppertal antreten, der damals auf einem Aufstiegsplatz stand. Wir saßen in der Umkleide, gedanklich in der Spielvorbereitung. Plötzlich ging die Kabinentür auf und Erhard Wunderlich kam herein – mit Sporttasche in der Hand. Vlado hatte ihn heimlich verpflichtet. Es war für mich unfassbar, dass er plötzlich bei uns spielte. Er hat nie mit uns trainiert, ist immer direkt zu den Spielen angereist und ist am Tag danach nach München zurückgeflogen. Mit ihm haben wir zu Hause zwei Jahre lang keinen Punkt abgegeben. Ein geiler Typ, outstanding.“
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Die Partie ging zwar mit 20:23 verloren. Dennoch: Der 78er-Weltmeister rettete die Norddeutschen vor dem Abstieg, stieg im Jahr darauf in die Bundesliga auf. Bis 1991 war er Spieler beim VfL – und prägte eine Ära. Knorr: „Auf der Platte hat er uns so gepusht. Allein mit seiner Präsenz hat er uns super geholfen. Ich persönlich habe viel von ihm gelernt. Durch ihn ist ein Hype in Bad Schwartau entstanden, der bis heute immer noch anhält. Vor seiner Verpflichtung hatten wir im Schnitt 800 Zuschauer, danach war die Halle immer ausverkauft (3200 Zuschauer; d. Red.).“
Abgesehen von einem Mini-Comeback in Milbertshofen 1993 widmete sich Wunderlich fortan bürgerlichen Berufen. In den 90er-Jahren war er Inhaber eines Unternehmens für Büroausrüstung in Seeshaupt am Starnberger See. Er hatte aus erster Ehe zwei Kinder. Im Jahre 1999 wurde er zum deutschen Handballer des Jahrhunderts gewählt, heiratete im selben Jahr in zweiter Ehe und lebte in Bergisch Gladbach. Mit seiner zweiten Frau betrieb er bis Ende 2006 ein Hotel, die Villa Wunderlich am Mondsee.
Sein plötzlicher Tod am 4. Oktober 2012 schockte seine Weggefährten. Wunderlich erlag im Alter von nur 55 Jahren einem Hautkrebsleiden. Seine zweite Frau Pia sagte damals, er habe „gekämpft wie ein Löwe“.
Der Text wurde für das Sport-Kompetenzcenter (WELT, SPORT BILD, BILD) erstellt und zuerst in SPORT BILD veröffentlicht.
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