Auf einmal stand der Schrecken des Ukraine-Krieges 20 Zentimeter vor mir
Der Kampf um Gold, Silber und Bronze war das dominierende Thema der olympischen Wettbewerbe in Italien. Doch die Winterspiele in Italien hatten weit mehr zu bieten. Vier WELT-Reporter erinnern sich an bewegende Momente.
Bewegendes Gespräch mit der ukrainischen Rodlerin
Das bestimmende Thema am Eiskanal von Cortina d’Ampezzo waren über mehrere Tage nicht Hundertstelsekunden-Entscheidungen, Siegerehrungen und Medaillen, sondern ein Helm. Der ukrainische Skeleton-Pilot Wladislaw Heraskjewitsch erinnerte mit diesem an ukrainische Athleten, die im russischen Angriffskrieg ums Leben gekommen waren.
Auch Olena Smaha kannte viele der Getöten persönlich, mit einem war sie seit der Kindheit befreundet. Ich sprach mit ihr darüber im Zielbereich der Bahn. Sie fing an zu reden, auf Ukrainisch. Obwohl ich kein Wort verstand und auf das Übersetzungsprogramm der Aufnahme vertraute, wusste ich genau, worüber sie redet. Immer wieder stockte ihre Stimme, sie entschuldigte sich dafür. Dann brach die 26-Jährige in Tränen aus. Auf einmal stand der Schrecken des Krieges, der im Laufe der vergangenen Jahre immer abstrakter wurde, 20 Zentimeter vor mir. Der Kloß in meinem Hals wurde immer dicker.
Auch eine Stunde später, als ich die Aufnahme durch ein Übersetzungsprogramm schickte: „Ich kenne einen derjenigen, die auf Wladyslaws Helm abgebildet sind, sehr gut. Er war Eiskunstläufer, er ist 2023 bei Bachmut gestorben. Wir haben zusammen gegessen, zusammen gespielt, zusammen gelacht. Er war damals noch ein Kind. Jetzt wurde er von Russen getötet.“
Wenn ich in einem halben Jahr gefragt werde, wer die Goldmedaille im Skeleton gewonnen hat, werde ich es nicht mehr wissen. Das Gespräch mit Smaha aber hat sich eingebrannt.
Stephan Flohr
Plötzlich feiert ein Rapper mit
Die Winterspiele in Mailand und Cortina haben so einige Prominente angelockt. Von Snoop Dogg über Jürgen Klopp bis zu Lena Gercke – alle versammelten sie sich hier bei den Spielen. Mit einem hatte ich allerdings nicht gerechnet: US-Rapper Flavor Flav. Trotzdem feierte er an einem Samstagabend im Austria House plötzlich mit. Gut gelaunt, energiegeladen und natürlich mit einer übergroßen, funkelnden Kette um den Hals, auf der in großen Lettern sein Name prangte. Ein Markenzeichen, das mich sofort in meine Jugendtage zurückversetzte – die Tage von MTV, Musikvideos und den Anfängen von Reality-TV.
Flavor Flav ist 66 Jahre alt, Mitbegründer der Hip-Hop-Gruppe Public Enemy, die Ende der 1980er- und in den 1990er-Jahre politische Wucht in die Rap-Szene brachte. „Fight the Power“ lief damals nicht nur als Soundtrack im Film „Do The Right Thing“ von Spike Lee, sondern prägte auch eine Generation. Später wurde Flav zur Reality-TV-Figur. Erst in „The Surreal Life“, einer Art „Promi Big Brother“, dann mit seiner eigenen Show „Flavour of Love“.
Nun also Cortina. Winterspiele, Austria House, Skifahrer in Funktionskleidung – und mittendrin Flavor Flav. Auffällig in weißer Skilatzhose und mit kuscheliger Trappermütze auf dem Kopf. Der Rapper reiste als „Olympia-Sponsor, Hype-Man und Mitglied“ des US-amerikanischen Bob- und Skeletonteams an. Flav war gut gelaunt, lachte, witzelte und gab sogar seine Fähigkeiten am Schlagzeug zum Besten. Eine Begegnung, die ich nicht so schnell vergessen werde.
Antonia Maiwald
Die Stille nach dem Sturz
Mein Moment der Winterspiele waren ein Aufschrei und dann nicht enden wollende Stille. Gerade war Skisport-Superstar Lindsey Vonn nach 13 Sekunden im Abfahrtsrennen auf der Tofana-Piste in Cortina d’Ampezzo gestürzt. Ohnehin mit gerissenem Kreuzband im linken Knie gestartet, wurde sie von einer Bodenwelle aus dem Gleichgewicht gebracht und blieb an einem Tor hängen. Vonn wurde herumgewirbelt, überschlug sich. Das linke Schienbein brach. Ihre Schreie waren über das Fernsehen hörbar. Aus der erhofften Heldinnengeschichte mit einer Medaille als Abschluss der Karriere und eines Comebacks nach fünf Jahren Pause wurde eine olympische Schicksalsgeschichte.
An der Strecke warteten alle nur auf den Helikopter, mit dem sie geborgen und ins Krankenhaus gebracht wurde. Der traurige Abgang vom letzten Olympia-Rennen für die 41-Jährige. Über die nächsten Tage war Vonn dann präsenter als viele Aktive. Aus dem Bett gab sie über Instagram Updates zu ihrem gebrochenen Bein. Ein Stahlgerüst verlieh diesem Stabilität. Ihre Entlassung und Rückreise in die USA wurden zu weltweiten Schlagzeilen. So gab es trotz ihres Kurzauftritts doch noch Vonn-Spiele.
Ich habe Vonn über die Jahre mehrmals gesprochen und kaum jemanden kennengelernt, der so wild entschlossen war, seine Pläne durchzusetzen. So war ihr Comeback mit einer Teilprothese im rechten Kniegelenk bereits ein Wahnsinn. Daher würde ich mich nicht wundern, wenn Vonn es noch einmal versucht, Rennen zu bestreiten. Denn getriebene Menschen rasten einfach nie.
Steven Jörgensen
Ein Freigeist holt Gold für Brasilien
Es hatte etwas Skurriles, was am 14. Februar passierte. Helfer bauten das mobile Podium in den Schnee des Zielbereichs der „Pista Stelvio“, dieser berühmten Strecke in Bormio, auf der die Wettbewerbe der Skirennläufer stattfanden. Wenige Augenblicke später erhielt Lucas Pinheiro Braathen seine Goldmedaille, dann wurde die Hymne Brasiliens gespielt. „Gigante pela própria natureza, És belo, és forte, impávido colosso“ – „Von Natur aus ein Gigant, bist du schön und stark, unerschrockener Koloss.“
Ob sich Braathen darüber bewusst ist, welchen gigantischen Moment er dem Heimatland seiner Mutter beschert hat, frage ich mich. Es ist die erste olympische Wintermedaille für die Südamerikaner und dann gleich Gold. Im Skifahren. „Dieses beispiellose Ergebnis zeigt, dass der brasilianische Sport keine Grenzen kennt“, schrieb Staatspräsident Luiz Inacio Lula da Silva auf X. Braathen ist der Beweis dafür, dass im Leben alles möglich ist.
Im Oktober 2023 hatte er, damals noch für Norwegen, das Heimatland seines Vaters, startend, sein Karriereende verkündet. Auslöser dafür war ein Streit mit dem norwegischen Verband über die öffentliche Beurteilung seiner Person.
Braathen ist ein Freigeist, kein typischer Skiprofi. Ein Modeenthusiast und leidenschaftlicher Samba-Tänzer. 2024 kehrte er für Brasilien in den Weltcup zurück. Der 25-Jährige fing bei null an, baute sich sein Team, in das er jährlich zwei Millionen Euro investiert, selbst auf. Dieser Druck muss enorm sein. Viele würden daran zerbrechen, Braathen nicht.
Felix Neureuther, Ex-Weltmeister und ARD-Experte, sagte zu mir: „Dass er dann bei Olympia auf der größten Bühne so abliefert, ist für mich umso erstaunlicher.“ Ich stimme ihm zu. Für mich ist Braathens Sieg der einprägsamste Moment dieser Spiele.
Kilian Gaffrey
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