„Alles, was ich heute habe, verdanke ich diesem Sport“
Und dann schießen sie in den Zielbereich des Eiskanals. Edson Bindilatti und seine drei Mitstreiter klettern aus dem Viererbob und drehen sich winkend nach links zu einer kleinen Fan-Gruppe mit brasilianischen Flaggen. Bindilatti ballt seine Hand zur Faust. Beim ersten Lauf hatte er das Gefährt zwar deutlich sauberer durch die Bahn gelenkt, aber er ist dennoch bester Laune. „Im dritten und vierten Durchgang am Sonntag werden wir es besser machen“, sagt er WELT. Durch Platz 20 zur Halbzeit dürfen die Brasilianer am Schlusstag der Winterspiele noch einmal ran. Es wird gleichzeitig der finale Akt in Bindilattis erstaunlicher Bob-Karriere sein. „Ich bin so stolz, hier zu sein. Bei meinen sechsten Winterspielen. Mit fast 47 Jahren“, sagt er.
Kein anderer brasilianischer Sportler war öfter bei Olympischen Winterspielen als er. Mehr als 25 Jahre im Bobsport liegen hinter ihm, kommend aus einem Land, das mit Bob- und Rodelbahnen herzlich wenig zu tun hat. Einen Eiskanal? Gibt es in Brasilien nicht. Bindilatti, aufgewachsen und bis heute zu Hause in São Paulo, aber hat Pioniergeist, Leidenschaft und Ziele. Seine Geschichte zeigt, was Sport kann, was der olympische Spirit bewegen kann.
„Alles, was ich heute habe, verdanke ich diesem Sport“, sagt Bindilatti beim Treffen in Cortina mit WELT. Sein Weg ist auch Teil der sechsteiligen Doku-Serie „Winter Playing Fields“. „Heute habe ich einen Studienabschluss, meine Familie, meine Kinder, das Training, ein gutes und glückliches Leben – nur wegen des Sports. Er hat mir sehr geholfen und mich zu einem besseren Menschen gemacht. Und ich versuche, etwas an meine Kinder und andere weiterzugeben.“
Seit dem ersten Weihnachtstag hat er seine kleine Familie nicht mehr gesehen – am 25. Dezember brach er mit seinem Team zum Training und zu Wettkampfreisen und schließlich nach Cortina zur Olympiabahn auf. „Es wäre ein Traum gewesen, könnten sie hier sein“, sagt er, „aber das ist leider zu teuer.“ So halten sie Kontakt über Facetime. Und seine Familie fiebert vom heimischen Bildschirm mit.
Suppenküche, Leihbob und viele Fragen
Im Zweierbob-Wettbewerb dieser Spiele hat es Pilot Bindilatti mit seinem Anschieber Luis Goncalves auf Rang 24 geschafft. Im Vierer lag er nach dem ersten Durchgang sogar auf Platz 15, fiel dann im zweiten Lauf auf Rang 20 zurück. Schafft er es am Sonntag noch einen Platz nach vorn, wäre es sein größter olympischer Erfolg. Auf der WM-Bühne hat er dies bereits 2025 mit Rang 13 im Vierer geschafft. „Für uns ist das großartig“, sagt der 46-Jährige.
Im Grunde aber geht es ihm nicht um reine Zahlen, sondern darum, etwas aufgebaut zu haben. Bindilatti hat in Brasilien Strukturen für seine Sportart erschaffen, hilft der neuen Generation und berichtet stolz, dass auch die ersten brasilianischen Frauen bald auf großer Bühne sein könnten. Es geht ihm einerseits um den Bobsport als solchen, aber vor allem darum, was dadurch entstehen kann. „Wenn man einen klaren Kopf hat, wenn man Ziele und Durchhaltevermögen hat, dann ist vieles möglich“, sagt Bindilatti. Und Durchhaltevermögen – das musste er auf seinem Weg bis nach Cortina nicht gerade selten zeigen.
Es gab Zeiten, da stellte er sich bei Trainingslagern in Nordamerika mit seinen Mitstreitern in der Suppenküche an, weil kein Geld mehr übrig war, nachdem allein die Reise schon zu viel Geld verschlungen hatte. Hinzu kamen immer noch die Leihgebühren für halbwegs passable Schlitten, da ein eigener in der Anschaffung viel zu teuer ist.
Engagement für straffällig gewordene Jugendliche
Dass er in seiner Heimat immer wieder fragende Blicke und Verwunderung erntete, wenn er von seiner Sportart sprach, und die Bedingungen mindestens suboptimal waren, hielt Bindilatti nie auf. Mittlerweile wird er – genauso wie ein junger brasilianischer Bobpilot – durch das Stipendienprogramm „Olympic Solidarity“ unterstützt. Das hilft etwas.
Im Sommer wird in der Heimat im Kraft- und Athletikraum trainiert, Richtung Winter geht es dann zur Vorbereitung nach Lake Placid. Und der Schlitten ist der beste, den er je fuhr – „natürlich nicht vergleichbar mit denen der Topteams, aber wir sind glücklich“, sagt er. Es war ein harter Kampf bis hierhin, aber damit kennt sich Bindilatti aus. Und deshalb erzählt er anderen davon – zum Beispiel Kindern der Stiftung CASA in São Paulo, einer öffentlichen Einrichtung, die sich für straffällig gewordene Kinder und Jugendliche engagiert. Es geht dabei um Resozialisierung, Bildung und berufliche Qualifizierung. Bindilatti macht das kostenlos.
„Manchmal unterhalte ich mich mit den Jungs dort. Das ist interessant“, erzählt er. „Ich versuche, ihnen aufzuzeigen, dass alles möglich, wenn man sich darauf konzentriert. Aber natürlich ist es schwer für sie. Viele Kinder haben keine Mutter, keinen Vater, ihr Boss ist die Straße. Aber ich versuche, ihnen eine andere Perspektive zu zeigen. Und wenn ich nur einem Einzigen geholfen habe, freut es mich.“
Als Baby adoptiert. Als Kind zur Leichtathletik
Er selbst stammt aus Camamu im Bundesstaat Bahia, wurde aber er im Alter von acht Monaten zur Adoption freigegeben. So kam er nach São Paulo, wo er bei Jair und Dirce Bindilatti aufwuchs. „Meine leiblichen Eltern habe ich vor etwa zehn Jahren kennengelernt“, erzählt er. „Sie konnten mich nicht großziehen.“
In São Paulo zog es ihn als Kind zur Leichtathletik – mit Erfolg: 1998 wurde Bindilatti bei der Junioren-WM Sechster im Zehnkampf. Sein olympischer Traum aber erfüllte sich später nicht. Noch während seiner Zeit in der Leichtathletik sprach ihn der damalige brasilianische Bob-Pilot Eric Maleson an und versuchte, ihn für den rasanten Sport im Eiskanal zu begeistern. Bindilatti war skeptisch. „Ich wusste nichts von dieser Sportart oder dass es Olympische Winterspiele gibt“, sagt er. Malesons Tipp: den Film „Cool Runnings“ anschauen.
1999 saß Bindilatti dann erstmals in Nordamerika in einem Bob. Und die Reise begann. Erst als Anschieber im Vierer – bereits bei den Spielen 2002 in Salt Lake City und 2006 in Turin – und schließlich als Pilot. Finanzielle Probleme des brasilianischen Verbandes aber machten eine Olympia-Qualifikation für 2010 unmöglich, sodass sich Bindilatti fortan selbst um Strukturen und Neuaufbau kümmerte. Seit 2014 ist er nun jedes Mal als Pilot mit einer Crew bei Winterspielen dabei, war zweimal Fahnenträger.
Jetzt also der finale Akt. Zwei Läufe mit dem Viererbob noch den Eiskanal hinunter – dann möchte er weiter dabei helfen, den Bobsport in Brasilien voranzutreiben, wird intensiver in seinem Beruf Personaltrainer arbeiten, Jugendlichen seine Geschichte erzählen, aber vor allem und als erstes Zeit mit seiner Familie verbringen. „Meine Tochter ist sieben, mein Sohn zehn. Großartige Kinder! Ich liebe und vermisse sie“, sagt er. „Ich freue mich riesig, sie bald in die Arme schließen zu können.“
Der Doku-Serie „Winter Playing Fields“ kann auf Olympics.com gestreamt werden.
Melanie Haack ist Sport-Redakteurin und seit 2012 für WELT bei Olympischen Spielen vor Ort – aktuell ist sie bei den Spielen in Italien. Hier finden Sie alle ihre Artikel.
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