Seit Donnerstagabend vergangener Woche um 19:15 Uhr sind sie Deutschlands erfolgreichste Wintersportler. Durch den Sieg mit der Teamstaffel auf der Eispiste im Cortina Sliding Centre sicherten sich Tobias Wendl und Tobias Arlt ihr siebtes Olympiagold. Seitdem kommen die rodelnden Doppelsitzer nicht mehr zur Ruhe. Erst wurde eine Nacht lang gefeiert, danach mussten sie aus dem Olympischen Dorf ausziehen, um anderen Sportlern Platz zu machen.

Daheim in Berchtesgaden jagte eine Verpflichtung die nächste, ehe sie am Wochenende nach Cortina d’Ampezzo zurückkehrten, um Johannes Lochner an der Bahn die Daumen zu drücken. Ihr Pilotenfreund möchte nach seinem Gold im Zweierbob auch mit dem großen Kufengefährt siegen. Anschließend reisen die „Turbo-Tobis”, deren olympische Rekordbilanz eine weitere Bronzemedaille komplettiert, nach St. Moritz zum vorletzten Weltcuprennen der Saison.

Trotz der Terminhatz nahmen sie sich Zeit für ein Gespräch in ihrem heimischen Lieblingstreffpunkt. Dabei präsentierten sich die bayerischen Frohnaturen genauso harmonisch, wie sie seit einem Vierteljahrhundert zusammen auf dem Schlitten liegen. Mehr als 10.000 Fahrten absolvierten sie gemeinsam, Wendl, weil er größer und schwerer ist als Obermann von Arlt.

WELT AM SONNTAG: Herr Wendl, vor Ihrem Rekord-Olympiasieg waren Sie 1,84 Meter groß. Wie viele Zentimeter sind Sie seitdem gewachsen?

Tobias Wendl: (schaut ungläubig) Tobi, bin ich in die Höhe geschossen?

Tobias Arlt: Ganz sicher nicht.

Wendl: Wir sind eher noch etwas geschrumpft, weil die Medaillen so schwer sind. Klar, sind wir stolz auf das, was wir erreicht haben, aber deswegen abheben oder uns größer machen als wir sind?

Arlt: Nein, nicht wir. Kein Erfolg hat uns jemals größer werden lassen.

Wendl: Wir sind die ganz normalen Tobis geblieben, die 2003 bei der Juniorenweltmeisterschaft in Calgary ihre erste Medaille bei internationalen Titelkämpfen gewonnen haben. Auch unsere Demut hat uns dorthin gebracht, wo wir heute stehen.

WAMS: Aber daheim genießen Sie schon einen Heldenstatus, oder?

Arlt: Natürlich, deshalb bekommen wir hier auch alles umsonst, wenn wir etwas einkaufen (lachen). Sorry, nehmen Sie das bitte nicht ernst. Geschenkt bekommen auch wir nichts. Aber es ist schon umwerfend, egal wo du hinkommst, ob beim Bäcker, an der Tankstelle oder im Supermarkt, jeder gratuliert dir.

Wendl: Und das aus tiefen Herzen, so jedenfalls empfinden wir es. Es ist unglaublich, wie viele wildfremde Menschen wir mit unserem Sport begeistern konnten und sich jetzt mit uns freuen.

WAMS: Welcher von den zahllosen Glückwünschen war denn der ganz besondere? Erhielten Sie etwa auch einen Anruf vom Bundeskanzler, so wie er es bei Max Langenhan nach dessen Sieg im Einsitzer versucht hatte? Der Thüringer drückte die Nummer jedoch weg, weil er sie nicht kannte.

Arlt: Am wohltuendsten ist, wenn dich nach dem Erfolg deine Familie in den Arm nimmt. Das hatten wir ja bei unseren Olympiasiegen in Sotschi, Pyeongchang und Peking nicht. Dorthin ist wegen der komplizierten Visaregelung keiner mitgereist.

Wendl: Eine tolle Glückwunschbotschaft bekamen wir von Thomas Müller aus Vancouver. Er schickte uns ein Video, in dem er sagte: „Männer, es ist zwar wunderschön, was ihr geleistet habt, aber im Sommer beim ‚Battle of the Alps‘ werden wir euch wieder auf den Boden der Tatsachen zurückholen“.

WAMS: „Battle of the Alps“ ist ein Golfduell zwischen Ihnen beiden sowie dem Fußball-Weltmeister und dem ehemaligen Skirennfahrer Felix Neureuther.

Arlt: Richtig. Gegen Thomas und Felix haben wir zweimal gespielt. Es steht 1:1. Davor hatte Thomas den Philipp Lahm dabei. Er aber hatte zu viele Termine, so dass er zeitlich passen musste. Wir suchen derzeit bei uns eine Anlage, auf der wir unser drittes Match spielen können. Thomas hat uns auch angeboten, nach Vancouver zu kommen. Mal schauen, wie und wann es am besten passt. Mit Thomas Zeit verbringen zu dürfen, ist immer ein Zugewinn.

Wendl: Kennengelernt haben wir Thomas im Mai 2014 in Berlin, als der FC Bayern den DFB-Pokal gegen Borussia Dortmund gewann. Wir waren zur anschließenden Feier eingeladen, als er auf uns zukam und uns in seiner typisch charmanten Art ansprach mit: „Ihr seid doch die Rodel-Bomber“. Dadurch kamen wir ins Plaudern, er erzählte, dass er ein Wintersportfan sei und wie gerne auch er Golf spiele. Daraufhin tauschten wir unsere Nummern aus und pflegen seitdem einen engen Kontakt.

Arlt: Vom Typ her könnte Thomas auch Rodler sein. Er ist trotz seiner Berühmtheit völlig normal geblieben. Wenn wir eine Bitte haben, erfüllt er sie umgehend.

WAMS: Fühlen Sie sich ungeachtet der Anerkennung durch Thomas Müller angesichts Ihrer einzigartigen Triumphe auch sonst entsprechend wertgeschätzt? Sie sind nicht nur die erfolgreichsten Winterolympioniken hierzulande. Sie sind auch die ältesten und höchstdekorierten Rodel-Olympiasieger der Geschichte überhaupt. Zudem gewannen Sie als erste Athleten bei Winterspielen zum vierten Mal hintereinander einen Team-Wettbewerb.

Wendl: Jetzt ist der Hype natürlich immens, so wie noch nie. Aber warten wir noch ein paar Tage ab, dann wird sich alles wieder normalisieren. Rennrodeln ist per se eine Randsportart, wobei Doppelsitzer noch weiter in der Wahrnehmung zurückfallen. Wir haben auch einen Weltcuprekord aufgestellt, mit insgesamt 210 Podestplätzen. Was das bedeutet, kann ein Außenstehender nicht annähernd ermessen. So etwas wird vielleicht mit einem lapidaren Satz öffentlich erwähnt, das war’s dann aber.

Arlt: Brutal ist auch, dass wir immer zur Ehrung der Sportler des Jahres nach Baden-Baden eingeladen werden, es aber noch nie unter die Top drei geschafft haben. In dieser Hinsicht fühlen wir uns generell nicht wertgeschätzt. Von uns wird eben erwartet, dass wir die Medaillen im Winter bringen. Was da für Arbeit hinter steckt, um mit fast 150 km/h schneller als andere durch die Eisrinne zu brettern, was für Entbehrungen wir dafür auf uns nehmen, interessiert niemanden. Um ein wenig Gefühl für unsere Sportart zu bekommen, laden wir jeden dazu ein, mit uns zu fahren. Alle, die sich das schon trauten, hatten danach eine vollkommen andere Sicht aufs Rodeln.

Wendl: Wir sind aber auch nicht die Typen, die auf Biegen und Brechen Aufmerksamkeit generieren wollen, indem wir polarisieren, politische Plattformen nutzen, um uns zu profilieren. Oder uns nackt ausziehen. Klar, könnten wir damit unsere Namen durch Deutschland spülen und Reichweite erzielen. Aber nein, dafür geben sich die Tobis nicht her.

WAMS: Dann wird sich in Ihrer unbefriedigenden Wahrnehmung auch nichts ändern.

Arlt: Wir haben das längst akzeptiert.

Wendl: Ein ganz bitterer Moment war für mich, als wir 2022 nach unserem sechsten Olympiasieg in Italien beim Club der Besten waren, …

WAMS: … der seit der Jahrtausendwende alljährlich für Deutschlands erfolgreiche Sportler von der Sporthilfe ausgerichtet wird, …

Arlt: … und wir bei der dortigen Wahl zum Champion des Jahres nicht einmal nominiert wurden. Selbst bei der Gala hat man uns nicht einmal erwähnt. Das tat mir am allermeisten weh. Ich weiß noch sehr genau, wie traurig ich aus diesem Saal gegangen bin.

WAMS: Nun aber sind Sie sogar Rekord-Olympioniken – wie klingt das für Sie?

Wendl: Von Tag zu Tag realisieren wir mehr, was das für ganz Deutschland heißt. Wir haben uns so dermaßen den Arsch dafür aufgerissen. Wir schauen immer, dass wir auf höchstem Niveau trainieren, dass wir alle möglichen neuen Trainingsmethoden ausprobieren, unsere Körper so zurechtschnitzen, dass wir ihnen das Maximale abverlangen können. Mit unseren 38 Jahren sind wir noch immer die Startschnellsten – das ist doch der Wahnsinn.

Arlt: Wir sind nun mal sehr ehrgeizig. Dazu gehört, dass wir uns stets neue Ziele setzen, die wir für realistisch halten. Hirngespinste nutzen keinem. Es ist ja nicht nur so, dass wir im Rodeln performen wollen, sondern auch den Müller im Golf schlagen möchten. Unsere nächste große Herausforderung ist am 20. März in den Dolomiten der Sellaronda Skimarathon, der nachts gelaufen wird und bei dem 2700 Höhenmeter zu überwinden sind. Wir sind auch schon mehrere strapaziöse Radrennen gefahren.

WAMS: Und besteigen nicht ganz ungefährliche Berge. Haben Sie keine Angst, dass ihnen ein ähnliches Schicksal passieren könnte wie Laura Dahlmeier, die im Vorjahr am 28. Juli in bei einem Felssturz ums Leben kam.

Wendl: Ganz so extrem sind wir nicht unterwegs. Wir sind uns des Risikos natürlich bewusst, dass immer etwas passieren kann. Ein Felssturz, eine Lawine, plötzliche Wetterumschwünge – in den Bergen sind wir nicht der Chef, sondern der Berg ist der Chef.

Arlt: Auf unserer Bucket List steht auch noch Heliskiing. Was mit Geschwindigkeit und Adrenalin zu tun hat, suchen wir förmlich. Diesen Kitzel brauchen wir. Ich würde das aber nicht als Sucht bezeichnen, sondern als Erfüllung.

WAMS: Wie viele Punkte weisen Ihre Verkehrssündenregister in Flensburg aus?

Wendl: Oh, meins ist voll.

Arlt: Meins auch. (beide lachen herzhaft)

Wendl: Nein, das ist völliger Blödsinn. Beim Autofahren sind wir entspannt. Wir halten uns prinzipiell an die vorgegebene Geschwindigkeit, vielleicht liegen wir mal zehn km/h drüber, aber das ist das Höchste der Gefühle.

Arlt: Sie können beruhigt sein, wir haben beide nicht einen Punkt.

WAMS: Aber dafür umso mehr Medaillen – neben den olympischen holten Sie noch 46 bei WM- und EM-Championaten. Wo bewahren Sie diese auf?

Wendl: Ich habe mir einen Schrank schreinern lassen, in dem sie daheim ausliegen (zeigt ein Foto mit den Trophäen).

Arlt: Meine Medaillen hängen an einem Ständer, der in einer Vitrine steht. Wissen Sie, was uns wahnsinnig freuen würde?

WAMS: Na?

Arlt: Im Umkreis von Berchtesgaden gibt es so viele erfolgreiche Sportler mit spannenden Lebensgeschichten, so dass man doch bei uns eine Hall of Fame gründen könnte. Mit Vorbildern müsste in der Öffentlichkeit viel mehr gearbeitet werden. Und vielleicht fühlt sich dann auch das eine oder andere Kind ermutigt, mit dem Sport zu beginnen.

Wendl: Das wäre absolut in unserem Sinne.

WAMS: Gibt es etwas, was Sie am anderen nicht mögen?

Arlt: Wenn Tobi im falschen Bett liegt und nachts Bäume absägt.

Wendl: Das sagt er mir schon seit unserem ersten gemeinsamen Trainingslager. Ich gehe fast immer um 22 Uhr ins Bett, Tobi dillert dann noch am Handy rum, und ich denke mir, mein Gott, schlaf doch endlich mal. Ansonsten halten wir es seit 25 Jahren super miteinander aus. Wir sind eingespielt wie ein altes Ehepaar.

WAMS: Was heißt das?

Wendl: Dass wir auch Rituale pflegen. Wir duschen jeden Tag in der Früh, egal, wann wir aufstehen müssen. Wenn wir unterwegs sind, steht Tobi immer als Erster auf, zehn Minuten später raffe ich mich auf.

Arlt: Bevor ich dusche, drücke ich noch das Knöpfchen unserer Espressomaschine, die zum ständigen Reisegepäck gehört. Ich stelle Tobi den Espresso dann ans Bett, sage ihm guten Morgen und verschwinde im Bad. Wir legen sehr viel Wert auf Körperhygiene, sind da sehr eitel. Es gibt Sportler, die waschen ihre Rennanzüge das ganze Jahr nicht. Die stinken furchtbar. Für uns ein Unding.

Wendl: Wir sprühen uns auch ein, bevor wir auf den Schlitten steigen.

Arlt: Zack, zack geht das. (lacht)

WAMS: Bei Ihnen gewinnt man den Eindruck, dass kein Blatt Papier zwischen Ihnen passt. Was war denn die gravierendste Meinungsverschiedenheit, die Sie hatten?

Wendl: Da fällt mir nichts ein. (Arlt nickt zustimmend). Wir haben auch noch nie über eine Trennung nachgedacht.

Arlt: Wenn mal einer vom anderen die Nase voll hat, geht man halt joggen. Spätestens vor dem nächsten Lauf sind alle Differenzen ausgeräumt, weil man sich dann wieder zu hundert Prozent auf den anderen verlassen muss.

WAMS: Was aber kann Sie denn ungemütlich werden lassen?

Wendl: Unpünktlichkeit. Da werde ich eklig.

Arlt: Ich auch.

Wendl: Oder wenn der Bundestrainer eine Besprechung macht, und Sportler an ihrem Handy herumspielen. Solch eine Respektlosigkeit kann ich auf den Tod nicht ab.

Arlt: Mich lässt noch aus der Haut fahren, wenn ganz normale Verhaltensregeln nicht eingehalten werden. Wenn nicht ordentlich gegrüßt oder einem anderen nicht die Tür aufgehalten wird. Ich könnte auch durchdrehen, wenn einer nicht bitte oder danke sagen kann.

WAMS: Jetzt haben Sie aber ernste Minen aufgesetzt … Für gewöhnlich wirken Sie äußerst ausgeglichen. Auch familiär sind Sie verbandelt, Ihr Obermann, Herr Arlt, ist der Patenonkel Ihrer ersten Tochter. Kommt Ihnen Ihre Harmonie manchmal nicht unheimlich vor?

Wendl: Für uns ist das normal. Es passt einfach, nicht nur, weil wir den gleichen Vornamen haben.

WAMS: Sondern auch, weil es Ihr Sternzeichen Zwilling so verheißt?

Arlt: Genau.

WAMS: Würden Sie sich als Dream-Team bezeichnen?

Arlt: (überlegt) Ja.

Wendl: Ja, wir sind ein unzertrennliches Dream-Team, das sich danach sehnt, die Welt mit unseren Familien künftig als Privatpersonen zu bereisen. Deshalb wollen wir auch nicht mehr bei den Winterspielen 2030 starten. Wann wir definitiv aufhören, steht aber noch nicht fest.

Gunnar Meinhardt ist seit Jahrzehnten Sportreporter. Er berichtete für WELT und war bei zahlreichen Olympischen Spielen.

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