„Herzzerreißend, Franzi so zu sehen. Ich hoffe sehr, dass sie ihre Medaille noch bekommt“
Es war ein ungewöhnlicher Schritt: Ein Jahr vor den Olympischen Winterspielen in Norditalien entschied sich Biathlon-Dominator Johannes Thingnes Bø für den Rücktritt. Vor Ort ist der 32 Jahre alte Norweger derzeit dennoch – als TV-Experte bei den Rennen in Antholz und zu Besuch in Cortina d’Ampezzo im Deutschen Haus und bei einem Sponsor. Bei den Spielen 2018 hatte Bø seinen ersten Olympiasieg gefeiert, 2022 in Peking dann viermal Gold gewonnen.
Und eine Medaille erhielt er hier in Italien dennoch: Der Rekordweltmeister – Bø gewann 23 WM-Titel – bekam mit dem norwegischen Quartett nachträglich Staffel-Bronze von Sotschi 2014 verliehen. Das russische Quartett war damals bei seinem Sieg gedopt gewesen; Deutschland erhielt nun Gold. Von Biathlon-Erfolgen sind die Deutschen aktuell allerdings weit entfernt – die magere Ausbeute vor den beiden abschließenden Massenstartrennen: Bronze in der Mixed-Staffel. Deutlich besser sieht es bei den Skijägern aus Norwegen mit zweimal Gold, viermal Silber und dreimal Bronze aus. Insgesamt führt das Land den Medaillenspiegel unangefochten an.
WELT: Herr Bø, vor einem knappen Jahr beendeten Sie überraschend Ihre Karriere. Sie hätten selbst noch hier antreten können? Wehmütig, hier als Zuschauer und TV-Experte zu sein?
Johannes Thingnes Bø: Es fühlt sich ziemlich gut an, aber natürlich wäre es schön, hier bei den Olympischen Spielen zu starten. Und es wäre toll, die Staffel mitgelaufen zu sein und um Gold zu kämpfen. Aber als ich mich dazu entschieden habe zurückzutreten, habe ich damit auch die Chance auf eine Medaille bei diesen Olympischen Spielen aufgegeben. Und damit fühle ich mich wirklich okay. Ich wollte meinen Fokus voll auf meine Familie und mehr Zeit mit meinen zwei Kindern legen.
WELT: Haben Sie einen Rat für die deutschen Biathleten?
Bø: Nein, aber ich wüsste gern, was sie im Training genau machen. Die Situation betrifft ja nicht nur einen Athleten, sondern beide Teams – Männer und Frauen. Sie laufen nicht schnell genug, sie schießen nicht gut genug. Es muss sich etwas ändern. Sie sollten mehr nach Frankreich und Norwegen schauen.
WELT: Kommen Sie also zu den Deutschen, um zu helfen?
Bø sagt mit einem Augenzwinkern: Sie haben meine Nummer, wenn sie wollen, können sie mich anrufen.
WELT: Sie kennen Franziska Preuß schon lange. Sie hat extrem zu kämpfen, am Schießstand läuft es gar nicht, da versagen ihr hier bei den Spielen die Nerven. Und das am Ende Ihrer Karriere. Wie sehen Sie das?
Bø: Ja, es ist herzzerreißend, sie so zu sehen. Jeder weiß, es sind ihre letzten Spiele, es ist ihre letzte Chance auf diese eine olympische Einzelmedaille, für die sie so lange trainiert hat und die ihr noch fehlt. Ich liebe es, ihre Emotionen zu sehen – das zeigt, wie sehr sie diese Medaille will und wie enttäuscht sie ist. Athleten mit großen Zielen, die enttäuscht sind, sind großartige Athleten. Sie ist eine gute Freundin, und ich hoffe sehr, dass sie ihre Medaille im letzten Rennen bekommt. Ich wäre sehr glücklich für sie.
WELT: Den deutschen Biathleten versagen die Beine und die Nerven. Können Sie das einmal einem Laien erklären, auch wenn es Ihnen selbst selten passierte? Wie ist das, wenn am Schießstand der Kopf Streiche spielt?
Bø: Wenn man einmal in dieser Situation drinsteckt, ist es schwer, da wieder rauszukommen. Das Gleiche wie mit Franzi Preuß passiert gerade auch mit der Norwegerin Ingrid Tandrevold. Vor anderthalb Jahren war sie fast Gesamtweltcupsiegerin – jetzt ist sie weit davon entfernt. Franzi hat letztes Jahr immer fehlerfrei geschossen, dieses Jahr läuft es nicht. Dabei ist sie technisch sehr stark, deshalb überrascht es mich. Aber Olympischen Spiele sind speziell, es ist eben kein normaler Weltcup. Da passieren Dinge, die sonst nicht passieren. Und gerade als Favoritin ist es schwer, eine Medaille zu holen, weil das ganze Land zuschaut.
WELT: Die Norweger machen es besser. Und zwar nicht nur im Biathlon, sondern insgesamt. Und nicht nur in den klassischen Wintersportarten. Was steckt dahinter?
Bø: Wir haben eine gute, traditionsreiche Sportgeschichte, besonders natürlich im Wintersport. Wir passen uns immer an neue Anforderungen an, werden schneller, stärker und haben alle fünf Jahre neue Nummer-eins-Athleten, die sich mit den vorherigen überlappen. Im Biathlon hatten wir Ole Einar Bjørndalen, Emil Hegle Svendsen, dann Tarjei (sein älterer Bruder), dann mich. So gewinnt man 30 Jahre in Folge Gold. Auch im alpinen Skisport und im Skilanglauf, jetzt mit Johannes Klæbo, sieht es ja sehr gut aus.
WELT: Es heißt gern, dass Norweger mit Skiern an den Füßen geboren werden. Das alleine aber kann es nicht sein.
Bø: Wichtig ist: Die weltbesten Athleten brauchen starke Trainingspartner, das bringt die Top-Ergebnisse. Konkurrenz im eigenen Team, bei jedem Training. Ich glaube nicht, dass wir ansonsten so viel anders machen – es sind die letzten Prozentpunkte, die Norwegen besser machen. Wenn die Konkurrenz nur bei 95 Prozent ist, reicht das nicht für Gold. Wir sind jetzt auch im Sommer stark: Kasper Ruud im Tennis, die Fußballer Erling Haaland und Martin Ødegaard, Leichtathlet Jakob Ingebrigtsen, der Golferr Viktor Hovland. Wir sind überall vertreten – und sehr stolz darauf.
WELT: Liegt das vielleicht an der Bedeutung des Sports in der Gesellschaft?
Bø: Ich glaube, der größte Erfolgsgrund bei uns ist die Philosophie, dass wir erst mit 13, 14 15 Jahren auf eine Sportart setzen. Vorher machen wir Norweger viele Sportarten, erst mit etwa 15 konzentriert man sich komplett auf eine einzige. In anderen Ländern spezialisieren sich Kinder mit fünf, sind mit 18 Jahren dann oft ausgebrannt. In Norwegen verschieben wir den Karrierestart, so überstehen viele die kritische Phase mit 18, 20 Jahren.
WELT: Wie ist es in der Schule? In Deutschland wird Sportunterricht oft als Erstes gestrichen.
Bø: In Norwegen gibt es auch meist nur eine Sportstunde pro Woche. Aber die besten Athleten waren früher in den Pausen immer draußen aktiv. Ich wünsche mir mehr Sportunterricht in den Schulen, es ist wichtig für Körper und Geist, nicht nur für den Spitzensport. Niemand wird bei uns zu Sport gezwungen, es liegt einfach in vielen Menschen drin.
Haftungsausschluss: Das Urheberrecht dieses Artikels liegt bei seinem ursprünglichen Autor. Der Zweck dieses Artikels besteht in der erneuten Veröffentlichung zu ausschließlich Informationszwecken und stellt keine Anlageberatung dar. Sollten dennoch Verstöße vorliegen, nehmen Sie bitte umgehend Kontakt mit uns auf. Korrektur Oder wir werden Maßnahmen zur Löschung ergreifen. Danke