Es ist der Moment, auf den sich an diesem Abend in der Eiskunstlauf-Arena alles zugespitzt hat. 23 Athleten haben ihre Kür gezeigt, für Beifall, Bewunderung und – wenn ein Sprung nicht auf den Kufen endete – lautes Raunen gesorgt. Es gab begeisterten genauso wie aufmunternden Applaus der 12.500 Zuschauer. Dann steht Ilia Malinin unten auf dem Eis, der Superstar, der Grenzensprenger, der Vierfach-Gott. Die Musik setzt ein. Vierfach-Flip.

Jeder kann erkennen, was Malinin nun plant: Im Teamwettbewerb und im Kurzprogramm der Einzelentscheidung hatte er es noch gelassen, jetzt läuft er zum vierfachen Axel an, dem einzigen Sprung, der vorwärts abgesprungen wird. Der junge Amerikaner ist zudem der Einzige, der diese Höchstschwierigkeit bisher in einem Wettbewerb sauber stand.

Aber er reißt ihn auf. Nur einfach! Was ist da los? Danach gelingt der Vierfach-Lutz. Ist er zurück, der Vierfach-Gott, war der Axel eine kurze Schwäche?

Nein, das war er nicht. Das Drama beginnt erst. Malinin stürzt zweimal, macht weitere Fehler, immer wieder wird er mit Applaus vom Publikum bedacht. Sie wollen ihm helfen. Das Gold – es schien so sicher. Doch der 21 Jahre alte Amerikaner schleppt und kämpft sich durch seine Kür. Tapfer, aber gebrochen. Er, der sonst oft traumwandlerisch sicher läuft und springt. Der sieben Vierfach-Sprünge in einer Kür sauber landen kann – an diesem Abend in der olympischen Eiskunstlauf-Arena von Mailand aber zerbricht er.

Der letzte Ton verklingt – Malinin steht nur da. Geschockt, erschöpft, den Kopf gesenkt, die Wangen rot. Traurig. Riesenapplaus brandet auf.

Als Malinin das Eis verlässt, fragt ihn sein Vater: „Ist alles okay?“ – „Nein“, sagt er. Auf dem Sofa dann, als das Drama in Zahlen sichtbar wird – nur die 15.-beste Kür, von Rang eins auf acht gefallen mit insgesamt nur 264,49 Punkten –, schlägt sich direkt daneben der Kasache Michail Schaidorow die Hände vor den Kopf. Kein Lächeln auf seinen Lippen, mehr Schock als Freude. Der 21-Jährige ist der Sensations-Olympiasieger auf dem Eis.

Malinin steht auf und zeigt in dem wohl schwersten Moment seiner Karriere Größe, geht auf den Kasachen zu und umarmt ihn – einen seiner besten Freunde. Silber sichert sich Yuma Kagiyama aus Japan (280,06 Punkte) vor seinem Landsmann Shun Sato (274,90 Punkte).

Witt: „Das zeigt, dass auch Malinin nur ein Mensch ist“

„Ich bin geschockt. Alles war auf diesen Tag ausgelegt. Ich fühlte mich bereit, als ich das Eis betrat“, sagt Malinin in einer ersten Reaktion. „Aber vielleicht war genau das der Grund, dass ich vielleicht zu zuversichtlich war. Ich kann noch nicht begreifen, was gerade passiert ist. Ich denke, es war psychisch bedingt.“

Diese Kür, dieser körperliche und mentale Zusammenbruch des Ilia Malinin ist ein Schock – für die Zuschauer, für die Konkurrenten, für den so jungen Sportler. Niemand reagierte mit Spott oder Häme in der Arena. „Dass er so auseinanderfällt, hätte keiner vermutet. Das zeigt aber, dass auch Malinin nur ein Mensch ist“, sagt Katarina Witt in der ARD. „Die Sportler haben einen enormen Druck. Eigentlich hätte er ganz entspannt laufen können, auch wissend, dass die anderen Fehler gemacht haben.“

Aber Malinin wollte gerade das nicht. Er wollte trotz seines großen Vorsprungs und der Fehler der anderen nicht auf Nummer sicher gehen, sondern all das zeigen, wozu er imstande ist. Ob es am Ende die Nerven waren, der Druck oder ob es außerdem körperlich bei seinem Vierfach-Pensum zu viel war, auch im Teamwettbewerb zu Beginn der Spiele schon Kurzprogramm und Kür gelaufen zu sein – am Ende bleibt es ein Drama.

Malinin und was er eigentlich kann

Die Winterspiele 2022 in Peking hatte er noch verpasst. Danach aber begann er, die Eiskunstlaufwelt in neue Dimensionen zu pushen. Sprunggewaltig, längst auch ausdrucksstark, mehr modern als klassisch. Das ist sein Stil, das ist Malinin. Damit öffnet er seinen Sport für neue Generationen.

Im Jahr 2022 war es dann schon, als er den anspruchsvollen Vierfach-Axel als erster Eiskunstläufer der Geschichte in einem Wettkampf sauber landete. 2024 und 2025 krönte er sich zum Weltmeister. Beim Grand-Prix-Finale im Dezember in Nagoya/Japan lieferte er dann sein bisheriges Meisterstück ab, als er seinen eigenen Kür-Weltrekord mit einer sensationellen Flugshow pulverisierte und für seine Darbietung 238,24 Punkte erhielt. Am Ende kam er dort auf 332,29 Zähler – ein Weltenunterschied zu diesem bitteren Abend in Mailand.

Melanie Haack ist Sport-Redakteurin und seit 2012 für WELT bei Olympischen Spielen für WELT vor Ort – aktuell ist sie bei den Spielen in Italien. Hier finden Sie alle ihre Artikel.

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