„Da ist Arschgefühl gefragt“ – die super Methoden der deutschen Rodler
Das Deutsche Haus mit dem „Kufenstüberl“ steht noch, auch nach der Nacht zu Freitag. Dabei hatte Patric Leitner, Bundestrainer der Rodler, angekündigt, „wenn wir mit der Team-Staffel gewinnen, reißen wir die Hütte ab“. Dazu kam es nicht. Die angemieteten Räumlichkeiten auf dem Golfplatz von Cortina d’Ampezzo blieben unversehrt, auch wenn Champagner, Aperol und Bier bei Livemusik bis weit in den Morgen in Strömen flossen. Kein Wunder, hatte das deutsche Sextett den Konjunktiv seines Coaches doch in den ersehnten Goldcoup umgemünzt.
Einen glorreicheren Schlusspunkt hätten die einmal mehr bei Olympischen Winterspielen überragenden Schlittenfahrer in Schwarz-Rot-Gold hinter die sechstägigen Wettbewerbe nicht setzen können. Mit ihrem Triumph auf der nach dem legendären italienischen Bobfahrer Eugenio Monti benannten Pista Olimpica schrieben sie gleich mehrere denkwürdige Geschichten.
Zum ersten Mal seit der Premiere 2014 in Russland gingen Einsitzer und Doppelbesetzungen der Männer und Frauen an den Start. Bei den drei vorangegangenen Mixed-Rennen – nach Sotschi folgten Pyeongchang und Peking – die auch von Deutschland gewonnen wurden, fehlte noch das Frauenduo.
Mit Bahnrekord in die Geschichtsbücher
Des Weiteren verewigten sich die Titelverteidiger mit Bahnrekordzeit von 3:41,672 Minuten in den Annalen und das mit dem Rekordvorsprung von 0,542 Sekunden vor den zweitplatzierten Österreichern. Auch dass alle vier Schlitten die jeweils beste Zeit fuhren, hatte es zuvor noch nicht gegeben.
Gekrönt wurde schließlich die Glanzvorstellung durch den siebten Olympiasieg von Tobias Wendl und Tobias Arlt, nachdem sie dieses Vorhaben am Vortag als Drittplatzierte in der Doppelkonkurrenz verfehlt hatten.
Mit ihren sieben Goldmedaillen und der einen Bronzeplakette sind die „Turbo-Tobis“ nunmehr die hierzulande erfolgreichsten Wintersportler. Aber nicht nur dieses Alleinstellungsmerkmal verkörpern die beiden Dauerbrenner aus Berchtesgaden. Als erste Athleten in der Historie der Winterspiele überhaupt haben sie zum vierten Mal hintereinander einen Teamwettbewerb gewonnen. Bei Sommerspielen gelang das bereits 13 Olympioniken. Angeführt wird das Ranking von US-Basketballspielerin Diana Lurena Taurasi, die seit 2004 bei allen Olympiaturnieren siegreich war und dem Säbelfechter Aladár Gerevich. Der Ungar gewann mit der Mannschaft von 1932 bis 1960.
„Wir sind megahappy. Dass wir auch das noch erleben dürfen, ist der absolute Wahnsinn“, platzte es aus Wendl heraus, als er Mutter Andrea und Vater Franz im Deutschen Haus mit feuchten Augen in die Arme schloss und sie zu ihm sagten: „Tobi, heute sind wir die glücklichsten Eltern der Welt.“ Nicht weniger herzzerreißend war der Moment, als Arlt seiner Mutter Maria und Vater Horst mit den Worten um den Hals viel: „Ihr habt mich zu dem gemacht, der ich heute bin, dafür kann ich euch nicht genug danken.“
Der große Anteil des Karbonfachmanns
Im Hochgefühl ihres Glücks vergaßen beide aber auch nicht, all jenen ihre Wertschätzung zu bezeugen, die zu ihrer beispiellosen Erfolgsserie beigetragen haben, ob Trainer, Mechaniker, Ärzte oder Physiotherapeuten. „Wir sitzen auf dem Schlitten und lenken, aber das bringt noch längst keinen Erfolg. Dazu braucht es viel mehr, vor allem Menschen mit hohem Sachverstand und viel Liebe für unseren Sport“, betonte Wendl, und Arlt fügte hinzu: „Die Medaillen gehen an alle, die uns auf diesem Weg begleitet haben.“
Einer aus dem Kreis ihrer engsten Vertrauten ist Franz Wimmer. Der Karbonfachmann aus Traunstein arbeitet seit 18 Jahren mit den „Tobis“, ist deren Experte für Liegeschale und Kufen. Er entwarf auch den Schlitten, den sie schon in Pyeongchang 2018 und noch heute nutzen. Nachdem er jedoch am Vortag nicht auf die maximale Geschwindigkeit gekommen war, schlug sich der 63-Jährige die Nacht um die Ohren, um das Gefährt neu zu justieren. „Es hat alles bestens funktioniert“, frohlockte Wimmer. „Die Jungs haben eine Traumfahrt hingelegt.“
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An der auch Christian Thurner entscheidenden Anteil hatte. Er gilt als Technik-Guru, löste in seiner Funktion vor vier Jahren Georg Hackl ab, der nach Österreich wechselte. Thurner feilt sogar bis auf den Millimeter an der Größe der Handschuhspikes. Die rodelnden Frohnaturen betreiben ihren Sport nun einmal mit bewundernswerter Präzision und Detailverliebtheit, überlassen nichts dem Zufall.
Die binnen eines Jahres neu gebaute Piste in den Dolomiten hatten die zehnmaligen Weltmeister schnell ins Herz geschlossen. „Das war Freundschaft von der ersten Fahrt weg“, erzählte Wendl, der Sportsoldat, der 15 Kilogramm mehr wiegt und deshalb oben liegt und lenkt. „Aber nur grob“, entgegnete Bundespolizist Arlt, „ich kümmere mich um die Feinjustierung, da ist Arschgefühl gefragt.“
„Wir müssen keinem mehr etwas beweisen“
Normalerweise tasten sie sich an neue Strecken erst heran. In Cortina ging’s gleich zu Beginn vom Wettkampfstart in die Vollen. „Das machen wir sonst nie. Aber wir dachten, da müssen wir uns nicht herunterbremsen. Wir waren vom ersten Meter 100-prozentig fokussiert“, versicherte Wendl.
Wohl wissend um den immensen Druck ließen sie sich von nichts und niemandem verrückt machen. Vielmehr folgten sie ihrem Motto „Wir müssen keinem mehr etwas beweisen“ und rodelten so mit beeindruckender Kaltschnäuzigkeit in die Bücher für die Ewigkeit. Ihre unvergesslich bleibende Fahrt durch das 1295 Meter lange Eislabyrinth mit seinen 14 Kurven fand am Donnerstagabend, 19.15 Uhr, ihre Krönung.
Fehlerlos wie der „Bayern-Express“ rauschten vor ihnen auch die nunmehrige Doppelolympiasiegerin Julia Taubitz und nach ihnen der jetzt ebenfalls zweimalige Olympia-Champion Max Langenhan sowie Dajana Eitberger und Magdalena Matschina durch die Eisrinne. „Wir waren eine Zaubergang“, jubelte Wendl hernach.
Das Besondere im Mixed ist, dass es nicht nur auf fahrerisches Gefühl ankommt, sondern auch auf Reaktionsschnelligkeit. Bei der Zielankunft müssen die jeweiligen Piloten ein über der Bahn angebrachtes Touchpad berühren. Erst danach öffnet sich das Tor für den nächsten Rodler im Starthaus.
„Schlichtweg perfekt“, schwärmt der Bundestrainer
Bundestrainer Leitner, der „immer vorsichtig mit Superlativen“ ist, schwärmte: „Was das Team gezeigt hat, war schlichtweg perfekt.“ Dabei hatte seine Crew unmittelbar vor dem Rennen einen Schockmoment zu überstehen, „nachdem ein Rumäne in unsere Umkleidekabine gekommen war und die Türklinke abgerissen hatte“, erzählte Wendl. Kurzzeitig bangten sie, pünktlich am Start zu stehen. „Wir waren hypernervös. Ich hatte Muffensausen“, räumte Langenhan ein, der später einen Glückwunschanruf von Bundeskanzler Friedrich Merz wegdrückte, weil er dessen Handynummer nicht kannte. Ein italienischer Bahnarbeiter löste letztlich das Problem und ebnete ihnen den Weg in die Goldspur.
Als Kinder waren Wendl und Arlt noch Konkurrenten. Wendl begann mit sechs, Arlt mit vier Jahren im Einsitzer, bis sie es dann auf Wunsch der Trainer doch miteinander probierten. Sie taten es nur, um Ruhe zu haben.
Seit nunmehr über einem Vierteljahrhundert bilden die beiden 38-Jährigen ein unzertrennliches Duo, dass zudem sechsmal Europameister wurde und fünfmal den Gesamtweltcup gewann. Sie seien „beste Freunde, die aber wissen, wann man den anderen in Ruhe lässt und ihm Freiraum gibt“, sagte Wendl, der zwei Wochen jünger ist als sein Untermann. „Wenn man zu angespannt ist und denkt, alles müsse perfekt synchron ablaufen, wird das nach hinten losgehen.“ Natürlich gebe es aber auch mal Meinungsverschiedenheiten. Arlt sagte: „Wir wissen genau, wie der andere tickt und finden deshalb auch immer unsere Balance. Du gehst dann halt mal eine Stunde laufen, was den Kopf freimacht, und dann geht’s auch wieder.“
Beeindruckende deutsche Rodel-Statistiken
Steht Wendl zu dem, was er vor Beginn der Partynacht gesagt hat, wird es in vier Jahren in den französischen Alpen keine fünfte Olympiavisite des Dream-Teams geben. Genügenden Anteil daran, dass die Rodler die zuverlässigsten Medaillenlieferanten des deutschen Sports bei den Spielen im Winter und Sommer sind, haben sie ja auch geleistet.
Bei den seit 1964 in Innsbruck ausgetragenen Wettkämpfen haben die deutschen Schlittenfahrer nunmehr 41 von 56 Goldmedaillen eingeheimst, also fast 75 Prozent. Von den insgesamt vergebenen 168 Medaillen gingen 92 an deutsche Aktive, knapp 55 Prozent. Es gab nur drei von 56 Wettbewerben (Doppelsitzer 1964 sowie Einsitzer Männer 1984 und 2006), bei denen sie ohne Podestplätze geblieben sind.
Dass es eine Fortsetzung dieser famosen Bilanz auch ohne sie geben wird, davon sind Tobias Wendl und Tobias Arlt überzeugt. Seit 1982 werden Junioren-Weltmeisterschaften veranstaltet, wo die Dominanz der deutschen Talente noch gravierender ist. Sie gewannen dreimal so viele Medaillen wie die nächstfolgende Nation.
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