In einem Höllentempo rast Rodlerin Julia Taubitz ihrem so lange ersehnten Gold im Eiskanal entgegen. Wenige Sekunden liegen nur noch zwischen ihr und dem großen Triumph, der ihr nicht mehr zu nehmen ist. Zu groß war ihr Vorsprung zum Start des vierten Laufs, zu sicher und schnell fährt sie auch jetzt. Im Ziel gibt Olympiasieger Max Langenhan den Zeremonienmeister, ruft das ganze Team an die Bande des Cortina Sliding Centre. Dann rauscht Taubitz heran – und die zweite Gold-Party der Rodler beginnt.

Mit einem gigantischen Vorsprung von 0,918 Sekunden auf die Lettin Elina Bota krönt sich Taubitz zur Olympiasiegerin – die 29-Jährige hat die Konkurrenz nicht nur besiegt, sondern derart deklassiert, dass eine ganze Rodelwelt dazwischenliegt. Umgerechnet sind es fast 30 Meter Vorsprung, also in etwa zwei Linienbusse oder ein Viertel eines Fußballfeldes.

Langenhan, der das ganze Jahr über mit Taubitz trainiert, klatscht sie als Erster ab, drückt ihr später die deutsche Fahne in die Hand und trägt ihr den Schlitten vom Eis. Bei der Siegerehrung laufen der 29-Jährigen schließlich Tränen des Glücks übers Gesicht. Für sie ist dieser Erfolg nach dem Drama von Peking eine olympische Erlösung und der verdiente Lohn jahrelanger Dominanz im Weltcup. Ihr Triumph bedeutet zudem die dritte Goldmedaille dieser Winterspiele für die deutsche Mannschaft. Zuvor hatten bereits Langenhan und Skispringer Philipp Raimund gesiegt.

Taubitz und Langenhan sind damit auch gesetzt für die Teamstaffel am Donnerstag – die nächste Goldchance der beiden. „Wenn ich ihren Vorsprung sehe – das ist wirklich Wahnsinn“, sagt Langenhan anerkennend, „umso mehr freue ich mich auf die Teamstaffel. Bis jetzt gehört die Rodelbahn Deutschland.“ Mittwoch schon können die Doppelsitzer bei den Männern und Frauen nachlegen.

Bronze sicherte sich am Dienstagabend Ashley Farquharson aus den USA. Anna Berreiter, die vor vier Jahren in Peking als Debütantin olympisches Silber gewonnen hatte, kam auf Rang sechs. Die dreimalige Junioren-Weltmeisterin Merle Fräbel vergab mit einem schweren Patzer im dritten Lauf alle Medaillenchancen und wurde Achte.

Das Drama von Peking beschäftigte Taubitz lange

Dass die 29 Jahre Taubitz eine Ausnahmeathletin mit beeindruckender Konstanz ist, weiß die Rodelwelt seit Jahren: Fünfmal gewann sie schon den Gesamtweltcup – erstmals 2019/20, dann war sie einmal Zweite, bevor sie ab 2021/22 zur Seriensiegerin avancierte.

Nur auf der größten Bühne des Weltsports erlebte sie ein Debakel: Bei den Olympischen Spielen 2022 in Peking legte Taubitz als Topfavoritin im ersten Lauf mit Bahnrekord vor – und stürzte dann nach einem Fahrfehler im zweiten Durchgang. Beim damaligen deutschen Doppelsieg von Natalie Geisenberger und Anja Berreiter blieb ihr als Siebte nur die Nebenrolle.

„Es tut mir furchtbar leid für Merle. Sie hat sehr geweint“

In Cortina d’Ampezzo nun sah es nach den ersten beiden Läufen am Montag sogar erneut nach einem deutschen Doppelsieg wie 2022 aus. Taubitz und die WM-Zweite Merle Fräbel hatten sich ein spannendes Duell um die Führung geliefert und die Konkurrenz distanziert – Taubitz lag knapp vorn.

Mit einem komfortablen Vorsprung auf Rang drei ging es dann am Dienstag in die beiden Finalläufe: Die drittplatzierte Lettin Elina Bota lag bereits 0,434 Sekunden hinter Fräbel, die Weltcupführende Lisa Schulte aus Österreich hatte als Siebte bereits 0,678 Sekunden Rückstand auf Taubitz, und die US-Pilotin Summer Britcher sowie die Lettin Kendija Aparjode waren in die Bande geknallt und hatten ebenfalls kaum noch realistische Chancen.

Dann kamen die beiden entscheidenden Durchgänge. Direkt nach Taubitz ging Fräbel an den Start des dritten Laufes. Er wurde zum Desaster für die 22 Jahre alte Olympia-Debütantin. Fräbel verpatzte den Start komplett und prallte auf den ersten Metern zweimal gegen die Bande. Ihr Rückstand wuchs an, die Medaillenchance war dahin. „Es tut mir furchtbar leid für Merle. Sie hat sehr geweint. Aber sie ist noch sehr jung“, sagte Bundestrainer Patric Leitner. Taubitz hingegen hatte als Führende vor dem finalen Lauf einen komfortablen Vorsprung auf Bota von 0,704 Sekunden – im Normalfall ist das mehr als eine Rodelwelt.

„Du hast es dir so verdient“, sagt der Bundestrainer zu Taubitz

Diese Bahn aber hatte ja schon so manche Athletin zu groben Fehlern verleitet. Und dann war da die Erinnerung an Peking. Taubitz aber blieb cool an diesem Tag – und brachte auch den vierten Lauf sicher und schnell nach unten. Als es vollbracht war, ließ sie sich rückwärts auf ihren Schlitten fallen, schlug die Hände vors Gesicht und verschwand in der Jubeltraube der deutschen Mannschaft. „Du hast es dir so verdient“, sagte Leitner. „Genieß es!“

Etwas später berichtete er: „Als Natalie Geisenberger und Anna Berreiter nach dem Erfolg 2022 zurück ins Olympische Dorf kamen, stand Julia draußen und hat ihnen applaudiert. Sie ist eine Sportlerin, die man kaum beschreiben kann. Ich hätte mich wahrscheinlich im Zimmer eingesperrt. Julia ist eine Kämpferin und jetzt wirklich verdient Olympiasiegerin. Respekt und Anerkennung! Ich freue mich riesig für sie.“

Stephan Flohr berichtet zwar auch über Fußball, aber zwischen Oktober und April über die beste Sportart der Welt: Eishockey – und zurzeit über die komplette olympische Wintersportwelt. Er ist bei den Winterspielen 2026 vor Ort in Cortina. Hier finden Sie seine Artikel.

Melanie Haack ist Sport-Redakteurin und seit 2012 für WELT bei Olympischen Spielen für WELT vor Ort – aktuell ist sie in Cortina. Hier finden Sie alle ihre Artikel.

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