Pfiffe und „Buh“-Rufe begleiten den Einlauf des israelischen Teams
Ein Start bei Olympischen Spielen ist Kindheitstraum so vieler junger Sportler. Oft mehr Utopie als Traum. Nur ganz wenige von ihnen schaffen es tatsächlich. Der feierliche Einlauf der Nationen ins Stadion bei der mit vielen Ritualen aufgeladenen Eröffnungsfeier – für die Athleten Gänsehautmomente, von denen sie oft ein Leben lang schwärmen. Fraglich allerdings, ob dies für die kleine Gruppe israelischer Sportler gilt, die am Freitagabend ins Mailander San-Siro-Stadion einlief.
Ihnen wurde dieser einzigartige Moment zumindest mit Schatten belegt. Ihr Einlauf wurde von Teilen des Publikums mit lauten Buhrufen und Pfiffen begleitet. Wie schon beim Eurovision Song Contest versuchten Fans und Zuschauer auch bei der Eröffnungsfeier der Winterspiele in Mailand, Teilnehmer aus Israel für das Vorgehen ihrer Regierung im Gaza-Streifen verantwortlich zu machen.
„Italien ist eine extrem israelkritische Gesellschaft“, sagte der deutsch-italienische Journalist Giovanni di Lorenzo, der in der ARD gemeinsam mit Sportmoderator Tom Bartels kommentierte. In Cortina d’Ampezzo allerdings, dem größten der vier Außenstandorte, wo parallel eine Eröffnung mit dem Einlauf der Nationen stattfand, war die Situation ganz anders: Die Athleten der israelischen Mannschaft wurden weder ausgebuht noch ausgepfiffen.
Buh-Rufe auch für den US-Vizepräsidenten
Buh-Rufe aus dem Publikum gab es in Mailand noch an einer anderen Stelle: Als J.D. Vance beim Einzug des US-Teams auf den Videoleinwänden zu sehen war. Der US-Vizepräsident verfolgte die Zeremonie von der Ehrentribüne aus. Die Sportlerinnen und Sportler aus den USA wurden hingegen gefeiert. Schon am Dienstag hatte sich Superstar Lindsey Vonn unmissverständlich geäußert: „Ich muss Hoffnung haben und der Welt zeigen, was Amerika ist. Die USA sind mehr als das, was gerade passiert. Es ist ein Privileg hier zu sein. Ich will die Menschen zu Hause stolz machen.“
Einen Tag später, am Mittwoch, folgte das nächste Statement der US-Mannschaft: Das Haus des Teams in Mailand sollte eigentlich „Ice House“ heißen, wurde aber umbenannt in „Winter House“. Gesagt wurde es nicht, aber die Änderung steht offensichtlich im Kontext der Proteste gegen das teils brutale Vorgehen der US-Behörde Immigration and Customs Enforcement (ICE) gegen Einwanderer in den Vereinigten Staaten.
Vance war dann am Donnerstag in Mailand angekommen und hatte unter anderem Italiens Ministerpräsidentin Giorgia Meloni getroffen. Aus Protest gegen die Anwesenheit von ICE-Beamten bei den Winterspielen waren dann vor der Eröffnungsfeier mehrere Hundert Studenten durch Mailand gezogen.
Gefeiert: die ukrainische Mannschaft
Gefeiert hingegen wurden – sowohl in Mailand als auch bei der äußerst stimmungsvollen Feier in Cortina – die Athleten aus der Ukraine. Nur das Gastgeber-Team aus Italien wurde frenetischer bejubelt. Skeletonpilot Wladislaw Heraskewitsch, der die ukrainische Fahne in Cortina d'Ampezzo trug, hatte sich kurz vor Beginn der Zeremonie zur Lage seines Landes angesichts des russischen Angriffskriegs geäußert.
„Wir sollten verstehen, dass es eine extrem schwierige Zeit in der Ukraine ist und dass dies noch mehr Ehre und Verantwortung für mich bedeutet“, wurde Heraskewitsch vom offiziellen Informationsdienst der Spiele zitiert. „Sport ist wichtig, aber das Leben von Menschen ist noch wichtiger, also unterstützt weiter die Ukraine.“
Melanie Haack ist Sport-Redakteurin und bei den Olympischen Winterspielen von Mailand/Cortina bereits vor Ort. Für WELT berichtet sie seit 2011 über olympischen Sport, extreme Ausdauer-Abenteuer sowie über Fitness & Gesundheit. Hier finden Sie alle ihre Artikel.
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