Die von Teammitgliedern gefilmten Videos, in denen Leon Draisaitl und Katharina Schmid von der großen Ehre erfahren, die ihnen am Freitagabend zuteilwird, ähneln sich in den Emotionen: Beide sind überwältigt, freuen sich riesig, dabei nicht laut, sondern eher bodenständig. Sie sprechen danach von einer großen Ehre, nehmen dankend und mit einer gewissen Demut an, dass sie die Wahl zu Deutschlands Fahnenträgern gewonnen haben – beide übrigens sowohl die interne Team-Abstimmung der deutschen Mannschaft als auch die öffentliche Wahl.

An diesem Freitagabend nun ist es so weit. Allerdings werden sie nicht – wie die Fahnenträgerduos in Paris, Peking und Tokio – gemeinsam ins große Stadion einlaufen. Und das liegt an der Besonderheit dieser Spiele, die weit verteilt im Norden Italiens stattfinden.

Draisaitl wird das Team Deutschland bei der großen Eröffnungsfeier in Mailand ins San Siro Stadion führen, Schmid bei der Feier in Predazzo. Die Eröffnungszeremonien an den Standorten Mailand, Predazzo, Cortina und Livigno werden inklusive des Einlaufs der Nationen zeitgleich stattfinden.

Schmid und Draisaitl also. Er, der einen Achtjahresvertrag bei den Edmonton Oilers aus der NHL mit einem Jahresgehalt von 14 Millionen Dollar hat und zeitweise der bestbezahlte Spieler der Welt war. Sie, die das Skispringen der Frauen schon als Kind betrieben hat, als es noch nicht einmal Weltmeisterschaften in dieser Sportart für die Frauen gab. Im vergangenen Winter gab es dann das „Shampoo-Gate“ – Duschcreme, Shampoo und vier Handtücher als Präsent für den Sieg in einer Qualifikation.

Und dennoch: Was sie eint, ist mehr als Leidenschaft für ihren Sport, Ehrgeiz und Einsatzwille. Beide prägen seit Jahren ihre Sportart, jeder auf seine Weise. Beide sind äußerst bodenständige Typen. Und bei beiden gibt es in ihrem Heimatland ein Ungleichgewicht zwischen ihren Erfolgen einerseits und ihrer Bekanntheit und Wertschätzung andererseits.

In Kanada ein Superstar, in Deutschland unter dem Radar

Leon Draisaitl führt zusammen mit Katharina Schmid das deutsche Olympiateam bei der Eröffnungsfeier ins Guiseppe-Meazza-Stadion. Deutschlands bester Eishockeyspieler ist in den vergangenen zehn Jahren in Kanada zum Superstar gereift. In der eishockeyverrückten Stadt Edmonton kann der 30-Jährige keinen Schritt unerkannt machen. In Deutschland ist er den meisten zwar ein Begriff – für das, was er im vergangenen Jahrzehnt geleistet hat, fliegt Draisaitl aber immer noch unter dem Radar.

„Leon könnte in Berlin wahrscheinlich in einem Café ganz entspannt etwas trinken, ohne dass er erkannt wird“, sagte Eishockey-Nationaltorwart Phillip Grubauer, der in der NHL für die Seattle Kraken spielt. Ein Zustand, der dem bodenständigen Kölner nicht stören dürfte. Steht der Stürmer der Edmonton Oilers dank seiner Ausnahmefähigkeiten stets im Rampenlicht, hält er Privates gerne privat.

Für Draisaitl, der im vergangenen August seine langjährige Freundin Celeste Desjardins geheiratet hat, ist es die erste Olympia-Teilnahme. „Ich freue mich schon seit Monaten wie ein kleines Kind darauf. Bei dem Gedanken, am Freitagabend als Fahnenträger zusammen mit dem deutschen Team im San Siro einzulaufen, bekomme ich Gänsehaut. Das ist ein Höhepunkt meiner Karriere“, sagte Draisaitl.

Im Spiel der deutschen Nationalmannschaft wird sich vieles auf den Superstar fokussieren. Seine Passgenauigkeit, Körperlichkeit und Kaltschnäuzigkeit vor dem Tor gepaart mit einem der härtesten und genauesten Handgelenkschüsse der Welt werden maßgeblich über den Erfolg des Teams entscheiden.

Als erster Deutscher überhaupt wurde der Stürmer der Edmonton Oilers 2020 zum „wertvollster Spieler“ der NHL gekürt. Im selben Jahr wurde er Deutschlands Sportler des Jahres. In den vergangenen vier Spielzeiten knackte er jeweils die magische Marke von 100 Scorerpunkten, mit dem Bestwert von 128 Punkten im Jahr 2023. Draisaitl unterschrieb im vergangenen Jahr einen Achtjahresvertrag bei den Oilers und stieg mit einem Jahresgehalt von 14 Millionen Dollar zum damals bestbezahlten Spieler der Welt auf.

Eine Sache fehlt dem bodenständigen Stürmer, der im vergangenen Dezember im 824. Spiel seinen 1000. Scorerpunkt in der NHL erzielte, noch: der Gewinn des Stanley Cups. „Für den Titel würde ich alle persönlichen Erfolge hergeben“, sagt Teamplayer Draisaitl, dessen Vater Peter 1988, 1992 und 1998 für die Eishockey-Nationalmannschaft bei den Olympischen Spielen auflief.

Katharina Schmid, leise Leaderin und Kämpferin

Auch Katharina Schmid ist ein Phänomen. Sie wuchs nicht nur hinein in diese Sportart, die für Frauen erst seit 2014 olympisch ist – sie wuchs auch mit ihr und sie prägte sie. Als 15-Jährige gab Schmid, damals noch Althaus, bereits ihr Weltcup-Debüt, mit 17 sprang sie bei der Olympia-Premiere in Sotschi, später avancierte sie zur Erfolgsgarantin und prominenten Sympathieträgerin, die immer wieder für mehr Gleichberechtigung der Frauen von der Schanze kämpfte.

Nach ihrem Olympiadebüt 2014, Silber 2018 in Südkorea sowie 2022 in Peking werden dies nun ihre vierten und letzten Winterspiele sein. Denn nach diesem Winter – das verkündete die Oberstdorferin bereits zum Jahreswechsel – ist Schluss.

Vor zwei Jahren hatte Schmid schon einmal ans Karriereende gedacht. Nicht, weil sie den Anschluss verloren hatte, sondern einfach, um nach zwei olympischen Silber- und neun WM-Medaillen, nach dem erfüllten Traum vom Skifliegen in ein neues Leben zu starten. Doch sie blieb dem Skispringen treu – unter anderem, weil sie beim Skifliegen noch die 200-Meter-Marke überspringen möchte. Bisher ist ihr das noch nicht geglückt, aber nach den Winterspielen hat sie in Vikersund und Planica noch die Chance dazu.

Wenn danach Schluss ist, geht den deutschen Skispringerinnen nicht nur eine erfolgreiche Sympathieträgerin verloren, die ihrer Sportart viel gegeben hat, sondern auch eine Person, die dem Team guttut. „Sie ist von ihrer Leistung und ihrer Art, mit gewissen Situationen umzugehen, eine Leaderin. Es geht ja nicht nur um Sport, sondern auch um gemeinsames Leben, gemeinsames Reisen und darum, Probleme zu lösen. Das macht sie hervorragend, weil sie am meisten Routine hat und auch, weil sie eine positive Art hat. Sie ist vorbildhaft“, sagt Bundestrainer Heinz.

Er führt weiter aus: „Katha ist nicht der Typ, der den Ton angibt, aber jede schaut zu ihr auf, sie unterstützen sich gegenseitig. Katha hat diese Unterstützung als junge Athletin selbst erfahren und gibt das jetzt weiter.“

Und sie tritt nicht ab, ohne auch in ihrer letzten Saison eine Premiere zu erleben, für die sie gemeinsam mit anderen Skispringerinnen lange gekämpft hat: Erstmals dürfen die Frauen auch bei Olympia von der Großschanze springen. 2018 und 2022 hatte Schmid jeweils von der Normalschanze Silber gewonnen. Jetzt also kommt eine weitere Einzel-Chance dazu.

Melanie Haack ist Sport-Redakteurin und seit 2012 für WELT bei Olympischen Spielen für WELT vor Ort – aktuell ist sie in Cortina. Hier finden Sie alle ihre Artikel.

Stephan Flohr berichtet zwar auch über Fußball, aber zwischen Oktober und April über die beste Sportart der Welt: Eishockey – und zurzeit über die komplette olympische Wintersportwelt. Er ist bei den Winterspielen 2026 vor Ort in Cortina. Hier finden Sie seine Artikel.

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