14 Olympia-Disziplinen im Selbstversuch – Ich verneige mich vor jedem Teilnehmer
Die Aussage war so leichtsinnig wie falsch. „Das kann doch jeder“, sagte ich beiläufig, als ich den Biathleten im Fernsehen zuschaute, wie sie nach dem Schießen zurück in die Loipen jagten. Es sah so spielerisch aus, wie sie ihre Gewehre schulterten und so leichtfüßig, wie sie mit zwei schnellen Stockschüben wieder in die Spur fanden. Wenn das so einfach sei und es jeder könne, dann solle ich das doch mal machen, erwiderte mein Gegenüber. Eishockey, Skispringen und Skeleton wären ja offensichtlich auch kein Problem.
Herausforderung angenommen, aus der Nummer kam ich nicht mehr heraus. Mein Kumpel ist wie ich wintersportbegeistert – aktiv und am Bildschirm. Er hat aber, wie sich in den Monaten nach unserem Kneipennachmittag herausstellen sollte, einen deutlich realistischeren Blick auf die Leistungen und den Mut der Athleten.
Knapp 3000 von ihnen kämpfen bei den Olympischen Winterspielen in 16 Sportarten um die Medaillen. Der Deutsche Olympische Sportbund (DOSB) schickt 188 Sportler nach Italien. „Bei Olympischen Spielen für das Team Deutschland starten zu dürfen, ist das Größte, was ein Athlet in seiner Karriere erreichen kann“, sagt Olaf Tabor, DOSB-Vorstand Leistungssport.
Ob Rodlerin aus Oberhof, japanische Snowboard-Freestylerin oder Slalomläuferin aus Italien – sie alle trainieren seit Jahren auf diesen Höhepunkt hin und träumen seit frühester Kindheit von der Olympia-Teilnahme. Für viele von ihnen ist es eine einmalige Chance. Ein Sporterleben, das auf diesen einen, auf ihren, Wettkampf ausgerichtet ist.
Auch ich werde in Norditalien dabei sein. Nicht als Sportler auf dem Eis, den Pisten und Sprungschanzen. Ich werde erstmals am Rand stehen und berichten.
Hämatome, Verzweiflung, Muskelkater – der Respekt wuchs mit jeder Sportart
Vielleicht auch gerade deshalb wollte ich ein Gefühl dafür bekommen, was die Skifahrer, Snowboarder, Biathleten und Curler leisten. Wie ist das, mit mehr als 110 Stundenkilometern im Bob durch den Eiskanal zu rasen? Was fühlen Skeletonis, wenn sie bäuchlings den Kopf voran in die Kurve schießen, und sind Skispringer eigentlich latent lebensmüde?
Da kann man bei noch so viel Wintersport vor dem Fernseher sitzen und noch so oft mit den Athleten sprechen – die wahren Antworten gibt es nur, wenn man es selbst erlebt. Also habe ich mich auf den Schlitten gelegt, die Langlaufskier angeschnallt, den Skisprunganzug angezogen, Schlittschuhe zugebunden und mich in Rennanzüge gequetscht. Ich hatte das große Glück, 14 von 16 olympischen Disziplinen austesten zu dürfen.
Meine leichtfertige Aussage, dass das doch jeder könne, musste ich schon nach meinen ersten drei Sportarten kassieren. Der Check beim Eishockey raubte mir die Luft, beim Eisschnelllauf musste ich schon bei der Erwärmung passen und statt von Eleganz und Kraft war meine Eiskunstlauf-Kür durch Verkrampfung und Krämpfe geprägt.
Die Hämatome, die ich mir beim Rodeln und Skeleton geholt habe, der Muskelkater nach dem Curling und die Verzweiflung nach dem Schießen beim Biathlon sind nach einigen Wochen verschwunden. Die Bewunderung für das Talent, die grenzenlose Leidenschaft für ihren Sport und bedingungslose Opferbereitschaft der Athleten ist geblieben.
Sie luden mich ein in ihre Welt. Natürlich habe ich nur einen Bruchteil ihrer Entbehrungen und Herausforderungen mitbekommen. Beeindruckend war es dennoch: Das Eiskunstlauf-Paar Robert Kunkel und Annika Hocke, das bis zu 60 Stunden pro Woche trainiert und ohne die Unterstützung der Bundeswehr ihren Sport gar nicht ausüben könnte.
Der Freeski-Fahrer Vincent Veile, der sich für seinen großen Traum im Sommer Tag für Tag stundenlang im Fitnessstudio quält, um nur ein halbes Jahr nach seinem Kreuzbandriss wieder Saltos und Schrauben in die Luft zaubern zu können. Oder die Eisschnellläufer, die ihr Trainingslager im Sommer aus eigener Tasche bezahlen müssen. Und die Eishockey-Spielerin Mathilda Heine – mit 16 Jahren die Jüngste im deutschen Olympia-Team – die früh aus dem sächsischen Crimmitschau nach Berlin zog, um ihre Karriere voranzutreiben.
Sie alle eint dies: ihre schier grenzenlose Leidenschaft und Hingabe für ihren Sport. Ihr Streben nach dem olympischen Traum, dem sie über Jahre alles unterordnen. Mein Respekt vor den Leistungen, der Opferbereitschaft und dem Talent der Athleten wuchs mit jeder Sportart, an der ich mich ausprobiert habe und bei der ich gescheitert bin. Ich verneige mich vor den Olympia-Teilnehmern, die von der 90-Meter- und nicht wie ich von der Kinderschanze springen, die einen dreifachen Rittberger und keine halbe Pirouette aufs Eis zaubern und die beim Freeski vor dem Big Air nicht links abbiegen und stattdessen vor dem kleinen Kicker auf die „Schiss-Bremse“ steigen.
Beim Gedanken daran, dass nach dem dritten Wettkampftag höchstwahrscheinlich wieder das Gejammer losgeht, dass fünfte Plätze und nur eine Silbermedaille sinnbildlich für den fehlenden Willen zur Qual und mangelnde Hingabe seien, kann ich nur fassungslos mit dem Kopf schütteln.
Das, was diese Athleten leisten – auch wenn sie Vierter werden oder auf Platz 27 landen –, kann eben doch nicht jeder. Ich gehöre wie 99,99 Prozent der Weltbevölkerung nicht dazu, bin aber dankbar, dass ich ein Gefühl dafür bekommen durfte, was es bedeutet, an den Olympischen Spielen teilzunehmen.
>>> Skispringen, Eishockey, Curling – sehen Sie hier die ersten drei Selbstversuche im Video:
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