„Ziel ist Platz drei im Medaillenspiegel oder besser“
Die ersten deutschen Athleten, Trainer und Betreuer haben ihre Olympia-Quartiere im Norden Italiens bezogen. Die einen in Cortina, andere in Mailand, wieder andere reisen nach Livigno oder Predazzo. Die Spiele verteilen sich wie nie zuvor. Bevor am Freitagabend bei der Eröffnungsfeier die Flamme entzündet und damit der offizielle Start zelebriert wird, sprach WELT mit Olaf Tabor, Vorstand Leistungssport des DOSB sowie Chef de Mission des Teams Deutschland für dieses Großereignis. Nach Paris 2024 ist er zum zweiten Mal in dieser Funktion.
WELT: Herr Tabor, zum Ende der Sommerspiele in Paris sprachen wir über die schlechteste deutsche Bilanz seit der Wiedervereinigung, gemessen an den Medaillen. Im Winter sieht es traditionell besser aus. In Peking vor vier Jahren stand am Ende Platz zwei im Medaillenspiegel. Was ist das Ziel für Mailand Cortina?
Tabor: Wir wollen in den Bereich, aus dem wir kommen und wo wir als Wintersportnation aus unserer Sicht auch hingehören. Die Zielstellung ist, Platz drei im Medaillenspiegel oder besser zu erreichen. Das ist die Ambition, die wir als Sportnation Deutschland haben müssen. Die Wahrheit ist aber auch, dass es eine Reihe von Nationen gibt, die immer dichter an die Spitze herangerückt sind und die als Ziel Platz fünf oder gar drei und besser verfolgen werden. Am Ende wird vermutlich auch ein wesentlicher Einflussfaktor sein, wie gesund die Medaillenkandidaten zu den Spielen reisen.
WELT: Als Wintersportnation hatte Deutschland teilweise einen Technologievorsprung. Durch Wissenstransfer wird dieser kleiner. Wo hat Deutschland im Wintersport noch den größten Vorteil?
Tabor: Auch in den materialintensiven Sportarten reicht es ja nicht, dass man das beste Equipment hat. Im Eiskanal beim Bob, Rodeln oder Skeleton bringt die schnellste Kufe, der beste Schlitten alleine nichts – man muss auch die Athleten haben, die mit den Geschwindigkeiten und der Herausforderung, die mit einem schnelleren Gerät einhergehen, zurechtkommen. Wir haben beides. Dort gibt es einerseits diesen Technologievorsprung – auch durch unsere eigenen Entwicklungen im FES, in dem dauerhafte geforscht und entwickelt wird, wie man einen Rennschlitten noch schneller, stabiler, noch besser in den entscheidenden Kurven machen kann. Und wir haben die Top-Athleten und Athletinnen, die sich mit diesen hochspezialisierten Sportgeräten so gut auskennen, dass sie das Ding auch schnell die Eisbahn hinunterbringen.
WELT: Der Eiskanal ist Deutschlands Goldgrube. Was ist mit den anderen Sportarten, in denen deutsche Athleten in der Vergangenheit oft vorn mitmischten?
Tabor: Wir gehen im Moment davon aus, dass es auch im Bereich der Schneesportarten den ein oder anderen erfolgreichen Tag geben wird.– und das sieht man zum Beispiel aktuell im Skispringen oder im Biathlon: Aber, und das möchte ich ausdrücklich betonen, unsere Athletinnen und Athleten sind zwar Profis, aber keine Maschinen. Mich freut sehr, dass wir in Sportarten, die zuletzt international aus deutscher Sicht nicht ganz so erfolgreich waren, junge Leute haben, die in dieser Saison auf sich aufmerksam gemacht haben. Junge Leute, die wir möglicherweise für diese Olympischen Spiele noch gar nicht auf dem Zettel hatten.
WELT: Sie sprechen von Eisschnellläufer Finn Sonnekalb?
Tabor: Von ihm, aber nicht nur von ihm. Finn Sonnekalb ist aktuell die Galionsfigur, aber auch andere Eisschnellläufer haben beachtliche Leistungen gezeigt und als Team eine gute Performance abgegeben. Ich denke außerdem an unser bereits jetzt sehr erfolgreiches Eiskunstlaufpaar Minerva Hase und Nikita Volodin, mit denen wir in Mailand sicherlich rechnen können. Ich vertraue auch darauf, dass wir da, wo wir eigentlich unsere Stärken haben – zum Beispiel im Skispringen und der Nordischen Kombinationen – auch noch unsere Eisen schmieden werden. Es gibt eine Reihe von Wettbewerben, in denen wir als deutsches Team für Furore sorgen werden. Bei Sportarten wie Skicross und Snowboardcross hingegen ist es schwer zu sagen, weil da ein Sturz schnell alles zunichtemachen kann.
WELT: Lassen Sie uns auf die kommenden Winterspiele als Gesamtes schauen. Die Spiele von Peking 2022 waren sehr umstritten. Paris 2024 hat mehr abgeliefert, als man sich wohl hätte erträumen lassen. Ein Meilenstein, den die Bewegung dringend brauchte. Was kann und was muss diesbezüglich Mailand Cortina leisten?
Tabor: Wünschenswert wäre, dass Italien einen ähnlichen Schub für die positive Wahrnehmung der Winterspiele leisten kann, wie es Frankreich und Paris für den Sommer geschafft haben. Da gab es ja auch riesige Diskussionen im Vorfeld – und dann eine grandiose Veranstaltung, die auch für uns als Nachbarland unseren Wunsch verstärkt hat, dass wir so etwas ausrichten wollen. Jetzt kehren die Winterspiele in eine Wintersport-Herzkammer des Weltsports zurück. Die Wettbewerbe sind zwar sehr verteilt in Norditalien – und das ist für alle, die vor Ort sind, auch für einen Teil der Zuschauer eine große Herausforderung. Aber wir befinden uns dort, wo Wintersport Tradition ist. Die Austragungsorte sind teils Traditionsstätten mit langer Erfahrung im Weltcup. Deswegen machen wir uns auch um die Durchführung der Wettkämpfe keine Sorgen. Als sehr herzliches und offenes Land, so glaube ich, werden die italienischen Gastgeber zudem allen Zuschauerinnen und Zuschauern vor Ort sehr gute Bedingungen bieten. Hinzu kommt aus deutscher Sicht ein großer Vorteil für den Fernsehzuschauer nach zwei Winterspielen in Asien.
WELT: Sie meinen die Zeitverschiebung bei Pyeongchang 2018 und Peking 2022?
Tabor: Ja, das Miterleben zur gleichen Zeit war dadurch nicht immer möglich. Auch das macht noch mal einen Unterschied. In derselben Zeitzone zu sein, bringt ein anderes Gefühl mit sich, als wenn die Wettbewerbe um die halbe Welt zu einer für uns völlig schrägen Tages- und Nachtzeit stattfinden. Außerdem ist Italien – wie Frankreich – tatsächlich einigermaßen schnell erreichbar. Wir werden sicherlich zahlreiche deutsche Fans vor Ort sehen.
WELT: Ein anderes Thema haben Sie schon angesprochen: die zerklüfteten Spiele mit fünf Clustern. In dieser Form gab es das noch nie. Für den TV-Zuschauer wird das egal sein, aber für Athleten und Zuschauer vor Ort nicht. Wie kann da abseits von Cortina und vielleicht Mailand, wo immerhin ein paar Sportarten zusammen sind, ein Olympia-Feeling aufkommen? Und selbst dort?
Tabor: Ich bin mir sehr sicher, dass es entsteht. Denn es sind ja fast alles Orte, von denen wir wissen, dass sie als singuläre Orte für Weltcups und Weltmeisterschaften wirklich gut funktionieren. Da wird es olympisches Flair und eine entsprechende Atmosphäre geben.
WELT: Das klingt aber mehr nach einer Ansammlung einzelner Weltmeisterschaften. Olympische Spiele leben ja auch von der Gemeinschaft der Sportarten und Athleten.
Tabor: Das stimmt natürlich. Was für uns auch tatsächlich schwieriger zu organisieren ist, ist dieses gemeinsame Teamgefühl. Und natürlich wäre es wünschenswert, wenn zum Beispiel beide Eishockey-Nationalmannschaften, wenn sie im Viertelfinale, Halbfinale, vielleicht sogar im Finale spielen, auch unterstützt werden könnten von Athleten aus den Berg-Clustern. Das aber wird leider nicht funktionieren. Und das braucht man sich auch nicht schönzureden. Die Wege sind sehr weit. Da wird man Spontanität nicht realisieren können. Was eine gute Idee ist und allen Beteiligten helfen kann, zusätzliches olympisches Flair zu entfachen, sind die vier Standorte für die Eröffnungsfeier.
WELT: Die große Feier wird im San-Siro-Stadion in Mailand sein. In Cortina, Livigno und Predazzo wird es auch Zeremonien geben, die alle miteinander verwoben sein sollen.
Tabor: Eine Neuerung, die dafür sorgt, dass zumindest in der Nähe der meisten Team-Teile eine Eröffnungsfeier stattfindet. Das sorgt dafür, dass auch an Standorten, an denen man in der Vergangenheit nur schwer an einer olympischen Eröffnungsfeier teilnehmen konnte, dies jetzt ginge. Sofern der Wettkampfplan es zulässt.
WELT: Allerdings sind auch sonst Athleten aus den Bergen zur Feier in die Stadt gefahren, wenn es ihr Zeitplan zuließ und es für sie nicht zu viel Stress bedeutete. Sonst lagen ja nie fünf Stunden zwischen den Eis- und den meisten Schneewettbewerben.
Tabor: Das stimmt, aber jetzt hat ein Athlet in Cortina nur einen Weg von vielleicht 20, 30 Minuten. Ich finde die Idee gut. Es ist der Versuch, diesem schwierigen, geografisch zerklüfteten Thema ein Stück weit näherzukommen. Wir hoffen zudem, dass wir mit dem Deutschen Haus auch den Team-D-Gedanken besser hervorbringen können, als es sonst möglich wäre.
WELT: Wobei die Sportler außerhalb Cortinas das Deutsche Haus erst nach ihren Wettbewerben besuchen können. Und dass – wie sonst – der Kombinierer mit den Biathleten am selben Abend dort für seine Medaille gefeiert wird, fällt auch aus.
Tabor: Man kann außerhalb Cortinas nicht am selben Tag entscheiden, heute ins Deutsche Haus zu fahren. Aber vielleicht am nächsten Tag oder sobald man nicht mehr im Wettbewerb ist. Und zumindest können wir unseren Athleten so die Möglichkeit geben, etwas mehr zu erleben als nur den eigenen Wettkampfstandort. Ich finde übrigens auch, dass die beiden olympischen Dörfer in Mailand und Cortina stimmig sind. Das wird gut funktionieren. In Predazzo gibt es auch etwas Ähnliches. Dort kommen zumindest mehr Athleten zusammen als bei Weltcups, sodass es zu einem olympischen Flair beitragen wird. Im Rahmen dessen, was man an Limitierungen hat, ist es das Beste, was man machen kann. Die Entfernungen werden sich deswegen nicht kleinreden lassen. Und dass man es sich kompakter gewünscht hätte, bleibt ein Aspekt, der im Nachhinein beleuchtet werden muss. Dann, wenn man weiß, wie es war. Insgesamt glaube ich, wir werden auf eine Veranstaltung zurückschauen, an die wir uns gerne erinnern.
WELT: Kurz zum Verständnis. Der Hauptgrund für die Entfernungen war, möglichst auf bestehende Sportstätten zurückzugreifen, also Nachhaltigkeit – richtig? Das leuchtet aber nicht bei allen Standorten ein. Zum Beispiel, warum man Alpin der Frauen und Männer getrennt hat.
Tabor: Auch wir haben ein paar Fragezeichen. Als wir die Informationen bekamen, wurde nicht erklärt, was die entscheidenden Argumente waren. Klar ist, dass Olympische Spiele immer auch eine politische Implikation haben. Natürlich geht es den Regionen Norditaliens auch darum, irgendwie sichtbar zu werden und im Idealfall mit einer Sportstätte vertreten zu sein. Auch diese Dinge mögen eine Rolle gespielt haben. Für uns ist und war die entscheidende Frage: Wie gehen wir bestmöglich damit um?
WELT: Abseits der Gemeinschaftsfrage und des Teamgedankens: Was waren Ihre Herausforderungen wegen dieser Zerklüftung?
Tabor: Wie sorgen wir dafür, dass wir optimale Bedingungen für unser Team gewährleisten? Wie verteilen wir unsere Kapazitäten so, dass es auch mit den verfügbaren Akkreditierungen bestmöglich funktioniert? Wie organisieren wir die Logistik? Wir teilen das Problem natürlich mit den anderen großen Nationen, die an allen Standorten vertreten sind. Da sich unsere erfahrenen Wintersportverbände an allen Standorten gut auskennen, sind wir zuversichtlich, es gut hinzukriegen.
Melanie Haack ist Sport-Redakteurin und bei den Olympischen Winterspielen von Mailand/Cortina bereits vor Ort. Für WELT berichtet sie seit 2011 über olympischen Sport, extreme Ausdauer-Abenteuer sowie über Fitness & Gesundheit. Hier finden Sie alle ihre Artikel.
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