„Die Härte meines Vaters hat mir gutgetan. Ich brauchte das“
Er wollte eigentlich Fußball spielen. Auf dem Schulhof im Ruhrgebiet. „Bolzen, rennen, dazugehören“, erzählt Rudi Cerne. Doch für ihn war ein anderer Weg vorgesehen. Einer, der auf blankem Eis begann und im deutschen Fernsehen endete.
Cerne wächst in Wanne-Eickel auf, mitten im Kohlenpott. Er ist das Nesthäkchen in der Familie, deutlich jünger als Bruder und Schwester. Die Eltern sind schon älter, als er geboren wird. „Ich war noch der Nachzügler“, sagt Cerne. „Ein Zufall vielleicht. Aber ich fühlte mich immer als ein absolut gewünschtes Kind.“ Und vor allem: als ein Hoffnungsträger.
Denn der Vater hatte einen Traum. Einen großen. „Er war leidenschaftlicher Eiskunstläufer, lief vor dem Krieg auf Eisbahnen in Dortmund und Essen oder auf zugefrorenen Kanälen im Ruhrgebiet.“ Dann kam der Krieg. Russland. Eine schwere Verwundung. „Ein Bein musste ihm amputiert werden, mit 22 Jahren.“ Die Karriere war vorbei, bevor sie richtig begonnen hatte. Was blieb, war der Traum. Und sein jüngster Sohn.
„In mir hat er im Prinzip seinen Traum mit eiserner Hand und konsequenten Forderungen fortgesetzt“, sagt Cerne. Mit sechs Jahren steht der Junge erstmals auf dem Eis. Freiwillig? Er schüttelt den Kopf. „Eher nicht. Natürlich will ein Junge aus dem Kohlenpott nicht Schlittschuh laufen.“ Aber der Vater ist konsequent. Jeden Tag Training. Nach der Schule ins Auto, eine Stunde Fahrt, eine Stunde zurück. Essen, Krefeld, Köln, Düsseldorf. Autobahnen, Parkplätze, Eisbahnen. „Ich kannte die Autobahnen auswendig.“
Der Vater ist die prägende Figur seiner Kindheit. Hart. Diszipliniert. Emotional zurückhaltend. „Das lief alles über den Sport.“ Umarmungen? Kaum. Applaus? Nie. Der Vater saß auf der Tribüne, die Hände gefaltet. Kam der Sohn von der Kür, hieß es nur: „War in Ordnung.“ Das war das größte Lob.
Rudi Cerne wollte ihn nicht enttäuschen. Nie. Auch nicht, wenn es weh tat. Wenn er stürzte. Wenn Tränen kamen. „Höre jetzt endlich auf zu heulen“, erinnert er sich an Sätze aus der Kindheit. Heute sagt er: „Die Härte meines Vaters hat mir gutgetan. Ich brauchte das.“
Gleichzeitig wächst er in einer Familie auf, die zusammenhält. Bruder und Schwester übernehmen Verantwortung, helfen im elterlichen Malerbetrieb, halten dem Vater den Rücken frei, während der mit Rudi auf dem Eis steht. Die Mutter, eine Österreicherin, sorgt für das familiäre Gleichgewicht. „Und für das leibliche Wohl. Viel österreichische Küche, viele Mehlspeisen. Die Ernährung mit vielen Kohlenhydraten war ideal für den Sport.“
Die Moderation des Sportstudios war Cernes Ziel
Der Erfolg kommt früh. Sehr früh. Doppelsprünge mit neun. NRW-Meister. Juniorensieger. Mit elf deutscher Juniorenmeister in Oberstdorf. Presse. Interviews. „Da lecken Sie Blut“, erinnert sich Rudi Cerne. Der Junge aus Wanne-Eickel wird plötzlich zum kleinen Star im Eiskunstlauf. Und merkt: Das alles macht auch Spaß.
In der Schule läuft es dagegen holprig: „Ich war ein miserabler Schüler.“ Zweimal bleibt er sitzen. Mathematik, Latein waren seine Schwachstellen. Es gibt Druck zu Hause. Der Vater droht: „Wenn du durchs Abitur fällst, schicke ich dich in die Lehre zu einem meiner Kollegen. Dann ist Schluss mit dem Leistungssport.“ Das wirkt. Cerne kämpfte sich durch. „Ich muss dieses Abitur machen.“ Am Ende schafft er es gerade so. „Eine Punktlandung.“ Er lacht.
Der Sport prägt ihn fürs Leben. Das Hinfallen. Das Wiederaufstehen. „Man fällt viel hin, das Eis ist hart, und der ganze Körper tut dir weh.“ Aber Aufgeben ist keine Option. Diese Haltung nimmt er mit. Auch, als seine aktive Laufbahn endet und neue Wege vor ihm liegen.
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Zufällig. Ungeplant. Gespräche. Begegnungen. „Sie können fließend reden, wäre das nichts für Sie?“ Der Satz eines älteren Kollegen, der hängen bleibt. Cerne geht ins Fernsehen. Erst als Experte, dann als Reporter, schließlich als Moderator. Er bleibt ruhig, sachlich, präzise. Einer, der nicht schreit. Einer, der zuhört. Einer, der erklärt. Ruhig und besonnen.
Mit 40 Jahren moderiert er das „aktuelle sportstudio“. Ein Ziel, das er sich gesetzt hatte und auch erreicht. „Diese Sendung war immer mein Traum.“ Leistungssport als Lehrmeister. Disziplin, Hartnäckigkeit, Frustrationstoleranz. „Man muss zeigen, dass man es unbedingt möchte.“
Halt findet er privat früh. Seine Frau lernt er Ende der 70er-Jahre kennen. In einer Zeit, in der sportlich gerade alles wackelt. Eine Verletzung, Zweifel, Stillstand. „Da sind wir uns in einer Kneipe begegnet“, sagt Cerne über diesen Moment. Aus Zufall wird Nähe, aus Nähe Vertrauen und Liebe. Heute sind Rudi und Christiane (64) seit fast 40 Jahren verheiratet. Eine Konstante in einem Leben voller Bewegung. Ohne große Worte, ohne Drama. Verlässlich. Still. Tragend.
Eine weitere besondere Rolle übernimmt seit dem Jahr 2002 „Aktenzeichen XY … Ungelöst“. Wahre Verbrechen. Wahre Schicksale. Öffentlichkeitsfahndung. Cerne weiß um die Bedeutung dieser ZDF-Sendung. „Wir können dem Zuschauer oft gar nichts Neues präsentieren. Es geht um neue Hinweise aus dem Publikum. Um Mitwisser. Und Gerechtigkeit. Vor allem bei alten Fällen.“ Interaktives Fernsehen par excellence. Manchmal melden sich Zeugen erst nach vielen Jahren.
Die Fälle lassen ihn nicht kalt. Vor allem, wenn Kinder betroffen sind. „Das geht mir zu Herzen.“ Manche Namen bleiben für immer in seinem Kopf. Manche Schicksale und ihre Geschichten dazu auch. „Das hat in mir einen anhaltenden Nachhall.“ Und doch weiß er, warum er diese Sendung macht: „Weil sie hilft. Weil sie aufklärt. Weil sie Hoffnung gibt.“
Rudi Cerne ist keiner der Lauten. Keiner der Eitlen. Er geht, wie er selbst sagt, „den Weg des geringsten Widerstands“. Für viele Zuschauer ist er genau deshalb einer der angenehmsten, nettesten Moderatoren im deutschen Fernsehen. Vielleicht, weil er gelernt hat, was es heißt, durchzuhalten. Vielleicht, weil er den Traum seines Vaters gelebt hat. Und vielleicht, weil er weiß: Man fällt im Leben oft. Entscheidend ist nur, dass man wieder aufsteht.
Im Podcast „May Way'“ erzählt Rudi Cerne seine Lebensgeschichte selbst. In dem Format von BILD-Show-Chefin Tanja May geben Prominente regelmäßig spannende Einblicken in ihr Privatleben.
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