„Ich will derjenige sein, der den legendären Max Schmeling endlich mal ablöst“
Im Schwergewichts-Boxen gehört der Deutsche Agit Kabayel (33) zur absoluten Weltspitze. Als Interims-Weltmeister des großen Verbands WBC boxt er am Samstag (18.45 Uhr, DAZN) in der mit 13.000 Fans ausverkauften Rudolf-Weber-Arena in Oberhausen gegen den Polen Damian Knyba (29).
Frage: Herr Kabayel, die Halle war für Ihren Heim-Kampf innerhalb von fünf Tagen ausverkauft.
Agit Kabayel: Das erfüllt mich mit Stolz, und damit hätte ich in 100 Jahren nicht gerechnet.
Frage: Warum nicht?
Kabayel: Es wurde in den letzten Jahren doch immer und überall betont, dass der Boxsport tot sei. Dass das alles nicht mehr funktioniert. Manchmal habe ich das selbst schon geglaubt. Aber das wollte ich nicht wahrhaben. Weil ich weiß, dass in Deutschland viele Menschen an mich glauben.
Frage: Spüren Sie deshalb ein Stück weit Genugtuung?
Kabayel: Ja, zu 100 Prozent. Weil ich gezeigt habe, dass man in Deutschland als Boxer mit Migrationshintergrund nicht mehr seinen Namen ändern muss, um eine große Arena auszuverkaufen.
Frage: Ein weiterer Kampf im Ausland wäre für Sie sicher lukrativer gewesen. Warum haben Sie sich entschieden, wieder in Deutschland zu boxen?
Kabayel: Ich wollte einfach wissen, wie groß der Name Agit Kabayel in Deutschland ist. Kann ich es schaffen, eine große Arena mit Plätzen für mehr als 10.000 Leute zu füllen? Außerdem will ich aktiv bleiben. Ich hatte in den letzten Monaten nicht das Gefühl, dass andere Boxer aus den Top 8 der Welt gerade viel Bock haben, mit mir in den Ring zu steigen. Sie wissen, dass ich ein harter Gegner bin. Deshalb ist jetzt ein guter Zeitpunkt, nach Deutschland zurückzukehren.
Frage: Spüren Sie die Unterstützung der deutschen Box-Szene?
Kabayel: Ja. Leute wie Axel Schulz, Arthur Abraham, Felix Sturm, Henry Maske oder Regina Halmich haben mir in der Vergangenheit immer wieder gut zugesprochen. Das tut immer gut. Besonders, weil sie wissen, wovon sie reden. Was ich schade finde, ist, dass vom deutschen Verband kaum Wertschätzung kommt. Das muss ich akzeptieren. Aber es ist jetzt einfach wichtig, dass wir die Dinge in Deutschland wieder Hand in Hand angehen. Gegeneinanderarbeiten bringt nichts.
Frage: Und wie steht es allgemein um ihren Status als Athlet in Deutschland?
Kabayel: Ich muss das Kind jetzt mal beim Namen nennen. Mein Name ist Menschen in der Sportwelt jetzt zwar ein Begriff, gerade international. Aber ich fühle mich als Top-Sportler in Deutschland nicht akzeptiert.
Frage: Warum nicht?
Kabayel: Wie kann es sein, dass ich in Riad auf der größten Box-Bühne der Welt für Deutschland kämpfe, mich unter den fünf besten Schwergewichtsboxern der Welt etabliere, Interims-Weltmeister werde und kein einziges deutsches Medium außer der „Bild“-Zeitung vor Ort ist? Wenn Leichtathleten, Schwimmer oder Biathleten in ihren Sportarten Weltmeister werden, werden sie als „Sportler des Jahres“ ausgezeichnet und sitzen auf Einladung der Öffentlich-Rechtlichen in gefühlt jeder Sendung. Ich nicht. Ich behaupte, dass ein Boxer mit meinem Erfolg, dafür aber mit einem deutschen Namen, bereits etliche Male in solche Sendungen eingeladen worden wäre. Vielleicht ist der Name Agit Kabayel nicht deutsch genug. In den letzten Jahren wurde ich oft gefragt, ob ich meinen Namen ändern würde.
Frage: Haben Sie ernsthaft darüber nachgedacht?
Kabayel: Nein. Warum auch? Ich bin in Leverkusen geboren, im Ruhrgebiet aufgewachsen, bin hier zur Schule gegangen und habe meine Ausbildung gemacht. Die deutsche Flagge steht neben meinem Namen, wenn ich in den Ring steige. Ich bin diszipliniert und strebe nach Perfektionismus. Ich bin Deutscher. Aber ich bin auch Kurde und stolz auf die Einwanderungsgeschichte meiner Eltern. Ich bin doch kein besserer Deutscher, wenn ich diese Wurzeln mit einer Namensänderung kaschiere.
Frage: Welchen Wunsch haben Sie?
Kabayel: Wir müssen einfach anfangen, toleranter zu werden. Schluss mit diesem Schubladen-Denken. Verstehen Sie mich nicht falsch, es gibt viele tolerante Menschen. Aber es sollte mit Blick auf die Bewertung und Wertschätzung der sportlichen Leistung in Deutschland keinen Unterschied machen, ob man einen Migrationshintergrund hat oder nicht. Wenn alle Menschen verstehen, dass auch ein Junge mit kurdischen Wurzeln für Deutschland in den Ring steigen kann, dann kann das den Boxsport in unserem Land revolutionieren.
Frage: Weltmeister zu werden würde dabei sicher zusätzlich helfen.
Kabayel: Wahrscheinlich, ja. Es wird Zeit, dass ein Deutscher endlich wieder Weltmeister im Schwergewicht wird. Ich will derjenige sein, der den legendären Max Schmeling endlich mal ablöst.
Das Interview wurde für das Sport-Kompetenzcenter (WELT, „Bild“, „Sport Bild“) erstellt und zuerst in der „Sport Bild“ veröffentlicht.
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