„Manchmal bin ich auf dem Feld ein Arschloch“
Es weht ein scharfer Wind rund um die Berliner Max-Schmeling-Halle, als Mathias Gidsel zwei Minuten vor dem verabredeten Termin zum Treffen erscheint. Ein gutes Timing zeigt der 26 Jahre alte Däne auch regelmäßig in seinen Duellen auf dem Feld, wo er für die Gegner mit seinem rasanten Spielstil nur selten zu packen ist. Zweimal ist er bereits Welthandballer geworden und im vergangenen Sommer auch Meister mit den Füchsen Berlin. Im exklusiven Interview zieht er eine Zwischenbilanz und blickt auf die am kommenden Donnerstag startende Europameisterschaft.
WELT AM SONNTAG: Herr Gidsel, ein Grund für Ihren Wechsel zu den Füchsen war der Umstand, dass Sie sich in Ihrer Heimat als absoluter Star nicht mehr frei bewegen konnten. Können Sie in Berlin immer noch unerkannt einen Kaffee trinken und unbeschwert durch die Straßen schlendern?
Mathias Gidsel: Das hat sich ein bisschen geändert. Viele Leute wissen inzwischen, dass die Füchse sehr gut Handball spielen und nun auch deutscher Meister sind. Trotzdem kann ich in Berlin immer noch unerkannt durch die Straßen gehen – was für mich perfekt ist, weil ich so absolut ruhig und frei in meinem Kopf bleiben kann. Das ist in Dänemark nicht mehr möglich. Deswegen fühle ich mich nach wie vor extrem wohl in der Hauptstadt.
WAMS: Wo wohnen Sie?
Gidsel: In Prenzlauer Berg. Zusammen mit meiner Freundin und unserem Hund.
WAMS: Füchse-Geschäftsführer Bob Hanning hat Sie als den Michael Jordan des Handballs bezeichnet, weil Sie die Sportart noch einmal auf ein anderes Level gehoben haben. Was sagen Sie zu solchen Vergleichen?
Gidsel: Ich habe Michael Jordan nicht mehr als aktiven Spieler erlebt. Aber ich weiß natürlich, wie er das Spiel im Basketball verändert hat und wie wichtig er damals war. Deswegen bin ich natürlich stolz, wenn ich so einen Vergleich höre – und dann noch von meinem eigenen Geschäftsführer. Aber ich sehe mich selbst nicht als Jordan des Handballs. Meine Mitspieler ziehen mich zwar öfter mal beim Training mit dem Jordan-Spruch auf und machen Witze darüber. Aber manchmal bin ich auf dem Feld auch ein Arschloch. Ich trainiere immer extrem hart und fordere das auch von meinen Kollegen ein. Alles, was ich sage, mache ich immer selbst vor und gehe voran.
WAMS: Was sich Hanning und der inzwischen entlassene Sportvorstand Stefan Kretzschmar bei Ihrer Verpflichtung versprochen haben, ist voll aufgegangen: Mit Ihnen sind die Füchse ein absolutes Spitzenteam geworden. Haben sich auch Ihre Wünsche seit Ihrem Wechsel 2022 von Gudme nach Berlin komplett erfüllt?
Gidsel: Wir sind weit über dem, was ich mir damals erhofft habe. Der Wechsel war für einen Dänen nicht normal. Eigentlich gehen wir nur zu zwei norddeutschen Vereinen: nach Flensburg oder Kiel. Nicht so weit weg von der Heimat. Aber ich habe etwas anderes probiert. Ich wollte zu einer Mannschaft, die noch nie deutscher Meister war und mit der ich etwas ganz Großes erreichen kann. Ich hatte zwischendurch aber viele Zweifel daran, ob wir das tatsächlich schaffen können. Das war vielleicht ein bisschen naiv von mir. Die Bundesliga ist extrem schwierig und hat im SC Magdeburg gerade eine der besten Mannschaften in der gesamten Bundesliga-Geschichte. Deswegen war ich auch so froh, dass wir im letzten Jahr Meister geworden sind und ich vorher zum zweiten Mal zum Welthandballer gewählt wurde. Diese Stabilität hat mich selbst auch überrascht. Und deshalb kann ich sagen, dass ich mit dem Wechsel alles richtig gemacht habe.
WAMS: Wie würden Sie selbst Ihren Spielstil beschreiben?
Gidsel: Sehr dynamisch, sehr schnell und auch ein bisschen clever. Wobei die Leute manchmal sagen: zu clever. Aber ich versuche immer neue Lösungen zu finden und mich selbst weiterzuentwickeln. Ich habe den Vorteil, dass das gesamte Handballspiel heute extrem schnell geworden ist. Kleinere Spieler haben im heutigen Handball einen Vorteil. Vor zehn Jahren war das im Rückraum noch so: mindestens zwei Meter groß und 120 Kilogramm schwer – sonst hatte man keine Chance.
WAMS: Sie sind 1,90 Meter groß und wiegen 89 Kilogramm.
Gidsel: Ja, damit habe ich andere Voraussetzungen. Das macht es für mich ein bisschen einfacher. Und noch etwas treibt mich an.
WAMS: Was?
Gidsel: Ich akzeptiere kein schlechtes Spiel von mir. Ich absolviere jedes Jahr 90 Spiele mit den Füchsen und der Nationalmannschaft. Und ich will 90 gute Spiele machen, weil ich weiß, dass viele Leute hierherkommen und viel Geld für Eintrittskarten zahlen. Und viele tragen mein Trikot mit der Nummer 19. Deswegen fühle ich eine Riesenverantwortung, immer das Beste zu geben. Und ich versuche auch im mentalen Bereich zu arbeiten – mehr als alle anderen. Meine größte Stärke ist inzwischen die Stabilität: Ich kann zwei Spiele pro Woche auf hohem Niveau bestreiten. Das hat – bei allem Respekt – Mikkel Hansen, mein alter Kumpel aus der Nationalmannschaft, zum Beispiel in Paris nicht hingekriegt.
WAMS: Merken Sie inzwischen, dass sich komplette Abwehrreihen besser auf Ihren Spielstil eingestellt haben? Müssen Sie noch mehr machen, um mit Ihrer Art der schnellen Durchbrüche zum Kreis erfolgreich zu sein?
Gidsel: Ja! Ich werde manchmal auf meiner Seite gedoppelt, dann gibt es aber mehr Platz für meine Mitspieler. Deswegen haben zum Beispiel Lasse Andersson und Tim Freihöfer zuletzt extrem viele Tore gemacht. Ich will immer in den ersten zehn Minuten eines Spiels sehen, was der Gegner priorisiert. Wird auf meiner Seite verdichtet? Spüre ich extreme Gegenwehr? Dann muss ich neue Lösungen finden. Das ist auch das Schöne am Handball und macht mir extrem viel Spaß.
WAMS: Sie haben Ihren Vertrag bei den Füchsen bis 2029 verlängert – in der „Darterei“, eine Kneipe in Weißensee, die von einem meiner Kollegen mitbetrieben wird. Wie kam es dazu?
Gidsel: Eigentlich spiele ich nicht so viel Darts. Das war eine Idee unserer Geschäftsstelle. Ich habe „Dup, Dup“ als Song, wenn ich ein Tor mache. Das hört man auch oft beim Darts. Deswegen haben sie bei uns im Verein gedacht, dass es gut sei, die Vertragsverlängerung in der „Darterei“ zu machen.
WAMS: Sind Sie Dartsfan?
Gidsel: Nein. Wir haben zwar eine Dartsscheibe zuhause an der Wand hängen, aber da sind auch viele Treffer neben der Scheibe zu erkennen. Ich bin da nicht so gut drin.
WAMS: Nach der Vertragsverlängerung hieß es, die Füchse wollen auch weiter um Sie herum Weltklassespieler verpflichten. Das passiert gerade: Simon Pytlick kommt spätestens 2027 aus Flensburg nach Berlin, Barcelonas Star Dika Mem auch. Das wäre dann vermutlich zusammen mit Ihnen der beste Rückraum auf diesem Planeten.
Gidsel: Meine Verlängerung war ein klares Signal an die gesamte Handballwelt, dass wir in Berlin eine starke Weiterentwicklung betreiben wollen. Ich mag auch die Idee von Bob, dass er junge Talente immer mit absoluten Topstars kombinieren will. Wenn ich zum Beispiel sehe, welche Entwicklung Nils Lichtlein bei uns genommen hat, gibt mir das extrem viel. Und wenn ich hier demnächst mit Simon Pytlick und Dika Mem zusammenspiele, wäre das der beste Rückraum der Welt.
WAMS: Und Sie würden dann von Halbrechts auf die Spielmacherposition wechseln, um Platz für Mem zu schaffen?
Gidsel: Wir sind noch nicht so weit, um alles auf dem Taktikboard zu entwerfen. Aber das wäre sicher eine Möglichkeit. Auch in der Nationalmannschaft ist es der Plan, dass ich zukünftig mehr auf der Mitte spielen soll.
WAMS: Das ist eine gute Überleitung: Lassen Sie uns auf die Europameisterschaft blicken. Dieser Titel ist einer der wenigen, der Ihnen in Ihrer Sammlung noch fehlt.
Gidsel: Ja, das stimmt. Aber es tut ein bisschen weh, wenn Sie das so sagen. Wir waren zweimal ganz knapp dran: 2024 Zweiter, 2022 Dritter. Jetzt haben wir die Möglichkeit, diesen Titel endlich zu holen. Und das zuhause vor unseren Fans. Wir sind zwar viermal in Folge Weltmeister geworden, aber wir haben leider nicht die Europameisterschaft gewonnen. Der letzte Titel liegt 16 Jahre zurück – und das für ein Land wie Dänemark, wo Handball die absolute Nummer eins ist.
WAMS: Ich mache den Job auch schon eine ganze Weile, aber ich habe noch nie eine Handball-Mannschaft gesehen, die so stark und dominant ist wie die dänische derzeit. Geht es Ihnen genauso?
Gidsel: Momentan haben wir eine unfassbare Mannschaft, mit der wir eigentlich alle Titel holen müssen, die es zu gewinnen gibt. Das ist auch die Botschaft, wenn wir Spieler untereinander reden. Denn wir wissen nicht, wie lange wir in dieser Konstellation noch zusammenspielen können. Und wir haben jetzt natürlich eine Riesenmöglichkeit im Januar.
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WAMS: Wie ist es gelungen, ein Team zusammenzustellen, das selbst in der zweiten Besetzung noch um den EM-Titel mitspielen würde?
Gidsel: Das liegt an unserer Kultur. Sowohl im Land, wo Handball für die meisten Leute, die Sport treiben wollen, die Nummer eins ist, als auch in der unserer Nationalmannschaft. Dort kommen alle sehr gern hin. Das ist wie eine große Familie. Wir genießen die gemeinsame Zeit vor den Turnieren immer sehr, obwohl wir steinhart trainieren. Bei der deutschen Mannschaft hört man öfter mal, dass es für einige sehr hart ist ein paar Wochen weg von ihrer Familie und von zuhause zu sein. Das ist bei uns nicht der Fall.
WAMS: Ihr Trainer in der Nationalmannschaft, Nikolaj Jacobsen, hat mal gesagt, dass der Hauptunterschied in der Talentförderung darin bestehe, dass in Dänemark ständig die Hallen geöffnet sind und Kinder dort trainieren können, wann immer sie wollen. In Deutschland dagegen bekommt man noch nicht einmal als Verein genügend Hallenzeiten zugeteilt.
Gidsel: Ich wusste gar nicht, dass es diese Probleme in Deutschland gibt. Aber Nikolaj hat recht. Ich komme aus einem kleinen Dorf in Dänemark mit 8000 Einwohnern: Skjern. Aber es gab dort vier Hallen, in die wir als Kinder gehen und Handball spielen konnten. Die waren immer offen. Manchmal mussten wir nur den Hausmeister fragen, ob er uns Licht anmachen kann. Wir haben unfassbar viele Stunden dort verbracht, wenn die Schule aus war. Und das bedeutet natürlich etwas, wenn du schon als kleiner Junge Technik und Ballgefühl ständig verbessern kannst.
WAMS: Bei der EM könnte es in der Hauptrunde in Herning zum Duell Ihrer Heimat gegen Ihre Wahlheimat kommen. Zuletzt musste die deutsche Nationalmannschaft zwei heftige Pleiten einstecken: 26:39 im olympischen Finale 2024, 30:40 bei der WM vor einem Jahr. Was muss passieren, damit Sie und Ihre Kollegen dem deutschen Team nicht erneut eine Lehrstunde erteilen?
Gidsel: Das größte Problem für die deutsche Nationalmannschaft besteht darin, dass unser gesamtes Team in der Bundesliga spielt. Duelle mit Deutschland sind für uns immer das Größte. Unser Fokus ist immer zu einhundert Prozent vorhanden. Ich finde allerdings nicht, dass der Unterschied zwischen beiden Mannschaften so deutlich ist, wie es die letzten zwei Spiele vom Ergebnis her gezeigt haben.
WAMS: Wirklich?
Gidsel: Ja, da kommen gerade extrem viele junge Spieler wie Marko Grgic, Renars Uscins oder Nils Lichtlein mit sehr guter Qualität nach. Sie haben eine tolle Zukunft vor sich. Gerade bei einer Europameisterschaft, wo jede Niederlage in der Hauptrunde schon das Aus bedeuten kann, sind Mannschaften mit jungen Spielern immer sehr gefährlich. Wir haben einen Riesenrespekt vor Deutschland. Zusammen mit Frankreich und uns sind sie der Topfavorit auf den Titelgewinn. Auch wenn gerade Medien in Deutschland oft behaupten, dass wir unschlagbar sind. Denn das stimmt nicht. Wir sind auch nur Menschen.
Zur Person
Mathias Gidsel, Welthandballer: Der am 8. Februar 1999 in Skern geborene Däne zog bereits im Alter von 15 Jahren aus seinem Elternhaus aus, um eine Handballschule im 210 Kilometer entfernten Oure besuchen zu können. Mit 18 feierte der 1,90 Meter große Linkshänder sein Profidebüt für den Spitzenklub Gudme, mit 23 wechselte er in die Bundesliga zu den Füchsen Berlin. Seine Erfolgsliste ist beeindruckend: dreimal Weltmeister, zweimal Welthandballer, einmal Olympiasieger, zudem Meister mit Gudme und Berlin. In der Saison 2024/25 stellte er mit 275 Feldtoren einen Bundesligarekord auf.
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