Die Ansagen sind meist kurz und prägnant. „Fünf Minuten noch“, spricht der Mann in das Mikrofon seines Headsets. Kurz darauf folgt das nächste Kommando: „Sag Katha: ohne Werbung.“

Katha ist in diesem Fall Katharina Kleinfeldt, die für Sport1 als Moderatorin aus London durch die Darts-Weltmeisterschaft führt. Und der Mann am Mikrofon heißt Moritz Blume. Der 37-Jährige ist Produktionsleiter und damit eine dieser Personen, die in der Öffentlichkeit niemand kennt, ohne die aber nichts funktionieren würde. Seit Dezember 2004 überträgt Sport1 die Darts-WM, und Blume ist seit Ende des Jahres 2013 in London dabei.

Es gab Jahre, da war er der einzige Mitarbeiter, der tatsächlich im Alexandra Palace vor Ort war, Interviews im Off führte, schnitt, schaltete, dirigierte, machte. Früher allein, mittlerweile im Team. Mit dem Wachstum des Sports und steigenden Zuschauerinteresses erhöhte der Sender über die Jahre sukzessive seinen Personalaufwand.

Auch die Gesichter vor der Kamera veränderten sich, doch Blume zog und zieht im Ally Pally verlässlich die Strippen, damit das Produkt bei den Zuschauern in gewohnter Qualität ankommt. Sascha Bandermann war der erste Moderator, der die Zuschauer täglich aus der Spielstätte begrüßte. Auf ihn folgte Hartwig Thöne, dann Jana Wosnitza, und seit zwei Jahren meldet sich Katharina Kleinfeldt um den Jahreswechsel von der WM. Mannschaftskapitän bis heute: Blume.

Unter allein sportlichen Gesichtspunkten ist Max Hopp Deutschlands WM-Rekordteilnehmer. Der 29-Jährige feierte bei der aktuellen Austragung sein Comeback. Nach fünf Jahren Abstinenz war Hopp zum neunten Mal dabei. Gabriel Clemens konnte sich achtmal qualifizieren, Martin Schindler war siebenmal am Start.

Nimmt man Hopps drei Jahre hinzu, in denen er als Experte für Sport1 gemeinsam mit Blume im Ally Pally arbeitete, kommt er auf insgesamt zwölf Teilnahmen. Kein deutscher PDC-Mitarbeiter, Journalist, Techniker oder Security-Mitarbeiter schaffte das häufiger – bis auf Blume. An diesem Wochenende endet seine 13. WM in Folge.

Blume kam über ein Praktikum zum Darts

Bei Hopps erster Weltmeisterschaft 2013 war Blume noch nicht dabei, hatte im Jahr zuvor gerade mal seinen ersten Berührungspunkt mit Darts. Als Sport1-Praktikant war er bei der WM 2012 dafür zuständig, das letzte Leg des Finales hochzuladen: Adrian Lewis gegen Andy Hamilton. „Ich hatte wirklich null Ahnung. Lewis Hamilton? Der fährt doch Formel 1?!“

Blume studierte nach dem Abitur Betriebswirtschaftslehre mit Schwerpunkt Sportmanagement „und war ein klassisches Fußballkind“, wie er ergänzt. Überhaupt hatten die Inhalte seines Studiums eigentlich nichts mit seinem heutigen Job zu tun. Das Filmen und Schneiden brachte er sich zu Schulzeiten selbst bei. Blume begleitete Theateraufführungen und Skifreizeiten mit der Kamera. Früher brannte er seine Arbeiten für Mitschüler und Freunde auf CDs, heute schauen Millionen am TV zu.

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Nach seinen ersten Darts-Erfahrungen bei der WM 2012 produzierte er im folgenden Jahr den Darts-Adventskalender, mit dem Sport1 seine Zuschauer auf die WM einstimmte: Highlight-Clips mit Neun-Dartern, Klassikern und kuriosen Szenen der Vergangenheit. Die Reichweite war noch weit vom Niveau heute entfernt, doch die Aufmerksamkeit wuchs auch damals schon stetig, wie auch Blume bemerkte. „Es musste etwas Frisches her. Ich bin dann zu Elmar und habe ihn gefragt, was man machen könne.“

Elmar Paulke war seit der ersten Übertragung der Kommentator im deutschen TV, und gemeinsam entwickelte das Duo eine Idee: die Road to Ally Pally. Mit einem Bulli fuhren sie im Dezember 2013 durch Europa, besuchten Spieler und Experten, um auf der letzten Etappe dann am Alexandra Palace in London anzukommen.

„Elmar ist gefahren und hat die Spieler abtelefoniert. Ich saß auf dem Beifahrersitz und habe dabei die Beiträge geschnitten. Wir versuchten, so viele Spieler wie möglich abzuklappern“, sagt Blume. Das Duo traf die Stars auf Exhibitions und klingelte bei ihnen zu Hause an der Tür.

„Bei Peter Wright durften wir sogar übernachten. Er und seine Frau Joanne veranstalteten eine kleine Christmas Party für uns“, erzählt er und erinnert sich vor allem an einen Moment: „Ich spielte im Wohnzimmer Darts gegen ein Familienmitglied, als Peter vorbeischaute. Ich hatte 143 Punkte Rest und bat Peter eher im Scherz, ob er kurz auschecken könne. Er nahm meine Pfeile, stellte sich hin und finishte. Lustiger Abend.“ Einen Schreck gab es beim Treffen mit James Wade, als sie mit ihrem Bulli hinter dem Engländer fuhren und in einen Unfall verwickelt wurden.

Blume ist ein guter Zeitzeuge, wenn es um das Wachstum im Dartsport geht. Er hat die wilden Zeiten miterlebt und Pionierarbeit geleistet. Die Clips, die sie im Dezember 2013 bei Facebook veröffentlichten, kamen bei den Zuschauern so gut an, dass im Sender spontan entschieden wurde, daraus kurzfristig eine einstündige Dokumentation fürs Fernsehen zu machen. „Als wir in London ankamen, hat Elmar dann noch Beiträge auf dem Klo vertont. Ich habe es nachts geschnitten und morgens um 5 Uhr auf eine Festplatte gespielt. Die war noch warm, als Elmar damit zum Flughafen fuhr“, so Blume.

Als Jana Wosnitza aus dem Flur der Mutter interviewte

Während Paulke die WM anschließend aus München am Mikrofon begleitete, blieb Blume allein in London. Der Kommentator war in den frühen Jahren nur an seinen freien Montagen im Ally Pally, wenn bei Sport1 das Montagsspiel der Zweiten Liga lief. Die zeitgleich stattfindenden WM-Duelle wurden nicht übertragen.

Heute undenkbar. 150 Stunden sendet Sport1 während der gut drei Wochen aus dem Alexandra Palace. Der Zuschauer verpasst keinen Pfeil.

Einmal allerdings musste auch Blume zu Hause bleiben. Als im Corona-Dezember 2020 die Information vom Lockdown die Runde machte, bauten Blume und Moderatorin Wosnitza in Rekordzeit ihr kleines Studio ab, verstauten das Equipment in Blumes Bulli und schafften es gerade noch mit dem letzten Zug durch den Euro-Tunnel von der Insel.

Als die WM dann nach den Weihnachtstagen fortgesetzt wurde, saß Blume im heimischen Keller und bastelte eine Verbindung nach London zusammen. Wosnitza war aus dem Wohnungsflur ihrer Mutter zugeschaltet, während die Spieler vor einem Laptop im Alexandra Palace Platz nahmen.

„Das war wirklich wild. Und hatte natürlich auch Tücken. Da Jana vorbildlich alle Mitteilungsdienste an ihrem Handy ausgeschaltet hatte, fiel uns während der ersten Schalte auf, dass wir gar keine Verbindung zu ihr hatten. Wir konnten ihr dann nicht mitteilen, wann das Interview vorbei sein sollte“, sagt Blume und legt ein breites Grinsen auf: „Sie machte dann sieben statt der üblichen drei Minuten, weil sie von uns kein Kommando bekam. Seitdem habe ich die Handynummer von Janas Mutter in meinem Handy, die dann bei den weiteren Interviews quasi zur Ablaufredakteurin wurde.“

Wenn man sich mit seinen Kollegen unterhält, loben alle Blumes Erfahrung, seine Ruhe und Flexibilität. Und mittlerweile profitieren eine Menge Leute von seiner Expertise. Wenn am Samstagabend das Finale steigt, sind die Münchner mit zehn Mitarbeitern vor Ort. Seit Weihnachten komplettieren die Kommentatoren Basti Schwele und Robert Marijanovic das bis dahin acht Personen umfassende Team.

„Es ist über die Jahre immer mehr geworden. Mittlerweile nehmen wir sogar die Online-Kollegen mit“, sagt er, der neben der Produktionsleitung auch die redaktionelle Verantwortung für den Sendungsablauf trägt.

Passend zur XXL-WM mit erstmals 128 Teilnehmern und einer Million Pfund Preisgeld rüstete auch Blume auf. Erstmals blieb der Bulli im Dezember zu Hause. Er reiste stattdessen mit Auto und Anhänger an. Blume hat ihn selbst zu einem eigenen Ü-Wagen ausgebaut. Zwischen den großen Trucks der britischen Sky-Kollegen fällt er zwar kaum auf, doch das Innenleben mit moderner Streamingtechnik kann sich sehen lassen. Ein Schmuckkästchen.

Hier sitzt Blumen an seinem Pult mit Tastatur und leuchtenden Knöpfen, unzählige Kabel stecken in kleinen und größeren Geräten, und an der Längsseite zeigen fünf große Bildschirme verschiedene Ausschnitte von Bühne, Ally Pally und dem Sport1-Interviewbereich.

Der Stolz auf sein kleines Technik-Reich ist ihm trotz der ihm typischen Bescheidenheit anzumerken. Ein Funkeln in den Augen ist ansonsten nur erkennbar, wenn er erzählt, wie er mal den großen Phil Taylor vor der Kamera interviewte.

Ein Leben vor der Kamera kam für ihn jedoch nie infrage. Er kenne seine Stärken und Schwächen: „Ich hatte nie das Gefühl, dass ich da Experte genug bin, um vor die Kamera zu gehören“, winkt er ab. Er fühlt sich in seiner Rolle wohl und freut sich, dass er nach dem Endspiel diesmal nichts zusammenpacken muss. Es ist ja alles abreisefertig in seinem Anhänger. Dort, wo der deutsche Rekordteilnehmer nahezu unbemerkt seine WM verbringt.

Wenn Lutz Wöckener nicht gerade irgendeinen Sport im Selbstversuch ausprobiert, schreibt er über Darts und Sportpolitik, manchmal aber auch Abseitiges wie Fußball.

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