Er schwamm mit Delfinen, Haien und gebrochener Nase – Waschburger vor Vollendung
Es ist stockfinster, als Andreas Waschburger um 4.40 Uhr Ortszeit ins Wasser springt, um seinen Rekordversuch zu starten. Der Extremschwimmer will den Kaiwi-Kanal als schnellster Mensch der Geschichte durchqueren – die Strecke zwischen den Hawaii-Inseln Molokai und Oahu ist 44 Kilometer lang. Doch das Vorhaben droht zu scheitern, bevor es so richtig beginnt. Ehefrau Jasmin, die auf einem Begleitboot sitzt, hört plötzlich einen Schrei ihres Mannes. „Was ist los?“, fragt sie.
Als Waschburger kraulend aus der Dunkelheit im Wasser auftaucht, ruft er: „Ich glaube, ich habe mir die Nase gebrochen.“ An seiner Stirn klafft eine Wunde. Es fließt Blut. Beim Einstieg von einem Felsen ins Meer hatte ihn die Strömung auf einen Stein gezogen. „Lasst mich schwimmen, das ist Zeit“, ruft Waschburger Richtung Begleitboot und fängt an zu kraulen.
Über diesen Moment sagt der 38 Jahre alte Extremsportler heute zu WELT AM SONNTAG: „Wenn ich das Rennen nicht beendet hätte, dann wäre es das gewesen mit meiner Mission.“ Denn der Kaiwi-Kanal war für Waschburger erst das zweite Teilstück der sogenannten „Ocean’s Seven“, einer siebenteiligen Herausforderung im Langstreckenschwimmen, die als Äquivalent zu den „Seven Summits“ der Bergsteiger – die Besteigung der höchsten Gipfel aller sieben Kontinente – gilt. Hier sind es allerdings sieben Schwimm-Abenteuer zwischen 14 und 44 Kilometern auf fünf Kontinenten. 36 Menschen haben diese Ausdauer-Mission bisher gemeistert, darunter die Deutschen André Wiersig und Nathalie Pohl.
Waschburger will nun derjenige sein, der die schnellste jemals erzielte Gesamtzeit aufstellt. Sechs der sieben Schwimmstrecken hat er mittlerweile bewältigt und ist auf dem besten Weg, sein Ziel zu erreichen und sich in die Geschichtsbücher einzutragen.
„Infrage gestellt, ob ich es wirklich durchziehen soll“
Auch, weil er sich an jenem Tag vor etwa einem Jahr im Kaiwi-Kanal tapfer durchkämpfte – trotz gebrochener Nase, diese Diagnose erhielt er später im Krankenhaus. „Ich kann nicht überall einen zweiten Versuch starten. Wir sind fast 30 Stunden angereist, und das alles kostet zu viel Geld“, sagt Waschburger. Allein für das Begleitboot werden 8000 Euro fällig. Die Strapazen aber wurden belohnt. Waschburger durchschwamm den Kaiwi-Kanal in der Weltrekordzeit von 9:55:10 Stunden und pulverisierte damit die alte Bestmarke des Ungarn Attila Mányoki um mehr als zwei Stunden.
Zuvor hatte er bereits den Ärmelkanal-Weltrekord geknackt, benötigte für die 32,31 Kilometer lange Strecke zwischen Dover und Cap Gris Nez in der Nähe von Calais 6:45:25 Stunden und war damit zehn Minuten schneller als der Australier Trent Grimsey. Kurz vorher allerdings hatte ihn ein Schicksalsschlag ereilt, der sein Ausdauerprojekt ins Wanken gebracht hatte: seine Mutter war gestorben. „Da habe ich kurz infrage gestellt, ob ich es wirklich durchziehen soll“, erzählt er. Zumal in dieser Phase ein Feuerwehrmann bei dem Versuch, den Ärmelkanal zu durchqueren, sein Leben verloren hatte.
Heute, knapp zwei Jahre nach dem Rekord im Ärmelkanal und ein Jahr nach der Durchquerung zwischen den Hawaii-Inseln, steht Waschburger vor der Vollendung der „Ocean’s Seven“. Er hat die Cookstraße in Neuseeland durchschwommen (26 Kilometer) und ist vom afrikanischen Festland durch die Straße von Gibraltar nach Europa gekrault (14 Kilometer). Japans Meerenge, die an der kürzesten Stelle nur 20 Kilometer breit ist, durchquerte der Saarländer in 8:43:21 Stunden, weil die Strecke wegen starker Strömungen auf mehr als das Doppelte anwuchs. Um nicht ständig nur gegenanzuschwimmen, nahm er auch Umwege in Kauf: am Ende waren es 45 Kilometer. „Das ging mir nach sieben Stunden nur noch auf die Nerven“, erzählt Waschburger.
Er hörte Delfine, ein Hai berührte ihn
Die sechste und bisher letzte Etappe führte ihn durch den Catalina-Kanal zur kalifornischen Küste. „Die knapp 34 Kilometer bin ich komplett im Dunkeln geschwommen und habe häufiger irgendwelche Tiere unter mir gesehen. Ich konnte Delfine hören und habe auch einen Hai gesehen, der mich am Fuß berührt hat“, berichtet Waschburger.
Nun soll das letzte und wohl härteste Kapitel seiner Schwimm-Mission folgen: der Nordkanal zwischen Nordirland und Schottland. 34,5 Kilometer und äußerst kaltes Wasser erwarten den Extremschwimmer. Aktuell liegen die Temperaturen bei 12 bis 14 Grad Celsius – wäre dies ein Freiwasser-Weltcup, würden die Athleten Neoprenanzüge tragen. Waschburger jedoch schwimmt in Badehose. Mit Freiwasser-Weltcups aber kennt sich der Mann aus Saarbrücken ebenfalls aus. Er gehörte zur deutschen Nationalmannschaft, startete 2012 bei den Olympischen Spielen, dazu bei Weltmeisterschaften und gewann EM-Silber über fünf sowie zehn Kilometer.
Später zog es ihn in extremere Gefilde, seit zwei Jahren sogar zum Eisschwimmen, das sich international längst organisiert hat. Für die Wettkämpfe bei Wassertemperaturen von unter 5 Grad Celsius wird auch mal ein Schwimmbecken in einen zugefrorenen See geschlagen. Neoprenanzüge? Verboten. In diesem Jahr sicherte sich Waschburger WM-Gold im Eisschwimmen über 500 und 1000 Meter – in gewisser Weise eine perfekte Vorbereitung für den Nordkanal. Der ist zwar deutlich länger, aber immerhin auch gut zehn Grad wärmer. Dennoch: „Ich bin froh, wenn es zu Ende ist“, sagt er.
„Warum tust du dir das an?“
Der Weltrekord für die schnellste Gesamtzeit aller „Ocean’s Seven“-Schwimmer ist ihm kaum noch zu nehmen – trotz der Extra-Kilometer in Japans Meerenge. Seine aktuelle Zwischenbilanz: 41 Stunden und 24 Minuten. Damit liegt er knapp 21 Stunden unter dem bisherigen Rekord von Andy Donaldson (63:02:09 Stunden). Der Schotte durchschwamm alle sieben Etappen in nur einem Jahr, brauchte dabei für den Nordkanal etwas mehr als neun Stunden. Waschburger könnte nun also knapp zwölf Stunden mehr benötigen als sein Rekord-Konkurrent und würde dennoch die Bestmarke knacken.
Wann der finale Versuch steigt, ist aktuell noch unklar. Das Zeitfenster der „Irish Long Distance Swimming Association“ ist seit Freitag für genau eine Woche geöffnet. Die häufigste Frage, die der 38-Jährige vor seinen Schwimm-Etappen und auch in diesen Tagen immer wieder gestellt bekommt, lautet: „Warum tust du dir das an?“ Eine richtige Antwort hat der Kommissar, der Teil der Sportfördergruppe der Saarländischen Polizei ist, noch nicht gefunden. Er erklärt nur: „Die Gedanken, warum ich mir das selbst antue, sind schon manchmal da.“
Die Einsamkeit im Wasser und die Monotonie des stundenlangen Schwimmens sind für Waschburger allerdings kein Problem. „Ich denke eigentlich immer nur an das Ziel“, sagt er: „Ich habe keine speziellen Gedanken im Kopf oder singe auch nicht unter Wasser, um mir die Zeit zu vertreiben. Ich beobachte sehr viel. Vor allem, was auf dem Boot passiert.“ Im Ärmelkanal, so erzählt er lachend, habe er seiner Frau gesagt, dass sie nicht so viel am Handy hängen solle.
Sie und Trainer Jan Wolfgarten, der bei der Kurzbahn-EM 2009 in Istanbul Gold über 1500 Meter Freistil gewann, sind für „Waschi“, wie ihn Familie und Freunde nennen, die wichtigsten Kontaktpersonen. Sie regeln auch die Verpflegung. Während des Schwimmens nimmt Waschburger im 20-Minuten-Takt 200 Milliliter Flüssignahrung zu sich. Pro Stunde gibt es rund 80 Gramm Kohlenhydrate – Profi-Radsportler nehmen während einer Etappe bei der Tour de France eine ähnliche Menge zu sich. Auf einer Strecke der „Ocean’s Seven“ verbrennt Waschburger bis zu 10.000 Kalorien.
Die gesamte Mission ist nicht nur herausfordernd, sondern kostet auch rund 250.000 Euro. Ohne seinen Hauptsponsor „Hylo Sport“, der die Kosten übernommen hat, wäre es nicht möglich gewesen. Und auch nach der Vollendung der „Ocean’s Seven“ soll nicht Schluss sein mit der Rekordjagd. „Die Triple Crown ist ein weiterer Traum von mir“, sagt Waschburger. Neben dem Ärmel- und Catalina-Kanal, die Waschburger bereits erledigt hat, gehört dazu noch das „20 Bridges Swim“ um den New Yorker Stadtbezirk Manhattan. Die Strecke führt unter den 20 Brücken hindurch, die die Insel mit der Stadt verbinden. Aber erst mal steht die Vollendung der Ocean’s Seven an.
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