Der deutsche EM-Star, der das Rampenlicht scheut
Eigentlich ist Alan Ibrahimagic "nur" Assistenztrainer beim amtierenden Basketball-Weltmeister. Dann muss er plötzlich den erkrankten Cheftrainer Alex Mumbru an der Seitenlinie ersetzen. Und rückt so, nicht ganz freiwillig, in den öffentlichen Mittelpunkt - mehr als ihm lieb ist.
Er wirkt immer ein bisschen so, als wäre ihm die extra Aufmerksamkeit, die ihm plötzlich zuteil geworden ist, ein Dorn im Auge. Denn eigentlich ist Alan Ibrahimagic "nur" einer der Assistenten im Trainerstab des aktuellen Basketball-Weltmeisters, der gerade in Gruppe B dieser EuroBasket ums Weiterkommen nach Riga kämpft. Und sich bisher in absoluter Top-Verfassung präsentiert.
Mit zwei überragenden Siegen aus den ersten zwei Spielen ist Deutschland in dieses Turnier gestartet. Dem 106:76 gegen Montenegro am Mittwoch folgte heute ein ebenso deutlicher 105:83 "Blowout" gegen Schweden. Ibrahimagic übernahm in dieser Woche für den plötzlich schwer erkrankten Head Coach Alex Mumbru an der Seitenlinie - und wird ihn dort noch eine ganze Weile ersetzen müssen. Während der Spanier sich in einem laut DBB "exzellent geführten" Hospital in Tampere "bestens versorgt" bereits auf dem Weg der Besserung befinde, wird er mindestens für den Rest dieser Woche, eventuell sogar für die gesamte Vorrundenphase ausfallen.
Das scheint, zumindest für den Moment, auf Spielfluss und angsteinflößende Effektivität der deutschen Truppe keinen negativen Einfluss zu haben. Die rollte, unter der kompetenten Leitung ihres Interimstrainers, nach gemächlichem Beginn gegen Montenegro zu drei dominanten Halbzeiten in Folge. Schweden bekam die Nummer drei der FIBA-Weltrangliste nie in den Griff.
Bereits zur Pause hatte Schwarz-Rot-Gold 59 Punkte erzielt - neuer persönlicher Europameisterschaftsrekord in der ersten Halbzeit. Am Ende knallten Dennis Schröder (23 Zähler), Franz Wagner (21) & Co. zum zweiten Mal in Folge 100 Punkte oder mehr auf die Anzeigetafel - es war das erste Mal seit Kroatien 1993, dass das irgendeinem Team in den ersten beiden Partien einer EM gelungen war.
Mit dem Nachwuchs gewinnt Ibrahimagic fast alles
Einen seiner "absoluten Lieblingsmenschen" nennt Nationalspieler Moritz Wagner, der sich derzeit in den USA von einem Kreuzbandriss im Knie erholt und an seinem Comeback arbeitet, Coach Ibrahimagic. "Er hat ein super Gefühl für Beziehungen und Teamdynamiken. Einfach Top-Level, sowohl als Coach als auch als Mensch", attestiert ihm der Big Man von Orlando Magic, der seinem Team sportlich fehlt, aber als Experte für MagentaSport weiterhin nahe am Geschehen ist.
Ibrahimagic, der im ehemaligen Jugoslawien geboren wurde, kam mit 14 Jahren nach Deutschland, spielte für den TuS Lichterfelde in der 2. Bundesliga und lebte anschließend drei Jahre in Australien, wo er auch die Staatsbürgerschaft erwarb, ehe er 2001 nach Berlin zurückkehrte. Nach Stationen als Assistent unter dem späteren Weltmeistertrainer Gordon Herbert bei Alba Berlin und John Patrick in Ludwigsburg wurde er 2013 hauptamtlicher Jugend-Bundestrainer beim Deutschen Basketball Bund.
Seither ist sein Name untrennbar mit den jüngsten Erfolgen im männlichen Nachwuchs-Basketball verbunden: 2017 belegte er als Head Coach mit der U19-Nationalmannschaft den 5. Platz bei der WM; 2018 gewann er mit der U18 das legendäre Albert-Schweitzer-Turnier; 2019 holte er Bronze bei der U20-EM. Vergangenen Sommer führte er den DBB zur U18-EM-Goldmedaille. Vor knapp zwei Monaten verpasste er um ein Haar die Sensation gegen die Vereinigten Staaten im Endspiel der U19-WM, Deutschland holte Silber.
Ibrahimagic "will gar nicht so im Mittelpunkt stehen"
Viele der Protagonisten, die hauptverantwortlich für die beste Ära in der Geschichte des deutschen Basketballs sind, kamen und gingen durch die Hände von Ibrahimagic. "Alan ist ein sehr unaufgeregter Typ, der jetzt schon viele Jahre im Coaching tätig ist. Der liebt Basketball, schaut alles, kennt den deutschen Basketball in- und auswendig", sagt Jan Jagla, mit 141 Einsätzen einer der Rekordnationalspieler beim DBB und heute Direktor einer Firma, die sich mit Basketball beschäftigt. "Er hat einen sehr nüchternen, sachlichen Blick auf alles, steht am liebsten in der Halle und arbeitet mit den Jungs. Er macht einfach seinen Job und ist glücklich damit. Jemand, der den Sport liebt und lebt. Er will gar nicht so im Mittelpunkt stehen, das ganze Drumherum ist nicht so sein Ding."
"Es war bisher so ein kleiner Mix aus allem", fasst Ibrahimagic den Wirbel in dieser Woche zusammen. "Sportlich kenne ich die Lage ganz gut, weil ich das seit Jahren bei Jugendturnieren mitmache. Persönlich ist es hingegen ziemlich schwierig für mich. Ich bin ein Assistent, wir warten von Spiel zu Spiel darauf, dass unser Head Coach zurückkommt. Das ist nicht einfach, und wir versuchen hier unser Bestes. Ich habe aber großes Glück, dass ich mich so auf meine Spieler verlassen kann. Eine unfassbare Truppe, menschlich und spielerisch. Ihre Erfahrung, ihr Zusammenhalt, ihre Erfolge in den letzten Jahren, all das macht es für mich und den gesamten Trainerstab viel einfacher, sonst wäre das schon eine ziemlich schwierige Aufgabe."
Schwedens Barra Njie, der bei Schröders Klub Löwen Braunschweig in der BBL auf Korbjagd geht, analysierte nach der Partie: "Es ist immer hart gegen Deutschland zu spielen, sie haben ihren patentierten Spielstil, egal gegen wen sie antreten. Sie sind enorm konstant, in jeder Partie, unabhängig vom Gegner. Sie sind nicht von ungefähr Weltmeister."
Jetzt wartet die Prüfung Litauen
Währenddessen pries sein Trainer Mikko Riipinen die Qualitäten der deutschen Truppe: "Du darfst dir keine Fehler leisten. Sie haben keine erkennbaren Schwächen. Sie sind ein sehr komplettes Basketball-Team. Erstens die Art, wie das Team gebaut ist. Sie haben so viel Qualität auf Guard dank Schröder und auf dem Flügel dank Wagner, aber auch unter dem Korb. Alle Großen können passen und schießen. Zweitens das System und die Konstanz, die sie etabliert haben. Sowohl, was die Taktik auf dem Parkett angeht, als auch die Verfügbarkeit aller Schlüsselspieler, Jahr für Jahr. Wirklich eine Inspiration für uns in Schweden und für ganz Basketball-Europa."
Zwei Spiele, zwei Siege. Jetzt folgt, bereits am Samstag, der erste richtige Härtetest: die bisher ebenfalls ungeschlagenen Litauer (Live bei RTL und auf RTL+ ab 12 Uhr). Nicht nur der bei internationalen Turnieren stets produktive NBA-Veteran Jonas Valanciunas, sondern vor allem die laut Ibrahimagic tiefen Rotationen und exzellente Teamchemie werden eine echte Herausforderung sein. Dass der Trainerstar wider Willen auch diesen Test bestehen wird, daran zweifelt in Tampere niemand. Auch wenn der 47-Jährige bereits die Tage zählt, bis er wieder in den Schatten zurückkehren kann.
"Wir machen das hier als Gruppe, wir sind eine geschlossene Einheit. Wir kommunizieren permanent mit Alex, vor und nach den Spielen, er schaut sich natürlich jedes Duell an, studiert alle Gegner. Er ist also stark involviert, bis auf die Partien selbst in der Halle. Unsere Teamärzte und alle Assistenten besuchen ihn regelmäßig im Krankenhaus, schauen wie es ihm geht. Hoffentlich dauert das alles nicht mehr lange, und er ist bald wieder da."
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