„Das Handy macht irre bequem“
Der Reisejournalist und Verleger Johannes Klaus („Reisedepeschen“), 45, aus Berlin, hat sich vor ein paar Jahren bewusst dafür entschieden, auf seinen Reisen durch die Welt sein Handy ausgeschaltet zu lassen. Die Rückkehr ins Analoge hat seine Wahrnehmung wieder verändert. In „Handy aus, Welt an“ beschreibt er, was das Reisen ohne ständigen digitalen Ratgeber und Informationsquelle mühsam macht – aber auch, was man dadurch gewinnt.
WELT: Seit praktisch jeder Mensch ein Smartphone hat, ist die Art, wie wir durch die Welt navigieren, eine komplett andere geworden. Was hat Sie motiviert, wieder wie vor 20 Jahren zu reisen – ohne Smartphone – und darüber zu schreiben?
Johannes Klaus: Bis 2012, 2013 bin ich, wie die meisten, ohne Handy gereist. Ich bin sehr viel gereist, auch lange. Seitdem, vor allem auch mit Familie und Kindern, wurde das Handy auch auf Reisen Teil des Alltags. Vor ein paar Jahren begann es, dass ich dachte: Irgendetwas fehlt. Irgendwas ist anders. Solange die Kinder noch klein waren, konnte ich mir auch nicht vorstellen, die Handynutzung unterwegs komplett einzustellen. Aber seit sie groß genug sind, sie sind 8 und 10, wollte ich wieder ausprobieren, wie das Reisen ohne Handy geht.
WELT: Geht es überhaupt noch ohne?
Klaus: In manchen Fällen nicht. Für manche Flüge kann man nur noch online einchecken, für manche Ferienwohnungen gibt es nur noch digitale Zugangscodes. Wenn man sich verlaufen hat in einer Gegend, in der niemand ist, den man fragen kann, wäre es fahrlässig, kein Handy dabei zu haben. Ich hatte daher immer eines für Notfälle dabei, es aber immer ausgeschaltet. Wir hatten uns auch als Familie vorgenommen, es wirklich nur dann zu benutzen, wenn es gar nicht anders geht.
WELT: Was sind die Erkenntnisse? Was fehlte Ihnen? Was haben Sie dazugewonnen?
Klaus: Das Handy ist ein großer, verführerischer Gleichmacher. Sehr hilfreich. Sehr bequem – gerade wenn man wenig Zeit hat an einem Ort. Unendlich nützlich für Flüge, Bahn-, Bus- oder Fährverbindungen. Das Handy macht aber auch irre bequem. Man hat sofort Bewertungen für alles vor Augen. Man hat Fotos vom Hotelzimmer, vom Buffet am Morgen, genaue Bewertungen von Restaurants, Cafés und dem Strand vor Ort. Dadurch neigen alle dazu, das Gleiche zu machen. Was verloren geht, ist die Möglichkeit, überrascht zu werden. Sich die innere Offenheit für das zu bewahren, was ein Ort alles bieten kann. Der eigene Blick, die Lust, etwas zu entdecken, was eventuell noch nicht bewertet ist. Oder falsch bewertet.
WELT: Die Gleichmacherei durch stetige Verfügbarkeit der Informationen macht aber nicht nur etwas mit den Reisenden, sondern auch mit den Orten, wie Sie schreiben. Was meinen Sie genau?
Klaus: Gewisse Cafés oder Läden sehen heute einfach überall auf der Welt gleich aus, um nur ein Beispiel zu nennen. Das kann man durch die eigene Nutzung des Smartphones nicht verändern. Es ist eine Begleiterscheinung der Globalisierung, dass sich Erfolgskonzepte schnell herumsprechen und diese dann sehr schnell kopiert werden. Das ist nicht unbedingt immer schlecht, es sind ja auch schöne Dinge dabei. Aber es steht natürlich der Einzigartigkeit eines Ortes im Weg. Deshalb wird es in meinen Augen immer wichtiger, Offenheit und echte Neugierde mitzubringen, etwas anderes entdecken zu wollen. In die Seitenstraßen reinzugehen, einfach mal zu gucken, was es noch gibt, wo es nett aussieht, sich überraschen zu lassen – und dazu eben nicht nur seinem Handy und TripAdvisor zu folgen.
Johannes KlausWELT: Um es konkreter zu machen: Welche Reisen haben Sie gemacht, ohne ein Handy zu nutzen?
Klaus: Wir waren – ein gutes Beispiel für den sanften Einstieg ins Thema – als Familie im Sommer in Georgien. Von Berlin aus sind wir mit Zug und Bus dorthin gereist. In der EU hat man die ganze Zeit sowieso Internet. Da haben wir das Handy auch ab und an genutzt. Aber ab der Türkei und dann in Georgien haben wir komplett darauf verzichtet. In den Städten, in denen wir unterwegs waren, oder in der Natur hat das Handy einfach gar keine Rolle mehr gespielt. Wir hatten, weil wir auch mit Kindern unterwegs waren, schon ein paar Sachen vorrecherchiert, etwa, wo wir als Nächstes hinreisen wollten und wie man dort am besten hinkommt. Aber wir haben das Handy in der Unterkunft gelassen und ließen die Städte und Gegenden auf uns wirken. Das fand ich eine schöne Zwischenlösung: Wir haben es uns nicht unglaublich kompliziert gemacht, uns aber trotzdem ziemlich unabgelenkt auf das Land eingelassen.
WELT: Welche Vorteile sehen Sie darin, das Handy auszulassen? Und wo liegen die Herausforderungen?
Klaus: Das Herausforderndste war für mich – ich bin ein eher schüchterner Mensch –, tatsächlich wieder auf andere Menschen zugehen zu müssen. Und das auch, wenn man fast keine gemeinsame Sprache hat, um an die Informationen zu kommen, die man gerade braucht. Das war für mich erst mal eine Hürde. Je öfter man es aber tut, desto einfacher wird es und desto mehr kommt auch zurück, weil man eine positive Ausstrahlung bekommt. Man strahlt mehr aus.
WELT: Welche Erfahrungen hätten Sie mit Handy nie gemacht auf Ihren Reisen?
Klaus: Ich war etwa allein unterwegs in Bosnien, bin dort in einem kleinen Ort gestrandet, weil ich nicht wusste, dass der Bus dort ein paar Stunden Aufenthalt haben würde. Ich hatte ein Handy dabei, aber es war tief im Rucksack vergraben. Ich bin also vollkommen unvorbereitet an diesem Ort ausgestiegen, durch die Straßen geschlendert und habe auf mich wirken lassen, was ich sah und roch. Ich bin dann einem Geruch gefolgt und so in einen Hinterhof gelangt, wo gerade gekocht wurde. Das war schon eine Art Restaurant, aber sehr, sehr, sehr basic. Ich habe dort ein fantastisches Essen bekommen, einfach zwei Stunden an einem Tisch gesessen, ein paar Skizzen in mein Notizbuch gemacht. Obwohl ich mit den Leuten dort nicht reden konnte, war trotzdem eine Verbindung da. Ein Merkmal des Reisens ohne Smartphone ist auch, dass man sich nicht ablenken und auch keine Kopfhörer aufsetzen kann, um sich von der Welt abzuschirmen. Je weniger Möglichkeiten zum Abschirmen es gibt, desto mehr bekommt man von den Menschen um einen herum mit. Das sind Begegnungen, die gar nicht wahnsinnig spektakulär sind, mir von einer Reise aber im Gedächtnis bleiben – ohne dass man eine Top-Ten-Liste daraus machen könnte.
WELT: Wie genau gehen Sie vor Ort vor, wenn Sie kein Handy nutzen?
Klaus: Es kommt stark darauf an, wohin die Reise führt. Wenn man eine klare Vorstellung hat, wann man wohin reisen will, dann ist es natürlich sinnvoll, sich zumindest für die ersten Tage ein Hotel vorab zu organisieren und sich eine Route zu überlegen. In dem Fall ist es dann praktisch, sich die wichtigsten Informationen auszudrucken: Karten, Fahrpläne, die Hoteladresse. Wenn man die Schrift des Landes nicht lesen kann, dann ist das sowieso wichtig – für Taxifahrer etwa. Und ich rate immer, einen heute vergessenen und unterschätzten Ort aufzusuchen: das Tourismusbüro. Es gibt diese Büros aber immer noch überall auf der Welt. Man kann sich dort beraten lassen, die Leute kennen sich aus in ihrem kleinen Bereich. Und dann empfehle ich noch den guten alten Reiseführer. Es muss auch gar nicht der neueste sein, oft sind die alten sogar besser. Bei einem Reiseführer kommt es weniger darauf an, dass man jetzt die besten Cafés oder Hotels findet, als darauf, dass er mir ein Gefühl für den Ort vermittelt.
WELT: Und ist es anders, wenn man mit der Familie auf Reisen ist? Jugendliche verstehen gewöhnlich wenig Spaß, wenn man ihnen das Smartphone entzieht …
Klaus: Meine Kinder sind noch nicht in dem Alter, in dem sie ein eigenes Smartphone haben. Das wird dann noch einmal eine ganz andere Herausforderung. Aber auch so ist es natürlich mit kleinen Kindern manchmal wichtiger, schnell eine Lösung zu finden, etwas zu essen etwa, oder einen Spielplatz. Aus Dogmatismus komplett auf ein Handy zu verzichten, das wäre Quatsch.
WELT: Ein Satz von Ihnen lautet: „Reisen ohne Smartphone ist kein Test, den man besteht oder nicht.“
Klaus: Es geht jedenfalls nicht um eine Challenge. Ich würde daraus nie eine ideologische Frage machen. Ein Handy ist ein Werkzeug, man muss es nicht künstlich komplett wegzaubern, aber man sollte sich immer wieder fragen, ob es in einem bestimmten Moment wirklich notwendig ist oder nicht einfach nur bequem. Die Versuchung ist mit einem Handy ja immer da, auch wenn sie bei jedem unterschiedlich groß ist. Manche freuen sich auch, wenn sie einen Tag lang kein Smartphone anfassen müssen. Ich gehöre nicht dazu. Ich bin jemand, der das sehr schnell in die Hand nimmt und sehr viel benutzt. Deswegen wurde mir das Thema, glaube ich, auch so wichtig: Ich bin selbst ein „Betroffener“.
WELT: Es geht Ihnen aber nicht um Verzicht?
Klaus: Nein, es geht um Verantwortung. Man delegiert auch als Individualtourist heute sehr schnell die Verantwortung – etwa an die Portale, die irgendwas bewerten. Und man traut sich gar nicht mehr, eine Erfahrung selbst zu machen, eine eigene Entscheidung zu treffen. Jetzt etwa dieses Restaurant auszuprobieren, ohne nachzuschauen, ob nicht drei Straßen weiter etwas Cooleres sein könnte. Wenn man aber das Gefühl hat: „Sieht gut aus, interessant, könnte mich interessieren!“, dann sollte man den Mut haben, sich des eigenen Verstandes zu bedienen und seinem Urteil zu trauen. Und dabei auch in Kauf nehmen, dass man sich auch mal irrt.
WELT: Es scheint sich dabei um eine Art des Reisens zu handeln, die nicht für jeden gemacht ist.
Klaus: Das stimmt. Ich glaube, es gehört schon eine gewisse Sehnsucht dazu, etwas zu erleben, was über das hinausgeht, was man in Top-10-Listen findet – und einem direkt angeboten wird, wenn man die entsprechenden Apps öffnet. Man sollte auch ein bisschen mehr Zeit für diese Art des Reisens mitbringen. Wenn man die hat – es lohnt sich.
Johannes Klaus, „Handy aus, Welt an“, Reisedepeschen Verlag, 160 Seiten, 20 Euro.
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