240 Kilometer Gemütlichkeit – der Altmühlradweg bietet aber noch mehr
Am Bahnhof von Rothenburg ob der Tauber beginnt der Altmühltal-Radweg – und verlangt gleich eine Entscheidung: Will man die intakteste historische Stadt Deutschlands erst einmal so ausführlich besichtigen, wie sie es verdient hätte, oder sie einfach links liegen lassen?
Weil sich auch ohne uns genug Menschen in den mittelalterlichen Gassen tummeln, verlassen wir das steingewordene Mittelalter durch das Galgentor. Der Altmühl-Radweg ist nicht nur einer der beliebtesten seiner Art in Deutschland, sondern auch einer der gemütlichsten.
Mit knapp 120 Metern Gefälle bis zur Mündung in die Donau rollt man auf dem fast ebenen Radweg quasi unmerklich bergab. Gut 240 entspannte Radkilometer entlang der Altmühl liegen vor uns – das sind fünf Tagestouren durch ein Tal, das zu den ursprünglichsten Flusslandschaften des Landes gehört.
Die erste große Überraschung erwartet uns am Abend: Ornbau, die fünftkleinste Stadt Bayerns, im 15. Jahrhundert zum Festungsbollwerk ausgebaut, ist eine unentdeckte Perle. Das mittelalterliche Ortsbild ist intakt und das dazugehörige Brückenensemble einzigartig. Innerhalb der gut erhaltenen Stadtmauer wirkt nichts museal inszeniert. Ein Rothenburg im Miniaturformat, das bisher von internationalen Touristenscharen verschont wird.
Ein 1200 Jahre alter Graben
Es folgt Gunzenhausen, das nicht nur einen Badesee und ein hübsches Ortsbild sein Eigen nennt, sondern auch die Grundmauern zweier römischer Wachtürme. Noch präsenter ist die Antike aber in Weißenburg, wohin uns ein Ausflugstipp verschlagen hat. Ein kleiner Umweg, der sich als unbedingt lohnend erweist.
Denn auch hier lockt eine bezaubernde Altstadt ohne Andrang. Bei der Besichtigung der römischen Thermenanlage sind wir am nächsten Morgen sogar ganz allein. Natürlich werfen wir auch einen Blick ins Römermuseum, wo der Tempelschatz zu besichtigen ist, den die Römer im dritten Jahrhundert vor den anrückenden Alemannen versteckt hatten. Ein Weißenburger Lehrer hatte ihn 1979 bei der Gartenarbeit gefunden.
Der Rückweg zur Altmühl führt durch eine andere Epoche der europäischen Frühgeschichte: Karl der Große ließ hier anno 793 einen Kanal ausheben, der das Flusssystem des Rheins mit dem der Donau verbinden sollte. Offenbar wollten die Karolinger eine Reihe künstlicher Weiher anlegen und die Kähne über hölzerne Rampen von einem in den anderen hinaufziehen.
Einige Historiker vermuten allerdings, dass die „Fossa Carolina“, wenn überhaupt, nur kurze Zeit in Gebrauch war. „Was die Werksleute tagsüber an Erde aushoben, das fiel des Nachts wieder in sich zusammen“, lautet die lakonische Notiz in den „Lorscher Annalen“, der altehrwürdigen Chronik des fränkischen Großreichs.
Nicht die unvorstellbaren Mengen an Erde, die bewegt werden mussten, sondern die wasserreichen Sandböden ließen das größte Verkehrsprojekt des Mittelalters scheitern. Trotzdem sind wir schwer beeindruckt: Wann schaut man schon mal in einen 1200 Jahre alten Graben?
Wo der Archaeopteryx gefunden wurde
Mittlerweile sind wir im Naturpark Altmühltal angekommen, in seinem Gründungsjahr 1969 der größte der Republik. Hier wartet das romantische Landschaftsbild, auf das wir uns gefreut hatten. Das Tal ist nun enger, die Hänge werden steiler, die Dörfer pittoresker. Zudem wandert der Blick immer wieder hinauf zu markanten Felsformationen und spektakulären Burganlagen. Dass man auch auf den dahinterliegenden Hochflächen riesige Löcher in die Landschaft gegraben hat, ist von hier unten nicht zu erkennen.
Schon die Römer hatten rund um Solnhofen Sedimentgestein abgebaut und zu Boden-, Wand- und Dachplatten verarbeitet. Nachdem 1796 das Steindruckverfahren, die Lithografie, erfunden wurde, sollen in den Steinbrüchen des Ortes mehr als 4000 Arbeiter in Lohn und Brot gewesen sein.
Weltweit bekannt ist Solnhofen aber wegen seiner Fossilienfunde: Das 1861 entdeckte Urvogelskelett des Archaeopteryx galt auch deshalb als Sensation, weil es Darwins kurz zuvor aufgestellte Hypothese von der Entstehungsgeschichte der Arten bestätigte. Das dazugehörige Museum präsentiert zahllose paläontologische Spitzenfunde von vor 150 Millionen Jahren. Wer sich dafür keine Zeit nimmt, verpasst etwas.
Kurz nach Dietfurt kommt Wehmut auf
Ab hier bilden Landschaft und Radweg ein harmonisches Gesamtkunstwerk. Statt auf einer überdimensionierten Radlerautobahn sind wir über weite Strecken auf behaglichen Naturwegen unterwegs, auf denen heller Feinsplitt unter den Reifen knirscht.
Das Tal präsentiert sich dem Auge ganz so wie früher – ohne Neubausiedlungen und Straßengeflechte. Dass der bescheidene Ausbaustand gewollt ist, erfahren wir am Nachmittag im schönen Eichstätt. „Eine durchgängige Asphaltierung würde der Route ihren besonderen Reiz nehmen“, sagt Christoph Würflein, touristischer Geschäftsführer des Naturparks.
Auf Kalkfelsen errichtet: Burg Prunn bei Riedenburg, an der man auf der letzten Tagesetappe vorbeikommtBeim 1979 eingerichteten und damit einem der ältesten Radfernwege habe der Fokus von Anfang an auf Naturnähe gelegen – was sich durchaus als Erfolgsrezept erwiesen hat. Die heute entlang der großen Flüsse üblichen Asphaltwege fehlen, stattdessen: Steine und Schotter.
„Zur Altmühllandschaft passen nun mal am besten Oberflächen aus lokalem Jurakalk“, sagt Christoph Würflein. „Wenngleich man stellenweise asphaltieren musste, wo es die Verkehrssicherheit erfordert.“ Aber eben nur dort. Tatsächlich lässt es sich auf dem Feinschotter gut und gemütlich fahren. Ginge es stundenlang auf einem breiten Asphaltband dahin, käme sicherlich bald Langeweile auf.
Wie lange die Naturparkverwaltung ihr bewusst unzeitgemäßes Konzept noch verteidigen kann, ist jedoch ungewiss. Nicht, weil man sich die aufwändigere Wegpflege nicht mehr leisten könnte, sondern weil sich eine ganz neue Geldquelle aufgetan hat: Seit 2025 unterstützt die bayerische Landesregierung erstmals auch „touristische“ Radwege – solche, die nicht straßenbegleitend und damit auch kein Teil eines auf Zeitersparnis angelegten Verkehrssystems sind. In Zeiten knapper Kassen könnte der eine oder andere Bürgermeister bald schwach werden, da das Land für die Asphaltierung 80 Prozent der Investitionssumme beisteuert – freilich auf Kosten des Landschaftsbildes.
Kurz nach Dietfurt kommt Wehmut auf: Wir sind zwar nach wie vor im Altmühltal, aber der bisher dahinschlängelnde Fluss verschwindet hier im Main-Donau-Kanal. Begradigt, vertieft, verbreitert. Dieser 34 Kilometer lange Abschnitt wurde für die Großschifffahrt ausgebaut und 1992 freigegeben.
Das befürchtete Stimmungstief bleibt aber aus: Die schnurgerade Wasserstraße hat sich nicht nur längst in die Landschaft integriert, sondern wird auch von damals extra angelegten zahllosen Tümpeln und erhaltenen Altarmen begleitet. Unter dem Druck der Naturschutzverbände waren damals diese Ausgleichsmaßnahmen ausgehandelt worden, die an anderen künstlichen Wasserstraßen leider selten sind.
In Kelheim, dem Endpunkt der Radreise durch das Altmühltal, herrscht wieder der Trubel, den wir in den vergangenen Tagen so gar nicht vermisst hatten. Hier nämlich legen die Ausflugsschiffe ab, die durch den spektakulären Donaudurchbruch zum Kloster Weltenburg fahren.
Zum Kelheimer Besuchsprogramm gehört auch der Aufstieg zu der hoch über der Altmühlmündung thronenden Befreiungshalle, einem sehenswerten Mammutbau, mit dem die Bayern den Sieg über Napoleon feierten.
Wegmarke aus der Geschichte der Flussschifffahrt: Schleuse am LudwigskanalFast immer übersehen wird allerdings ein weiteres Relikt aus der Geschichte der Flussschifffahrt: Mit einem archaischen Hafenbecken und der letzten von insgesamt 100 Schleusen endete hier der Donau-Main-Kanal, den Bayernkönig Ludwig I. zwischen 1836 und 1846 erbauen ließ – ein ehrgeiziges Großprojekt, das krachend scheiterte.
Die 170 Kilometer lange Wasserstraße hatte nicht nur durch die Eisenbahn übermächtige Konkurrenz bekommen. Die viereinhalb Meter breiten Schleusenkammern waren auch viel zu schmal gebaut für die inzwischen größer gewordenen Frachtschiffe. So bleibt das Altmühltal trotz Kanälen ein ganz besonderes Ziel für Radwanderer.
Tipps und Informationen:
Wie kommt man hin? Rothenburg ob der Tauber erreicht man mit der Regionalbahn von Würzburg in 70 Minuten, Umsteigen in Steinach.
Wo wohnt man gut? Weißenburg: „Hotel Goldene Rose“, Doppelzimmer ab 99 Euro (hotel-rose.online). Eichstätt: „Braugasthof Trompete“, Doppelzimmer und Frühstück ab 80 Euro (braugasthof-trompete.de). Beilngries: „Hotel Gams“, Doppelzimmer und Frühstück ab 164 Euro (hotel-gams.de). Kelheim: „Weißes Lamm“, 130 Euro (weisses-lamm-kelheim.de); Regensburg: „Hotel Roter Hahn“, Doppelzimmer ab 105 Euro (roter-hahn.com).
Nicht verpassen: Bürgermeister Müller-Museum Sonthofen (Fossilienfunde, solnhofen.de), Römische Thermen und Römermuseum in Weißenburg (museen-weissenburg.de), Römerkastell bei Pfünz (vetoniana.de), Bajuwaren- u. Römermuseum in Kipfenberg (bajuwaren-kipfenberg.de)
Weitere Infos: altmuehlradweg.de, naturpark-altmuehltal.de
Haftungsausschluss: Das Urheberrecht dieses Artikels liegt bei seinem ursprünglichen Autor. Der Zweck dieses Artikels besteht in der erneuten Veröffentlichung zu ausschließlich Informationszwecken und stellt keine Anlageberatung dar. Sollten dennoch Verstöße vorliegen, nehmen Sie bitte umgehend Kontakt mit uns auf. Korrektur Oder wir werden Maßnahmen zur Löschung ergreifen. Danke