Nachts sind bekanntlich alle Katzen grau. Doch mit einem Wärmebild wird Nachbars Katze auf der schwarzen Wiese bunt: Orangerot leuchten Augen, Tatzen und Näschen.

Ihre Silhouette schimmert gelbgrün, Herz und Lunge unter ihrem Fell glühen wegen der hohen Körpertemperatur rot, während sie im Stockdunkeln vor dem Mäuseloch im Gras lauert. Wenn man so viel Geduld aufbringt wie die jagende Katze, fokussiert das Wärmebild-Monokular aufs Mäuseloch mit einem blinkenden Kreuz, sobald sich die Maus als kleine Kugel hervorwagt.

Und das auf gut 30 bis 50 Meter. Ohne Licht und Lärm. Man kann dabei auch gleich ein Video drehen. Wow! Was für eine Nacht-Safari.

Die Nacht wird dank bester Outdoor-Technologie zum Tage – und plötzlich hat man den vollen Durchblick. Das hat durchaus Suchtpotenzial.

Leuchtende Igel im Reisighaufen, ein schlafender Piepmatz im Baum, Wildschweine wuseln durchs Schilf am See, und eine Kuh erkennt man 300 Meter entfernt auf dem Feld. Alles nachts enttarnt.

Der Wärmebildsensor, ob im handlichen Monokular, als Brille, Fernglas oder Smartphone-Aufsatz, am besten kombiniert mit Infrarot-Restlichtverstärker, erspäht quasi alles im Dunkeln. Das, was Outdoorfans unterwegs mit bloßem Auge nie erkennen könnten.

So funktioniert das Wärmebild

Warum aber sieht man mit Wärmebild, obwohl es stockdunkel oder neblig in der Dämmerung ist? Es macht Temperaturunterschiede sichtbar und funktioniert wie ein Auge, das Wärme statt Licht sieht. Eine spezielle Linse erstellt aus den Temperaturunterschieden ein Bild aus Farben. Das kennt man aus der Thermografie, wenn man sich mal die schlecht gedämmte Hausfassade anschaut.

Je kühler die Umgebung, desto besser: Dann leuchtet der brunftende Hirsch auf 150 Meter wie angestrahlt, obwohl er davon auf dem Feld nichts mitbekommt. Sein Geweih und die Läufe leuchten grün, die Nase gelb und der Pinsel rot.

Wärmebild und Infrarot statt herkömmlichem Fernglas und Stirnlampe, das ist in der technikaffinen Outdoor-Community ein ganz großer Trend. Die ersten Wildnis-Anbieter haben darauf reagiert – vom südlichen Afrika über Schottland bis in die USA.

Geführte Nachtsafaris

Beliebt sind geführte Safaris mit Wärmebild und Restlichtverstärker, also ohne Tiere mit Scheinwerfern, wie früher üblich, zu blenden und aufzuscheuchen, sondern aus gebührender Entfernung zu beobachten. Wie etwa die „Thermal Night Safaris“ in Südafrika, unter anderem bei Africamps und Tintswalo Collection, in Tansania bei Grumeti Hills in der Serengeti oder auch in Botswana bei Yellowzebra Safaris.

In den USA gibt es besonders viele Angebote für Wärmelicht-Wanderungen durch die nachts angenehm kühle Sedona-Wüste Arizonas, etwa bei Trail Lovers oder Sedona Hiking Guides.

Auch in den schottischen Highlands bieten die ersten Hotels solche Nachtsafaris für ihre Gäste an: Etwa das Royal Golf Hotel in Dornoch. Die geführten Touren werden von Connell Outdoor Pursuits durchgeführt, der in Schottland als Pionier für geführte Nacht-Safaris mit Wärmebildtechnik gilt, ausgerüstet mit hochsensiblen Monokularen mit einer Reichweite bis zu 1000 Meter.

In Deutschland gibt es bisher leider nur spärliche Angebote, mal im Zoo von Stuttgart, aber kaum in der Natur: Die Chemnitzer Fotografin Anne Lindner etwa zeigt mit einer Wärmebildkamera auf Waldtouren, was die Wildtiere in der Nacht so treiben (ran-an-den-fuchs.de), und auch der Fledermaus-Experte Michael Hewing aus Münster bietet Wanderungen mit Nachtsichtgeräten an (wildlife-muenster.de).

Gefürchteter „Fliegenschiss-Effekt“

Natürlich kann man auch ganz für sich Tiere in der Natur tracken, von Wanderwegen aus oder am Feldrand stehend. Allerdings sollte man nicht beim Gehen Wärmebild nutzen, sondern nur in Beobachtungspausen. Und auf Hochsitze achten: Da sitzt auch gern mal ein Jäger mit Wärmebild-Glas.

Der Nachteil für Wanderer: Wärmebild beeinträchtigt das periphere Sehen mit einem „Tunnelblick“ und die Tiefenwahrnehmung. Es liefert nur ein zweidimensionales Bild. Unebenheiten, Stolperfallen wie Wurzeln oder Löcher sind dann extrem schwer einzuschätzen. Deshalb sollte man nur in Beobachtungspausen das Gerät nutzen, also nur im Stehen, nicht beim Laufen.

Wildschwein voraus: Unterwegs auf Pirsch mit Wärmebildkamera

Auch das Einschätzen von Größenverhältnissen bleibt heikel: Das nennt man den „Fliegenschiss-Effekt“: Ein kleiner, heißer Punkt in der Ferne kann auf dem Display genauso groß wirken wie ein lauwarmer, riesiger Gegenstand in der Nähe.

Das führt auch mal zu bizarren Verwechslungen: So will ein Jäger neulich nachts mit seiner Wärmebildkamera in der Nähe des Münchner Flughafens einen Puma gesichtet haben – trotz Großalarm fand man nichts, und die Polizei hat die Suche eingestellt. Vielleicht war es bloß Nachbars Katze.

Inzwischen gibt es freilich auch für normale Outdoor-Fans All-in-One-Lösungen, digitale Ferngläser mit integriertem Infrarot-Aufheller, Wärmebild und Kamera. Der Restlichtverstärker ermöglicht dem Nutzer, seine Umgebung dreidimensional wahrzunehmen.

Je leistungsstärker, desto kostspieliger. Ab ungefähr 5000 bis 6000 Euro ist man dabei, auch wenn es günstigere Einstiegsmodelle gibt. Integriert ist bei den hochwertigen Geräten auch ein Laserentfernungsmesser. Damit könnte man ganz einfach eine Katze von einem Puma unterscheiden – und das auf 700 Meter.

Dieser Beitrag stammt aus der großen Lucky-Luke-Sonderausgabe der WELT AM SONNTAG anlässlich des 80. Geburtstags des berühmten Comics. Sie können dieses einzigartige Sammlerstück gern hier bestellen.

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