Wien, wie es kaum jemand kennt
Seit 1987 wartet in Wien ein touristisches Geheimnis auf Entdeckung: die Vorortelinie. Sogar die Bewohner hatten die historische Bahnstrecke aus dem späten 19. Jahrhundert längst vergessen, als sie nach vier Jahrzehnten Verfall wiedereröffnet und als S45 Teil des modernen S-Bahn-Netzes wurde. Seither verbindet sie erneut die Außenbezirke, die sich bis in den Wienerwald ziehen – und wird weit weniger genutzt als die Verbindungen ins Zentrum.
Dabei erzählt kaum eine andere Route Wien vollständiger. Denn zwischen den alten Endstationen Heiligenstadt und Hütteldorf stehen bürgerliche Gründerzeitvillen und sozialistische Gemeindebauten in Eintracht wie sonst nirgends auf der Welt. Heurige, Wirtshäuser, Migrationszentren, Fußball und wild werdender Wald liegen oft nur eine Station auseinander. Wer hier unterwegs ist, entdeckt die Stadt, wie sie lebt. Neuland für Wien-Fans!
Das beginnt am besten am Bahnhof Heiligenstadt. Der historische Jugendstilbau von Otto Wagner, der ab 1894 als Chefarchitekt die Wiener Stadtbahn als Gesamtkunstwerk entwarf, ist heute modern überbaut, doch sind originale Elemente wie der Personentunnel nach wie vor erhalten. Direkt gegenüber erhebt sich mit dem Karl-Marx-Hof eine der berühmtesten Wohnhausanlagen Europas.
Zwischen 1927 und 1930 errichtet und mit 1058 Metern Länge der weltweit größte zusammenhängende Wohnbau, ist die Anlage weit mehr als ein Gemeindebau. Das „Rote Wien“ zeigte damals, dass Wohnen mehr sein konnte als ein Dach über dem Kopf: Grünflächen, Kindergärten und Gemeinschaftseinrichtungen gehörten selbstverständlich dazu. Bis heute ist die Anlage Ausdruck einer Stadtpolitik, die soziale Fragen mitten in die Gesellschaft stellte – eine gewollte Provokation, die das Wiener Bürgertum erst Jahre später akzeptierte.
Nur wenige Gehminuten vom Karl-Marx-Hof beginnt eine andere Welt: Nussdorf. Einst ein Winzerort am Rand der Stadt, hat sich das Grätzl – so nennt man in Wien liebevoll ein kleines Stadtquartier – seinen dörflichen Rhythmus bewahrt. An der Grätzlgrenze zu Heiligenstadt findet man gleich zwei Wiener Institutionen.
„Stadt in der Stadt“: Der Karl-Marx-Hof, erbaut 1927–30, ist der längste zusammenhängende Gemeindebau der Welt. Die 1272 Wohnungen sind begehrtIn einem ehemaligen Winzerhaus kocht im „Amador“ der deutsche Dreisternekoch Juan Amador auf höchstem Niveau: Ein Knaller ist seine würzige Version von Kaiserschmarrn mit Kaisergranat und Salzmarille. Wenige Schritte weiter sitzt man bei „Mayer am Pfarrplatz“ unter Kastanienbäumen bei Gemischtem Satz: Für diese Wiener Weinspezialität keltert man verschiedene Rebsorten, die im selben Weingarten wachsen, zu einer Komposition.
Dass Ludwig van Beethoven, der Wahlwiener aus Bonn, hier einst wohnte, wird unaufgeregt erzählt. Auch weil sein Haus gerade noch in Heiligenstadt steht. Das städtische Museum hier ist gut kuratiert – und meistens leer.
Eine Station weiter hält die S45 in Oberdöbling. Der Bahnhof, eine detailgetreue Rekonstruktion des Jugendstilbaus von Otto Wagner, beeindruckt heute wieder mit seiner eleganten Fassade. Direkt davor beginnt mit der Straßenbahnlinie 38 ein kleiner Abstecher nach Grinzing, dem beliebten Heurigenort, den auch Reisegruppen ansteuern. Interessanter als die touristischen Betriebe ist hier allerdings die „Buschenschank in Residence“ von Jutta und Marco Kalchbrenner.
Die kleine Karte verbindet eine moderne Heurigenküche mit asiatisch scharf gewürzten Speisen und den lokalen Wiener Weinen des Weltbürger-Winzerpaares. Serviert wird von punkigem Personal mit jener entspannten Selbstverständlichkeit, die man eher in Kopenhagen oder Berlin vermuten würde als in einem Grinzinger Heurigen.
Die Atmosphäre: brutal bürgerlich
Ein kleiner Spaziergang durch das Villenviertel der Hohen Warte, zurück Richtung Heiligenstadt, führt auch zur ehemaligen Villa des berühmtesten Kanzlers, den das Land je hatte: Bruno Kreisky. In diesem Haus wurde von 1970 bis 1983 tatsächlich Weltpolitik gemacht – viele ältere Wiener trauern dieser bedeutenden Zeit noch immer nach. Heute gehört es einem Forum für internationalen Dialog.
Von der Hohen Warte zurück Richtung Sievering und Oberdöbling bleibt die Atmosphäre brutal bürgerlich: Das Cottageviertel mit seinen Villen und Gärten gehört bis heute zu den prachtvollsten und teuersten Wohngegenden Mitteleuropas.
Nach deftiger Kost in der Nähe bietet sich ein Spaziergang im Türkenschanzpark anDen passenden Abschluss dieses Spaziergangs bildet das Restaurant „Eckel“. Unter mächtigen Kastanien treffen sich seit Jahrzehnten Schauspieler, Musiker, Politiker und alteingesessene Döblinger Familien zu klassisch raffinierter Küche. Unter der Leitung der Familie Zarl, deren Kellner noch korrekt gekleidete Respektspersonen sind, wurde und wird über Premieren diskutiert, über Politik gestritten oder über all das geflissentlich geschwiegen.
Ab der Station Gersthof beginnt ein anderer Abschnitt der Stadt. Die Vorortelinie verläuft hier auf einer unsichtbaren Grenze zwischen großbürgerlichem Wien und jenen Vierteln, die dichter besiedelt, internationaler und quirliger sind. Gerade diese unmittelbare Nachbarschaft macht den Reiz der Strecke aus.
Vom Bahnhof, der als Jugendstil-Juwel erhalten blieb, ist es nur ein kurzer Spaziergang zum Türkenschanzpark, einer der schönsten Landschaftsoasen der Stadt. In seiner „Meierei“ sitzen Familien, Studenten und Pensionisten unter alten Bäumen bei Fisch oder Pasta und einem Glas Wein. Touristen verirren sich kaum hierher, dem Türkenturm im Park bleiben Instagram-Influencer gottlob erspart.
Mit der Station Hernals, einem weiteren imposanten Wagner-Bau im Originalzustand, verschwindet schließlich jedes Postkartenmotiv: Gründerzeitpalais weichen Mietskasernen, das Straßenbild wird sichtbar rauer. Genau hier beginnt jenes Wien, das viele Besucher nie kennenlernen.
Soziale Durchmischung als Besonderheit Wiens
Im Wein- und Bierhaus „Der Brandstätter“ trifft man das Echte dieser Stadt wie selten sonst. Gulasch, Innereien, Kalbsschnitzel und der freitägliche Fisch sind kulinarische Boten des alten, kaum gentrifizierten 17. Bezirks – wie auch das Glas Bier oder Wein zum Mittagessen. Alkoholfrei bleibt die Ausnahme.
Das Service besitzt jene direkte Wiener Freundlichkeit, die man erst nach dem zweiten Besuch erkennt. Wenige Meter weiter residiert eine fast 100 Jahre alte Straßenbahnremise. Wer wissen will, wie die Straßenbahnstadt Wien tickt, sollte sich hier am frühen Morgen einfinden, wenn die Bahnen auf ihre Routen geschickt werden. Auch hier lebt das positiv-proletarische Wien, laut und in den Gleisen quietschend.
Dazu sind ringsherum viele architektonisch interessante Gemeindebauten der 1920er-Jahre zu sehen: eine einzigartige Stadtarchitektur! Anders als in vielen europäischen Metropolen baute man hier keine strikt getrennten Wohnwelten. Arbeiterfamilien, Professoren, Unternehmer und Einwanderer leben bis heute als unmittelbare Nachbarn. Diese soziale Durchmischung gehört zu den großen, oft übersehenen Besonderheiten Wiens – und erklärt vielleicht besser als vieles andere, warum die Stadt ihre Gelassenheit bis heute bewahrt hat.
Am stadtauswärtigen Ausgang der Station Hernals beginnt bereits Ottakring – ein weiterer alter Arbeiterbezirk. Gleich hinter dieser Bezirksgrenze liegt das Kongressbad, eines der schönsten Freibäder des „Roten Wien“. Die denkmalgeschützten rot-weiß gepinselten Holzbauten aus den späten 1920er-Jahren erzählen von einer Zeit, in der öffentliche Architektur mehr sein sollte als funktional. Schönheit galt als gesellschaftliches Versprechen, nicht als Privileg.
Wo Wien einem zu Füßen liegt
Nur wenige Minuten vom denkmalgeschützten Bahnhof Ottakring entfernt liegt „Gelbmanns Gaststube“. Die Familie Laskowsky pflegt hier die Wiener Küche mit Respekt, aber ohne musealen Ehrgeiz. Im schattigen Gastgarten treffen Unternehmer auf Arbeiter, Ärzte auf Künstler, Stammgäste auf junge Nachbarn. Wer Zeit hat, sollte sich mit Seniorchef Hans Laskowsky unterhalten. Kaum jemand kennt Ottakring besser, und er ist ein wunderbarer Erzähler.
Ein Stück weiter stadteinwärts steht die alte Manner-Fabrik: Hier werden jene süßen Waffeln hergestellt, die heute dank Arnold Schwarzenegger, der im dritten „Terminator“-Film nach den rosa verpackten Waffeln greift, weltbekannt sind. Im Shop wird das Kult-Naschzeug gewürdigt. Ein kurzer Fußweg führt zur Ottakringer Brauerei, wo seit 1837 Österreichs berühmtestes Bier entsteht. Die Führungen erzählen weit mehr als nur vom Gerstensaft aus k.u.k. Zeiten.
Erstmals eröffnet 1898 als Teil der Stadtbahn von Otto WagnerGeheimtipp für Wien-Touristen: die Vorortelinie S45Lohnenswert ist auch ein Abstecher per Bus vom Bahnhof Ottakring zum „Hotel Schloss Wilhelminenberg“ auf der Kuppe des gleichnamigen Hügels. Von hier geht es zu Fuß weiter: Die Wanderung durch den Schlosspark, die grüne Lunge der Stadt, umgeht die gemessen an den Attraktionen wenig interessante Station Breitensee.
Der Ausblick ist fantastisch: Wien liegt dem Besucher zu Füßen. Am Abend sitzen Familien, Studenten und Pensionisten im Park, trinken ein Glas Wein und beobachten, wie die Stadt langsam unter ihnen zu leuchten beginnt. Es ist einer jener Orte, die kaum in Reiseführern stehen.
Dass dieses Naturparadies erhalten blieb, verdankt Wien seiner aktiven Zivilgesellschaft. Bürgerinitiativen verhinderten vor bald 50 Jahren eine Autobahn sowie die Verbauung der Steinhofgründe – des weitläufigen Parkareals einer ehemaligen Nervenheilanstalt, wegen der die Gegend als „Narrenstadel“ Wiens galt.
Mitten in dieser Idylle thront die von Otto Wagner errichtete Kirche am Steinhof, ein weltberühmtes Meisterwerk des Jugendstils. Auch hier kann der Besucher Ruhe und Weite genießen: einen Luxus, den die vom Massentourismus überlaufenen Innenstadtbezirke nicht bieten. Kaum zu glauben, dass hier luxuriöse Neubauten und breite Straßen geplant waren.
Mit dem Bus geht es von den Steinhofgründen hinab zur Station Penzing, deren historische Substanz aufwendig saniert wurde. Hier ist Wien im Wandel. Jahrzehntelang bestimmten Güterverkehr und Rangiergleise diesen Teil der Stadt. Heute warten abgestellte Waggons auf ihre letzte Fahrt, während ringsum neue Wohnviertel entstehen, die das Stadtbild rund um den Bahnhof stark verändern werden.
Schließlich ist Hütteldorf erreicht, einst Endstation der alten Vorortlinie. Heute treffen hier S-Bahn, U-Bahn, Westbahn und Fernverkehr zusammen und die S45 fährt weiter bis zur modernen Haltestelle Handelskai. Doch Hütteldorf erzählt noch eine andere Geschichte – jene des Wiener Fußballs. Wenige Gehminuten vom Bahnhof entfernt liegt das Allianz-Stadion des SK Rapid Wien. Der Verein ist weit mehr als ein Fußballklub.
Pompös von Säulen umrahmt: die 1972 erschaffene Bronzeskulptur, „dicke Esther“ genannt, auf der Freitreppe des Ernst-Fuchs-Museums in HütteldorfGerade die Bezirke entlang der Vorortelinie galten über Jahrzehnte als Herz des Wiener Fußballs. Auf Höfen, Straßen und Schotterplätzen wuchsen Generationen von Spielern heran. Wer sich keinen Lederball leisten konnte, spielte mit einem „Fetzenlaberl“, einem aus Stoffresten gebundenen Ball. Aus dieser Improvisation entwickelte sich eine Fußballkultur, die bis heute zur Seele Wiens gehört.
Vor dem alten Bahnhof geht es über den Wienfluss. Nur wenige Minuten später steht man erneut in einer anderen Welt. Hietzing empfängt seine Besucher mit Villen, alten Alleen und großzügigen Gärten. Gleich dahinter beginnt der Lainzer Tiergarten, das ehemalige kaiserliche Jagdrevier. Auf gut 2400 Hektar leben Hirsche, Mufflons und Wildschweine. Kaum eine europäische Metropole besitzt einen Naturraum dieser Größe unmittelbar vor der Haustür.
Am Ende der Tour hat man zwar nicht die berühmtesten Sehenswürdigkeiten gesehen, aber den Alltag erlebt. Nicht geschniegelt, nicht inszeniert, sondern gelassen, widersprüchlich und erstaunlich selbstverständlich. Wer diese Bahnlinie nimmt, blickt hinter die Kulissen. Mehr authentisches Wien geht nicht.
Tipps und Informationen:
Wie kommt man hin? Zum Beispiel mit dem ICE aus Berlin, Hamburg oder Frankfurt/Main. Austrian, Lufthansa oder auch Eurowings fliegen nach Wien.
Wo wohnt man gut? Vom „Austria Trend Hotel Schloss Wilhelminenberg“ ist die Station Ottakring schnell per Bus erreichbar, Doppelzimmer ab 160 Euro (austria-trend.at/de/hotels/schloss-wilhelminenberg). Das „Living Hotel Kaiser Franz Josef“ liegt fußläufig in der Nähe der Station Oberdöbling, die zur Vorortelinie gehört, Apartment ab 183 Euro pro Nacht (living-hotels.com).
Nicht verpassen: Ottakringer-Brauerei: Die 90-minütige Tour mit Verkostung kostet 22 Euro, Anmeldung erforderlich (ottakringerbrauerei.at). Heiligenstadt: „Das Rote Wien im Waschsalon“ führt sonntags vom Bahnhof durch das Viertel bis zur Dauerausstellung im Karl-Marx-Hof, die Tour kostet zwölf Euro (dasrotewien-waschsalon.at). Hütteldorf: Das Ernst-Fuchs-Museum ist von Dienstag bis Sonntag geöffnet, der Eintritt kostet 14 Euro (ernstfuchsmuseum.at).
Weitere Infos: wien.info; austria.info
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