Warum der Ursprung japanischer Baumkuchen-Begeisterung auf einer Insel vor Hiroshima liegt
Vor der Küste der Präfektur Hiroshima liegen in dem Binnenmeer über 100 Inseln. Die bekannteste ist Miyajima, die Heimat des berühmten Torii-Tores. Eine andere ist Ninoshima, nur etwa zehn Kilometer Luftlinie entfernt – und der Ort, an dem Karl Juchheim die japanische Begeisterung für deutschen Baumkuchen entzündete. Nur eine der kuriosen Geschichten, mit denen die Inseln in der Seto-See aufwarten.
Sobald man auf Miyajima, wie so viele andere, von der Fähre steigt, trotten die ersten Sika-Hirsche heran. An den meisten anderen Orten würden sie wahrscheinlich so schnell wie scheu wegspringen. Doch durch die Touristenströme auf der Insel sind sie längst an Menschen gewöhnt.
Sie schauen die Besucher genauso neugierig an, wie diese sie beobachten. Und obwohl das Füttern der Tiere seit Jahren verboten ist, liegt in ihrem Blick doch immer auch die Hoffnung, dass diese menschlichen Futterautomaten vielleicht doch etwas zu fressen haben in ihren Taschen.
Durch ihre Zutraulichkeit sind diese Tiere, die in Japan als „heilige Boten der Götter“ angesehen werden, zur Attraktion auf Miyajima geworden – und mit etwas Glück posieren sie unfreiwillig für das perfekte Erinnerungsfoto vor der noch größeren Attraktion: dem zinnoberroten Torii, das als Tor zum rund 1500 Jahre alten Itsukushima-Schrein im Seto-Binnenmeer steht und zu den meistfotografierten Fotomotiven Japans gehört.
Früher sind die Seeleute mit ihren Booten hindurch zum Schrein herangefahren. Heute laufen Touristen bei Ebbe um das Torii oder bestaunen es, wie es bei Flut auf der Wasseroberfläche zu schweben scheint.
Ein unbeschwerter Inseltag
„Miyajima wird als heilige Insel angesehen. Daher war es einst sogar verboten, sie zu betreten und darauf zu bauen“, erklärt Fremdenführerin Shiori Hosokawa. „Der Schrein wurde daher auf Pfählen an die Küste gebaut – in der jetzigen Form im 12. Jahrhundert.“ Er sei errichtet worden, um Meeresgottheiten zu ehren und für die Sicherheit von Seeleuten und -reisenden zu beten.
Gerade einmal eine einstündige Straßenbahnfahrt und eine kurze Fährüberfahrt von Hiroshima entfernt, gehört Miyajima zum touristischen Pflichtprogramm. Zumal man dort einen unbeschwerten Inseltag erleben kann – keine schlechte Idee nach all den Mahnmalen und Museen, die in Hiroshima an den Abwurf der Atombombe 1945 und deren Auswirkungen erinnern.
Auch nach der Schrein-Besichtigung lassen sich die Stunden auf dem Eiland mühelos füllen: Man kann frische Austern essen, die mit Bohnenpaste gefüllten Ahorn-Biskuits Momiji Manju probieren oder für ein Eis anstehen, das mit Zucker-Hirschen und -Torii dekoriert ist. Man schlendert durch die Hauptstraße mit ihrer Fülle an Souvenirshops, Imbissen und Restaurants.
Ist noch Zeit, nimmt man die Gondel auf den Berg Misen. Vom Gipfel aus blickt man über das Seto-Meer. Vor der Küste der Präfektur Hiroshima liegen in dem Binnenmeer über 100 Inseln. Die meisten sind längst nicht so bekannt wie Miyajima. Der Besuch lohnt sich aber – auch weil sie teils mit kuriosen Geschichten aufwarten.
Ninoshima etwa liegt nur zehn Kilometer Luftlinie von Miyajima entfernt, und doch landet man nach der halbstündigen Überfahrt vom Hafen Hiroshimas in einer anderen Welt: Ninoshima strahlt tiefe Ruhe aus, von Touristenmassen keine Spur. Nur wenige Hundert Menschen leben in den winzigen Dörfern.
Ein deutsches Gebäck in Japan
Die Insel ist ideal, um in der Natur abzutauchen. Man könnte angeln, baden oder den markanten 280 Meter hohen Inselberg hochsteigen. Der Plan für heute ist aber ein anderer: Baumkuchen backen! Denn ausgerechnet auf dieser kleinen Insel begann die Erfolgsgeschichte des deutschen Gebäcks in Japan.
Bis heute ist Baumkuchen landesweit so beliebt, dass man ihn überall in Bäckereien und Kaufhäusern findet. Was Ninoshima und der deutsche Konditor Karl Juchheim damit zu tun haben? Das will Guide Keiko Kurisu aber erst später erzählen, die die Tour als Übersetzerin begleitet.
Erst einmal aber wird an der Anlegestelle aufs Rad umgestiegen und auf der Küstenstraße geradelt, vorbei an bewaldeten Hügeln, Buchten und Stränden. Das Meer schwappt in aller Seelenruhe vor sich hin. Die Nachbarinseln setzen grüne Tupfer ins tiefe Meeresblau. Direkt vor der Küste treiben aus Bambus gebaute Austernflöße.
„Die Region Hiroshima zählt zu den wichtigsten Austerngebieten des Landes“, sagt Keiko. „Das Wasser ist besonders reich an Nährstoffen, das lässt die Austern schnell wachsen.“
In einer kleinen Bucht stoppt Keiko. Auf einer Terrasse wartet Kenji Komatsu und hat bereits alles vorbereitet. Eigentlich ist er Kajakguide, veranstaltet aber auch ungewöhnliche Baumkuchenbackstunden – an der frischen Luft, mit Blick aufs Meer und nach Karl Juchheims über 100 Jahre altem Originalrezept.
Nach über 100 Jahre altem Originalrezept: Karl Juchheims Baumkuchen am Seto-BinnenmeerDafür wird zunächst gemeinsam der Teig angerührt, dann stellt Kenji seinen Tischgrill an und demonstriert, wie Baumkuchen gebacken wird: etwas Teig über dem Spieß verteilen, der dann im Grill langsam so lange gedreht wird, bis die Schicht goldgelb gebacken ist. So geht es Ring für Ring weiter, meditativ, mit viel Geduld und ruhiger Hand.
Keiko weiß natürlich alles zur „Baumkuchen-Eroberung“ Japans. Dafür blickt sie in die dunkle Vergangenheit der Insel: Nachdem Japan während des Ersten Weltkriegs im Herbst 1914 in China die deutsche Kolonie Kiautschou und die Festung Tsingtau eingenommen hatte, wurden mehrere tausend Deutsche gefangengenommen.
Kaninchen als Inselbewohner
„Über 550 von ihnen waren auf Ninoshima interniert, darunter auch Karl Juchheim – kein Soldat, sondern Konditor, der mit seiner Frau in China eine eigene Konditorei betrieben hatte“, erklärt Keiko. Während seiner Gefangenschaft habe er auf der Insel über offenem Feuer den ersten Baumkuchen in Japan gebacken.
„Am 4. März 1919 stellte er in der Ausstellungshalle für Produkte der Präfektur in Hiroshima sein Gebäck vor.“ Es ist das symbolträchtige Gebäude, das nach der Atombombenexplosion mit seinem Kuppelskelett zum Mahnmal wurde. Die Menschen waren damals begeistert vom feinen Gebäck – bald in ganz Japan, wo das Gebäck mittlerweile Kulturgut ist.
„So, jetzt hat er genug Schichten“, sagt Kenji schließlich, lässt den geschichteten Baumkuchen vom Spieß gleiten und schneidet ein paar Stücke ab. Auf Ninoshima schmeckt er anders als sonst: nach Insel, Feuer und Geschichte – nicht so süß und vielleicht ein kleines bisschen trocken.
Auch Okunoshima, das nächste Ziel, hat eine dunkle Seite. Davon ist zunächst kaum etwas zu merken. Diese kleine Insel wird auch Rabbit Island genannt – wegen ihrer flauschigen Bewohner: den wilden und zugleich erstaunlich zutraulichen Kaninchen. Vor Jahrzehnten haben sie Okunoshima erobert und sind allein durch bloßes Niedlichsein zur Touristenattraktion geworden.
Touristenattraktion durch bloßes Niedlichsein: Die Kaninchen von OkunoshimaSchon bei der kleinsten Aussicht auf Futter hoppeln sie heran, stellen sich auf die Hinterpfoten, stupsen neugierig an Beine und Taschen und beginnen sofort, ihre Beute zu mümmeln. Entsprechend vorbereitet strömen die Besucher von der Fähre.
Im Souvenirshop an der Anlegestelle werden kleine Tüten mit Kaninchenfutter verkauft, viele bringen zusätzlich Karotten mit. Ein Japaner trägt sogar einen riesigen Kohlkopf unter dem Arm. Kaum betritt er mit seinen Kindern die Insel, wird die Familie von einer ganzen Kaninchenmeute umringt.
„Man vermutet, dass hier inzwischen über 1000 Kaninchen leben – wahrscheinlich noch mehr“, sagt Guide Mariko Doi. Natürliche Feinde gebe es keine. Auf der Insel, auf der nur wenige Menschen leben, haben sie freie Bahn auf Wiesen und Wegen. Eigentlich dauert die Inselumrundung kaum mehr als eine Stunde zu Fuß. Wäre da nicht alle paar Meter das nächste Tierchen, das unbedingt gestreichelt, gefüttert oder fotografiert werden möchte.
Und doch ist Okunoshima weit mehr als ein tierisches Postkartenidyll. „Früher war diese Insel Sperrgebiet“, erklärt Mariko und deutet auf überwucherte Ruinen. Zwischen 1929 und 1945 produzierte das japanische Militär unter strengster Geheimhaltung Giftgas. Die Insel verschwand damals sogar von Seekarten. Viele Arbeiter – darunter zwangsverpflichtete Koreaner – litten unter den gefährlichen Bedingungen. Ein kleines Museum erinnert heute an dieses düstere Kapitel.
Halb Goldfisch, halb Mädchen
Wie die Kaninchen auf die Insel kamen, ist bis heute ungeklärt. Manche vermuten ausgesetzte Haustiere, andere glauben, sie stammen von freigelassenen Versuchstieren ab. Letztlich spielt das aber keine Rolle auf dieser wundersamen Insel, auf der sich jeder Tag ein wenig wie Ostern anfühlt.
Ein niedliches Wesen spielt auch die Hauptrolle beim Ausflug in die nächste Inselwelt beim Hafenort Tomonoura. Ponyo ist der Name des Geschöpfs, das hier der Fantasie des Animationsfilmgenies Hayao Miyazaki entsprungen ist – halb Goldfisch, halb Mädchen und die entzückende Hauptfigur aus dem 2008 erschienenen Zeichentrickfilm „Ponyo – Das große Abenteuer am Meer“.
„Miyazaki hat 2004 etwa drei Monate dort verbracht“, erzählt Kajakguide Yasuhiro Murakami beim Paddeln unter den Klippen und deutet auf ein Gästehaus. Dort fand der Studio-Ghibli-Regisseur seine Inspiration: im Meerespanorama, im kleinen Archipel vor Tomonoura sowie bei Spaziergängen durch den historischen Hafen.
Noch heute wirkt das Städtchen wie eine Zeitkapsel. Holzhäuser mit Lokalen und kleinen Geschäften säumen die Straßen. Überall begegnen Besuchern kleine Ponyo-Figuren und liebevolle Anspielungen auf den Film. Auch Yasuhiro besitzt einen besonderen Schatz: In seinem urigen „Kayaker’s Café“ hängt eine Zeichnung mit Autogramm von Miyazaki höchstpersönlich.
Auf der Kajaktour wird zum vorgelagerten Archipel gepaddelt, das aus vier Inseln besteht. Die geschützte Gruppe gehört zum Seto Inland Sea National Park, einem riesigen Meeresgebiet mit mehr als 3000 Inseln. Ruhiges Wasser, grüne Hügel, Strände und felsige Küstenabschnitte sorgen dafür, dass sich der Blick mit jedem Paddelschlag verändert. Wer den Film kennt, kann sich sofort ausmalen, wie Ponyo erst in den Wellen auftaucht, dann über das Wasser rennt, dass es nur so spritzt, und schließlich lachend auf einem Kajak landet.
Im „Kayaker’s Café“ hängt eine Zeichnung mit Autogramm von Miyazaki höchstpersönlichDarüber hinaus wird die Tour zu einer Reise in die Vergangenheit. Tomonoura blickt auf über 1000 Jahre Geschichte zurück und wurde im Zentrum – anders als viele andere Orte Japans – kaum modernisiert. Dadurch wirkt die kleine Altstadt mit dem historischen Hafen bis heute fast so wie in der Edo-Zeit. Yasuhiro zeigt den markanten Joyato-Leuchtturm aus der Periode und deutet auf die schrägen Steinrampen, an denen einst Handelsschiffe anlegten.
Mal ist das Wasser spiegelglatt, dann frischt der Wind auf und dunkle Wolken ziehen heran. Als schließlich heftiger Regen einsetzt, zeigt die Landschaft ein völlig anderes Gesicht. Doch auch das gehört zu dieser ungewöhnlichen Inselwelt vor Hiroshima, in der die idyllischen und dunklen Seiten untrennbar miteinander verbunden sind.
Tipps und Informationen:
Anreise: Flug von Deutschland nach Osaka oder Tokio, weiter per Shinkansen nach Hiroshima. Für die Inselbesuche empfiehlt sich Hiroshima als Ausgangspunkt: Nach Miyajima fährt man von Miyajimaguchi mit der Fähre. Ninoshima ist von Hiroshima Port aus per Fähre erreichbar, Okunoshima von Tadanoumi Port. Tomonoura lässt sich gut mit dem Shinkansen bis Fukuyama und von dort per Bus erreichen.
Unterkunft: Das gehobene „Aki Grand Hotel & Spa“ liegt auf dem Festland bei Miyajimaguchi mit Blick auf Miyajima und lohnt sich allein schon für die feinen, japanischen Dinnermenüs, Doppelzimmer ab 90 Euro (akigh.co.jp). In Tomonoura gehört das „Hotel Ofutei“ zu den besonderen Adressen – inklusive Zimmern mit Meerblick und mehreren Open-Air-Bädern, Doppelzimmer mit Frühstück und Dinner ab 165 Euro (ofutei.com/en).
Weitere Infos: Miyajima: miyajima.or.jp; Ninoshima: Baumkuchenbacken etc. unter ninoshima-kkc.jp; Okunoshima: rabbit-island.info/en; Tomonoura/Seekajaktouren unter Setouichi Seakayak Adventures: suigunkayak.studio.site/about-en; Hiroshimas offizielles Tourismusportal: dive-hiroshima.com/de; Japanisches Fremdenverkehrsamt: Japan National Tourism Organization: jnto.go.jp/en
Die Teilnahme an der Reise wurde unterstützt von der Präfektur Hiroshima und JNTO. Unsere Standards der Transparenz und journalistischen Unabhängigkeit finden Sie unter go2.as/unabhaengigkeit
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