Kurze Wege, große Gegensätze – Montenegro ist das Trendziel am Mittelmeer
Bei 28 Grad, die hier zwischen Mai und Oktober erreicht werden, fällt die Entscheidung nicht ganz leicht. Man könnte eine Münze werfen. Kopf oder Zahl, Meer oder Berge.
Nur eine gute Stunde Fahrt ist es von der Hauptstadt Podgorica bis zum Meer. Eine gute Stunde bis ins Hochgebirge. Geht es zum mediterranen Spaziergang an der Palmenpromenade oder zum Wandern mit Picknick auf der Alm? Am besten: Man unternimmt beides in einem Urlaub.
Das ist vielleicht das Faszinierendste an Montenegro, dem kleinen Balkanstaat, seit 2010 EU-Beitrittskandidat, der nicht einmal so groß ist wie Schleswig-Holstein: Er ist ein Land der kurzen Distanzen und großen Gegensätze. Seine Landschaften bieten Superlative: die tiefste Schlucht Europas (Tara), den größten Binnensee des Balkans (Skadar-See), den einzigen Fjord am Mittelmeer (die Bucht von Kotor) oder auch den längsten Strand der Adria (Velika Plaža).
Unten am Meer drängen sich im Sommer Strandliegen und Yachten vor den Hotels und Strandbars. Oben in den Bergen wird es wildromantisch. Katuni, wie die Almen hier heißen, statt Beachclubs, Pferde statt Motorboote, Wanderwege statt Promenaden. Zwischen diesen beiden Welten liegt dank neuer Straßen nur noch eine kurze Autofahrt.
Genau dieser Kontrast macht Montenegro so spannend. Die Küste ist freilich längst in der Hand des internationalen Massentourismus und wird stellenweise gern als Europas neue Riviera vermarktet. Die Berge und Täler im Hinterland aber wirken vielerorts wie ein ganz anderes Land – rau, kaum besiedelt und von den meisten Besuchern links liegen gelassen.
Wer in die Berge fährt, entdeckt tatsächlich ein Land, das touristisch noch deutlich anders funktioniert als die Küste. Die offiziellen Tourismuszahlen zeigen, wie stark Montenegro vom Meer geprägt ist. 2025 registrierte das staatliche Statistikamt 2,7 Millionen touristische Ankünfte und 15,3 Millionen Übernachtungen. 92,6 Prozent dieser Übernachtungen entfielen auf Badeorte, während Bergorte gerade mal 2,8 Prozent ausmachten.
Wer aber beides miteinander verbindet, entdeckt nicht nur zwei völlig unterschiedliche Urlaubsformen, sondern quasi zwei Entwicklungsstufen eines Landes, das gerade seinen Weg als Reiseziel sucht und aus den Fehlern anderer Mittelmeerländer lernen will. Meer und Berge, das bedeutet in Montenegro: überlaufen und leer, international und lokal, Entwicklung und Bewahrung. Man könnte es auch High-Low-Travel nennen.
Wer in Podgorica übernachtet, könnte sogar jeden Tag neu entscheiden, wohin der Ausflug geht. Richtung Süden und Westen könnte man, wenn man nicht gerade zur Rushhour fährt, in etwa einer Stunde in Budva oder Bar am Strand sein; auch die Bucht von Kotor liegt nur ungefähr gut 90 Minuten entfernt. Es pendeln sogar Busse zu vielen Badeorten an der Küste; ein Lumpensammler-Bus karrt auch noch weit nach Mitternacht Badegäste zurück in die Hauptstadt.
Luxuriös: Das wiedereröffnete „Aman Sveti Stefan“ an der Adriaküste. Der öffentliche Strand ist frei zugänglichOder man fährt in die andere Richtung, in den Nordosten. Nach Kolašin sind es gerade mal gut 60 Kilometer, das Tor zum Biogradska-Gora-Nationalpark mit einem der letzten Urwälder Europas.
Seit Juli 2022 ist Kolašin durch die erste Autobahn Montenegros mit der Hauptstadt verbunden. Wer lieber die Eisenbahn nimmt, auch das ist möglich: Bis zu viermal täglich bummelt der Zug von der Hauptstadt in anderthalb Stunden über Brücken und durch Tunnel nach Kolašin. Dort beginnt eine völlig andere Welt: Hochweiden, Wälder, Bergseen und schroffe Gipfel.
Der Biogradska-Gora-Nationalpark ist einer der am wenigsten besuchten Nationalparks in Europa, mit einem Wald, der noch nie abgeholzt wurde – mit 700 Jahre alten Fichten und 500 Jahre alten Buchen. Braunbären gibt es dort auch; die aber werden weder angelockt noch wird ihnen für Fotos hinterhergepirscht, wie man das aus Alaska kennt, weshalb sie als grundsätzlich scheue Tiere den Menschen lieber aus dem Weg gehen. Allerdings reißen sie Vieh und plündern die Bienenkörbe.
Etwa 400 Bären in Montenegro
Der einzige dokumentierte Angriff auf einen Menschen in Montenegro – mit einem von den Behörden geschätzten Bärenbestand von gut 400 Exemplaren – in den letzten Jahren ereignete sich 2024 während einer Wildschwein-Treibjagd in einem Wald bei Piva im Nordwesten des Landes. Obwohl zuvor gewarnt worden war, dass genau dort eine Braunbärin mit ihren Zwillingsjungen mehrfach gesichtet wurde.
Der montenegrinische Jäger Miljan Grubač (46), der damals allein im Dickicht über die Bären stolperte, erlitt schwerste Kopfverletzungen. Er überlebte wie durch ein Wunder den Angriff und arbeitet heute wieder als Ranger.
Montenegro kann wild sein. An diesem Tag geht es hinauf in den Naturpark Komovi zum Bukumirsko-See, nahe der albanischen Grenze, mit Blick auf die Verfluchten Berge, die tatsächlich so heißen.
Bekannt ist das Gebirge vor allem durch den anspruchsvollen Fernwanderweg „Peaks of the Balkans“, eine gut 190 Kilometer lange grenzüberschreitende Route durch Albanien, Montenegro und den Kosovo.
Jetzt aber gibt es dort auch einen neuen ausgeschilderten Genussweg zwischen zwei Bergseen, und zwar für diejenigen unter den Urlaubern, die nur sporadisch in knöchelhohe Wanderschuhe schlüpfen wollen. Man könnte ihn auch einfach als einen wunderschönen Alm-Spaziergang mit großartigen Aussichten bezeichnen.
Legenden um Echsen im See
Er beginnt an einem mit dem Auto gut erreichbaren Aussichtspunkt am Bukumirsko-See auf 1448 Metern Höhe in den Kuči-Bergen. Einer Legende nach sollen sich Echsen im Seewasser verstecken, nachts herauskommen und die Leute erschrecken.
Wissenschaftler gehen davon aus, dass einst die kleinen, harmlosen, urzeitlich aussehenden Molche im See diese uralte Hirtenlegende haben entstehen lassen. Tatsächlich war im See eine biologische Rarität beheimatet – der Montenegrinische Bergmolch (Ichthyosaura alpestris montenegrinus). Nach dem Aussetzen von Forellen, die fast alle Molchlarven wegfraßen, gilt er heute als so gut wie ausgestorben.
Der tiefe Gletschersee glänzt an diesem Tag dunkelblau, an seinen Rändern blühen Seerosen, im Sommer wird hier gern gebadet. Kein Molch in Sicht.
Blick auf die Verfluchten Berge
Weiter geht es gut zehn Kilometer über Almwiesen und Hirtenpfade, über Waldlichtungen und Schotterwege zum Rikavačko-See – mit Panorama auf die vergletscherten Verfluchten Berge. Hier ist Montenegro vor allem eines: einsam. Die einzigen Begegnungen auf dieser Wanderung kann man an einer Hand abzählen: drei Motocross-Biker aus Albanien und ein montenegrinisches Paar mit Sohn auf einem Quad.
Eine wildromantische Tour, nicht im unzugänglichen Gelände, aber wild genug, dass man das Gefühl bekommt, sehr weit weg von der Zivilisation zu sein.
Das liegt auch an der einzigartigen Architektur der Katuni, den montenegrinischen Almhütten der früheren Hirten. Wie spitze kleine Hüte stehen sie in den Bergen, teils aus Holz im Tal, zwischen Kalkfelsen aus Trockenmauern gebaut, die Dächer mit Blech bedeckt bis fast zum Boden, die allen Stürmen trotzten und den meterhohen Schnee im Winter vom Giebel rutschen ließen.
Sie hatten traditionell nur einen Raum mit einem offenen Feuer in der Mitte, eine Treppe führt zu einer Galerie mit einem Bett. Viele von ihnen sind aufgegeben, andere werden als renovierte Wochenend-Chalets von den Hauptstädtern genutzt.
Alm-Urlaub mit Pferden
Wer ein paar Kilometer weiter Richtung Mokra fährt, besucht einen Katun, der als Sommeralm bewirtschaftet wird. Genau genommen wirkt die auf einem Hochplateau gelegene Alm inzwischen wie ein großes Gehöft mit Haupthaus, Nebengebäuden, Garten und nachgebauten modernen Holzhäuschen für Feriengäste.
Auf der Weide lümmelt eine Herde Reitpferde – sie stehen nicht auf einer eingezäunten Koppel, sondern können Tag und Nacht durchs Tal streifen. Jeden Morgen kommen sie aus den Bergen zur Fütterung herangaloppiert. Manche liegen, andere dösen stehend im Schatten eines Baumes.
Boris Ivanović und seine zutraulichen Pferde: Wer will, kann gleich mit ihnen durch die Wildnis trabenAna und Boris Ivanović bewirtschaften die Alm von April bis Anfang November. Sie bieten Reitausflüge und Quadtouren an, auf Wunsch gibt es Vollpension. Serviert wird montenegrische Hausmannskost, einfach, lokal und ohne Inszenierung: wie Priganice, kleine, frittierte Teigbällchen, die mit Honig, Schinken oder Bergkäse serviert werden. Dazu gibt es Tomaten und Gurken aus dem Garten.
Das Paar freut sich über Besuch. Ihre Kinder kommen normalerweise nur in den Ferien oder am Wochenende hoch in die Berge, sie leben während der Schulzeit bei den Schwiegereltern in der Hauptstadt. Sobald der erste Schnee fällt, geht es mit mehreren Pferdeanhängern im Konvoi auf der neuen Autobahn zurück in die Hauptstadt.
Wer noch einen Katun kennenlernen möchte, kann Richtung Sinjajevina weiterfahren. Der „Katun Kuline“ bietet die Möglichkeit, in traditionellen Holzhütten zu übernachten und die Hochebene zu Fuß, mit dem Fahrrad oder zu Pferd zu erkunden. Auch hier ist die Idee dieselbe: wenig Hotel, viel Landschaft.
Nach Almen und Bergwanderungen darf die Reise dann komplett ins andere Extrem kippen: mit einer Fahrt zur Küste, zu Yachten, Beachclubs und großen Hotels. Wer sich zum Schluss der Reise etwas gönnen möchte, fährt Richtung Budva und könnte ein paar Nächte in Montenegros außergewöhnlichstem Luxusresort verbringen, dem „Aman Sveti Stefan“ auf einer Privatinsel. Nach Renovierung und Wiedereröffnung 2026 ist die Anlage wieder Teil der internationalen Nobelhotellerie. Ein privater Rückzugsort mit Meerblick und einem Service, der vom Alltag auf einer Alm kaum weiter entfernt sein dürfte. In Flipflops.
Tipps und Informationen:
Wie kommt man hin? Zum Beispiel mit Wizz Air nonstop von Hamburg nach Podgorica, mit Air Montenegro von Frankfurt/Main nonstop nach Podgorica. Weiter mit dem Mietwagen (SUV oder Kombi mit mehr Bodenfreiheit ab 35 Euro pro Tag, etwa bei Sixt, Avis, Europcar am Flughafen) in die Berge oder an die Küste.
Gut zu wissen: Vertrautes Zahlungsmittel: Montenegro hat keine eigene Währung. Der Balkanstaat verwendet seit 2002 den Euro als alleinige offizielle Währung, obwohl er kein Mitglied der Eurozone ist. Teures Roaming: Als Beitrittskandidat zur EU soll 2027 das günstige EU-Roaming auch auf Montenegro ausgeweitet werden. Bisher fallen sehr hohe Gebühren an. Es empfiehlt sich deshalb, Länderpässe bei deutschen Mobilnetzanbietern zu buchen oder vor Ort eine lokale SIM-Karte zu holen. 500 Gigabyte Datenvolumen kosten ab ungefähr 15 Euro.
Wo wohnt man gut? Stadthotels in Podgorica: „Crowne Plaza Podgorica“, mit Spa, Pool und Sauna, WLAN inklusive, gut gelegen am Einkaufsboulevard „Capital Plaza“ mit vielen Restaurants, ein Doppelzimmer mit Frühstück kostet ab 137 Euro, ihg.com; „Boscovich Boutique Hotel“, zentrale Lage, WLAN inklusive, Doppelzimmer mit Frühstück ab 135 Euro, hotelboscovich.com.
Wohnen in den Bergen: Familienanschluss bei privaten Gastgebern, die nur Barzahlung akzeptieren, bietet das „Katun Mokra“, das von Boris und Ana Ivanović in einem Bergtal auf 1500 Metern nahe des Bukumirsko-Sees von Frühling bis Herbst als Sommeralm bewirtschaftet wird, ab 29 Euro pro Übernachtung, hausgemachtes Frühstück ab sieben Euro; ein geführter Reitausflug kostet ab 30 Euro, Alm-Transfer von Podgorica möglich. Rustikal wohnt man im „Katun Kuline“ bei Kolašin, einfache Holzhütten auf 1800 Meter Höhe mit Gemeinschaftsbad, 50 Euro für zwei Personen mit Frühstück. Die Katuni sind zum Beispiel buchbar über booking.com.
Glamourös wohnen an der Küste: „One & Only Portonovi“ in der Bucht von Kotor, 502 Euro pro Person und Nacht mit Frühstück, oneandonlyresorts.com/portonovi. Das 2026 wiedereröffnete „Aman Sveti Stefan“ liegt auf der gleichnamigen Insel und ist über einen Damm vom Festland aus erreichbar, Suite ab 1340 Euro für zwei Personen, aman.com.
Weitere Infos: montenegro.travel und podgorica.travel, Guides und Naturschutz bei auzp.me
Die Teilnahme an der Reise wurde unterstützt von der Naturschutzagentur Auzp.me in Podgorica. Unsere Standards der Transparenz und journalistischen Unabhängigkeit finden Sie unter go2.as/unabhaengigkeit
Haftungsausschluss: Das Urheberrecht dieses Artikels liegt bei seinem ursprünglichen Autor. Der Zweck dieses Artikels besteht in der erneuten Veröffentlichung zu ausschließlich Informationszwecken und stellt keine Anlageberatung dar. Sollten dennoch Verstöße vorliegen, nehmen Sie bitte umgehend Kontakt mit uns auf. Korrektur Oder wir werden Maßnahmen zur Löschung ergreifen. Danke