„Etwas von Harpa steckt in jedem Isländer“ – Die unglaubliche Flucht der schwimmenden Kuh
Am Anfang schuf der allmächtige Gott Himmel und Erde und alles, was folgte…“, heißt es in der „Edda“ des isländischen Dichters Snorri Sturluson, einer Sammlung altnordischer Sagen. Alles, was folgte, ließ in Sturlusons Heimat allerdings recht lange auf sich warten: Erst im 9. Jahrhundert tauchten Wikinger in Island auf und begannen mit der Besiedlung dieser bis dato verschlossenen, unbewohnten Welt.
Heute wird die nordische Insel stellenweise von Touristen überrannt. Und doch kann man ihn noch finden, den Zauber dieses Landes, „wo die Hölle unter dem Eis brennt“. So beschrieb es Islands weltbekannter Literatur-Nobelpreisträger Halldor Laxness.
Sein Haus in Mosfellsbaer liegt nur eine halbe Autostunde nordöstlich der Hauptstadt Reykjavik. Es ist der ideale Startpunkt einer Reise zu den ursprünglichen Westfjorden im Norden – einer Entdeckungstour auf den Spuren der Mythen und Geschichten dieser sagenreichen, ziemlich menschenleeren Landschaft.
Entkoppelt vom Fortschritt der restlichen Welt
Gljufrasteinn („Schluchtenstein“) taufte Laxness das Haus, wo er bis zu seinem Tod 1998 wohnte und wirkte. Mit der originalen Inneneinrichtung empfängt es die wenigen Besucher so privat, als wäre Islands Nationaldichter nur mal eben für einen Spaziergang zum nahen Wasserfall unterwegs, dem Grimannsfell. An den Wänden hängen Werke zeitgenössischer isländischer Künstler. Bildhaft entwarf der Autor kauzige Figuren, archaische Gesellschaften und wilde Landschaften in Romanen wie „Weltlicht“ oder „Islandglocke“.
Jenes alte Island, wo hungernde Fischer- und Bauernfamilien in Hütten aus Lehm und Grassoden hausten, entkoppelt vom Fortschritt der restlichen Welt und umhüllt von Aberglauben, finden Besucher noch heute im kleinen Ort Holmavik. Hier, direkt am Steingrimsfjord in der einsamen Wildnis der Westfjorde, steht ein schwarzes Holzhaus mit mystischen Symbolen. Es beherbergt Islands Museum über Hexerei und Magie.
Der Glaube daran brach vor allem zu Beginn des 17. Jahrhunderts aus wie ein Vulkan. „Die Menschen hatten großen Respekt vor der Natur und suchten in den langen Monaten der Dunkelheit Antworten jenseits der Logik“, erklärt Museumsleiterin Anna Björg Thorarinsdottir.
Gruseligstes Exponat, obwohl eine Nachbildung: eine Nabrok („Leichenhose“). Sie bestand aus der Haut der Unterleibs- und Beinpartie, die einem Toten im Ganzen abgezogen wurde, inklusive Genitalien. Nach einem Ritual sollte sie dem Träger lebenslangen Reichtum garantieren.
Wind, Wasser, Eis und Lava
Vor allem die Westfjorde entwickelten sich in Islands „dunklen Jahrhunderten“ zu einem Okkultismus-Hotspot, sagt die Museumsleiterin. Einerseits lag dies an eifrigen Verbreitern. Andererseits ist die Region bis heute abgeschieden und geprägt von monumentaler Natur, in Jahrtausenden gestaltet von Wind, Wasser, Eis und Lava. Hier hat der Volksglaube eine besondere Kraft.
Wer die unbefestigte Straße hinter Holmavik an der einsamen Fjordküste entlang nach Norden fährt, versteht, warum sich der Glaube an das Übernatürliche hier so verbreiten konnte. Bis zu 700 Meter hohe Felsen säumen das Meer, bewohnt von Seevogel-Kolonien. Einzelne, in die Landschaft geworfene Felssäulen erinnern an Trolle – graue Gestalten, die sich aus grünem Gras zu erheben scheinen. Vor allem, wenn wie aus dem Nichts Nebelwände aufziehen. Spektakuläre Wasserfälle wetteifern um die Aufmerksamkeit der wenigen Reisenden. Mal bestehen die Wasserwände aus zahllosen breit gefächerten Rinnsalen, mal stürzen sie in einem einzigen Schwall aus 80 Metern Höhe zu Boden.
Hier lernt man, mit Begeisterung hauszuhalten, denn hinter jeder Biegung wartet etwas, das das eben Gesehene in den Schatten stellt. Am Wasserfall Baejararfoss investiert man atemlos vor Begeisterung zwei Stunden Kletterei in diese geradezu verschwenderische Komposition aus Fels und Wasser. Nur um einige Autokilometer weiter beim Anblick der Djupavikurfoss-Kaskaden zu bedauern, dass bereits die Füße schmerzen. Es lohnt sich, genügend Zeit mitzubringen, um die Natur in Ruhe zu erwandern.
Arneshreppur, wo die Wasserfälle liegen, ist Islands am wenigsten besiedelte Gemeinde. Auf einer Fläche fast so groß wie Hamburg wohnen laut aktuellen Schätzungen nur etwa 60 Menschen. Zwei davon in Djupavik, einer verlassenen Stadt, in der bis 1954 eine Heringsfabrik Hunderte ernährte.
Verlassen und neu genutzt: Heringsfabrik in DjúpavíkRostige Reste: Wrack des Dampfschiffs „Sudurland“Das Ehepaar Eva Sigurbjörnsdottir und Asbjörn Thorgilsson führt dort ein Hotel im früheren Wohnhaus der Arbeiterinnen und informiert über die Geschichte. In den riesigen Hallen werden Kunstobjekte gezeigt. Sensoren erhellen die Räume, Musik spielt, sobald Gäste eintreten. Der Geisterort ist populär für Film- und Videoproduktionen. Was auch am rostigen Wrack des 1891 gebauten Dampfschiffs „Sudurland“ liegt, in dem einst die männlichen Arbeiter wohnten.
Ein weiteres Highlight liegt 45 Fahrtminuten weiter nördlich auf einer Landzunge direkt am Meer: Islands entlegenster Thermalpool, Krossneslaug. Mit etwas Glück können vom stets 30 Grad warmen Pool aus draußen im Meer Wale beobachtet werden. Für Liebende war es einst ein Geheimtipp, den der isländische Schriftsteller Jon Kalman Stefansson 2024 in seinem Roman „Dein Fortsein ist Finsternis“ einer globalen Leserschaft preisgab.
Geschichten gibt es auf der Insel über fast jeden Ort, Wasserfall, Fjord, Gletscher. Auch über das Kaff Flateyri am Önundar-Fjord, berühmt für Islands ältesten Buchladen „Gamla Bokabudin“, die „Alte Buchhandlung“. Eythor Jovinsson führt sie seit ihrer Gründung 1914 in vierter Generation.
Buchladen in der Abgeschiedenheit
Dass der Laden im entlegenen Fjordland bis heute überlebt, an einem Ort, an dem es keinen Apotheker oder Gemüseladen gibt, grenzt in Netflix-Zeiten an ein Wunder. Bestseller ist ein Kinderbuch, das auch ins Deutsche übersetzt wurde: „Sundkyrin Säunn“, „Die schwimmende Kuh“.
Autor ist der Ladenbesitzer, Grundlage eine wahre Geschichte von hier: 1987 entkam eine Kuh namens Harpa auf dem Weg zum Metzger in Flateyri, sprang in den Önundar-Fjord und schwamm drei Kilometer bis ans andere Ufer – gefolgt vom Metzger im Ruderboot. Doch beeindruckt von ihrer Flucht, entschieden die Dorfbewohner: Harpa darf leben. Später wurde der Helden-Kuh ein Denkmal gewidmet.
„Etwas von Harpa steckt in jedem Isländer“, sagt Autor Jovinsson, „schließlich sind wir ja auch bloß im Streit übers Nordmeer geflohene Norweger.“ In der Buchhandlung liegen sie einträchtig nebeneinander: alte und neue Geschichten, die „Edda“ neben Halddor Laxness, Graphic Novels über Thor und Odin und die Geschichte der Kuh Harpa.
Die Fülle an Erzählungen erklärt sich vor allem durch das Ringen einer kleinen Bevölkerung mit den Urgewalten dieser lebensfeindlichen Natur, die man mythisch verklärte, weil sie sich nicht zähmen ließ.
Freibad mit heißer Quelle am Meer: Islands entlegenster Thermalpool, KrossneslaugWas nicht bedeutet, dass die Isländer den Versuch je aufgegeben hätten. Zum Beispiel in der Lava-Show, 2010 inmitten von Islands schwerster Wirtschaftskrise gegründet vom ehemaligen Coca-Cola-Manager Julius Ingi Jonsson und seiner Frau.
Im Hafengebiet von Reykjavik, der „rauchenden Bucht“, wo einst alles begann, können Besucher einen inszenierten Vulkanausbruch erleben. Auf einer abgedunkelten Bühne erklärt ein Vulkanologe das flüssige Gestein, aus dem hier die Welt geformt ist. Dabei fließt ein hellrotes, 1100 Grad heißes Rinnsal aus geschmolzenem Basalt in einer Rinne auf die Bühne. In Hitzeschutzkleidung entnimmt der Mann mit einer Kelle Proben, formt die Masse, zieht sie zu Fäden, lässt die bereits erkaltete Kruste wie Glas zerspringen. Eine Idee von Hölle: Die Besucher sind in warmes Rotlicht getaucht, Schwefelmief liegt in der Luft.
Die Lava macht, was sie will, lässt sich ebenso wenig domestizieren wie Eis, Wind und Meer: nicht in der Lava-Show, nicht auf dieser Insel von der Größe Ostdeutschlands. Dass der Mensch noch an Grenzen stößt, hat etwas Beruhigendes – trotz der 19 gewaltigen und der unzähligen kleinen Vulkanausbrüche seit der Besiedlung Islands vor 1200 Jahren. Dem Land bescherte dies Tragödien, der Menschheit einen Reichtum an Mythen und Erzählungen.
Tipps und Informationen:
Wie kommt man hin? Etwa mit Lufthansa oder Icelandair nonstop nach Reykjavik, weiter mit dem Mietwagen.
Wo wohnt man gut? Richtung Nordwest: „Hotel Vesturland“ in Borgarnes, Doppelzimmer ab 232 Euro (hotelvesturland.is). In den Westfjorden: „Hotel Laugarholl“ am Fjord Bjarnarfjördur mit Geothermalpool, Doppelzimmer ab 219 Euro, (laugarholl.is); „Hotel Torg“ in Isafjördur, Doppelzimmer ab 180 Euro (isafjordurhotels.is).
Weitere Infos: visiticeland.com/de
Haftungsausschluss: Das Urheberrecht dieses Artikels liegt bei seinem ursprünglichen Autor. Der Zweck dieses Artikels besteht in der erneuten Veröffentlichung zu ausschließlich Informationszwecken und stellt keine Anlageberatung dar. Sollten dennoch Verstöße vorliegen, nehmen Sie bitte umgehend Kontakt mit uns auf. Korrektur Oder wir werden Maßnahmen zur Löschung ergreifen. Danke