Wer London-Shoreditch oder Berlin-Mitte kennt, kennt das Muster: Erst formen Künstler und andere Pioniere ein Kreativviertel, das andere Kreative und Touristen anlockt, dann folgen immer mehr teure Boutiquen und Konzeptläden, alsbald explodieren die Mieten und am Ende ziehen genau die Menschen weg, die das Viertel interessant gemacht haben.

Im Rotterdamer Zwaanshalskwartier ist bislang erstaunlicherweise etwas anderes passiert. Rund 20 Jahre gezielte Stadtentwicklung haben aus einem Viertel, das offiziell als sozialer Brennpunkt galt, eines der spannendsten Stadtquartiere der Niederlande gemacht, das auch für Rotterdam-Urlauber interessant ist.

Das Zwaanshalskwartier liegt im Oude Noorden, dem „Alten Norden“ Rotterdams, direkt an der Rotte und keine zehn Minuten mit der Tram vom Zentrum entfernt. Rund 17.000 Menschen leben hier. Schon vor Jahrhunderten nutzten Binnenschiffe die Rotte als Lebensader, um Waren aus dem Umland in Richtung des Rotterdamer Hafens zu transportieren. Wo einst Torf und Güter ihren Weg in die Stadt fanden, reihen sich heute über hundert unabhängige Läden aneinander, es gibt keine einzige Filiale einer großen Kette.

Überall coole Geschäfte, Galerien, Ateliers

Wer das Viertel erkunden will, ist am besten zu Fuß unterwegs: Der klassische Rundgang beginnt am Noordplein, führt den Zwaanshals hinunter und weiter zur Zaagmolenkade direkt ans Wasser. Im Gegensatz zum durchweg modernen, im Zweiten Weltkrieg zerstörten Stadtzentrum Rotterdams blieb der Oude Noorden überwiegend intakt. Die schönen Fassaden des späten 19. und frühen 20. Jahrhunderts bieten eine gemütliche, fast dörflich anmutende Kulisse.

Auf dem Zwaanshals wechselt die Szenerie innerhalb weniger Schritte: Hier gibt es feine Patisserie, dort besonderes Streetfood, und überall findet man coole Geschäfte, Galerien, Ateliers. Am Abend schließlich öffnet das „Proeflokaal Faas“ an der Ecke zur Zaagmolenstraat seine Türen.

Coole Cafés, Galerien und Ateliers machen das Zwaanshalskwartier ausOude Noorden, der „Alte Norden“ Rotterdams

Die traditionsreiche Eckkneipe hat über 100 Biere auf der Karte und gilt unter Einheimischen völlig zu Recht als die gemütlichste Wohnstube von Rotterdam-Nord. Samstags lohnt sich der Besuch besonders: Dann findet auf dem Noordplein der Rotterdamse Oogstmarkt statt, ein charmanter regionaler Bauernmarkt, und der Platz füllt sich mit Publikum aus der ganzen Stadt.

Diesen unaufgeregten Rhythmus spürt man im ganzen Quartier. Wer aus dem gut besuchten Zentrum kommt, von der futuristischen Markthalle oder den schräg gekippten Kubuswoningen, merkt den Unterschied sofort: keine großen Reisegruppen, keine typischen, mit Made-in-China-Kitsch vollgestopften Souvenirläden.

Das Zwaanshalskwartier ist bislang kein Ziel für den schnellen Instagram-Fotostopp, sondern ein Viertel für alle, die Rotterdam so erleben wollen, wie es die Stadt selbst gerade lebt: im Wandel, aber ohne den Ausverkauf, den andere Kreativviertel längst hinter sich haben.

Wer den Kiez nicht nur tagsüber erleben, sondern auch dort aufwachen möchte, findet ein außergewöhnliches Konzept im Viertel: Das „Man Met Bril Koffie Hotel“ baut sich architektonisch komplett um eine hauseigene, gläserne Rösterei herum auf. Sozusagen eine kompromisslose Liebeserklärung an den Kaffee als Übernachtungsform. Unten rotieren die Trommeln der Röstmaschinen und internationale Baristas tüfteln im Labor an neuen Röstprofilen, während man direkt darüber wohnt. Es ist der ideale Ausgangspunkt, um die kulinarische Vielfalt des Viertels auf engstem Raum zu entdecken.

Total blau

Wie sehr sich das Stadtquartier gewandelt hat, lässt sich am besten mit Maarten Reijgersberg erleben: Wer seinen Laden betritt, trifft auf einen Kiez-Akteur, der gerne mit Besuchern die Straße hinunterläuft. Der Inhaber von „BLAUWcc“, einem Laden, in dem praktisch jedes Produkt blau ist, kennt nahezu jeden Einzelhändler im Viertel persönlich.

Seinen eigenen Concept Store eröffnete er mit seiner Frau, nachdem ein Burn-out ihn seine Arbeit grundsätzlich überdenken ließ. „Wenn Menschen hereinkommen und nur Blau sehen, schauen sie genauer hin und lassen sich weniger schnell ablenken“, sagt Reijgersberg, ein Effekt, den er selbst als beruhigend empfindet.

Tatsächlich ist alles hier blau: die Kunstwerke an den Wänden, die Kleidung auf den Kleiderbügeln, die Designobjekte, die Kuriositäten, die Wohnaccessoires. Wer ihn im Laden antrifft, merkt schnell: Hier teilt ein Insider seine Liebe zum Quartier noch ganz unkompliziert in echten Gesprächen an der Ladentheke.

Giftshop mit klarer Lieblingsfarbe: Esther Reijgersberg-Biekart im „BLAUWcc“

„Das Geheimnis des Zwaanshalskwartiers ist, dass hier vor allem kreative Unternehmer sitzen und es keine Ketten gibt“ – so erklärt er die Sonderstellung des Stadtviertels. Der soziale Schutzschirm, den die Stadt über dem Viertel aufgespannt hat, statt die Entwicklung komplett dem Markt zu überlassen, dürfte ein weiterer Grund sein.

Vom Brennpunkt zum Szeneviertel

Nötig wurde diese Maßnahme, weil Rotterdam den Oude Noorden Mitte der Nullerjahre offiziell als „Krachtwijk“ einstufte, als sozialen Brennpunkt mit besonderem Förderbedarf. Havensteder, eine genossenschaftlich verankerte, gemeinnützige Wohnungsbaugesellschaft, die einen Großteil der Gewerbeflächen im Viertel besitzt, entwickelte das Zwaanshalskwartier seither gemeinsam mit der Stadt gezielt als Standort für unabhängige Unternehmer aus den Bereichen Mode, Design, Kunst und Handwerk. Große Markenkonzerne blieben konsequent ausgeschlossen.

Die neue, bunte Ladenszene zog zunächst vor allem Kundschaft aus wohlhabenderen Nachbarstadtteilen an, während im Viertel selbst weiterhin überwiegend einkommensschwächere Haushalte lebten. In den ersten Jahren trug die Straße deshalb den unschönen Spitznamen „Faillissementsstraatje“ (Bankrott-Sträßchen).

Wie weit man davon inzwischen entfernt ist, zeigt ein Rundgang durch das Viertel. Bei „CÉNO Classics“ bringt Céline Khemissi ihre frühere Erfahrung aus Innenarchitektur und Ladenbau in die eigene Vintage-Kollektion ein, die sie gemeinsam mit ihrer Tochter kuratiert. Ein Karrierewechsel, wie ihn Reijgersberg im Viertel häufig beobachtet: Menschen, die anderswo Expertise gesammelt haben und sie hier noch einmal völlig neu an den Start bringen. Genau diese Konzentration auf eine eigene Handschrift statt auf austauschbare Massenware ist es, was das Viertel von Europas gewöhnlichen Einkaufsmeilen unterscheidet.

Menschen, die anderswo keinen Platz für ihre Nischenidee gefunden haben, bekommen hier eine Chance. Wie unkonventionell das abläuft, zeigt die Geschichte von „Bakkit“: Der Laden lebt vom exzellenten Ruf seines Mitbegründers Frank Haasnoot, der internationale Maßstäbe in der Patisserie setzt. Doch statt elitäre Distanz zu wahren, überließ Haasnoot zwei Absolventen der Erasmus-Universität nachts kurzerhand seine professionelle Backstube.

Das Ergebnis dieser Starthilfe: Es entstand „Bagel Bagel“, ein eigenständiger Imbiss wenige Häuser weiter, der heute wegen seiner kompromisslosen Qualität als absolute Frühstücks-Institution gilt. Die Inhaber rollen und backen jeden einzelnen Bagel jeden Morgen komplett frisch von Grund auf selbst. Der absolute Signature-Klassiker nach New Yorker Vorbild ist der Bacon-Egg-Cheese-Bagel, serviert mit einem gefalteten Ei-Omelett, geschmolzenem Käse, knusprigen Speckstreifen und Chilisauce.

Raum für queere Selbstbestimmung

Nur ein Stück weiter zeigt sich, dass im Zwaanshalskwartier wirtschaftlicher Erfolg und gesellschaftliche Relevanz Hand in Hand gehen. Elvin Martinez eröffnete hier mit „Tens“ den landesweit ersten explizit queeren Nagelsalon. Was auf den ersten Blick nach einem oberflächlichen Lifestyle-Trend klingt, entpuppt sich auf den zweiten Blick als tiefgründiges Pionierkonzept: Martinez hat einen bewusst inklusiven, sicheren Raum für queere Selbstbestimmung geschaffen, der weit über die klassische Beauty-Behandlung hinausgeht.

Nagelsalon „Tens“: Community-Hub für Menschen aus dem ganzen Land

Das Studio funktioniert wie ein Community-Hub, der Menschen aus dem ganzen Land anzieht, weil er High-End-Handwerk mit einer kompromisslos offenen Haltung verbindet. „Völlig verschiedene Geschichten, ein gemeinsamer Nenner“, sagt Reijgersberg – ohne die bezahlbaren, geschützten Mieten von Havensteder hätte keine dieser Ideen hier Wurzeln schlagen können.

Wie ernst das Viertel inzwischen landesweit genommen wird, zeigte sich jüngst bei der „Leukste Winkel van Nederland“, einem landesweiten Publikumswettbewerb unter unabhängigen Einzelhändlern: Gleich vier Läden aus dem Zwaanshalskwartier schafften es in die Top Ten ihrer jeweiligen Kategorie. Dass gleich vier Geschäfte aus einer einzigen Straße unter den landesweit Besten mitmischten, zeigt, wie sehr sich das Zwaanshalskwartier in den Niederlanden inzwischen als Qualitätsmarke etabliert hat.

Das Viertel ist der lebendige Beweis dafür, dass Gentrifizierung nicht automatisch Verteuerung und Verdrängung bedeuten muss. Und dass mit einer kuratierten Auswahl an Geschäften, die Nischenprodukte, kompetente Beratung, cooles Einkaufserlebnis und gute Laune bieten, durchaus Staat zu machen ist. Von dem die Einheimischen, die Gewerbetreibenden und auch Touristen etwas haben. Wer im nächsten Niederlande-Urlaub etwas Besonderes sucht, wird im Zwaanshalskwartier fündig.

Tipps und Informationen:

Anreise: Mit dem ICE ab Frankfurt/Main oder Köln nach Rotterdam Centraal, oder von Berlin mit dem ICE bis Hilversum, dort umsteigen nach Rotterdam. Wer will, kann auch nach Amsterdam-Schiphol fliegen, von dort fährt der Intercity in rund 30 Minuten nach Rotterdam. Vor Ort führen vom Hauptbahnhof die Straßenbahnlinie 7 (Richtung Woudestein) oder der Bus 38 (Richtung Crooswijk) zur Haltestelle Zaagmolenbrug oder Zwaanshals.

Unterkunft: „Man Met Bril Koffie Hotel“: An der Rotte, unweit des Zwaanshalskwartiers, gilt als weltweit erstes Kaffeehotel, 20 Zimmer, eigene Rösterei, Bar und Restaurant unter einem Dach, Zimmer ab 100 Euro (manmetbrilkoffie.com). „Morgan & Mees“, schönes Bauhaus-Baudenkmal von 1938 nahe dem Nieuwe Binnenweg mit 20 Zimmern, exzellentem Restaurant und Cocktailbar, Zimmer ab 190 Euro (morganandmees.com/rotterdam).

Weitere Infos: rotterdam.info/de; holland.com/de; zwaanshalskwartier.nl

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