Ob im Flugzeug, in der Bahn oder im Fernbus: Auf langen Reisen fallen vielen Menschen auch im Sitzen irgendwann die Augen zu. Der Kopf sackt weg, und später zieht es und schmerzt es im Nacken. Wann beugen Nackenkissen, wie sie an Flughäfen und Bahnhöfen oft verkauft werden, dem vor? Die Orthopädin Ricarda Seemann von der Berliner Charité erklärt, wann sie helfen und warum ihr Ratschlag für entspanntes Reisen dennoch ein anderer ist.

WELT: Viele schwören auf Nackenkissen – bringen die wirklich etwas?

Ricarda Seemann: Ja, durchaus. Wenn man in einer eigentlich unbequemen Position sitzt, sorgen sie dafür, dass der Nacken und die Halswirbelsäule nicht in eine zu unnatürliche Haltung geraten und damit Spannungskräften ausgesetzt sind. Denn schläft man ein, entspannt sich auch die Muskulatur – kippt der Kopf, unterstützen die Muskeln die Halswirbelsäule nicht mehr so gut wie sonst. Das sorgt für Schmerzen. Das Nackenkissen kann hier stützen und damit zumindest vorbeugen.

Warten auf den Anschlussflug: Wer die Zeit schlafend überbrückt, freut sich über das passende Kissen

WELT: Wie sollte ein Nackenkissen beschaffen sein, damit es gut hilft?

Seemann: Ich würde auf ein weiches, aber dennoch festes Material achten. Es sollte kein harter Schaumstoff sein, denn damit bringt man den Hals wieder in eine Zwangshaltung. Und es sollte nicht zu klein sein. Legt man es sich um, sollte der Kopf relativ bald Kontakt zum Kissen haben. Das muss man ausprobieren. Eine genaue Richtschnur zu geben, ist schwierig, aber wenn bei gerader Haltung ein bis zwei Finger breit Platz zwischen Kopf und Kissen sind, dürfte das eine gute Größe sein.

Oft werden auch aufblasbare Reisekissen als Werbegeschenke verteilt, die aber meist deutlich kleiner sind. Wenn man nichts anderes zur Hand hat, funktioniert das natürlich auch, aber wenn man öfter reist, lohnt sich vielleicht die Anschaffung eines hochwertigeren Produktes.

WELT: Welche Alternativen zum Nackenkissen gibt es?

Seemann: Theoretisch kann man den Kopf mit sehr vielen Dingen stützen. Ein normales Kissen oder ein zusammengerollter Pullover tun es schon auch mal. Nackenkissen sind aber insofern praktisch, als sie ihre Form schon haben und behalten. Man muss sie nicht erst zurechtklopfen. Und sie verrutschen nicht, wenn man einschläft.

Doch selbst mit Nackenkissen ist Schlafen auf Reisen aus ganz vielen Gründen oft keine erholsame Sache – vor allem, wenn man sich eben nicht lang hinlegen kann. Mein Rat ist deshalb: Statt unterwegs zu schlafen, lieber die Reise auf zwei Tage ausdehnen. Und sich zwischendurch eine erholsame Übernachtung bei Freunden oder in einem Hotel gönnen.

WELT: Sie selbst nutzen kein Nackenkissen, warum?

Seemann: Ich kann lange Flugreisen nicht ausstehen und verbringe meine Urlaube am liebsten an der Nordsee – auf dem Weg werden liebe Freunde besucht, sodass ich gar nicht in die Verlegenheit komme, im Zug schlafen zu müssen.

PD Dr. Ricarda Seemann ist Orthopädin und Manualmedizinerin an der Berliner Charité und in eigener Praxis. Sie leitet die Arbeitsgemeinschaft Manuelle Medizin der Deutschen Gesellschaft für Orthopädie und Unfallchirurgie.

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