Der Duft ist da, noch bevor das Auge ihn fassen kann: warmer Teig, Rauch vom offenen Feuer – nicht stechend, sondern weich, fast süßlich. Ich stehe in einem Hof im armenischen Städtchen Garni, unweit der Hauptstadt Eriwan, vor einem traditionellen Tonofen, einem sogenannten Tonir.

Zwei Frauen arbeiten wortlos, nur das Knistern der Flammen erfüllt die Stille. Eine von ihnen knetet den Teig, bis er geschmeidig glänzt. Die andere beugt sich über die runde Öffnung des Ofens, drückt mit geübter Hand einen dünnen Fladen an die glühenden Wände. Sofort bläht er sich auf, winzige Blasen platzen auf, bräunen den Fladen, der schön knusprig wird.

Auf dem Boden stapeln sich fertige Brote. Keine Minute vergeht, bis der nächste Fladen aus dem Ofen kommt. „Probier’“, fordert mich eine der Frauen auf Armenisch auf und reicht mir ein noch warmes Stück. Ich reiße es auseinander und stecke es in den Mund. Dünn, weich, fast durchsichtig – und doch so gehaltvoll. Mehl, Salz und Wasser: Lavash. Es begleitet nahezu jedes Gericht und ist immer das Erste, das auf den Tisch kommt.

Ich bin in Armenien unterwegs, jenem kleinen, gebirgigen Land zwischen Europa und Asien, aus dem meine Vorfahren stammen. Flächenmäßig von der Größe Belgiens, leben hier lediglich drei Millionen Menschen – mehr als ein Drittel davon in der Hauptstadt Eriwan.

Armenien als touristisch nicht überlaufen zu bezeichnen, wäre noch eine Untertreibung. Das hat vor allem mit dem seit Sowjetzeiten schwelenden Konflikt zwischen Armeniern und Aserbaidschanern um die Region Bergkarabach zu tun, der 2023 erneut aufflammte. Ein Streitpunkt ist der Grenzverlauf zwischen den beiden Ländern, daher warnt das Auswärtige Amt vor der Nutzung einiger Straßen im Grenzgebiet. Der Rest Armeniens gilt jedoch als sicher – und unbedingt erlebenswert.

Kaffeehauskultur im Kaukasus

Als eine der ältesten christlichen Zivilisationen der Welt wartet die Kaukasusrepublik mit zahlreichen Kirchen und Klöstern auf, eingebettet in eine Steppen- und Gebirgslandschaft, die im Kontrast steht zu den rötlichen Kalksteinschluchten unweit der Stadt Yeghegnadzor. Die Hauptstadt Eriwan punktet zudem mit einer wachsenden Kunstszene sowie einer fast europäisch anmutenden Kaffeehauskultur. Vor allem aber Armeniens kulinarisches Erbe ist so traditionell wie vielfältig.

Zwischen frischem Lavash, würzigem Chorowaz und süßem Gata – dazu gleich mehr – erzählt jedes Gericht von Geschichte, Landschaft und Lebensfreude. Als jemand mit armenischen Wurzeln ist diese kulinarische Reise für mich mehr als nur ein Ausflug. Ich spreche Armenisch, bin mit der Sprache aufgewachsen – und doch ist dies meine erste Reise in das Land meiner Familie. Sie ist eine Heimkehr, eine Spurensuche und eine Begegnung mit Aromen, die ich aus meiner Kindheit kenne, aber nie in dieser Intensität erlebt habe.

In der Hauptstadt klingt der Markt wie ein Orchester ohne Dirigent: Ein Chor aus Stimmen und Lachen, dazwischen das rhythmische Hacken von Messern und das Scharren von Schritten. Ich laufe durch Gänge, die vor Farben überquellen: Granatäpfel glänzen blutrot, Aprikosen leuchten in grellem Orange. Trauben hängen schwer und prall, in sattem Grün und tiefem Violett. Daneben türmen sich Hügel aus frischen Kräutern – Dill, Minze, Petersilie, frisch wie eine regennasse Wiese.

Rausch der Farben: Skyline von Eriwan im Sonnenuntergang

Händler rufen, lachen, winken. „Hamecek!“ („nur zu!“), ruft eine alte Frau und drückt mir eine Handvoll getrockneter Maulbeeren in die Hand. Die Früchte schmecken wie Karamell. Am nächsten Stand baumeln Walnüsse, in Traubensirup getaucht, dunkelrot – Sujuk. Ich beiße hinein: herb, süß, klebrig. Ein Geschmack, der bleibt.

Auf diesem Markt zeigt sich Armenien in seiner Essenz: laut, pulsierend, lebendig – und stets begleitet von einer Geste der Großzügigkeit. Niemand lässt mich gehen, ohne mir etwas zugesteckt zu haben. Als ich den Markt verlasse, riechen meine Hände nach Zucker.

Heiß, saftig, fettig

Weiter geht es ins Lokal „Tun Lahmajo“. Wer Armeniens Küche verstehen will, muss hierherkommen. Im Herzen Eriwans, wenige Schritte vom Platz der Republik entfernt, weht mir schon vor der Tür der Duft von gegrilltem Fleisch, Knoblauch und frisch gebackenem Brot entgegen. Im Außenbereich sitzen Familien an langen Holztischen, Musik dringt aus einem alten Lautsprecher – ein armenisches Volkslied, begleitet von Trommel und Duduk, einer Flöte, die immer ein wenig nach Fernweh klingt.

Der Kellner bringt die Karte, doch ich weiß längst, was ich will: Chorowaz, armenisches Schaschlik. Er nickt, ohne etwas zu notieren. „Schwein oder Lamm?“, fragt er. „Lamm“, sage ich. „Natürlich“, antwortet er und lächelt, als sei das die einzig richtige Wahl.

Nach wenigen Minuten steht der Tisch voll: Teller mit gegrilltem Gemüse, Joghurt, frischen Kräutern. Die Spieße landen direkt vom Feuer auf meinem Tisch, begleitet von Auberginen, Tomaten und Paprika. Eine Kellnerin bringt Lavash. Ich reiße ein Stück vom Fladen ab, wickele Fleisch und Minze hinein.

Der erste Bissen ist heiß, saftig, fettig – das Lamm zergeht auf der Zunge, rauchig und intensiv, mit einer leichten würzigen Kruste. Die Minze gibt dem Ganzen eine erfrischende Note, während das gegrillte Gemüse einen milden, leicht süßlichen Geschmack beisteuert.

Eine ältere Frau am Nebentisch hebt ihr Weinglas in meine Richtung. Gegenüber sitzen junge Leute, teilen sich Lahmajo, das armenische Pendant zur Pizza – hauchdünn, mit Hackfleisch, Tomaten und Gewürzen belegt. Die Teller wandern von Hand zu Hand, jeder nimmt ein Stück. Ich merke, dass es im „Tun Lahmajo“ nicht nur ums Essen geht. Es ist ein Ort, an dem Menschen zusammenkommen, um zu teilen – Zeit, Lachen, Geschichten, Essen. Ein Ort, an dem jeder Tisch ein kleines Fest feiert.

Warten lohnt sich

Im „Sherep“ am nächsten Tag ist es ähnlich, auch wenn es hier ein wenig ruhiger zugeht. Gedämpftes Licht, in der Luft liegt der Duft von Butter, Knoblauch und gerösteten Nüssen. In der offenen Küche züngeln die Flammen über Pfannen, ein Koch schwenkt eine Schöpfkelle – „Sherep“, so heißt sie auf Armenisch. Ihr verdankt das Lokal seinen Namen.

Ich entscheide mich für Ghapama, gefüllten Kürbis – ein Gericht, das in Armenien traditionell an Festtagen serviert wird. „40, vielleicht 45 Minuten wird es dauern“, sagt der Kellner, „aber warten lohnt sich.“ Ich nicke und überbrücke die Zeit mit einem Glas Tan, dem salzigen Joghurtgetränk, das hier zu allem passt – kühl, säuerlich, mit einem Hauch Minze.

Köstliche Vielfalt: In Armenien werden die gefüllten Teller auf den Tisch gestellt – und alle teilen alles miteinander

Nach einer Dreiviertelstunde kommt der Kellner wieder. In seinen Händen trägt er den Kürbis wie ein kleines Kunstwerk: rund, goldgelb und glänzend. Er hebt den Deckel mit einer feierlichen Geste. Der süß-warme Duft legt sich wie eine Wolke über den Tisch. Dann greift er zum Messer und ritzt ein Herz in die Schale. „Hier wird mit Liebe gekocht“, sagt er und zwinkert. Ich koste. Der Geschmack ist süß und schwer vom Honig, aber gleichzeitig leicht und nussig vom Reis. Das Warten hat sich gelohnt.

Am nächsten Morgen geht es auf einen kulinarischen Busausflug aufs Land, nach Gjumri im Norden. Je weiter wir uns von Eriwan entfernen, desto stiller wird es im Bus. Alle blicken hinaus in die endlose Weite. Die Landschaft verändert sich langsam. Die Hügel werden karger, immer seltener sind Dörfer zu sehen. Dann, plötzlich, hebt jemand die Hand und zeigt nach Süden.

Da ist er. Der Ararat, heiliger Berg der Armenier, 5137 Meter hoch, schneebedeckt. „Das ist purer Schmerz“, flüstert die Reiseführerin. Denn für Armenier ist er nicht zu erreichen. Er liegt in der Türkei, und die hat 1993 die Grenze geschlossen.

Erinnerung an den Völkermord

Der Ararat symbolisiert eine Vergangenheit, die schwer auf diesem Land liegt. Es ist unmöglich, in Armenien unterwegs zu sein, ohne dem Genozid von 1915, der Vertreibung und der Diaspora zu begegnen.

Während des Ersten Weltkriegs wurden im Osmanischen Reich mehr als 1,5 Millionen Armenier ermordet. Ganze Dörfer wurden ausgelöscht, Tausende starben auf Todesmärschen in die Wüste oder fielen grausamen Deportationen zum Opfer. Millionen Armenier wurden nach dem Krieg über die ganze Welt verstreut, nach Paris, Beirut, Los Angeles, Moskau. Vielleicht erklärt das, warum dieses Volk bis heute so sehr an Symbolen hängt: an Bergen, an Liedern und vor allem an Rezepten, die durch die Hände und Mägen der Generationen wandern.

Nach stundenlanger Fahrt empfängt uns Gjumri mit einem dumpfen Grau. Die Stadt ist geprägt von Häusern aus Basalt. Die Straßen tragen noch immer Spuren des verheerenden Erdbebens von 1988, das mindestens 25.000 Menschen das Leben kostete. Der sowjetische Einfluss ist überall zu spüren: in den Straßennamen, in den Denkmälern aus Sowjetzeiten, in den rostigen Ladas, die durch die Straßen rollen. Alles wirkt ein wenig aus der Zeit gefallen.

„Die Stadt hat viel erlebt“, sagt unsere Reiseführerin, „zu viel vielleicht.“ Wir schlendern durch enge Gassen, vorbei an verwitterten Mauern, auf denen verblasste kommunistische Parolen zu lesen sind. Daneben, fast überraschend lebendig, prangt ein neues Graffiti: ein rotes Herz, darüber in großen Buchstaben: „We love Gyumri“.

Wie ein Symbol der Unerschütterlichkeit erinnert das Herz daran, dass das Leben weitergeht, dass Gjumri lebt und liebt, trotz seiner Narben. In jeder Ecke dieser Stadt schlägt dieses Herz. Auf den Treppen sitzen Männer mit Teegläsern, Kinder rennen über den Hauptplatz, eine Frau verkauft Sonnenblumenkerne. Genauso lebendig wie die Stadt selbst ist ihre Küche: ein wahres Spiegelbild der Gastfreundschaft, die in Gjumri so tief verwurzelt ist.

Wie bei alten Freunden

An einem dieser Orte, an dem die Tradition der armenischen Küche besonders lebendig wird, liegt ein Lokal hinter einer unscheinbaren Fassade, die man leicht übersehen könnte. Doch kaum tritt man ein, wird man von einer Welt aus Farben und Düften begrüßt. Es gibt keinen formellen Service – ich komme mir vor wie bei alten Freunden, die gutes Essen miteinander teilen.

Zusammensein und essen und trinken: Straßencafé in Eriwan

Auf dem Tisch türmen sich Platten mit Dolma, kleinen, von Hand gerollten Weinblättern, gefüllt mit Fleisch, Reis und Gewürzen. Daneben Schalen mit hausgemachtem Joghurt, Stücke von frischem Schafskäse, ganze Bündel Minze, Estragon, Koriander und Teller mit Tomaten und Gurken, glänzend vom Öl. Die Tafel ist ein Feld aus Farben und Düften.

Als würde die Fülle nicht reichen, stellt die Wirtin eine dampfende Schüssel hin. Spas heißt die Suppe, sie ist milchig-weiß, durchzogen von grünen Kräutern, dick und cremig. Ich führe den Löffel zum Mund – der Geschmack ist säuerlich und frisch, zugleich wärmend und beruhigend. Der Weizen macht sie gehaltvoll, während Joghurt und Kräuter ihr eine leichte, fast erfrischende Note verleihen. Für einen Moment ist es, als würde man Sommer und Winter zugleich kosten; ein Gefühl von Wärme und Frische, das sich auf der Zunge vereint und den Körper umhüllt.

Es gibt in Armenien ein ungeschriebenes Gesetz: Niemand verlässt den Tisch hungrig. Teller füllen sich wie von selbst, Hände reichen Brot, Wein, Käse, Fleisch. Wer ablehnt, riskiert, als unhöflich zu gelten. Wir sitzen Schulter an Schulter. Essen, trinken, nicken. Niemand spricht viel. Vielleicht ist es die Müdigkeit nach der langen Anreise, die uns stiller macht, vielleicht ist es aber auch einfach die Zufriedenheit von Gemeinschaft, von Genuss, die dieses Schweigen prägt.

Volle Teller, glückliche Gäste

Die Wirtin bringt zum Abschluss armenischen Kaffee, zubereitet in einer Jazve, dieser kleinen Kanne aus Messing mit langem Griff. Fein gemahlene Bohnen, mit Kardamom verfeinert, werden mit Wasser und Zucker langsam erhitzt, bis sich auf der Oberfläche ein samtiger Schaum hebt. Der Duft ist kräftig, während der Geschmack sich tief und erdig entfaltet.

Von Gjumri führt der Weg zurück in das pulsierende Herz von Eriwan. Mein letzter Tag in Armenien. Die Kapitale, die mir anfangs fremd war, wirkt nun vertraut. Ich kenne ihre Geräusche, ihre Gerüche, die berauschenden Farben des Himmels beim Sonnenuntergang. Ich weiß, wie die Menschen lachen, wie sie essen. Und ich weiß, was noch fehlt: ein süßer Abschied.

Und so folge ich einem verführerischen Duft, der mich ins „Gata Tavern“ führt, eines der bekanntesten Restaurants der Stadt. Es liegt in einer unscheinbaren Seitenstraße, wenige Schritte vom Zentrum entfernt. Ich bestelle das, was dem Lokal seinen Namen beschert hat: Gata.

Eine Frau bringt den goldbraunen, duftenden Laib. Auf einem Holzbrett liegt er vor mir, rund und knusprig. Die Kruste glänzt im warmen Licht des Raumes. Ich breche ein Stück ab. Der Teig innen ist weich, warm und butterzart.

Als ich abbeiße, schmilzt die Füllung im Mund und hinterlässt eine sanfte, fast samtige Note. Ich nehme einen zweiten Bissen, diesmal langsamer, koste jeden Moment aus. Am Nachbartisch taucht ein älterer Mann sein Stück Gata in schwarzen Tee. Ich mache es ihm nach, warte, bis sich der Zucker im heißen Getränk auflöst, während die Gata-Krümel langsam zu Boden sinken.

Ich sitze da – und bin glücklich. Ich denke an all die Tische dieser Reise: An Hände, die reichten, an Blicke, die einluden. An die Schlichtheit der Speisen. Keine exotischen Zutaten, keine Inszenierung. Alles hier lebt von Geduld, Handarbeit und dem, was die Erde schenkt.

Armenien trägt seine Last: die Narben von Krieg und Verlust. Doch am Tisch wird diese Last leichter, in einem Moment der Verbundenheit. „Unsere Küche ist unsere Erinnerung“, sagte unterwegs eine Frau zu mir. Und ich spüre, wie recht sie hatte. Wer Armenien besucht, wird satt – nicht nur im Bauch, sondern auch im Herzen.

Tipps und Informationen:

Wie kommt man hin? Von Deutschland aus fliegen zum Beispiel Lufthansa und Wizz Air nonstop nach Eriwan, Flugzeit etwa vier bis fünf Stunden. Ein Visum ist für Urlauber nicht erforderlich.

Wo wohnt man gut? „Republica Hotel Yerevan“, modernes Stadthotel in zentraler Lage, von dem aus sich die wichtigsten Sehenswürdigkeiten und Lokale gut zu Fuß erreichen lassen, DZ ab 112 Euro, republicahotel.am. „Armenia Marriott Hotel Yerevan“ am Platz der Republik, traditionsreiches, komfortables Fünf-Sterne-Haus, DZ ab 291 Euro, marriott.com.

Wie kommt man rum? Innerhalb Eriwans kommt man gut zu Fuß oder mit Taxi-Apps wie GG und Yandex Go voran. Wer das Land außerhalb der Hauptstadt entdecken möchte, kann sich vor Ort einen Mietwagen nehmen oder organisierten Tagestouren anschließen – Hyur Service ist ein empfehlenswerter Veranstalter (hyurservice.com/en/group-tours-armenia). Der Herbst ist dank milder Temperaturen und kulinarischer Erlebnisse rund um Weinlese und Ernte eine gute Reisezeit.

Weitere Infos: armenia.travel; visityerevan.am/en

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