Ein blaues Wunder brachte den Massentourismus nach Capri
Vom Boot aus sieht man nur Fels. Weißgrau, schroff, über Jahrtausende vom Meer abgeschliffen. Plötzlich zeigt der Bootsführer mit dem Kinn nach unten. Dort, wo die Gischt zurückweicht, öffnet sich ein Spalt im Gestein, kaum einen Meter hoch. Hier muss durch, wer den ikonischen Ort erreichen will. „Adesso!“, „Jetzt!“, ruft der Barcaiolo entschlossen.
Die drei Passagiere lehnen sich auf sein Kommando zurück, drücken Kopf und Schultern flach ins Boot. Der Fels wirkt bedrohlich nah, man denkt: „Da passen wir nicht durch!“ Doch es klappt: Der Bootsführer greift bei der nächsten Welle nach einer am Felsen befestigten Eisenkette, dann ein Ruck – und das Boot flutscht durch das Dunkel des Spalts, hinein in das berühmteste Blau am Mittelmeer.
Es ist kein Himmelblau, wie man es von Urlaubsbildern kennt. Kann es auch nicht sein. Denn hier, in der Blauen Grotte von Capri, kommt das Licht nicht von oben, sondern von unten, aus der Tiefe des Wassers. Als habe jemand eine Lampe versenkt.
Capri wird zum globalen Sehnsuchtsort
Unwirkliche Farbtöne entstehen, changieren, faszinieren Reisende aus aller Welt immer wieder neu. Und das seit 200 Jahren: Am 17. August 1826 entdeckte ein deutscher Künstler mit zwei Begleitern die fast vergessene Grotta Azzurra neu und machte sie international bekannt. Jetzt, zum Jubiläum, locken einige Events und Ausstellungen, die erklären, wie ein Naturphänomen zum Mythos wurde – und eine kleine italienische Insel zu einem globalen Sehnsuchtsort.
Die Erfolgsgeschichte begann, als Capri im 19. Jahrhundert Künstler, Dichter und Intellektuelle anzog, vor allem aus Deutschland und Nordeuropa. Für viele, die ihre Liebe oder Lebensweise damals verborgen halten mussten, galt die Insel als Versprechen: ein Ort, an dem man anders leben durfte.
Gegen Ende des Jahrhunderts folgten der deutsche Adel und das Bürgertum, später auch internationale Schriftsteller, Filmstars, Aristokraten, Politiker. Ikonen wie Jacqueline Kennedy Onassis und Sophia Loren machten Capri, zusammen mit Fotografen und Modeschöpfern, zur Bühne des internationalen Jetsets. Und sie alle wollten die berühmte Grotte mit eigenen Augen sehen.
Ein gemaltes Boot in der berühmten Felshöhle, festgehalten auf einem Mitte des 19. Jahrhunderts entstandenen Gemälde von Anton Edvard Kieldrup (1826–1869)Tatsächlich wirkt es magisch, dieses Blau, auch wenn die Erklärung schlicht ist: Sonnenlicht fällt durch eine Unterwasseröffnung und wird von hellem Kalkstein in die Grotte reflektiert. Aber der Effekt! Wer die Hand ins blaue Wasser hält, sieht sie silbrig aufleuchten. Körper verlieren ihre Konturen. Selbst Besucher, die sich vorgenommen haben, cool zu bleiben, können ihre Begeisterung nicht verbergen.
Die touristische Entdeckung der Grotte ist vor allem einem deutschen Künstler zu verdanken, dessen Bilder nur einem Nischenpublikum bekannt sind: August Kopisch, Spross einer Breslauer Kaufmannsfamilie. Er lebte ab 1824 zunächst im nahegelegenen Neapel, wo er sich als junger Maler und Dichter durchschlug.
Als es noch keine Luxushotels gab
Dazu arbeitete er als Cicerone – so nannte man Reiseführer für junge Adelige auf ihrer Grand Tour, jener Bildungsreise, die damals für Söhne aus gutem Hause zum Pflichtprogramm gehörte. Sie besuchten Ausgrabungsstätten, bestiegen den Vesuv und holten sich unter Gleichgesinnten kulturellen Feinschliff.
Die Insel, die der schlesische Romantiker vor Neapel liegen sah, weckte seine Neugier; 1826 setzte er über. Damals war Capri noch arm und fast unbekannt – keine Luxushotels, keine Piazzetta voller Besucher, nur ein paar dürftige Herbergen im Hafen Marina Grande. Kopisch kam bei Giuseppe Pagano unter, einem Notar in Capri-Stadt. Der war Caprese, gehörte mit seinem Beruf aber zu den wenigen Gebildeten des nahezu isolierten Eilands.
Möglicherweise verstand er früh, dass seine Heimat einen Schatz besaß, dessen Wert bisher nicht erkannt worden war. Und so erzählte er dem deutschen Gast von einer Höhle, die viele Insulaner bewusst mieden. Von der Grotta Gradola, wie man sie damals nannte, nach dem Landstrich oberhalb von ihr.
Erotische Exzesse
Sie war damals ein Unort, eine No-go-Area. Die Einheimischen fürchteten Monster und Riesenschlangen. Jahrhundertelang warnten Geistliche vor ihr. Fischer erzählten von Gespenstern, Dämonen und dem Teufel. Das lag sicherlich auch am römischen Kaiser Tiberius, der die Grotte in der Antike als geheimen Ort für Kulthandlungen, pompöse Ausschweifungen und erotische Exzesse genutzt haben soll – so glaubten es jedenfalls die Capresen.
Dass es zumindest sein ritueller Badeplatz gewesen sein muss, bestätigte sich, als man ab 1964 in der Blauen Grotte Skulpturen von Neptun und seinen Tritonen auf dem Meeresgrund entdeckte; in der Certosa di San Giacomo sind sie heute zu bestaunen.
Kopisch war sofort fasziniert und nahm die Sache ernst. Gemeinsam mit seinem Malerfreund Ernst Fries und dem Capreser Fischer Angelo Ferraro machte er sich auf den Weg. Ferraro steuerte das Boot. Mutig schwamm er den beiden anderen voraus in die gefürchtete Höhle. Hinter sich zog das Trio eine sogenannte Kufe mit – eine schwimmende Wanne, in der brennende Pechfackeln lagen. Sie sollten Licht in die Finsternis bringen. Denn die Männer rechneten mit absoluter Dunkelheit.
Was sie fanden, war das Gegenteil – illuminiertes Blau. „Wir Fremden plumpten hinein“, schrieb Kopisch über das Abenteuer. Was danach geschah, wirkt rückblickend wie eine frühe Form touristischer Vermarktung. Der junge Deutsche kehrte nach Hause zurück und schwärmte von dem Erlebnis.
Ein früher Influencer
1838 erschien in Berlin sein Buch „Entdeckung der Blauen Grotte auf der Insel Capri“ – die Initialzündung einer neuen Reisewelle. Kopisch machte Lust auf den Süden, auf Capri, auf Licht, auf Italien. Ein früher Influencer. Mehr noch als Johann Wolfgang von Goethe, der mit seiner „Italienischen Reise“ zwei Jahrzehnte zuvor diesen Trend entfacht hatte.
Immer mehr Neugierige kamen nun auf die Insel, erzählten begeistert von ihrem Besuch – und zogen weitere Reisende an. Etwa den Zoologen Ernst Haeckel, der 1859 vom „köstlichsten, wunderbarsten Bad“ in der Grotte frohlockte und ein wahrer Capri-Fan wurde. Sogar Bertolt Brecht erfasste das Italienfieber, der Feingeist zeigte sich aber genervt vom touristischen Idyll und schrieb 1924 von „blauer Limonade“.
Lizensierte Ruderboote warten unterhalb von Anacapri auf die Einfahrt in die GrotteFotografien der Brüder Alinari zeigen, dass sich vor dem Eingang der Grotte bereits um 1900 ein erstaunlicher Betrieb entwickelt hatte. Boote drängten sich auf dem Wasser wie Entchen. Reisende Herren aus dem Norden saßen darin in dunklen Anzügen mit Melonenhüten, die Damen in langen Rüschenkleidern mit breitkrempigen Hüten, alle warteten geduldig auf ihre Einfahrt in das Wunder. Massentourismus ist keine Erfindung der Gegenwart. Auf Capri war er schon vor 130 Jahren Realität.
Heute hat Capri rund 14.000 Bewohner, an Sommertagen kommen bis zu 25.000 Besucher zusätzlich auf die Urlaubsinsel, die gerade mal zehn Quadratkilometer misst. An geschäftigen Tagen bringen etwa 20 Boote Gäste im Zehn-Minuten-Takt in die Grotte. Drei Personen pro Boot, dazu der Barcaiolo, der lauthals singt, rudert und gleichzeitig Wellen, Timing und Menschen kontrolliert. Unter Capresen gilt dieser Beruf als einer der begehrtesten. Man bewirbt sich nicht. Man erbt den Posten. Und so rudern Generationen derselben Familien dieselbe Strecke. Hinaus. Hinein. Hinaus. Immer wieder.
Strafe für Heidi Klum
Prominente nutzen den berühmten Hotspot gern als Bühne. Zum Beispiel Heidi Klum und Tom Kaulitz. Mit Flossen an den Füßen glitten sie 2019, zur Ankündigung ihrer Hochzeit, durch das Wasser und schienen im irisierenden Blau beinahe zu tanzen – obwohl Baden in dem geschützten Naturdenkmal streng verboten ist.
Als die Frischvermählten dort ein weiteres Video drehen wollten, wurden sie von der Polizei gestoppt. Die Blaue Grotte ist eben kein frei zugänglicher Raum mehr wie vor 200 Jahren, sondern ein staatliches Museum, dessen Zugang streng geregelt ist. Für Klum wurde eine saftige Geldstrafe fällig.
Gerade diese Episode zeigt, welche Strahlkraft der Ort bis heute besitzt. Klum und Kaulitz dürften sehr genau gewusst haben, weshalb sie ausgerechnet diese Kulisse wählten. Seit dem 19. Jahrhundert liefert die Blaue Grotte Bilder, die weit über Capri hinauswirken. Lange, bevor es soziale Medien gab, nutzten sie Maler, Fotografen und frühe Reisende. Die Formen wechseln. Die Sehnsucht bleibt. Seit 200 Jahren wird dieses magische Blau nun schon weitererzählt. Vielleicht liegt darin das eigentliche Wunder.
Tipps und Informationen:
Wie kommt man hin? Lufthansa fliegt Neapel direkt von Frankfurt/M. und München an, Eurowings von Hamburg, Düsseldorf, Köln/Bonn und Stuttgart. Zu den Fährterminals nach Capri gelangt man vom Flughafen per Alibus (fünf Euro) oder Taxi (offizieller Fixpreis zum Hafen: 24 Euro, den Betrag als „Tariffa predeterminata“ vor Abfahrt vereinbaren). Nach Capri verkehren Schnellboote vom Molo Beverello (Fahrzeit etwa 45 Minuten) sowie Fähren von der Calata di Massa (bis 80 Minuten). Die Verbindungen bestehen ganzjährig.
Wo wohnt man gut? Das Hotel „Parco Excelsior“ liegt oberhalb des Hafens, eine charmante Jugendstilvilla mit Blick über den Golf von Neapel. Hier stieg 1953 der Komponist Gerhard Winkler ab, der mit dem Lied „Die Capri-Fischer“ die Insel musikalisch verewigte; Doppelzimmer ab 300 Euro (excelsiorparco.com). Die „Villa Sarah“ liegt versteckt in Capri-Stadt und ist nur zu Fuß erreichbar, Doppelzimmer ab 265 Euro (villasarahcapri.com).
Touren zur Blauen Grotte: Der Motorboottransfer vom Hafen Marina Grande kostet ab ab 25 Euro (motoscafisticapri.com/ lasercapri.com), es fahren auch Linienbusse ab Anacapri zur Station oberhalb der Felsen (viele Treppen!). In jedem Fall steigt man vor dem Höhleneingang in lizenzierte Ruderboote um. Die 19 Euro Eintritt bezahlt man am schwimmenden Kassenhäuschen – Bargeld mitnehmen, Kartenzahlung nicht immer möglich. Bei starkem Wellengang bleibt die Grotte geschlossen.
Events im Jubiläumsjahr: Zum Jubiläum zeigt das Museum der Certosa di San Giacomo bis zum 18. Oktober „Il Mito di Capri“, zu sehen sind Gemälde, antike Artefakte und eine Virtual-Reality-Installation (museiitaliani.it; museicapri.cultura.gov.it/en). Angeboten werden auch kostenfreie geführte Spaziergänge (Capri Author’s Walks) sowie Sonnenuntergangskonzerte an historischen Aussichtspunkten (capri.com/en/e/events-capri).
Weitere Infos: capritourism.com; italia.it/de
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