Bloß keine Hektik – in Thessaloniki geht es „halara“ zu
Als Erstbesucher braucht es eine gewisse Zeit, um zu begreifen, womit man es hier zu tun hat. Da wartet in Thessaloniki kein Postkartenmotiv, auch kein Reiseführer-Klischee, das sich sofort erschließt. Stattdessen: Meer, der Duft von Kaffee, byzantinische Kirchtürme zwischen Wohnblöcken aus den 70ern, überall junge Menschen – viele von ihnen Studenten –, aber auch alte, die nichts Wichtigeres zu tun haben, als in aller Ruhe ihren Freddo Cappuccino zu trinken.
Die Thessalonicher nennen das halara, was so viel bedeutet wie: langsam, entspannt, ohne Hektik. Es ist die prägende Haltung der zweitgrößten Stadt des Landes. In der griechischen Kultur – und ganz besonders in der Hafenstadt Thessaloniki – ist halara nicht nur ein Wort, sondern ein ganzer Lebensstil.
Um Thessaloniki zu verstehen, sollte man als Erstes die Metro nehmen. Nicht des Komforts wegen, sondern wegen der Schätze, die Archäologen und Bauarbeiter zwischen 2006 und der Eröffnung 2024 aus der Versenkung gerettet haben. Fast fünf Jahrzehnte lang wartete Thessaloniki auf seine U-Bahn, ihre Verspätung wurde zum Lieblingsspott der Griechen. Wegen antiker Funde verhängte der Archäologische Rat während der Bauarbeiten regelmäßig Stopps, Altertumsexperten und Bürgerinitiativen rückten an, manchmal standen die Arbeiten jahrelang still.
Heute lacht niemand mehr über die Verspätung: Die U-Bahn ist modern, fährt führerlos und zählt weltweit zu den schönsten ihrer Art. Die unter dem Pflaster entdeckten antiken Straßen, byzantinischen Fundamente, Säulenreste und Artefakte sind vor allem an der Station Venizelou ausgestellt, die mehr an ein Museum erinnert als an eine Haltestelle.
Hier liegen die Überreste des spätantiken Decumanus Maximus – die mit Marmor gepflasterte Hauptstraße der Römer, später byzantinischer Marktplatz, gesäumt von rekonstruierten Ladengeschäften und Säulen. An vier weiteren Stationen zeigen permanente Ausstellungen 2500 Jahre Stadtgeschichte.
Thessaloniki ist übersichtlich genug, um dann zu Fuß entdeckt zu werden. Wer durch die Altstadt schlendert, passiert den Galeriusbogen aus dem frühen 4. Jahrhundert und die Rotunde, die seit 306 nach Christus abwechselnd Tempel, Kirche und Moschee war.
Die römische Rotunde des Galerius, erbaut im Jahr 306, mit der 30 Meter hohen KuppelNicht allzu weit entfernt erhebt sich der Weiße Turm, das Wahrzeichen der Stadt, ein osmanischer Bau, heute Museum. Er wird von morgens bis abends von Einheimischen umkreist, die auf der Uferpromenade joggen, auf Bänken sitzen oder einfach entspannt aufs Meer schauen. Dank der geschützten Bucht, in der die Stadt liegt, ist hier das Wasser ruhiger als in vielen anderen Küstenorten an der Ägäis.
Die Nea Paralia genannte Promenade wurde in den vergangenen Jahren komplett neugestaltet: fünf Kilometer vom alten Hafen bis zum Megaron Musikis, Thessalonikis Konzerthaus, gesäumt von Cafés und dem berühmten Regenschirm-Kunstwerk von Giorgos Zongolopoulos.
Tanzen im alten Badehaus
Die Promenade ist so etwas wie das Wohnzimmer der Stadt und trägt ihren Teil zum entspannten Lebensgefühl bei. Ein anderer Faktor sind die drei Universitäten: Gut 100.000 der insgesamt 325.000 Einwohner studieren, entsprechend locker geht es hier zu.
Dass Thessaloniki bis 1912 fast 500 Jahre lang unter osmanischer Herrschaft stand, erklärt die besondere Dichte an islamischer Architektur. Zu den wichtigsten Gebäuden zählen die Alaca-Imaret-Moschee aus dem 15. Jahrhundert, heute ein Ausstellungsort. Der Aigli Yeni Hamam dient als Party-Location. Manchen nächtlichen Besuchern wird erst nach einer Weile klar, dass sie in einem alten Badehaus tanzen.
Weniger bekannt, aber ebenso prägend: Thessaloniki trug einst den Beinamen „La madre de Israel“. Die sephardischen Juden, seit ihrer Vertreibung aus Spanien 1492 in der Stadt beheimatet, stellten bis 1912 die größte Bevölkerungsgruppe Thessalonikis. Der Hauptmarkt namens Modiano wurde vor gut 100 Jahren vom jüdischen Kaufmann Eli Modiano in Auftrag gegeben.
Die Regenschirm-Skulptur an der Promenade stammt von 1997 – dem Jahr, in dem Thessaloniki Europäische Kulturhauptstadt war. Heute ist das Kunstwerk eines der WahrzeichenNach dem deutschen Einmarsch im Zweiten Weltkrieg wurden 1943 mindestens 46.000 Menschen nach Auschwitz deportiert; nur 1950 von ihnen überlebten den Holocaust. Das Jüdische Museum und das Holocaust-Mahnmal auf dem Eleftheria-Platz halten die Erinnerung wach.
Wer Thessaloniki mit Aussicht entdecken will, steigt hinauf nach Ano Poli. Die Oberstadt, vom großen Brand von 1917 verschont, ist das einzige Viertel, das wie ein Dörfchen wirkt: Kopfsteinpflaster, halb verwitterte Holzerker in Ocker und Entenei-Blau, verwinkelte Gassen, Katzen auf jedem zweiten Treppenabsatz, ganz oben die Eptapyrgio-Festung. Von hier sieht man an klaren Tagen den Olymp, in jedem Fall aber die ganze Stadt: den Hafen, das Meer, die Skyline aus Hochhäusern und Kirchtürmen. Irgendwo darunter verläuft, unsichtbar, die frisch ausgegrabene Römerstraße.
Aus einer anderen Perspektive lässt sich Thessaloniki von den südlich gelegenen Küstenorten Perea, Agia Triada und Nei Epivates betrachten. Sie verfügen über Sandstrände mit flachem Wasser, Beachbars und Tavernen – von denen aus sich am Abend beobachten lässt, wie am Horizont die Sonne in die Skyline der Stadt plumpst. Gerade im frühen Herbst, wenn sich die ermattende Sommerhitze verzogen hat, lässt sich der Städtetrip bestens mit ein paar verbummelten Tagen am Meer verbinden.
Spätestens auf der Halbinsel Chalkidiki südöstlich von Thessaloniki ist die Auswahl an Stränden großZurück in der Stadt, wartet das Essen. Thessaloniki wurde 2021 von der Unesco zur ersten griechischen „City of Gastronomy“ ernannt, und wer den Kapani-Markt oder die Markthalle von Modiano besucht, versteht die Ehrung. Stände mit eingelegten Sardellen, Meeresfrüchten, Bergen von Oregano, Nüssen und Fässern voller Oliven zeugen von einem kulinarischen Gedächtnis, das Jahrhunderte umspannt. Es riecht nach Salz, Holz, getrockneten Kräutern – nach einer Stadt, für die Essen stets grundlegend war.
Der eindrücklichste Beweis dafür: das legendäre „Olympos Naoussa“. 1927 am Hafen eröffnet und in den Sechzigerjahren als bestes Restaurant Griechenlands gehandelt, ist nach jahrzehntelanger Pause wieder da. Küchenchef Dimitris Tasioulas kocht saisonal und regional, von gegrilltem Oktopus aus Athos über Lamm aus dem Hinterland bis zum Arseniko-Käse aus Naxos.
Thessaloniki als Genießertipp
Wer fleischlos essen möchte: In der Taverne „Mourga“ im Stadtzentrum (Christopoulou 12) setzt Küchenchef Yannis Loukakis für sein Mittags- und Abendmenü ausschließlich auf Bio-Gemüse, Fisch und Meeresfrüchte. Im „Iliopetra“ (Eschilou 5) serviert Giorgos Zannakis Weinblattröllchen als Sushi und grillt Makrele für seine Tacos.
Das „Voukakrato“ nahe dem Hafen kocht mit Holzfeuer und ausschließlich griechischen Zutaten: gegrillte Calamari auf schwarzer Taramas-Creme und Shrimps auf Kichererbsen mit Meerfenchel. Klar, ohne Schnörkel, aromastark. Der regionale Wein kommt aus Naoussa, eine Autostunde entfernt; die Xinomavro-Cuvées sind eines der besten Argumente für den Norden Griechenlands.
Erstmals testet auch der „Guide Michelin“ gerade die Gastronomie von Thessaloniki. In seiner kommenden griechischen Ausgabe wird er neben dem bereits etablierten Athen auch Thessaloniki berücksichtigen. Denn die eigene gastronomische Identität der Hafenstadt hat sich herumgesprochen, so empfiehlt auch das „Time“-Magazin Thessaloniki als Genießertipp mit vielen Spezialitäten.
Der Tag beginnt mit Bougatsa, einem Blätterteigsnack, der mit Feta oder Pudding gefüllt ist. Nachmittags gibt es Trigono panoramatos, knusprige Dreiecke aus in Sirup getränktem Filoteig, mit einer Vanille-Puddingcreme gefüllt und mit gehackten Pistazien verziert. Ein weiterer Favorit ist Koulouri, der einem Bagel ähnelt und mit Sesam bestreut ist. Er passt gut zu den vielen Schafs- und Ziegenkäsesorten, die auf den Märkten angeboten werden.
Dann sitzen Einheimische und Besucher draußen an den Tischen, zwischen Weißem Turm und Ladadika-Viertel. Ein Mann am Nebentisch liest Zeitung, von irgendwoher klingt Musik.
Athen, sagen die Thessalonicher, ist die Hauptstadt. Aber Thessaloniki sei die Stadt zum Entspannen. Bei einem Eiskaffee, dessen Genuss eine Stunde in Anspruch nehmen kann. Nicht, weil man nichts zu tun hätte, sondern weil das in Thessaloniki so üblich ist. Halara eben.
Tipps und Informationen:
Wie kommt man hin? Direktflüge nach Thessaloniki ab mehreren deutschen Städten, etwa mit Lufthansa, Easyjet oder auch Ryanair. Der Flughafen Thessaloniki Makedonia liegt 15 Kilometer entfernt. Mit der Buslinie 1X (nachts 1N) in etwa 35 Minuten ins Stadtzentrum. Mit dem Zug von Athen in etwa vier Stunden nach Thessaloniki, mit Halt in Larissa und Meteora.
Wo wohnt man gut? Die „ON Residence“ im restaurierten Olympos-Naoussa-Gebäude direkt am Hafen vereint Art déco-Interieur mit zeitgenössischem Komfort. Doppelzimmer mit Frühstück ab 165 Euro (onresidence.gr). „The Modernist“ nahe dem Aristoteles-Platz, sorgfältig restauriertes Stadthaus aus den 1920er-Jahren. Minimalistisches Design, Frühstück auf der Dachterrasse, Doppelzimmer mit Frühstück ab 159 Euro (themodernisthotels.com).
Für einen Strandtag: Zwischen Thessaloniki und den Stränden von Perea, Nei Epivates und Agia Triada pendeln zwischen Mai und Oktober täglich Fähren. Abfahrt: Weißer Turm und Hafen, Fahrzeit 35 bis 45 Minuten. Das Ticket kostet pro Strecke zehn Euro. (karavakia.gr/en/). Die Strände sind auch gut mit dem Bus zu erreichen. Mit den Buslinien 2K, 3K und 72A. Tickets ab zwei Euro. Für die Strände auf der Halbinsel Chalkidiki fährt man vom zentralen Busbahnhof KTEL Chalkidiki ab (oasth.gr/en/ sowie ktel-chalkidikis.gr).
Weitere Infos: thessaloniki.gr; visitgreece.gr/de
Die Teilnahme an der Reise wurde unterstützt vom Hotel „ON Residence“. Unsere Standards der Transparenz und journalistischen Unabhängigkeit finden Sie unter go2.as/unabhaengigkeit
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