Sind Wisente Touristenmagnete oder Waldzerstörer?
So ein dicker Wisent hat es nicht leicht. Europas letzte wild lebende Bisons werden zwar geschützt und gelten als Touristenattraktion, sie haben aber auch schlechte Manieren.
Im Gegensatz zu ihren nordamerikanischen Verwandten, die nur Gras in der Prärie rupfen, trampeln die Riesenrinder mangels Grassteppen durch die Wälder und ziehen dann gern den Bäumen die Rinde vom Stamm. Da sind dann Naturschützer hin- und hergerissen: Bäume oder Wisente schützen?
Am westfälischen Rothaarsteig im Kreis Siegen-Wittgenstein jedenfalls siegten die Bäume. Eine wild lebende Wisentherde von gut 30 Exemplaren, die zum Entzücken vieler Besucher dort elf Jahre durch die Gegend trottete, wurde wieder eingegattert. Im Januar 2026 sind die ersten sechs unerwünschten Tiere nach Aserbaidschan ausgeflogen worden.
Denn im dortigen Shahdag-Nationalpark ist man ganz wild auf Wisente: Seit dort, nach knapp 100 Jahren, wieder eine Herde von gut 80 Exemplaren an den Berghängen des Shahdag herumzieht, kommen auch immer mehr Trekking-Touristen in den Nordosten Aserbaidschans, um mit Rangern auf Tour zu gehen. Bis Ende des Jahres fliegen noch mehr Westfalen-Wisente in den Kaukasus.
1500 Tiere: Größte Attraktion
Der 2006 gegründete Shahdag-Nationalpark hat dabei den berühmten polnischen Urwald von Bialowieza zum Vorbild. Dort, an der Grenze von Polen und Belarus, leben wieder rund 1500 Wisente, die einst ausgerottet waren. Sie sind die größte Attraktion. Geführte Wisent-Safaris gibt es bei Veranstaltern wie Wild Poland (wildpoland.com) oder direkt vor Ort (pttk.bialowieza.pl).
Wer nicht ganz so weit reisen will, kann natürlich auch in vielen Schaugehegen und Tierparks hierzulande Wisente angucken. Das ist aber oft ein wenig traurig, denn auch bei artgerechter Haltung leben sie in Gefangenschaft.
Wisente bei Berlin
Für viele Tierfreunde dürfte es deshalb überraschend sein, dass Deutschlands größte Wisentherde in Brandenburg auf einem ehemaligen Truppenübungsplatz quasi wild lebt. Gut 25 Kilometer von Berlin und Potsdam entfernt, hat die Heinz-Sielmann-Stiftung ein einzigartiges Naturschutzprojekt in der Döberitzer Heide im Havelland realisiert.
Tapsig: Ein Wisentkalb in der Döberitzer HeideDie Herde mit gut 130 Tieren bewegt sich frei in der 1860 Hektar großen Kernzone mit Wald und Heide. Gerade wurden mehrere Wisent-Kälber geboren. Hier leben auch Przewalski-Pferde. Man nennt das ein Semireservat, welches nur mit Rangern betreten werden darf und umzäunt ist.
Geführte Exkursionen zu den Wisenten gibt es im Frühjahr und Herbst (sielmann-stiftung.de). Bester Ausgangspunkt für einen individuellen Ausflug ist das Natur-Erlebniszentrum in Elstal. Hier gibt es 55 Kilometer Wanderwege und viele Rastplätze.
Ein Aussichtsturm am Finkenberg bietet unterwegs den besten Blick auf die sogenannte „Wüste“, eine steppenartige Trockenrasenfläche, wo Wisente gern grasen. Fernglas mitnehmen!
Schweizer Wisente
Auch in der Schweiz will man Wisente auswildern. Ein Ranger betreut eine Herde von 25 Tieren im Solothurner Jura, die auf ihre Freiheit warten.
Sie sollen eigentlich 2027 in einem von der Gemeinde zur Verfügung gestellten Wald beim Naturpark Thal freigelassen werden, doch nun meutern Naturschützer und Waldbauern.
Vielleicht heißt es ja auch für die Schweizer Tiere: ab in den Kaukasus.
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