Apulien dürfte so gut wie jeder, der Olivenöl und Rotwein mag, schon einmal auf der Zunge gehabt haben. Rund 40 Prozent des italienischen Olivenöls kommen von der „Hacke“ des italienischen Stiefels, wo an die 60 Millionen Olivenbäume wurzeln. Und die charaktervollen Rotweinsorten Primitivo und Negroamaro sind inzwischen keine lokalen Geheimtipps mehr, sondern in jedem guten italienischen Ristorante weltweit zu haben.

Seit ein paar Jahren hat sich die süditalienische Region, die sich mit gut 800 Küstenkilometern an Adria und Ionischem Meer entlangzieht, als internationales Reiseziel etabliert, mit guten Flugverbindungen ins nördliche Europa. Ein Geheimtipp ist Apulien deshalb nicht mehr. Unter Overtourism – der anderswo in Italien, etwa in Venedig oder Florenz, an der Tagesordnung ist – leidet die Gegend zum Glück trotzdem nicht. Obendrein sind die Einheimischen fast durchweg entspannt: mal herzlich überschwänglich, meist ein bisschen altmodisch und immer fröhlich lärmend.

Um Apuliens Vielfalt zu erleben, lohnt sich eine Rundreise: Wir empfehlen dafür fünf Orte, die allesamt eine lokale Besonderheit bieten.

Alberobello & Trulli

Alberobello ist ein Städtchen mit Wow-Faktor, berühmt für seine historischen Zipfelmützenhäuser, die Trulli. Das sind an die 1500 Steinhäuser, oft mehrere Jahrhunderte alt, mit kegelförmigen Dächern, aus denen Schornsteine wie kleine Hüte ragen, es gibt sogar eine Kirche in Trullo-Form. Fast kommt man sich in dem Idyll vor wie in Schlumpfhausen.

Seine einmalige Trulli-Dichte hat Alberobello 1996 den Titel Unesco-Weltkulturerbe beschert. Typisch für die Trulli, die in Apulien früher Hirten und Bauern als Unterschlupf dienten, ist neben der putzigen Form die Bauweise ohne Zement und Mörtel – sie können bei Bedarf schnell ab- und wieder aufgebaut werden.

Der architektonische Blickfang in Alberobello schlechthin: die Trulli-Häuschen

Der historische Grund dafür ist eine lokale Form der Steuervermeidung: Für Steinhäuser mussten Abgaben gezahlt werden. Um das zu umgehen, wurden die Trulli nur aus losen geschichteten Steinen errichtet. So konnten sie im Falle einer königlichen Steuerinspektion schnell abgerissen und ebenso schnell wieder aufgebaut werden.

Bis zur Mitte des 20. Jahrhunderts waren die Trulli Arme-Leute-Häuser. Seither erleben sie eine Renaissance; viele wurden zu Hotels oder Ferienhäusern umgebaut. Alberobello ist unter Apuliens Trulli-Orten der unbestrittene Star.

Lecce & Barock

Lecce ist Apuliens südlichste Großstadt, sie wird auch „Florenz des Südens“ genannt, weil sie Hunderte prachtvolle Barockbauten in ihren Mauern versammelt. Hinter der toskanischen Kapitale braucht sich Lecce nicht zu verstecken. Fast die gesamte barocke Pracht ist aus hellbeigem, leicht zu bearbeitendem Tuffstein (Pietra Leccese) errichtet, der die Altstadt im Abendlicht golden schimmern lässt.

Zu den Höhepunkten, die auch teutonische Kulturreisende zuverlässig in Verzückung versetzen, zählen die Basilika Santa Croce, deren überbordende Fassade mit Engeln, Greifen, Löwen und floralen Ornamenten als Meisterwerk des „Barocco Leccese“ gilt, sowie die Piazza del Duomo mit ihrer imposanten Kathedrale und dem 70 Meter hohen Glockenturm – einer der schönsten geschlossenen Barockplätze Italiens.

Überbordende Fassade: Basilika Santa in Lecce

Wer noch nicht genug hat, besucht die Chiesa di San Matteo, die mit ihrer dynamisch geschwungenen Fassade zu den originellsten Kirchen in Lecce zählt. Anders als die überbordend verzierte Basilika Santa Croce setzt sie auf raffinierte Raumwirkung: Vor- und zurückspringende Mauern, elegante Säulen und fein gearbeitete Skulpturen lassen das Gebäude aus jedem Blickwinkel anders erscheinen – ein Meisterwerk des Lecceser Barocks.

Von der barocken Reizüberflutung erholt man sich am besten im Traditionscafé „Alvino“ an der Piazza Sant’Oronzo bei einem Caffè Leccese, das ist ein frisch gebrühter Espresso auf Eiswürfeln mit herb-süßer Mandelmilch.

Galatina & Pasticciotti

Galatina trägt seinen süßen Ruhm schon am Ortseingang zur Schau: Unter den Ortsschildern steht selbstbewusst „Città del Pasticciotto“. Tatsächlich gilt das beschauliche Städtchen im Salento, dem Südzipfel Apuliens, als Geburtsort jenes ovalen Mürbeteigtörtchens, das heute in der gesamten Region zum Frühstück gehört wie der Espresso. Außen leicht knusprig, mit Schmalz gebacken, innen gefüllt mit Vanillecreme – am besten schmeckt ein Pasticciotto noch lauwarm, direkt aus dem Ofen.

Am besten lauwarm genießen: ein Pasticciotto in einem Café in Galatina

Der Legende nach entstand das Gebäck 1745 eher zufällig in Galatina: In der „Pasticceria Ascalone“ formte der Konditor aus übrig gebliebenem Mürbeteig und Vanillecreme etwas Neues und nannte es Pasticciotto – „kleines Durcheinander“. Was als Resteverwertung begann, wurde ein Klassiker, erst in Galatina, dann im ganzen Salento. Sogar der Hof in Neapel ließ sich beliefern.

Noch heute gehört der Besuch einer traditionellen Pasticceria zu den schönsten Erlebnissen in Galatina. Hinter den Glasvitrinen liegen die handgefertigten Köstlichkeiten dicht an dicht. Verpackt wird mit edlem Papier, Schleife und Siegel – als verlasse man keine Konditorei, sondern ein Juweliergeschäft.

Doch Galatina ist mehr als Zucker und Folklore. Die Gassen der Altstadt sind mit barocken Patrizierpalästen bestückt, aber weniger belebt als die in Lecce. Auf der Piazza Orsini verschwindet ein Mönch durch das fein gearbeitete Portal der Basilika Santa Caterina d’Alessandria.

Galatina: Hier ist das Pasticciotto-Törtchen zuhause

Drinnen wartet eines der eindrucksvollsten Kunstwunder Apuliens: Giotto-Schüler schmückten die Kirche im 15. Jahrhundert nahezu vollständig mit Fresken aus. Engel schweben durch die Gewölbe, Dämonen grinsen aus den Wandbildern, Eva reicht den Apfel, Märtyrer werden erdolcht. Es sind farbgewaltige Bilder, in denen man sich stundenlang verlieren kann.

Polignano a Mare & Klippen

Schon von Weitem scheint Polignano a Mare über der Adria zu schweben. Die weiß getünchten Häuser der Altstadt klammern sich an bis zu 25 Meter hohe Kalksteinklippen, unter ihnen brandet die türkisblaue Adria gegen die Felsen. Kaum ein Ort in Apulien wird häufiger fotografiert und auf Instagram gepostet.

In den Gassen erklingt immer wieder der berühmteste Sohn der Stadt aus kleinen Lautsprechern: „Volare, oh, oh … Cantare, oh, oh, oh, oh!“ – so lautet der Refrain des Welthits „Nel blu, dipinto di blu“ von Domenico Modugno, der 1928 in Polignano a Mare geboren wurde.

Jahrzehntelang erzählte man Besuchern, der Sänger habe die Idee zu seinem Lied beim Blick aufs tiefblaue Meer von Polignano entwickelt. Später stellte sich heraus: Die Inspiration kam ihm in Rom – mit einer Flasche Rotwein bei einem Blick in den blauen Himmel. Egal: Charmant ist Polignano trotz der entzauberten Legende.

Bezauberndes Polignano: Kaum ein Ort in Apulien wird häufiger fotografiert

Unter der Altstadt haben Wind und Meer zahlreiche Grotten in den Kalkstein gegraben. Die bekannteste ist die Grotta Palazzese: Dort liegt ein Restaurant, das nur im Sommer geöffnet ist und als eines der außergewöhnlichsten Italiens gilt – Reservierung unbedingt empfohlen. Von hier geht der Blick direkt auf die Steilküste, an der regelmäßig Klippenspringer trainieren. Bei einem besonders kühnen Sprung kann einem schon mal die Pasta im Hals stecken bleiben.

Bari & Orecchiette

Bari ist keine Schönheit, aber spannend und authentisch! Laut, manchmal rau, widersprüchlich – eine Stadt, die man sich erlaufen muss. Hinter den Mauern von Bari Vecchia zeigt sie ihr wahres Gesicht: Die Altstadt ist ein dichtes Geflecht aus Gassen und Torbögen, in dem das Leben vor allem draußen stattfindet. Gespräche von Balkon zu Balkon, Wäsche über den Straßen, Kinder, die zwischen Mopeds und Haustüren Fußball spielen. Nichts wirkt hier geschniegelt oder arrangiert.

Zwischen den Wohnhäusern stehen einige der wichtigsten Bauwerke Apuliens. Die Basilika San Nicola gehört zu den bedeutendsten romanischen Kirchen Italiens. Seit hier die Gebeine des heiligen Nikolaus liegen, kommen Pilger aus ganz Europa.

Das Kilo sechs Euro: Orecchiette sind die Nudelspezialität aus Bari

Wenige Schritte weiter die Kathedrale San Sabino, ebenfalls romanisch, mit ihrer hellen, fast strengen Fassade. Am Rand erhebt sich das Castello Normanno-Svevo, eine wuchtige Anlage aus dem zwölften Jahrhundert, später von Stauferkaiser Friedrich II. ausgebaut.

Doch entscheidend ist nicht die Architektur, sondern das, was dazwischen passiert. In der Strada delle Orecchiette sitzen Frauen vor ihren Häusern und formen mit schnellen, routinierten Bewegungen Teig zu kleinen, ohrförmigen Nudeln. Aus Hartweizengrieß, Wasser und Salz entsteht hier eine besondere Pasta, die für Bari typisch ist, mit rauer Oberfläche, die Saucen besonders gut aufnimmt. Klassisch wird sie mit Stängelkohl (Cime di Rapa) serviert, dazu Knoblauch, Sardellen und etwas Chili.

Die Gasse ist längst selbst eine Sehenswürdigkeit. Touristen bleiben stehen, machen Fotos, kaufen Tüten mit getrockneten Orecchiette als Souvenir – und schauen zu, wie aus quirligem Alltag ein kleines Geschäft geworden ist.

Tipps und Informationen:

Anreise: Es gibt von vielen deutschen Flughäfen Direktflüge nach Bari und Brindisi.

Unterkunft: „Trulli Holiday Albergo Diffuso“, Alberobello – Übernachtung in liebevoll restaurierten historischen Trulli, die über die Altstadt verteilt liegen, Doppelzimmer ab ca. 160 Euro (www.trulliholiday.com). „Masseria Mò“ bei Galatina – kleine, stilvoll restaurierte Design-Masseria mitten im Grünen, die früher ein ländliches Anwesen war, wenige Zimmer, großer Pool, grandioses Frühstück, Doppelzimmer ab 150 Euro (masseriamo.com). „Le Club Boutique Hotel“ in Lecce – elegantes Boutiquehotel in einem historischen Palazzo mitten in der Barock-Altstadt mit Dachterrasse, Doppelzimmer ab 180 Euro (leclublecce.com). „Masseria Le Torri“ bei Polignano a Mare – historischer Gutshof mit mediterranem Innenhof, Pool und Blick über Olivenhaine, Doppelzimmer ab 230 Euro (masserialetorri.com). „Palazzo Calò“ in Bari – elegantes Designhotel in einem historischen Palazzo am Rand der Altstadt, Doppelzimmer ab 180 Euro (www.palazzocalo.com).

Weitere Infos: visit.puglia.it/de

Die Teilnahme an der Reise wurde unterstützt von Puglia Promozione. Unsere Standards der Transparenz und journalistischen Unabhängigkeit finden Sie unter go2.as/unabhaengigkeit

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