Der neuseeländische Nordinselschnäpper ist ein kleiner Vogel mit großen Erwartungen. Angstlos sitzt er auf seinen dünnen Beinen am Wegesrand. Wanderführerin Sarah weiß, warum: Er wartet darauf, dass sie mit den Schuhen Laub zur Seite wischt, sodass sichtbar wird, was sich darunter verborgen hat: Ein paar Würmchen kringeln sich. Der Toutouwai, wie ihn die Maori nennen, pickt sie auf. Es ist eine putzige Interaktion zwischen Mensch und Vogel, beidseitig erlernt auf Tiritiri Matangi.

Das kleine Eiland vor Neuseelands Nordinsel, einen Tagesausflug entfernt von der Millionenstadt Auckland, ist ein Naturjuwel, in dem sich seltene und bedrohte Tiere wunderbar beobachten lassen. Dennoch haben viele Touristen vor allem die zwei größten Teile des Pazifikstaates auf dem Schirm, die milde Nord- und die bergige Südinsel.

Beide haben ihre Reize, doch es gibt mehr als 600 Eilande in Aotearoa, wie das Land auf Maori heißt. Auf den kleinen Inseln sei Neuseeland noch wie früher, sagen Kenner. Wer das weniger bekannte, ursprüngliche Neuseeland erkunden will, sollte daher unbedingt Inselhüpfen jenseits der Haupteilande einplanen.

Rar gewordene Tiere

Tiritiri Matangi ist dabei ein Muss für alle, die rar gewordene neuseeländische Tiere unmittelbar erleben wollen. Etwa den Stichvogel, auf Maori Hihi genannt. Man hört den Kokako, dessen katzenartige Geräusche mit keinem anderen Vogel zu verwechseln sind und der erst in den 2000ern auf dieser geschützten Insel angesiedelt wurde. Auf der Wiese vor dem Leuchtturm stakst das dunkelblau schimmernde Purpurhuhn alias Pukeko herum und lässt sich geduldig fotografieren.

Sie alle haben keine Angst. Importierte Nesträuber wie Ratten, Frettchen, Wiesel oder Katzen existieren nicht auf Tiritiri Matangi.

Fast wirkt es so, als hätten die europäischen Siedler die Insel damals verschont. Doch holzten sie auch hier ab Mitte des 19. Jahrhunderts Wälder für Farmland ab. Die heutige Ursprünglichkeit der Natur ist das Ergebnis harter Arbeit.

Von 1984 bis 1994 pflanzten Tausende Freiwillige über 280.000 Bäume, die beste Lebensbedingungen für die lokale Tierwelt bieten. Ein Netzwerk von Ehrenamtlichen erhält das Schutzgebiet, sorgt dafür, dass keine Fressfeinde eingeschleppt werden, organisiert Führungen.

Wie Guide Sarah; die Rentnerin ist jeden Sonntag hier. Es ist eine Gemeinschaft von Enthusiasten, die sich beim Tee im Besucherzentrum darüber austauscht, wer was gesehen hat.

Die Ausflügler treffen auf einen weiteren Superlativ: Die Riesen-Weta, eine nur in Neuseeland heimische Heuschrecke, wird bis zu neun Zentimeter lang und erreicht mit 70 Gramm das Gewicht einer Maus – das schwerste Insekt und eines der größten weltweit. An einem Baum hängend paaren sich zwei Exemplare, ein Prozess, der mehrere Stunden dauert. Während die Besucher eine Bootsstunde später zurück in Auckland sind, geben sich die Riesen-Wetas noch immer dem Fortpflanzungsakt hin.

Bis heute kein Stromnetz

Aotea, das Captain Cook Great Barrier Island taufte, steht am nächsten Tag auf dem Programm. Die Insel ist vier Fährstunden entfernt. Hier gibt es bis heute kein Stromnetz; die Bewohner behelfen sich mit Generatoren und Solarpaneelen. Entsprechend sparsam wird mit Licht umgegangen, was sie zum perfekten Ziel zum Sternegucken macht.

Gerade mal 90 Kilometer von Auckland entfernt, existieren auf Aotea auch keine größeren Supermärkte oder Hotels, keine Geldautomaten, kein öffentlicher Nahverkehr. Drei Viertel des Eilands werden vom Department of Conservation verwaltet, der Naturschutzbehörde. Great Barrier Island gilt selbst Neuseeländern noch als Geheimtipp, ideal für alle, die Entschleunigung in der Natur suchen.

Waiheke dagegen ist den Neuseeländern vertraut. Die Insel, 20 Kilometer vor Auckland gelegen, war mal ein Hippie-Refugium; heute ist sie beliebtes „Wine Island“ und gehobener Wohnort. Am Wochenende probieren sich Ausflügler durch die Weingüter oder Whiskybrennereien und genießen die schönen Strände. Wochentags pendeln viele Insulaner mit der Schnellfähre nach Auckland, mit dem Laptop auf den Knien.

Für Rangitoto Island, das auf halber Strecke passiert wird, haben sie meist keinen Blick mehr. Dabei ist diese junge Vulkaninsel durchaus spektakulär: Vor nur 600 Jahren aus dem Meer geschoben, erhebt sich ihr dunkler Kegel 260 Meter über dem Hauraki Gulf. Mittlerweile ist der Rangitoto-Krater dicht bewaldet, aber weite Teile der Insel sind immer noch scharfkantiger, fast schwarzer Fels. Deshalb empfiehlt es sich, das Eiland nur mit ortskundigen Guides zu besuchen.

Selbst Neuseeländern ein Sehnsuchtsziel

Inselhüpfen lohnt sich auch in Neuseelands Süden – besonders im tiefsten Süden, am Übergang zur subantarktischen Zone, wo sich Seelöwen und Albatrosse gute Nacht sagen. Stewart Island, die drittgrößte Insel des Landes, die auf Maori Rakiura heißt, ist wegen ihrer Ursprünglichkeit und Abgeschiedenheit für viele Neuseeländer ein Sehnsuchtsziel.

Von Auckland aus ist es tatsächlich eine kleine Reise: Mit Air New Zealand geht es via Christchurch auf der Südinsel nach Invercargill und von dort per Mini-Flieger nach Oban, der einzigen Siedlung auf der Insel.

Der Flugplatz fungiert nebenbei als Kiwi-Beobachtungsareal des Tourenanbieters Beaks & Feathers. Auf dem kurz geschorenen Gras längs der Landebahn stehen die Chancen gut, im Kegel einer Taschenlampe den scheuen Wappenvogel Neuseelands zu erspähen. In diesem Fall speziell den Stewart-Island-Brown-Kiwi; er ist der größte von fünf Kiwiarten und auf der Insel heimisch.

Kiwis lassen sich am besten bei der Futtersuche erspähen

Nach einer halben Stunde im Nieselregen ist es so weit: Ein junges, flauschiges Exemplar stakst über die Wiese. Es ist erfreulicherweise unbeeindruckt von Beobachtern. Die flugunfähigen Vögel ignorieren Menschen, erklärt Guide Robert, verteidigen allerdings ihr Territorium gegen Artgenossen.

Meist leben sie im Unterholz, suchen aber gern im offenen Feld nach Würmern und Insekten, die sie mit ihren langen Schnäbeln aus dem Boden zupfen – geführt vom feinen Geruchssinn, der an der Schnabelspitze sitzt.

Sternenhimmel vom Bett aus

Stewart Island ist nicht nur wegen der hohen Wahrscheinlichkeit, Kiwis zu erspähen, ein ideales Ziel für Fans neuseeländischer Natur. Mit 0,3 Menschen pro Quadratkilometer ist das Eiland extrem dünn besiedelt, 85 Prozent der Landfläche gehören zum Rakiura-Nationalpark.

Neuerdings kann man in einem Öko-Haus am Nationalpark übernachten: Die Firma PurePod hat vor dem Schutzzaun zwei gläserne Komfortkästen mit Blick auf die Lee Bay und die Küste der Südinsel aufgestellt. Wenn der Himmel nicht bewölkt ist, sieht man im Bett liegend durch die gläserne Decke die Sterne des Südhimmels. Stewart Island ist nämlich nicht nur ein verwunschenes Idyll, sondern auch das südlichste von der International Dark Sky Association zertifizierte Lichtschutzgebiet der Welt.

Und es geht noch abgeschiedener, noch urtümlicher. Ein Wassertaxi bringt Besucher von Stewart Island hinüber nach Ulva Island. Dort wird man am Pier instruiert, wie man sich im Fall einer Seelöwen-Begegnung zu verhalten hat: zwei Buslängen Abstand halten, im Zweifelsfall umkehren und, wenn gar nichts mehr geht, einen Rucksack zwischen sich und die trotz ihrer Schwerfälligkeit flinken Tiere halten.

Massig, aber flink: Wer neuseeländischen Seelöwen auf den Inseln im Süden begegnet, sollte großen Sicherheitsabstand halten

Man kann weiblichen Seelöwen auf Ulva Island sogar mitten auf einem Waldweg begegnen. Dorthin flüchten sie vor den Nachstellungen der Männchen. Dann muss man einen Umweg machen; die Seelöwen haben Wegerecht. Auf Ulva, einer der kleinsten neuseeländischen Inseln, gibt es nichts als Tiere, Pflanzen, Strand, Wasser und Steine.

Die Tour über Stewart- und Ulva-Island ist eine Art Zeitreise: So ähnlich wie heute dürfte es hier bereits in den 1840er-Jahren ausgesehen haben, als Europäer in der Gegend Jagd auf Pottwale machten. Die Walfänger waren auf den Austausch mit den Maori angewiesen, die schon seit dem 13. Jahrhundert hier lebten.

Das Rakiura Museum in Oban erzählt diese und andere Kapitel aus der Geschichte der Inseln im Süden. Im Gegensatz zu Tiritiri Matangi, das wieder aufgeforstet werden musste, wurden die Wälder auf Ulva Island niemals gerodet. Seit 1997 ist die Insel zudem „pest free“, also ohne eingeschleppte Tiere, die zur Plage hätten werden können.

Kreischt laut und vermehrt sich langsam: Waldpapagei Kaka

Selbst die wenigen einst aus Europa, Asien oder Amerika importierten Bäume werden nach und nach gefällt. Es soll hier einmal wieder so aussehen wie vor dem Auftritt der Europäer: purer neuseeländischer Regenwald, der in Tausenden Grünschattierungen glänzt.

Dazu passt, dass der heimische Waldpapagei Kaka einen prähistorisch klingenden Schrei loslässt, der an Jurassic Park erinnert. Der Kreischvogel ist eine auf den Hauptinseln bereits bedrohte Art, die sich nur alle zwei bis vier Jahre vermehrt.

Und es gibt weitere Exoten: Tieke, der lärmige Südinsel-Sattelvogel, tritt meist in Schwärmen auf und hackt Rinde von den Bäumen, um Insekten zu finden. Die heimische Waldtaube Kereru wiederum saust zwischen den Baumstämmen umher, eine Schlüsselfigur im Ökosystem Neuseelands, da sie als eine der wenigen verbliebenen Vogelarten große Früchte heimischer Baumarten verschlingen und deren Samen unversehrt verbreiten kann. Wenn sie sich an vergorenen Früchten überfressen, fliegen sie nicht nur wie betrunken – sie sind es auch.

Mitunter beschwipst: die Waldtaube Kereru

Weitere Überraschungen liegen auf Ulva verborgen im Unterholz. Die beiden Guides, Stefan und Carly, weisen auf einen alten Pukatea-Baum hin, in dessen Astloch sich von Pilzen schwarz verfärbtes Wasser gesammelt hat. Trägt man es auf die Haut auf, haftet es wie Tattootinte daran.

Intakter Regenwald

Später erzählt Carly von Plänen, in diesem Habitat riesige räuberische Landschnecken anzusiedeln, die auf der Südinsel bedroht sind. Hier hätten sie beste Bedingungen: Ulva Island ist ein seltenes Beispiel für einen nahezu intakten, ursprünglichen Küstenregenwald.

Während der zweistündigen Wanderung bekommt man so ziemlich alle endemischen Vögel zu Gesicht. Auch den seltenen Neuseeland-Fächerschwanz alias Piwakawaka, der um einen herumschwirrt, als würde er sich über den Besuch freuen. Ins Haus hinein fliegen lassen sollte man ihn allerdings nicht; das gilt als schlechtes Omen. Aber es gibt auf Ulva Island ja so gut wie keine Häuser – nur das Ferienhaus einer lokalen Familie, das Bestandsschutz genießt.

Grüne Wildnis: Auf der Tiritiri Matangi begegnen Besucher seltenen Vögeln und bizarren Insekten

Das Wassertaxi macht noch einen Umweg zu ein paar Seelöwen, die sich auf einer Sandbank sonnen. Albatrosse landen mit Riesenschwingen auf dem bleiblauen Wasser – sie halten das Taxi für ein Fischerboot und wollen ein paar Happen abhaben. Als ihnen ihr Irrtum klar wird, schwingen sie sich davon. Später umkreisen ein paar Seelöwen das Boot. Wahrscheinlich hoffen auch sie auf Fische.

Wie bestellt watschelt zum Schluss der Tour am Strand noch eine Gruppe Vögel vorbei, die zu den seltensten ihrer Gattung zählen: Gelbaugenpinguine. Es sind Gänsehautmomente wie diese, für die allein sich die weite Reise nach Neuseeland lohnt.

Tipps und Informationen:

Wie kommt man hin? Etwa mit Singapore Airlines (singaporeair.com) über Singapur oder mit Cathay Pacific (cathaypacific.com) über Hongkong nach Auckland. Stewart Island erreicht man mit Air New Zealand (airnewzealand.co.nz) via Invercargill, weiter nach Oban mit Stewart Island Flights (stewartislandflights.co.nz). Im Kleinflugzeug dürfen nur 15 Kilo Gepäck mitgenommen werden, der Rest kann eingelagert werden.

Wo wohnt man gut? In Auckland ist das stylische „Hotel DeBrett“ eine gute Basis für Inselausflüge, Doppelzimmer ab 170 Euro (hoteldebrett.com). Direkt auf Tiritiri Matangi schläft man urig in Mehrbettzimmern im alten Leuchturmwärterhaus, Schlafsack mitbringen, ab 25 Euro (tiritirimatangi.org.nz/overnight-stays). Auf Stewart Island sind im Eco-Reserve „Hananui Purepod“ zwei Glamping-Glaskabinen in der Wildnis buchbar, ab umgerechnet 200 Euro pro Nacht (purepods.com); der Anbieter „Beaks & Feathers“ bietet neben Kiwi-Spotting und Inseltouren von September bis Mai auch Ferienwohnungen für Zwei, ab 300 Euro pro Nacht (beaksandfeathers.co.nz).

Weitere Infos: newzealand.com/de

Die Teilnahme an der Reise wurde unterstützt von Tourism New Zealand. Unsere Standards der Transparenz und journalistischen Unabhängigkeit finden Sie unter go2.as/unabhaengigkeit

Haftungsausschluss: Das Urheberrecht dieses Artikels liegt bei seinem ursprünglichen Autor. Der Zweck dieses Artikels besteht in der erneuten Veröffentlichung zu ausschließlich Informationszwecken und stellt keine Anlageberatung dar. Sollten dennoch Verstöße vorliegen, nehmen Sie bitte umgehend Kontakt mit uns auf. Korrektur Oder wir werden Maßnahmen zur Löschung ergreifen. Danke