Stille auf Sithonia

Eine Familie und zwei Pärchen haben auf der Terrasse von „Pauls Taverne“ in Parthenonas Platz genommen und ihre Sundowner in Stellung gebracht. Am Eingang erinnert ein in Stein geschlagenes Denkmal an Paul. Der 1939 geborene Inhaber der Taverne war der erste Dorfbewohner, der seinem Heimatort neues Leben einhauchte. Von dichtem Grün fast versteckt, hatte das Dorf auf der Halbinsel Sithonia auf seinem Hügel geschlummert. 1970 wurde es aufgegeben, die letzten Bewohner übersiedelten ins fünf Kilometer entfernte Hafenstädtchen Neos Marmaras.

Heute sind viele Häuser restauriert. Es gibt ein Gästehaus, ein Café und besagte Taverne, die Pauls Tod im Jahr 2013 überdauerte und noch immer einer der besten Plätze für den Sonnenuntergang ist. Von ihrer Terrasse öffnet sich der Blick über Olivenhaine und das Meer bis zur Halbinsel Kassandra.

Sithonia bildet den mittleren der drei Finger der Halbinsel Chalkidiki, die im Norden Griechenlands in die tiefblaue Ägäis ragen. Die orthodoxe Klosterrepublik Athos bildet den östlichsten Finger und ist ein Ort tiefer Ruhe. Kassandra, die westlichste Halbinsel, hat sich mit sorgloser Bebauung, Beach Bars und Clubs einen Ruf als Party-Spot erarbeitet

Sithonia war einst ein Traumziel für Aussteiger und hat deutlich weniger unter touristisch motivierter Bebauung gelitten als ihre westliche Nachbarin. Mit unberührten Küsten, Pinienwäldern, Weinbergen, Berg- und Fischerdörfern sieht Sithonia vielerorts kaum anders aus als vor 100 Jahren. Und so verbringen Paare, die sich beim Partyurlaub auf Kassandra fanden, später nicht selten ruhige Familienferien auf Sithonia.

Schwalben segeln im Frühsommer durch die vom Summen der Insekten und süßem Blütenduft erfüllte Luft. Bougainvillea leuchtet in knalligem Pink. Die Sandstrände und winzigen Buchten sind zahlreich und selten überfüllt. Zu den schönsten ganz Griechenlands zählt etwa Portokali an der Küste zwischen Sarti und Armеnistis. Er ist bekannt für sein extrem türkisfarbenes Wasser, weißen Sand und weiche Kalksteinfelsen, die von Kiefern umgeben sind. Er wird auch Orange Beach genannt, so hieß dort einst eine Hippie-Bar. Der Strand gehört zu einer Reihe kleiner romantischer Felsbuchten, Kavourotripes genannt, was so viel wie „Krabbenlöcher“ bedeutet. Hier findet jeder sein Plätzchen.

Unverbaute Buchten sind typisch für Sithonia. Als an der Küste einem Hotelbau viele weitere Touristenunterkünfte folgen sollten, stoppte der Fund eines Friedhofs aus der Antike das Projekt, noch bevor das Fundament gelegt werden konnte – als wehrte sich hier das alte Griechenland gegen den Einbruch der Moderne. Die hat hier tatsächlich nur sehr überschaubar Einzug gehalten und fügt sich gut in Landschaft und Geschichte ein.

Das gilt auch für das ambitionierteste Hotel auf Sithonia, „The Danai“ im Norden der Halbinsel. Hotelier Kimon Riefenstahl hat auf Sithonia schon als Kind jeden Stein umgedreht. Er wuchs hier auf und hat den Wandel der Insel mitgeprägt. Seit 1998 leitet Kimon, unterstützt von seinen Schwestern Julia und Angelika, das Fünf-Sterne-Hotel der Familie unweit des Dörfchens Nikiti.

Seine Mutter Danai hatte das Hotel eher zufällig gegründet. Eigentlich hatte sie das Land 1970 für ein Haus am Meer für die Familie gekauft. Dreieinhalb Stunden fuhr man damals von Thessaloniki hierher, mitten ins ländliche Griechenland, wo die Menschen Oliven und Honig produzierten und keine Straße asphaltiert war. Land an der Küste war billig; die Olivenhaine im Hinterland waren von größerem Wert.

Planschen mit Meerblick: Kein Problem, wenn man eine Poolvilla im „The Danai“ bewohnt

Doch dann fragte ein Freund der Familie, ob er für ein paar Tage einen Diplomaten bei ihnen unterbringen könne. Danach kehrte er mit anderen Botschaftsangehörigen zurück. „Fünf Jahre lang kamen nur Diplomaten“, erzählt Danai. 1975 eröffnete sie dann ein kleines Hotel. Es wuchs mit der Zeit: 1992 hatte es 120 Zimmer.

Sohn Kimon hat es bewusst wieder verkleinert. Heute besitzt „The Danai“ 56 Suiten und Villen und beschäftigt 180 Menschen, darunter fünf Sommeliers. Der große Weinkeller mit 1700 Etiketten erfordert einige Aufmerksamkeit. Die Lage über der Ägäis, die beiden 18 und 30 Meter langen Motorjachten für Ägäis-Törns und der eigene Sandstrand Makria Lagada haben sich herumgesprochen. Hier urlauben viele Stammgäste, die Ruhe und Genuss suchen.

Es sei aber damals gar nicht so leicht gewesen, die Mutter von seiner Idee eines ersten Luxushotels auf Sithonia zu überzeugen, sagt Riefenstahl: „Meist sagt sie nein.“ Der Erfolg des Resorts, das inzwischen zu den Leading Hotels of the World gehört, erleichtert ihm heute manche Argumentation. Nach wie vor konzipiert Mrs. Danai, wie sie hier von allen genannt wird, jedes Detail des Interieurs.

Womöglich ist die Lage des Resorts zwischen dem Göttersitz Olymp – den man an klaren Tagen von der Terrasse aus in der Ferne sehen kann – und dem Berg Athos das Geheimnis seines Erfolgs. Vielleicht ist es aber auch die besondere Romanze, mit der alles begann.

Danai besuchte einst mit ihrer Schwägerin das antike Knossos auf Kreta, als ihr ein von einem Schwarm attraktiver Flugbegleiterinnen umschwärmter Mann auffiel. „Den werde ich heiraten“, erklärte sie ihrer Schwägerin, die einen Sonnenstich vermutete.

Doch die junge Griechin und der junge Deutsche aus Berlin kamen ins Gespräch: Sie studierte gerade Psychologie und Architektur in Frankfurt am Main, er wohnte im nahen Bad Homburg. Sie heirateten und zogen 1970 nach Griechenland, wo Otto als Ingenieur und Dania als Designerin arbeitete.

Einfach schön: Orange Beach auf bei Sonnenuntergang mit weißem Sand und Kalksteinfelsen

Die Familie ist das Fundament des Resorts. Otto und Danai leben bis heute mit Kindern und Enkeln auf dem Grundstück am Meer – so, wie es Danai vor über einem halben Jahrhundert erträumt hatte. Die bekannteste Trägerin des Familiennamens gehörte übrigens nie zum inneren Kreis: Die Verwandtschaft mit Leni Riefenstahl sei entfernt, erklärt Otto. Er sei der Großneffe und sie nie im Resort gewesen.

Ruhe ist auf Sithonia ein ständiger Begleiter. Im älteren, auf einem Hügel gelegenen Teil des Dorfs Nikiti wurden einige der im 19. Jahrhundert im traditionellen mazedonischen Stil erbauten Häuser restauriert. Andere erwarten überwuchert ihren Verfall – oder einen Käufer. Früher lebten die Bewohner des Dorfs hier oben von Olivenanbau, Imkerei und Viehzucht, dann verlagerte sich ihr Leben an die Küste. Mittlerweile gibt es am Dorfplatz im Schatten hoher Bäume wieder eine kleine Bar. Urlauber schlendern durch die gewundenen Gassen, bevor sie unten am Meer zu Abend essen.

Denn immer siegt auf Sithonia der Magnetismus des Meeres. In einer Bucht im Südwesten ist das Fischrestaurant „Panos“ am Nachmittag noch voll besetzt. Die Gäste hier kommen mittags entweder mit dem Boot oder nehmen den Landweg – und bleiben stundenlang. Für gegrillten Tintenfisch, Langustennudeln, Auberginen, Zucchini und den einen oder anderen Souvlaki-Spieß braucht man eben viel Zeit. Die vertreibt man sich mit der schönen Ägäis-Aussicht, dem Blick auf Kelyfos, ein nur von Ziegen bewohntes Inselchen.

Nur der Küchenchef hat keine Zeit für Muße. Er eilt zum Steg, begutachtet beim Fischer fangfrischen Hummer. Das Abendessen ist gesichert.

Highlife auf Kassandra

Schöne, breite Sandstrände und lebhafte Badeorte prägen den westlichsten „Finger“ von Chalkidiki. Er ist flacher als die deutlich felsigeren Halbinsel-Nachbarn. Auch aufgrund seiner Nähe zu Thessaloniki ist Kassandra touristisch am weitesten entwickelt – und am häufigsten besucht. 

Eigentlich ist Kassandra sogar eine Insel: Der Kanal von Potidea trennt den ersten Finger vom Rest Chalkidikis. Die Wasserstraße ist keine moderne Errungenschaft, sie stammt aus der Antike. Zum ersten Mal erwähnt wurde sie bereits im ersten Jahrhundert nach Christus. Als schönstes Dorf Kassandras gilt Afytos, dessen traditionelle mazedonische Architektur die Entdeckung Chalkidikis durch den Tourismus schadlos überstanden hat.

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Die meisten Urlaubsorte liegen an der Ostküste Kassandras, zum Beispiel das aufstrebende Fischerdorf Nea Fokea. Im Südwesten geht es ruhiger zu. Einen besonders attraktiven Küstenabschnitt bildet der sieben Kilometer lange Stavronikita Beach an der Westküste mit weißem Sand, Dünenlandschaft und einem artenreichen Sumpfgebiet.

Die Sani-Dünen sind ein Teil davon, hier befindet sich Kassandras Luxusherberge: das „Sani Resort“, das 1971 als erste touristische Unterkunft eröffnete – damals noch als schlichte Herberge. Heute besteht es aus fünf Hotels mit zusammen gut 1000 Zimmern sowie 40 Restaurants und Bars. 

Rückzug auf Athos

Ganze 2033 Meter ragt der Berg Athos am Südende der nach ihm benannten Halbinsel empor. Rund um den Koloss stehen 20 orthodoxe Großklöster, die zum Teil wie Schwalbennester an der steilen Küste hängen. Die ersten entstanden im zehnten Jahrhundert. Zum Schutz vor Piraten, die es auf Ikonen und goldene Messgefäße abgesehen hatten, wurden die ältesten in möglichst großer Höhe erbaut; Fenster finden sich erst zweieinhalb Meter über dem Boden.

Die Mönchsrepublik Athos, seit 1988 Unesco-Weltkulturerbe, erstreckt sich über Chalkidikis gesamten östlichen „Finger“. Die Uhrzeit richtet sich nach dem Stand der Sonne, das Datum nach dem julianischen Kalender. Straßen gibt es nicht, nur Schotterpisten. Eine Fähre bringt Pilger, Lebensmittel und Baustoffe hierher.

Frauen aber sind in dieser Welt nicht zugelassen. Selbst wenn sie mit dem Boot vor der Küste kreuzen, müssen sie einen Mindestabstand von 500 Metern einhalten. Eherne Regel der Mönchsrepublik ist, dass seit dem Jahr 1045 nur Menschen mit Bart Zugang haben.

Weltfremd: Die größte Einsiedelei, die Skite der Heiligen Anna, auf dem Berg Athos

Einer Überlieferung zufolge war Maria nach dem Tod ihres Sohnes Jesus in der Ägäis unterwegs, als ihr Schiff vor Athos in Seenot geriet. Sie erreichte das Land und betete zu ihrem Sohn, ihr diesen Garten zu schenken. Er erhörte sie – aber aus Respekt vor Maria soll keine andere Frau das Eiland betreten. Eine andere Legende besagt, dass Dorfbewohner sich in einer Dürreperiode vor den Klöstern niederließen, bis die Mönche, entnervt vom Lärmen der Kinder, ein Bartgebot erließen.

17 der Großklöster sind griechisch-orthodox, eines ist serbisch, ein weiteres bulgarisch und eines russisch. Männer benötigen eine Einreiseerlaubnis, die einen viertägigen Aufenthalt für Besinnung und Gebet in einem der Klöster erlaubt. Wer bleibt und Mönch wird, erhält die griechische Staatsbürgerschaft. Für Frauen ist eine Bootstour die einzige Möglichkeit, die Republik von Weitem zu sehen.

Tages-Bootstrips ab Sarti auf Sithonia kosten ab 29 Euro (Anbieter: sithontravel.gr und explorehalkidiki.info/excursions/187-athos-sarti-eng). Männer reisen per Fähre ab Ouranoupolis. Die Zahl der Visa für Nicht-Orthodoxe ist beschränkt, maximal 100 orthodoxe und zehn nicht-orthodoxe Besucher sind pro Tag zugelassen. Das Visum kann sechs Monate im Voraus beim Pilgerbüro in Thessaloniki beantragt werden (30 Euro, athosreservation@gmail.com). Der Aufenthalt im Kloster ist kostenlos (agioritikiestia.gr/en/visit-mount-athos).

Die Teilnahme an der Reise wurde unterstützt von „The Danai“. Unsere Standards der Transparenz und journalistischen Unabhängigkeit finden Sie unter go2.as/unabhaengigkeit

Tipps und Informationen:

Wie kommt man hin? Zum Beispiel mit Aegean Airlines, Eurowings oder Easyjet nonstop von verschiedenen deutschen Flughäfen nach Thessaloniki, weiter mit dem Mietwagen. 

Wo wohnt man gut? Im „The Danai“ kostet eine Suite für zwei mit Frühstück ab 504 Euro; eine Familiensuite für vier ab 942 Euro, eine 195 Quadratmeter-Villa für bis zu fünf Gäste ab 2800 Euro. Es gibt vier Restaurants, einen Privatstrand, ein Gym, einen Baby- und Kinderclub sowie Kochkurse mit Kimon Riefenstahl (thedanai.com). Das Gästehaus „Parthenon“ im Bergdorf Parthenonas ist traditionell mediterran eingerichtet, zum Teil mit Antiquitäten. Ein Studio für zwei Personen kostet ab 115 Euro, buchbar über booking.com.

Essen gehen: Im direkt am Meer gelegenen Restaurant „Mezervoir“ in Nikiti serviert Kellner Kyriakos zu griechischen Spezialitäten wie Seefenchel oder Miesmuscheln kulturhistorische Anekdoten, täglich von 14 bis 23 Uhr geöffnet (haven-seaside-bar.my.canva.site/mezervoir-site). Die Fisch-Taverne „Panos“ liegt in Neos Marmaras am Strand und ist täglich von 13 bis 23 Uhr geöffnet. Die Küche verwendet Olivenöl aus eigener Produktion, serviert werden neben griechischen Klassikern auch besondere Spezialitäten wie Hummerspaghetti und Seeigelsalat (instagram.com/restaurant.panos/, Tel. +30/ 2375 072 381).

Weitere Infos: visitgreece.gr; visit-halkidiki.gr

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