Die Wiederentdeckung Mallorcas – auf einem neuen Fernwanderweg
Der Pfad führt an einem Gatter vorbei hinunter zur Bucht von Es Carregador. Tiefblau glitzert das Meer durch die Äste der Kiefern. Ein Paar kommt gerade von dort heraufgestapft, nicht in Badelatschen, sondern in Wanderstiefeln und mit Tourenrucksäcken.
Die beiden orientieren sich an einem Wegweiser. „East Mallorca GR 226“ steht darauf – so heißt der neue Fernwanderweg, der den gesamten Osten der Insel im Zickzack durchquert.
Unsere Wege kreuzen sich kurz: Das Paar hat gerade die ersten Kilometer von Cala Ratjada kommend hinter sich und noch einen weiten Weg vor sich. Ich dagegen bin fast am Ziel, nach vier Tagesetappen von jeweils gut 20 Kilometern durch den Llevant, wie Mallorcas Osten heißt.
Feldwege zwischen grünen Hügeln, Gassen und Plätze, Strandpromenaden – Mallorcas neuer GR (Gran Recorrido, „Große Strecke“), der im Februar offiziell eingeweiht wurde, ist in jeder Hinsicht Kontrastprogramm zum GR 221, der berühmten Trockenmauerroute durch das Tramuntana-Gebirge.
Gedacht für die Nebensaison
Mit seinem geringeren Schwierigkeitsgrad sei der neue Weg für alle Zielgruppen zugänglich, heißt es beim Inselrat. Statt durchs Gebirge führt die – einschließlich zweier Stichwege – 104 Kilometer lange Route vorwiegend durch ebene oder wellige Landschaften, durch Natur und Zivilisation gleichermaßen.
Deswegen gibt es auch keine Wanderherbergen auf der Strecke: Hotels stehen in den Ferienorten der Gegend in großer Zahl zur Auswahl. Und lediglich rund 300 Meter Höhenunterschied müssen pro Etappe gemeistert werden, statt bis zu 1000 Meter in der Tramuntana. Allerdings gibt es praktisch keine schattigen Abschnitte – der GR 226 ist also nichts für heiße Sommertage.
Das passt, denn der neue Pfad soll die Nebensaison beleben; das ist durchaus auch politisches Kalkül. Ohnehin bräuchten die fünf Gemeinden des Inselostens – Manacor, Sant Llorenç, Son Servera, Artà und Capdepera – den Vergleich mit der Tramuntana nicht zu scheuen, findet Pedro Mas. Der zuständige Generaldirektor des Inselrats sieht das Projekt gleichermaßen als Freizeitangebot für Einheimische wie für Urlauber außerhalb der Hauptsaison.
Start zur ersten Etappe ist in Cales de Mallorca: Sie beginnt an der Promenade des Küstenortes, dann geht es an Hotels vorbei und quer über den Sandstrand von Cala Domingos. Der zunächst breite und asphaltierte Weg führt vorbei an Pferdekoppeln und Schafwiesen.
Ein Stück normales Mallorca
In der Hoffnung auf Futter nähern sich viele Tiere dem Gatter. Ein paar Kilometer weiter zeigt sich die Inselnatur von ihrer prachtvollen Seite: Mandel- und Olivenbäume, Äcker und Weinreben, gelb blühende Ginstersträucher – und überall ein saftiges Grün, das noch nichts vom heißen Hochsommer erahnen lässt.
Schönster Teil der ersten Etappe ist das Gebiet von Es Fangar. Das Landgut, auf dem Pferde gezüchtet und Weintrauben angebaut werden, erstreckt sich schier endlos rechts des Wanderwegs. Links reicht der Blick zum gut 500 Meter hohen Puig de Sant Salvador mit Wallfahrtskirche und Christus-König-Statue auf dem Gipfelplateau.
Blökende Beobachter: Schafe staunen über WandererAn so gut wie jeder Gabelung stehen GR-226-Wegweiser, manchmal Holzpflöcke mit Pfeilen. Doch nicht alle fallen sofort ins Auge, und an einer Abzweigung fehlt jeder Hinweis. Gut, dass es eine offizielle GPS-Route zum Herunterladen gibt. Doch auch diese kann verwirren.
Vor einem Tor führt die Route auf dem Display geradeaus, der Wegweiser zeigt nach links. Was denn nun? Zwei mallorquinische Wanderer weisen den Weg: Er führt um eine Finca herum, mit deren Besitzer sich der Inselrat offenbar nicht über das Wegerecht einig wurde. Es empfiehlt sich also eine Kombination aus Wegweisern, GPS-Route und im Zweifelsfall Nachfragen.
Der GR 226 bindet Strecken, die bereits zuvor bestanden haben, in einer Art Zickzackkurs zu dem neuen Fernwanderweg zusammen. Dabei machte man ganz offensichtlich Kompromisse: Während schon der Kirchturm von Manacor in Sichtweite kommt und die Glockenschläge weithin tönen, ziehen sich die letzten Kilometer vor dem ersten Etappenziel auf dem asphaltierten Feldweg spürbar in die Länge.
Und dann stehe ich plötzlich im Gewimmel von Manacors Wochenmarkt. Mallorcas zweitgrößte Stadt bietet nicht allzu viele Attraktionen, doch der Fernwanderweg führt direkt zu ihnen – neben der Kirche Nostra Senyora dels Dolors sind das der restaurierte Turm eines einst von König Jaume II. errichteten Palastes (Torre del Palau) und eine Windmühle mit ethnografischem Museum (Molí d’en Fraret).
Oder auch das Erbe der Eisenbahn: Die zweite Tagesetappe endet in Son Carrió, praktischerweise vor den Toren des neuen Museu del Ferrocarril. Einnahmen aus der Touristensteuer sind hier in eine holografische Inszenierung geflossen, die eine historische Bahnfahrt simuliert.
Vor dem Gebäude verläuft die einstige Bahntrasse, heute ein Wanderweg. Die schnurgerade Strecke durch Tunnel und an ehemaligen Bahnsteigen vorbei ist denn auch eine interessante Alternative zur zweiten Etappe.
Der GR 226 schlängelt sich dagegen durch eine Landschaft, die ein wenig an das einstige Windows-XP-Hintergrundbild erinnert: grüne Weiden, blauer Himmel, Schafsglöckchen und Hundegebell, Brunnen am Wegesrand sowie Landhäuser jeder Art und Preisklasse – der Fernwanderweg zeigt keine Naturwunder, gewährt aber einen Blick in ein Stück normales Mallorca. Neben Wanderern begegne ich gelegentlich Spaziergängern, Radlern oder Joggern.
Vor Sant Llorenç führt der Weg über mehrere Sturzbäche. Bei Starkregen können sich diese Torrentes genannten Wasserläufe rasend schnell füllen und über die Ufer treten – so wie 2018, als im Gebiet von Sant Llorenç 13 Menschen in den Fluten zu Tode kamen. Jetzt dagegen sind die Bachläufe ausgetrocknet.
Highlights am Wegesrand
Auf der dritten Teilstrecke taucht nach wenigen Kilometern das Meer am Horizont auf. Es geht über die belebten Strandpromenaden von Sa Coma und Cala Millor, immer parallel zu einem Fahrradweg. Genauso gut ließe sich diese Strecke mit dem Rad absolvieren, zumal der GR 226 die Punta de n’Amer ausspart, eine naturbelassene Halbinsel zwischen beiden Ferienorten. Das Gebiet mit seinem Wachturm inmitten von Dünen, Kiefern und Felsen lohnt ohnehin einen eigenen Ausflug.
Viele Highlights lassen sich quasi nebenbei besichtigen – sie liegen direkt am Wanderweg. Das gilt für die Església Nova in Son Servera, eine nie fertiggestellte neugotische Kirche ohne Dach, die heute kulturellen Veranstaltungen dient. Oder für das Centre Melis Cursach, die historische Apotheke von Capdepera. Und auch die Wallfahrtskirche über Artà sowie das Kastell von Capdepera laden zu einem Abstecher ein.
Überwiegend gut ausgeschildert: GR-226-Wegweiser an der nördlichen Etappe direkt am MeerNach sanften Höhenmetern und ein bisschen Steineichenwald vor Artà ändert der GR 226 auf der vierten Etappe dann sein Gesicht – ein schmaler, steiler Pfad schlängelt sich von Capdepera zum Puig de sa Cova hinauf. Hier braucht es Orientierungssinn und Trittsicherheit.
Doch die Anstrengung wird belohnt: Durch Kiefernwald und Macchia, vorbei an meterhohen Grasbüscheln, geht es am Bergrücken entlang, stets mit Panoramablick aufs Meer. Das macht gute Laune, ebenso der Blick auf die Karte, die verrät, dass die wuselige Küstenpromenade von Cala Ratjada nur noch einen Katzensprung entfernt ist.
Tipps und Informationen:
Die Etappen: Der GR 226 bietet vier Tagesetappen von je gut 20 Kilometern sowie Stichwege ab Costa dels Pins oder Son Macià. Der Inselrat stuft den Schwierigkeitsgrad als „moderat“ ein, technisch anspruchsvoller ist allerdings ein Teil der Etappe Artà–Cala Agulla.
Navigation: Wanderoptionen mit Angaben zu Höhenprofil und benötigter Zeit sowie GPS-Routen unter eastmallorca.com. Trotz Beschilderung gibt es einzelne verwirrende Stellen. Deshalb empfiehlt sich der Download der Routen. Weitere Rubriken des Portals informieren über sehenswerte Orte oder Fahrradrouten. Eine interaktive Karte gibt es auf maps.eastmallorca.com/de/ruta-gr-226-easte-mallorca, offizielle Papierkarten in den Tourismusbüros vor Ort.
Unterkünfte: Sie können vorab gebucht werden, der GR 226 führt durch mehrere Tourismusorte. Engpässe bei der Reservierung drohen nur in der Hochsaison.
Mobilität: Praktisch für Hin- und Rückfahrt: Alle Start- und Endpunkte befinden sich in der Nähe von Haltestellen der TIB-Fernbusse (tib.org), Manacor ist an das Bahnnetz angebunden (trensfm.com).
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