Jesper Bengtsson ist bereit für sein morgendliches Ritual. „Nur wenn es stark regnet oder stürmt, setze ich mal aus. Aber dann ist der Tag eigentlich gelaufen“, sagt er. Der 60-jährige Schwede steht an der Uferpromenade seiner Heimatstadt Helsingborg und blickt auf die Ostsee.

Er braucht jetzt diese besondere Dosis. Für die gute Laune. Zur Stärkung seines Immunsystems. Gegen den Schmerz im lädierten Rücken.

Bengtsson ist überzeugter Kaltbader. Zu jeder Jahreszeit, am liebsten im Winter und Frühjahr. Das gibt die prickelndsten Effekte. Barfuß geht er, selbst bei Eis, in Badekluft zur Järnvägsmännens Brygga, einem Steg, auf dem sich jeden Morgen ab acht Uhr bis zu 20 Gleichgesinnte treffen. Man begrüßt sich und plauscht. Kaltbaden erfüllt in Schweden auch eine soziale Funktion.

Im Wasser folgt aber jeder seinem eigenen Rhythmus. Die Kleidung hat Bengtsson an der Promenade deponiert. Er steigt die Sprossen hinab zu den Ausläufern des Öresunds, der Meerenge zwischen Schweden und Dänemark. Seichte Wellen plätschern.

Meditative Wirkung

Heute sind Wasser- und Außentemperatur gleich: knapp fünf Grad Celsius. Zwei, drei Minuten lang bleibt er drin. „Das gibt mir Frieden und Energie, es ist wie eine Meditation“, findet er.

Alte Tradition statt neuer Trend: Kaltbaden fand in Schweden ab der Mitte des 19. Jahrhunderts immer mehr Fans. Bereits damals schrieb man Bädern im kühlen Meer eine heilende Wirkung zu. Beim Bau von Kaltbadehäusern ließ man sich von Kurorten in anderen Teilen Europas inspirieren.

Dass die regelmäßige Praxis die Gesundheit fördert, gilt als belegt. Laut einer Studie der finnischen Universität Oulu verbessert Kaltbaden das Gedächtnis, baut Stress ab und gibt einen Energieschub, weil das Blut vorübergehend schneller fließt. Die kurze Überwindung führt zu langem Wohlbefinden. Machbar auch in Seen und Flüssen.

Voll fokussiert und zügig ins Wasser: wie hier am Kallis-Kaltbadehaus

„Kaltbaden in Schweden ist ein lebendes Erbe“, unterstreicht Pontus Wikström, der Vorsitzende der schwedischen Kaltbadevereinigung. Die setzt sich für die Anerkennung als Immaterielles Kulturerbe durch die Unesco ein. Persönlich war Wikström ein Spätberufener, entdeckte Kaltbaden erst mit Ende 40 für sich: „Seither bin ich regelrecht süchtig und habe keine Schlafprobleme mehr.“

Neueinsteigern gibt er eine kleine Gebrauchsanweisung mit auf den Weg: „Man muss entschlossen, voll fokussiert und zügig ins Wasser gehen. Natürlich ist das ein Schock, verbunden mit einem panischen Gefühl. Doch wenn man bewusst atmet, gewinnt man sofort die Kontrolle über die Situation.“

Helsingborg ist ein Wellness-Mekka, das regelmäßig Kaltbadewochen veranstaltet und gleich drei Kaltbadehäuser bietet, darunter das malerische Pålsjöbaden von 1909. Um falschen Vorstellungen vorzubeugen: Drinnen sind die Badehäuser wohltemperiert bis heiß. Jedes verfügt über eine Sauna und direkte Abgänge ins Meer.

Mia Jansson schwört ebenfalls auf die Wechselwirkungen aus heiß und kalt. Die 62-Jährige ist offizielle Kaltbade-Botschafterin von Helsingborg und schwärmt: „Ich habe seit Jahren keine Erkältungen mehr, nicht mal Halsschmerzen.“

Das Pålsjöbaden ist eine Institution

Jansson erinnert sich an die Frühzeiten der Wellness-Bewegung in Helsingborg. Im Ramlösa-Park habe es eine eisenhaltige Mineralquelle für Trinkwasserkuren gegeben, „dort sollte man 15 bis 17 Gläser pro Tag trinken“. Sie verzieht noch heute das Gesicht, wenn sie an den metallisch-sauren Geschmack zurückdenkt. Zwischen den Kuren hätten Pferdekutschen die Gäste zum Kaltbaden hinab an den Öresund gekarrt.

Jetzt aber ab ins Wasser

Zeit für einen Selbstversuch im Pålsjöbaden. Ich bin aus Gewohnheit Warmduscher und völlig ungeübt, deshalb steht mir Expertin Jansson handfest und mental bei – betreutes Kaltbaden sozusagen.

Die App zeigt eine Wassertemperatur von momentan wenig mehr als vier Grad Celsius. Noch im Mai kann es in Schonen, wie die südschwedische Region heißt, über Nacht frieren. Eine Wolkendecke drückt auf den Öresund. Das Wasser liegt still in Tönen aus Grau und Grün da. Nicht einladend, aber auch nicht abschreckend. In der Ferne schiebt sich eine Fähre hinüber ins dänische Helsingør. Das Nachbarland zeichnet sich unscharf am Horizont ab.

Schritt für Schritt folge ich Jansson auf der Treppe nach unten, habe auf ihren Rat hin Wasserschuhe angelegt. Obgleich ich cool bleiben soll, steigt die Anspannung. „Du musst im Hier und Jetzt sein, tief ein- und ausatmen, nicht hektisch werden“, mahnt Jansson.

Ich zähle zwölf Stufen, bis die Eiseskälte – elektrisierend, betäubend – vollends Besitz von mir ergreift. Möwen und Enten flüchten vor der neuen Gesellschaft. Jansson reicht mir die Hände und taucht zeitgleich mit mir ein. Ein „Dip“ in der Ostsee.

Kurzzeitig verliert das kalte Wasser seinen Schrecken. Der flache Untergrund ist sandig. Nur unsere Köpfe und Hände gucken heraus. Im Eifer des Gefechts vergesse ich die kontrollierte Atmung. Ein Anfängerfehler. Ich absolviere zwei Kniebeugen, bei denen mir das Nass über die Schultern schwappt – und will dann nichts wie raus ans rettende Ufer. Geschafft. Jansson lächelt vielsagend. Es brennt an den Oberschenkeln, auf den Armen.

Den Effekt von perlendem Champagner auf der Haut, wie von ihr angekündigt, spüre ich nicht. Später wiederhole ich die Prozedur ohne die Hilfe der Kaltbade-Botschafterin: insgesamt viermal, aber nie über zwei Dips und wenige Sekunden hinaus. Jansson hatte prognostiziert: Nach dem ersten Mal will man mehr und mehr. Stimmt tatsächlich.

Nun kann ich mitreden und verstehe, welche Kraft und Entspannung Extrem-Kaltbader wie der eingangs erwähnte Jesper Bengtsson spüren. Doch dass es der IT-Techniker, der in einer Schule arbeitet, zwei Minuten im eiskalten Wasser aushält, ist mir unbegreiflich – aber ich bin auch kein kerniger Schwede.

Am besten geht oder springt man ohne langes Nachdenken ins kühle Nass: geübter Kaltbader in Helsingborg

Tags darauf ist Bengtsson wieder da: selbe Stelle, selbe Zeit, aus seinem Smartphone schwappen Töne einer selbst gedichteten Ballade zum Kaltbadeplatz Järnvägsmännens Brygga. Die passende Musik hat er KI überlassen, gerade läuft eine Version im Bossa-Nova-Stil.

Järnvägsmännens Brygga bedeutet „Steg der Bahnarbeiter“. Früher, erzählt Bengtsson, spülten sich hier die Malocher, die auf königliches Geheiß an einer Zugstrecke bauten, Schmutz und Schweiß aus den Poren. Heute reinigen Bengtsson und alle anderen hier ihren Körper und Geist.

Tipps und Informationen:

Wie kommt man hin? Mit der Bahn oder per Flugzeug nach Kopenhagen. Vom Flughafen und vom Hauptbahnhof fahren zum Teil im Halbstundentakt Züge nach Helsingborg (Fahrtzeit rund 70 Minuten).

Kaltbaden: Die ganzjährig geöffneten Kaltbadehäuser Kallis und Pålsjöbaden liegen nah am Zentrum (Tageskarte für beide: acht Euro), das Råå Kallbadhus liegt im Süden (raabadarna.se, Eintritt 4,60 Euro). Das Paket „Spa im Helsingborg-Stil“ kostet 15 Euro, es enthält Kaltbad, Sauna, Leihhandtuch und Salz-Peeling, online buchbar für Kallis und Pålsjöbaden unter book.visithelsingborg.com

Wo wohnt man gut? „The Vault“, Designhotel im Gebäude einer ehemaligen Bank, Doppelzimmer ab 105 Euro (thevaulthotel.se); „V Hotel“, zentral gelegen, in historischem Gebäude, moderne und antike Möblierung, Doppelzimmer ab 101 Euro (vhotel.se).

Weitere Infos: visitsweden.de; visithelsingborg.com

Die Teilnahme an der Reise wurde unterstützt von Visit Sweden und Visit Helsingborg. Unsere Standards der Transparenz und journalistischen Unabhängigkeit finden Sie unter go2.as/unabhaengigkeit

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