In Laos läuft vieles anders als geplant – selbst eine Flusskreuzfahrt
Lag es am niedrigen Wasserstand des Mekong oder an verborgenen Felsen im trüben Strom, dass die „Anouvong“, das neueste Boutiqueschiff der Reederei Heritage Line, auf der Fahrt in den Norden von Laos den Grund berührte und ihre Fahrten vorübergehend einstellen musste? Oder hatte der Kapitän ausgerechnet an jenem Tag versäumt, dem Flussgott sein Opfer darzubringen, so wie es jeder laotische Bootsführer im Morgengrauen aus Pflicht und Verantwortung tut?
Wir wissen es nicht. Allerdings sah der gestauchte Bug des eleganten Schiffes aus, als habe ihn ein Götterhammer getroffen.
Zum Glück waren keine Gäste an Bord, als das Unglück geschah. Niemand kam zu Schaden. Die nächste Reisegruppe war jedoch schon im Land, sie sollte das – nun reparaturbedürftige – Schiff eigentlich in Ban Houayxay an der thailändischen Grenze besteigen. Die Reederei, die auch in Vietnam, Kambodscha und Myanmar mit insgesamt sieben Schiffen unterwegs ist, gelang es innerhalb von 24 Stunden, ein Ersatzprogramm auf die Beine zu stellen, damit die Passagiere Laos auf anderem Weg erkunden konnten.
Alternative Flusskreuzfahrt: Verladen des Gepäcks ins ErsatzbootSie bereisten nun den einen Teil der Strecke in einem Longtail-Boat, ein schmales Holzboot mit Außenbordmotor, wie es auch die Einheimischen benutzen. Für den anderen Teil waren Mietbusse und die nagelneue, von China gebaute Eisenbahn vorgesehen. Eine Flusskreuzfahrt war das zwar nicht; doch der Eindruck von Laos, diesem seltsamen und zugleich so wunderbaren Land, geriet dadurch umso intensiver.
Internet? Autobahnen? Fast Food?
Laos gilt noch immer als touristischer weißer Fleck Südostasiens. Es ist vergleichsweise schwer zu erreichen, man muss meist über Bangkok oder Hanoi einfliegen, es ist durchzogen von Schlaglochpisten und durchsetzt mit Dörfern, in denen das Leben seit Jahrhunderten denselben Lauf nimmt.
Drei Generationen teilen sich eine staubige Hütte, Frauen waschen ihre Wäsche im schlammbraunen Mekong, und Mönche sammeln im Morgengrauen Almosen. Internet? Oft Fehlanzeige. Autobahnen? Kaum vorhanden. Fast Food? Allenfalls Reis mit Hühnchen.
Rucksacktouristen haben das stille Laos schon vor Jahrzehnten entdeckt. Man sieht sie weiterhin, junge Backpacker aus Frankreich, Deutschland oder Schweden, vor allem in Luang Prabang, der schönsten Stadt des Landes. Sie warten an denselben Anlegestellen, die auch die umgebuchten „Anouvong“-Passagiere in ihrem Ersatzboot ansteuern, sie besuchen dieselben Tempel und dieselbe berühmte Felsengrotte Pak Ou am Westufer des Mekong mit ihren mehr als 4000 Buddha-Statuen aus Bronze, Bernstein und Holz.
Das Tempo in Laos ist gemächlich, das Leben günstig. Ein Bett in einem Hostel ist für zehn Euro die Nacht zu bekommen, eine warme Mahlzeit inklusive Getränk kostet kaum fünf. Im Gegensatz zu den Nachbarländern Thailand und Vietnam, die ein Vielfaches an Besuchern anziehen, hat man noch den Eindruck, dass hier nicht jeder ansehnliche Flecken auf sein touristisches Potenzial hin geprüft und ausgebeutet worden ist.
Sogar in Luang Prabang findet man Gaststätten, in denen man fast der einzige Ausländer ist. Und niemand spricht ein Wort Englisch. Diese Ruhe, diese Entrücktheit ist eine der größten Attraktionen der früheren französischen Kolonie.
Schön abgelegen: Luang Prabang am Oberlauf des MekongsZugleich verändert sich gerade etwas im Land. Das hat vor allem mit China zu tun. Es ist nicht nur Nachbar, sondern der engste politische und wirtschaftliche Partner. Wie China wird Laos von einer kommunistischen Einheitspartei regiert. Sichtbarstes Zeichen dieser Nähe ist die milliardenteure China-Laos-Eisenbahn, sie gehört zu Pekings globaler „Belt and Road“-Initiative. Allein hätte sich das kleine Land mit knapp acht Millionen Einwohnern ein solches Projekt kaum leisten können.
Lichtgeschwindigkeit 160 km/h
Seit Ende 2021 führt die Trasse durch die obere Landeshälfte von der Hauptstadt Vientiane bis ins chinesische Kunming. Die Züge sind klimatisiert und modern, wie man sie aus Chinas Schnellzugnetz kennt, und in denselben blassen jade- und lavendelfarbenen Tönen gehalten. Sie erreichen zwar lediglich 160 Stundenkilometer, im Vergleich zum Schritttempo auf laotischen Bergstraßen wirkt das jedoch fast wie Lichtgeschwindigkeit.
Die Bahnhöfe sind gewaltig, ihre Bahnsteige so breit, dass man eine Militärparade darüberführen könnte. In Vientiane und Luang Prabang liegen sie weit außerhalb der Zentren, während die jahrzehntealten Flughäfen sich mitten im Stadtgebiet befinden.
Man kann das als Hinweis lesen, dass es mit der Eisenbahn weniger um den Nahverkehr als um strategische Anbindung geht. Oder als Ausdruck des Glaubens, die neuen Schnellzüge würden einen Aufschwung entfachen, der die Städte den Gleisen bald entgegenwachsen lässt. Vermutlich trifft beides zu.
Auch die steigende Zahl von Luxusschiffen auf dem laotischen Teil des Mekongs ist ein Ausdruck des Wandels. Heritage Line ist nur ein Anbieter unter mehreren. Die nach einem laotischen Prinz benannte „Anouvong“ ist seit Anfang vergangenen Jahres unterwegs, hat nur zehn Kabinen und Suiten mit Platz für maximal 20 Personen.
Trotz der neuen Eisenbahn bleibt der Fluss Hauptverkehrsweg und stille Lebensader im einzigen Land Südostasiens ohne Meeresanschluss. Er windet sich in Schleifen durch Berg- und Dschungellandschaften, die aussehen wie auf den Ölbildern französischer Maler des 19. Jahrhunderts. Ihre romantisierten Visionen fernöstlicher Exotik mit üppigem Grün, nebelverhangenen Hügeln und goldenen Stupas verzauberten damals Europa.
Heute verzaubern sie die Schiffspassagiere. Sowohl die an Bord eines First-Class-Schiffes mit Teakholzvertäfelung und Sonnendeck als auch jene in einem einfachen Longtail-Boat, das so flach im Wasser liegt, dass man die Hand in die Fluten tauchen und sich vorstellen kann, durch die Finger glitten die Sedimente des tibetischen Hochlands.
Dort hat der Mekong seinen Ursprung. Einzig der Abfall, den der Regen aus den Dörfern spült, verrät die Moderne: All die Plastikflaschen, Schachteln und Dosen internationaler Marken, die im Wasser treiben, weil es zwar mittlerweile Lieferketten in die entlegenste Siedlung gibt, aber keine kommunal organisierte Müllabfuhr.
Kombüse hinterm Klo
Nicht bloß der Tourguide der „Anouvong“ ist mit ins Ersatzboot umgestiegen, sondern auch der Koch. In der kleinen Kombüse am Heck, gleich hinter dem Klo, brutzelt und gart er die Lebensmittel, die er auf den Dorfmärkten findet.
Kein Fünf-Gänge-Menü mit Champagner, aber Vorspeise, Hauptgericht und Dessert, alles nach einheimischen Rezepten frisch zubereitet: grüner Papaya-Salat mit Chilis, Curry-Reis mit Huhn, Klebreis mit Mango, dazu laotisches Flaschenbier aus der Kühlbox. Weiße Stoffservietten müssen sein, kunstvoll in Schiffsform gefaltet. Eine Erinnerung an den stillgelegten Dampfer, der nun in der Werft repariert wird. Die Holzbänke polstern Decken aus chinesischer Produktion, „I love you“, steht auf einer von ihnen.
An den breiten Sandstränden am Ufer dösen Kühe, baden Wasserbüffel, spielen Kinder, nackt und unbeaufsichtigt. Eine Passagierin, Mutter zweier Töchter, kann es kaum fassen: Tollen diese Dreikäsehochs tatsächlich ohne ältere Geschwister oder Eltern und ohne Schwimmflügel im Wasser? Ja, so ist es. Ja, so war es seit Generationen. Warum sollte es jetzt anders sein?
Nach zwei Tagen auf dem Mekong und einer kurzfristig organisierten Übernachtung in einem Berghotel, mit quietschenden Deckenventilatoren und Duschen, von denen man hinab auf den mäandernden Fluss schauen kann, wird die Gruppe endgültig festem Boden übergeben: Sie erreicht Luang Prabang.
Die Altstadt, von der Unesco geschützt, liegt auf einer Halbinsel zwischen Mekong, der hier schon ein breiter Strom ist, und Nam-Khan-Fluss. Man zieht für vier Nächte in ein Hotel mit Pool und Restaurant mitten in der Stadt, gleich gegenüber vom Nachtmarkt.
Zwei Attraktionen von Luang Prabang: Nachtmarkt direkt am Haw-Pha-Bang-TempelLuang Prabang ist in gewisser Weise eine Touristenfalle mit Souvenirläden und Massagesalons, Massen an Cafés und Restaurants. Die alte Königsstadt hat es aber geschafft, viele ihrer Kolonialbauten zu erhalten und Rucksackreisende und Luxus-Touristen aufs Friedlichste miteinander zu vereinen.
Eine Jugendherberge in unmittelbarer Nachbarschaft eines Fünf-Sterne-Hotels ist hier nichts Besonderes. Garküchen reihen sich an italienische Restaurants mit Weinen für 100 Euro. Die Sehenswürdigkeiten teilen sich alle Touristenklassen ohnehin: den Königspalast, errichtet von den Franzosen, heute ein Museum. Den Tempel Wat Xieng Thong, einer der wenigen erhaltenen Bauten im Stil des Königreichs Lan Xang, wie Laos einst hieß. Seine abgestuften Dächer scheinen beinahe den Boden zu berühren.
Zeichen der Veränderung
Schließlich Mount Phou Si, die höchste Erhebung in der Stadt, von dessen Gipfel man den besten Blick auf den Sonnenuntergang hat. Am Morgen lohnt sich der Aufstieg ebenfalls. Dann kann man den jungen Mönchen in ihren orangefarbenen Roben beim Hausputz in Tempel und Kloster zusehen.
Aus großen Lautsprechern weht laotische Volksmusik hinauf. Der Bürgermeister lässt sie spielen. Nur eine Ouvertüre, erklärt der Führer vom Schiff. Denn danach folgt die Ansprache des Politikers. Sie sei, fügt der Guide trocken hinzu, meist deutlich weniger schmissig als die Musik.
In der Umgebung von Luang Prabang, die die Reisegruppe per Bus erkundet, sind die Zeichen der Veränderung ebenfalls überall zu erkennen. Am Wasserfall Kuang Si, dessen türkis schimmernde Kaskaden sich über Dutzende Stufen in den Dschungel ergießen, pendeln Golfcarts zwischen Parkplätzen und Fluss. Seilrutschen spannen sich durch den Wald, Metalltreppen führen zu den Wasserbecken, die früher nur über morsche Bretter zu erreichen waren. Die Folge sind Hunderte von Besuchern aus aller Welt und Ladenzeilen wie in einer Einkaufs-Mall.
Abkühlung: Touristen planschen in den Kuang-Si-WasserfällenMehr Feingefühl zeigt dagegen der Elefanten-Schutzpark MandaLao. Am Flussufer steht unter hohen Bäumen eine schlichte Holzlodge. Von dort setzen Besucher in kleinen Booten über und begegnen Elefanten, die einst als Arbeits- und Zugtiere dienten. Gefüttert werden dürfen sie, berührt nicht. Reiten ist tabu. Ein durchdachtes Projekt, initiiert von einem US-Amerikaner. Ein leiser Gegenentwurf zu jenen fragwürdigen Anbietern, die andernorts noch immer Touristen auf ausgebeuteten Elefanten reiten lassen.
Weniger überzeugend wirkt hingegen eine Farm, auf der zwei Australier und eine Amerikanerin Kleintiere und Büffel halten, Mozzarella und Blauschimmelkäse produzieren, Eiscreme mit Schokoladen- oder Zitronengrasgeschmack anbieten. Alles ist gepflegt, gut gemeint, professionell vermarktet, und wirkt doch wie ein zu westlich gedachter Entwurf zwischen den staubigen Dörfern im Schwemmland des Mekong, deren Bewohner vermutlich andere Sorgen haben als den Kauf von Käsespezialitäten.
Widersprüchliches gelingt den Einheimischen freilich auch ohne fremde Hilfe. Das merkt die Reisegruppe in der Hauptstadt Vientiane, die sie von Luang Prabang in zwei Stunden mit dem neuen Expresszug erreicht.
Im Pha That Luang, ein buddhistisches Heiligtum mit goldüberzogener Stupa, das auch die Banknoten und das Staatssiegel schmückt, verkaufen Händler kleine Vögel in faustgroßen Korbkäfigen. Wer sie freilässt, erlebt angeblich Glück und Segen. Wie soll man mit diesem Kreislauf aus Mitleid und Geschäftssinn umgehen? Man hilft zwar den bettelarmen Verkäufern und schenkt den Tieren die Freiheit, hält aber ein System am Leben, das ohne Nachfrage längst verschwunden wäre.
Unter hohen Bäumen: Elefanten-Schutzpark MandaLaoVientiane ist größer, moderner und geschäftiger als Luang Prabang. Business-Hotels, pompöse Regierungsgebäude, Staus auf den Straßen – so sieht es hier aus. Fast wie in jeder anderen südostasiatischen Stadt. Gleich am anderen Ufer des Mekong liegt Thailand.
Ein Bau sticht in der Kapitale hervor: das Patuxai. Die Zementlieferung für das Denkmal zur Unabhängigkeit war eine Spende der USA. Gedacht war sie allerdings für den Bau eines Flughafens. Statt der Landebahn gab es den Triumphbogen, die laotische Antwort auf das Vorbild in Paris. In Laos läuft eben vieles anders als geplant – selbst eine Flusskreuzfahrt. Gerade das macht dieses Land so unwiderstehlich.
Tipps und Informationen:
Wie kommt man hin? Luang Prabang und Vientiane sind mit Flügen über Bangkok oder Hanoi zu erreichen. Vor der Abreise ist online ein Visum zu beantragen.
Wo wohnt man gut? „Hotel Avani+“ in Luang Prabang, zentrale Lage, sehr gutes Frühstück, Doppelzimmer ab 128 Euro (avanihotels.com/en/luang-prabang). Luxuriöser und exklusiver ist das nahegelegene „Amantaka“ mit stilvollen Suiten und Pool, Doppelzimmer ab 1400 Euro (aman.com). Eine günstige Alternative ist das „Sanctuary Hotel“ in der Nähe vom Nachtmarkt, Doppelzimmer ab 55 Euro (sanctuaryhotelsandresorts.com/sanctuary-luang-prabang-hotel).
Mekong-Kreuzfahrten: Die Reederei Heritage Line bietet Flusskreuzfahrten auf dem oberen Mekong mit der „Anouvong“ ab Ende Juli an, nach der Hauptmonsunzeit. Das noble Boutiqueschiff bietet zehn Balkonkabinen, Sonnendeck, Lounge und Jacuzzi-Pool, buchbar sind Fahrten mit drei, sieben oder neun Nächten an Bord, sie kosten mit Vollpension und Ausflügen ab 1860 Euro (drei Nächte) bzw. 3794 Euro (sieben Nächte) pro Person (heritage-line.com). Diverse Mekong-Kreuzfahrten hat Geoplan im Programm, darunter eine 30-Tage-Tour durch Thailand, Laos, Vietnam, Kambodscha, ab 14.350 Euro inklusive Flügen (geoplan-reisen.de). Weitere Anbieter von Flusskreuzfahrten auf dem oberen Mekong: Mekong River Cruises, vier Tage ab 1310 Euro pro Person (cruisemekong.com), sowie Pandaw, acht Nächte ab 4120 Euro (pandaw.com).
Weitere Infos: tourismluangprabang.org
Die Teilnahme an der Reise wurde unterstützt von Heritage Line. Unsere Standards der Transparenz und journalistischen Unabhängigkeit finden Sie unter go2.as/unabhaengigkeit
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