Arizona – wo Kakteen die Superstars sind und unter Polizeischutz stehen
Klar, Joe Pagac hätte auch ein anderes Motiv wählen können. Einen Skateboarder etwa. Einen Sonnenuntergang. Oder ein riesiges Tequila-Glas. Doch Wandmaler Pagac entschied sich für einen riesigen Saguaro-Kaktus. Drei Monate lang sprühte der 44-Jährige von einem wackligen Gerüst aus Farbe auf die Betonwand des Transamerica Building in Tucson im US-Bundesstaat Arizona.
Dann prangte die gigantische Pflanze mit ihren vier Armen auf der Betonwand. „Der größte Kaktus der Welt“, sagt der sonnengegerbte Pagac grinsend. Wer beim Landeanflug auf den Flughafen der Stadt genau hinschaut, erkennt das Bild sogar aus der Luft.
Eine wohlhabende Spenderin finanzierte das mit 46 Metern höchste Mural Arizonas mit 95.000 US-Dollar. „Ich habe mein Kunstwerk ‚Desert Colossus‘ genannt“, sagt Pagac – Wüstenkoloss. Tatsächlich gibt es hier im Südwesten der USA nichts, das erhabener, beeindruckender und symbolhafter ist als der Saguaro-Kaktus.
Saguaros (sprich „sawaro“) sind die Supermodels des US-Südwestens. Und die Stadt Tucson (sprich: Tuuson) ist ihr Laufsteg – wenn man das so schreiben darf bei Models, die sich nicht vom Fleck bewegen. Die 1,1-Millionen-Einwohner-Metropole liegt ganz im Süden Arizonas, keine 100 Kilometer von der Grenze zu Mexiko entfernt.
Wahrzeichen von Arizona
Vor rund 250 Jahren gründete die spanische Armee hier ein Fort inmitten der Wüste. Heute ist der Ort gewachsen zu einer lebendigen Studentenstadt, die Kälteflüchtlinge aus dem Norden der USA mit milden Wintertemperaturen, günstigen Immobilienpreisen und entspanntem Lifestyle anzieht. Hier mischen sich indigene Kultur, mexikanischer Einfluss und Wildwest-Flair mit betörend schönen Wüstenlandschaften.
Als überragendes Symbol für die Wüste Tucsons nimmt der Saguaro-Kaktus eine einzigartige Rolle ein. Er ist das offizielle Wahrzeichen von Arizona. Er ist auf jedem Autonummernschild des Staates zu sehen. „Der Wiedererkennungswert ist einzigartig“, sagt Cindy Aguilar, Chefin der Tourismusbehörde Visit Tucson.
„Bittet man jemanden, einen Kaktus zu zeichnen, so wird er die Umrisse eines Saguaros zu Papier bringen.“ Aguilar lächelt: „Und dieser eine, der klassische, der coolste aller Kakteen, der Saguaro, der steht für Tucson.“ Mit den armartigen Ästen wirken die Kakteen wie Menschen, die auf den „Hände-hoch!“-Ruf eines Revolverhelden reagieren. Oder wie ein Kerzenleuchter mit vielen Armen.
Von den etwa 1500 Kakteenarten weltweit sind Saguaros die bekanntesten. John-Wayne-Western und Lucky-Luke-Comics haben die Silhouette in Millionen Hirne eingebrannt. Klar, dass Tucson auf der Kaktuswelle reitet: Souvenirläden bieten Saguaro-Plüschtiere, Lätzchen, Lutscher und Plastiktütchen mit Kaktussamen. In Cafés und an Hauswänden verbreiten Malereien mit Kakteen im Sonnenuntergang Wüsten-Vibes – es muss ja nicht immer ein 46-Meter-Wandgemälde sein. Grellgrün leuchten Neonschilder im Stadtbild, Barbesucher nippen an Margarita- und Cocktailgläsern in Kaktusform, und in Hotel-Lobbys stehen überall Kakteen.
Am nächsten kommt man den stachligen Herrschern der Wüste im Saguaro National Park. Der hat gleich zwei Teile, einen westlich und einen östlich von Tucson.
Christina Cultrara ist Rangerin im Ostteil. Es ist sechs Uhr morgens, im Sommer ist das die Hauptarbeitszeit von Cultrara – ab mittags ist es schlichtweg zu heiß für körperliche Arbeit. Sie ist Chefin der 30-köpfigen Trail Crew, die beschädigte Wege im Park instand setzt. Cultrara hat einen Fünfliter-Wassersack auf dem Rücken, aus dem sie mit einem Plastikschlauch alle paar hundert Meter Wasser saugt. Während die 38-Jährige beiläufig nach Klapperschlangen am Weg Ausschau hält, schwärmt sie von den Kakteen, denen sie ihren Job verdankt.
Schwarzmarkt für Carnegiea gigantea
„Die Saguaros werden bis zu 200 Jahre alt und bis zu zwölf Meter hoch. Sie können schon mal zwei Tonnen wiegen und in wenigen Minuten bis zu 700 Liter Wasser aufsaugen, wenn es mal regnet. Das sind fünf volle Badewannen!“ Sie blinzelt in die Sonne. „Das müssen sie auch, denn es regnet hier nur an wenigen Tagen im Jahr.“
Sie zeigt auf einige besonders prachtvolle Exemplare von Carnegiea gigantea, wie der Saguaro wissenschaftlich heißt. „Die Kakteen sind so beliebt, dass sie ein beliebtes Diebesgut sind. Es gibt einen eigenen Schwarzmarkt dafür. Deshalb implantieren wir in Tausende gefährdete Kakteen RFID-Chips. Werden sie geklaut, können wir sie identifizieren und die Täter überführen. Leider hinterlassen die Diebe ja keine Fingerabdrücke.“
Eigene „Cactus Cops“, also Kaktuspolizisten, sind damit befasst, Diebstählen und Beschädigungen der Pflanzen vorzubeugen oder die Vergehen zu ahnden. Gutgewachsene, zwei Meter hohe Pflanzen werden für 1000 bis 1500 US-Dollar in Internetforen angeboten, Prachtexemplare von acht bis zehn Metern Höhe kosten bis zu 20.000 US-Dollar.
Ein besonders dreister Wilderer wurde 2019 zu zwei Jahren Haft verurteilt. Er hatte mehr als 500 Kakteen in über 20 Länder weltweit verkauft. Andere buddeln bei Nacht und Nebel mit Baggern die grünen Giganten aus und pflanzen sie in ihre Vorgärten. Die Strafen sind drakonisch: Bis zu 100.000 US-Dollar Geldstrafe zahlt, wer beim Verkauf oder dem illegalen Transport auch nur eines Saguaros erwischt wird, potenzielle Täter sollen mit einer Maximal-Haftstrafe von bis zu zehn Jahren abgeschreckt werden.
Manchmal schlagen die Kakteen selbst zurück: Vor einigen Jahren feuerte ein Mann so lange mit seinem Gewehr auf einen Wüstenriesen, bis der Schütze von einem Seitenarm erschlagen wurde, der von der instabil gewordenen Pflanze abgebrochen war.
Meist hat Christina Cultrara jedoch mit geringeren Problemen zu tun. Ausgewaschene Wege, verirrte Wanderer, Hitzschläge oder Menschen, die den Kakteen zu nah kommen. „Wer ausrutscht und auf einen Kaktus fällt, hat oft Dutzende zentimeterlange Stacheln im Körper. Das tut richtig weh. Jeder Ranger, der hier arbeitet, ist schon mal in schmerzhaftem Kontakt mit Kakteen gekommen.“
Die Pinzette ist immer dabei
Für die Trail-Rangerin gehört eine Pinzette daher zur Grundausstattung. „Doof ist nur, wenn man allein unterwegs ist und Stacheln im Hintern, Rücken oder der Rückseite der Oberschenkel hat. Allein bekommt man die nicht mehr raus.“
Im Westteil des Parks – den man erreicht, wenn man einmal quer durch die Stadt Tucson fährt, und der fast 50 Kilometer entfernt vom Ostteil ist – kann man bei großer Hitze auf dem Bajada Loop Drive per Auto die spektakulären Kaktuswälder erkunden, oder sie am Morgen oder Spätnachmittag auf hübschen Wegen wie dem Hugh Norris Trail erwandern.
Gleich in der Nähe ist das fantastische Arizona-Sonora Desert Museum. In mustergültiger Weise lernt man hier in der lebendigen Kombination eines botanischen Gartens mit einem Zoo Fauna und Flora der Wüste kennen, inklusive Pumas, knuffigen Nabelschweinen, Skorpionen und Schlangen.
Und wenn man schon mal in der Ecke ist, bieten sich die Old Tucson Studios, ein paar Kilometer weiter, an. Die Westernstadt, die als Filmkulisse für den Film „Arizona“ (1940) errichtet worden war, ist ein kleiner Traum für Westernfans, komplett mit Postkutschenfahrt, „Schießereien“ auf der staubigen Hauptstraße, als Cowboys verkleideten Komparsen, und einer Tanz- und Gesangsshow „Wild-West-Style“ im Saloon. Cineasten finden auch Interessantes: Die Holzhäuser dienten als Hintergrund in Klassikern wie „Rio Bravo“ oder auch „El Dorado“.
Seit einem Jahrzehnt hat sich Tucson zu einem Foodie-Mekka gemausert. 2015 wurde die Südwest-Metropole zur ersten US-amerikanischen Unesco City of Gastronomy gekürt – vor allem wegen der großen Diversität der Restaurants, der vielen Farmermärkte und der Tradition der Gegend als Landwirtschaftszentrum.
Zu den Klassikern gehört „Penca Restaurante“, in dem exzellente zentralmexikanische Kreationen auf den Tisch kommen. Mehr als 40 verschiedene Mezcal-Schnäpse locken an die hübsche Bar. Beliebt ist auch der klassische amerikanische Diner „Pat’s Drive-In“, seit mehr als 65 Jahren „in business“.
Kakteen als kulinarischer Genuss
Wer Kakteen nicht nur ansehen, sondern auch probieren möchte, bestellt im „Tumerico“ der Mexikanerin Wendy Garcia Speisen wie Nopalitos con Chile, Tamales oder Prickly Pear-Burritos. Garcia betreibt seit neun Jahren ihr vegetarisches Restaurant und hat sich auf Kakteen spezialisiert. Mit Erfolg: Die User der Bewertungsplattform Yelp wählten „Tumerico“ 2024 zum besten Restaurant der USA.
In der Stadt fällt es schwer, sich zwischen den Subzentren Tucsons zu entscheiden. Das historische Barrio Viejo mit seinen historischen Adobehäusern lohnt sich, ebenso El Presidio mit seinen wohlhabenden Wohnvierteln und auch die Downtown-Gegend rund um den Bahnhof und das „Congress Hotel“ mit schicken Geschäften und hippen Cafés.
Fans von klassischen amerikanischen Neonschildern pilgern zum Ignite Sign Art Museum. Entstanden aus der Privatsammlung des Neonfans Jude Cook gibt es hier neben Schildern und Neonskulpturen auch zweistündige Kurse, in denen man selbst die Grundlagen der Neongestaltung lernen kann.
Bis vor wenigen Jahren war es noch möglich, den berühmten „Boneyard“ zu besuchen. Seit Kurzem ist der auf einer Air-Force-Base gelegene größte Flugzeugfriedhof der Welt für Besucher geschlossen. Doch wer an den Straßen entlang des „Boneyards“ fährt, bekommt auch über die Drahtzäune hinweg einen tollen Eindruck von dem zehn Quadratkilometer großen Gelände mit seinen mehr als 4000 ausrangierten Kampf- und Passagierflugzeugen, die hier in der Trockenheit der Wüste darauf warten, als Ersatzteillager ausgeschlachtet oder irgendwann wieder eingesetzt zu werden.
Sundowner mit Saguaro
Näher ran kommen Technikfans im benachbarten Pima Air & Space Museum. Es ist eines der größten Flugzeugmuseen der Welt. Für die knapp 300 Flieger – vom kleinsten der Welt (Bumble Bee) über russische MIGs bis zu gigantischen Stratofortress und B-52-Bombern sowie US-Präsidentenmaschinen – sollte man mindestens drei Stunden einplanen.
Am Abend dann geht es nach Westen, wo die Sonne hinter den Wüstenweiten glühend untergeht. Hier, am Gates Pass, ist jeden Abend Sundowner-Saguaro-Show. Der Parkplatz an der Passstraße ist meist schnell voll, die Menschen parken wild, viele klettern auf den mit Saguaro bestandenen Hügeln herum.
Sie posieren neben den mächtigen Pflanzengestalten, versuchen das Foto eines Wüstenkolosses vor Felslandschaft zu machen. Die Silhouette vor dem glühenden Sonnenball. Den Instagram-Post einer perfekten Kerzenleuchterform.
Einige spielen Gitarre, andere stehen nur da, die letzten warmen Strahlen auf dem Gesicht. Dann versinkt die Sonne am Horizont. Rasch wird es dunkel und kühler. Autolichter, Rumrangieren, Motorengeräusche, dann Stille. Das erste Mondlicht. Die Saguaro-Kakteen auf den Hügeln werfen lange schwarze Schatten. Sie wirken wie Wächter. Als passten sie auf die Wüste auf. Ihre Wüste.
Tipps und Informationen:
Wie kommt man hin? Delta, Lufthansa oder American bringen Reisende von den großen deutschen Flughäfen mit ein bis zwei Umstiegen nach Tucson.
Wo wohnt man gut? „Lodge on the Desert“, hübsches Resort in guter Lage mit geräumigen und stilvoll eingerichteten Bungalowzimmern, tolle Kaktusgärten und gemütlicher Pool, exzellentes Frühstücksrestaurant „Cielo“, Doppelzimmer ab umgerechnet 180 Euro (lodgeonthedesert.com). „Marriott Starr Pass Resort“, schön am westlichen Ende von Tucson im Tucson Mountain Park gelegene Anlage, ein Spot für fantastische Sonnenaufgänge, mit Pool, Spa-Landschaft, eigenem Golfplatz; geführte Wanderungen direkt vom Hotel erschließen die mit Kakteen bestandenen Hügel, täglich gibt es ein indianisches Morgenritual mit Flötenmusik und Räucherstäbchen, Doppelzimmer ab 140 Euro (lodgeonthedesert.com). „Tanque Verde Guest Ranch“, wer vom Pferdesattel aus die Landschaft erkunden will, ist hier richtig. Die 1868 gegründete Ranch am Fuß der Rincon Mountains bietet großzügige Suiten, viel Geschichte, Ausritte für alle Reitfähigkeiten und viel Ruhe. Schmankerl: Abends finden „Dive-in-Movies“ am Pool statt: alte Western auf einer Leinwand, die die Gäste im Wasser treibend ansehen können, Doppelzimmer ab 610 Euro (tanqueverderanch.com).
Arizona-Sonora Desert Museum: Das Ticket für Erwachsene kostet 29,95 Dollar, Jugendliche zahlen 24,95 Dollar – also umgerechnet gut 25 bzw. gut 21 Euro (desertmuseum.org).
Weitere Infos: visitarizona.com; visittucson.org
Die Reise wurde unterstützt von Arizona Office of Tourism und Visit Tucson. Unsere Standards der Transparenz und journalistischen Unabhängigkeit finden Sie unter go2.as/unabhaengigkeit
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