Michela Marcato tastet aufmerksam über die Rillen der Torbögen, lässt die Finger über die Zerklüftungen an der Seite wandern. Die Kunstliebhaberin ertastet sich so an einem Modell des Kolosseums das, was sie nicht sehen kann, während ihre Besuchergruppe um die antike Stätte in Rom geführt wird.

Mit dem Modell in der Hand erspürt sich Marcato Feinheiten, die ihr allein beim Gang durchs Kolosseum nicht aufgefallen wären. Die elliptische Form etwa entsteht so vor ihrem inneren Auge.

„Wenn ich um das Kolosseum herumgelaufen wäre, hätte ich das persönlich nie bemerkt. Ich hätte es nie verstanden“, sagt die 54-Jährige, die von Geburt an blind ist. „Aber mit diesem kleinen Modell in der Hand ist es offensichtlich!“

Seit einigen Jahren haben Bemühungen, Kunst und Kultur für Menschen mit Behinderungen zugänglicher zu machen, in Italien Fahrt aufgenommen. Ein Anstoß dazu kam mit den Corona-Pandemie-Hilfen der Europäischen Union, die auch daran gekoppelt waren, die Barrierefreiheit von Sehenswürdigkeiten zu verbessern.

In der antiken Stadt Pompeji entstand so kürzlich ein neues Wegweisersystem. Neben Schildern in Braille-Schrift und Audioguides umfasst es Modelle und Relief-Repliken von Artefakten zum Ertasten dessen, was Besucherinnen und Besucher mit Sehbehinderungen nicht mit den Augen wahrnehmen können.

Inklusiver Tourismus in der Nacht

Die Stadt Florenz erstellte einen Führer zu den Uffizien und anderen Museen für Besuchende mit Behinderungen oder Mobilitätseinschränkungen. Weil manche Stätten wegen ihrer historischen Strukturen nicht wirklich barrierefrei gestaltet werden können, wie der Boboli-Garten aus dem 16. Jahrhundert, sind hier detaillierte Informationen zu Zugängen und Anforderungen aufgelistet.

Ein Erlebnis zu schaffen, dass für alle Beteiligte eindrücklich und angenehm ist, nennt Reiseleiter Giorgio Guardi als Ziel des inklusiven Tourismus. Das bedeute oft, langsamer zu gehen, Dinge zu berühren, Kunstwerke mit verschiedenen Sinnen zu erleben. Seine Organisation Radici organisiert oft nächtliche Rundgänge, wenn weniger Menschen unterwegs sind und weniger störende Umgebungsgeräusche zu hören sind.

Nicht immer ist es allerdings möglich, mit allen Sinnen zu erkunden. Kunstwerke dürfen oft nicht berührt werden oder sind einfach nicht zugänglich. Deshalb müssen die Kunstlotsen kreativ sein.

Auf der Piazza Campo dei Fiori in Rom zeigt Giorgio Guardi am Monument des Philosophen Giordano Bruno, der im 16. Jahrhundert ein Opfer der Inquisition wurde, wie das gehen kann. Die Statue steht auf einem zu großen Sockel, als dass sie ertastet werden könnte.

Stattdessen lässt Guardi jemanden aus der Besuchergruppe die Haltung Brunos nachstellen: den Kopf nach vorne geneigt, mit einem Buch in den Händen. Dem Laiendarsteller legt Guardi dann noch einen Kapuzenumhang um, der aussieht wie der der Statue. Wer den echten Bruno nicht sehen kann, kann nun den Imitator ertasten.

Nachbildungen zum Anfassen

Ein Vorreiter der Inklusion ist das Museo Omero in der Adria-Stadt Ancona. Gegründet wurde es Anfang der 1990er-Jahre von Aldo und Daniela Grassini. Die beiden blinden Kunstsammler waren zunehmend frustriert, dass ihnen verwehrt war, Kunstwerke zu berühren, wenn sie in den Museen der Welt unterwegs waren.

In ihrem Museo Omero – benannt nach dem oft als blinden Weisen dargestellten Dichter Homer – wurde das anders: Alle Ausstellungsstücke sind zum Anfassen gedacht. Das Museum beherbergt Nachbildungen einiger der berühmtesten Kunstwerke Italiens, von antiken römischen und griechischen Statuen über den Kopf von Michelangelos berühmtem David bis hin zu zeitgenössischer Schöpfung.

„Etwas zu berühren ist nicht dasselbe wie es anzuschauen“, sagte Aldo Grassini. Das Sehen sei ein „beherrschender Sinn, der dazu neigt, die Realität zu monopolisieren“, erklärt er. Der Tastsinn aber biete eine ganz andere Dimension.

„Wir lieben mit unseren Augen und mit unseren Händen“, betont Grassini. „Wenn wir einen Menschen lieben oder uns ein Gegenstand besonders am Herzen liegt, reicht es dann aus, ihn nur anzusehen? Nein, wir müssen ihn streicheln, denn Streicheln vermittelt ein anderes Gefühl.“

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