Anderen beim Ein- und Ausparken zuzuschauen, kann unterhaltsam sein. Noch dazu, wenn kein Auto bewegt wird, sondern ein Kreuzfahrtgigant mit Platz für mehr als 8000 Menschen. Rückwärts schiebt sich gerade die „Allure of the Seas“ aus dem Cruise Port von Nassau, dreht auf der Stelle und verschwindet am Horizont in der untergehenden Sonne. Am Strand des „British Colonial Hotels“ widmen sich die Badegäste wieder dem Nichtstun. Bis die „Utopia of the Seas“ kommt, gefolgt von der „Celebrity Eclipse“.

1445 Kreuzfahrt-Anläufe verzeichnete Nassau im vergangenen Jahr, Tendenz steigend, Emissionen inklusive. Insgesamt 5,6 Millionen Urlauber strömen pro Jahr von Bord zu organisierten Ausflügen oder bleiben Downtown. Viele kaufen Souvenirs auf dem Strawmarket (Strohmarkt), spazieren zum Stadtstrand Junkanoo Beach mit den angrenzenden Imbissbuden.

„Viele Kreuzfahrtgäste essen dort aber nichts und sind schnell wieder weg“, resümiert Beverly Wallace-Whitfield, 98, mit missbilligendem Unterton. Sie blieben ohne Kontakt zu den Einheimischen. „Dabei machen doch die Menschen ein Land aus.“ Begegnungen statt Vorbeigehen.

Die Dame weiß es genau, gehört sie doch zu den etwa 300 ehrenamtlichen Botschaftern des People-to-People-Programms, das seit 51 Jahren Bahamaer mit Besuchern zusammenbringt. Die Idee dahinter ist so einfach wie wirkungsvoll: Urlauber treffen sich authentisch mit Einheimischen, die sie für einige Stunden in ihren Alltag mitnehmen. Nicht als Reiseleiter, sondern als Gastgeber. Nicht gegen Bezahlung, sondern aus Überzeugung.

Das geht so: Nach Online-Voranmeldung können Gäste aus aller Welt mit Einheimischen gemeinsame Zeit verbringen. Damit es „matcht“, ist die Nennung von Interessen erwünscht, egal ob Sport, Kochen, Musik, Kultur, Beruf oder schlicht „Socializing“. Es können zwar Sprachen, auch Deutsch, ausgewählt werden, aber Englischkenntnisse sind von Vorteil.

Beverly Wallace-Whitfield hat an diesem Nachmittag Reisende aus Deutschland zu sich nach Hause eingeladen. Ihr Bungalow liegt jenseits der Hauptverkehrsader East Bay Street im Wohnviertel Palmdale. Ihre Haushälterin Rose hat Teigtäschchen mit Ananas-Kokos-Füllung gebacken. Dazu wird „Switcher“ gereicht, süßer, kalter Ingwertee, angenehm bei 26 Grad.

Von der Queen ernannt

Die Hausherrin hat lokale Geschichte mitgeschrieben: Nach Studienjahren in den USA, England und Schottland kehrte sie zurück nach Nassau, wurde Protokollchefin in der Regierung, begleitete und organisierte bereits 1973 die Feierlichkeiten zur Unabhängigkeit der Bahamas. Gastfreundschaft lag ihr besonders am Herzen: 1975 war sie auch dabei, als der damalige stellvertretende Premierminister Sir Clement T. Maynard, der als Vater des Bahamas-Tourismus gilt, das People-to-People-Programm initiierte.

Seitdem ist Beverly Wallace-Whitfield Gastbotschafterin, und das auch noch mit 98 Jahren. Auf dem Sofatisch liegt eine Schatulle mit einem besonderen Orden: 1977 war sie von Queen Elizabeth II. persönlich für ihre Verdienste um den Commonwealth-Inselstaat zum Mitglied des Royal Victorian Order ernannt worden.

Wer ihr zuhört, staunt. Das hat sie alles ehrenamtlich neben ihrer Arbeit im öffentlichen Dienst erledigt, zugleich drei Söhne großgezogen. Trotz ihrer 98 Jahre denkt sie noch lange nicht an den Ruhestand. „Ich hoffe, ich schaffe noch die zwei Extrajahre bis zum 100. Geburtstag“, sagt sie augenzwinkernd. Ihr Rezept für ein langes Leben? „Think positive!“

Dass die agile alte Dame auch regelmäßig Videos auf ihrem eigenen Instagram-Account namens MsBevTipsfortheTop postet, wundert niemanden der Besucher. „Ich bin jemand, der gerne etwas tut. Ich kann nicht untätig sein“, erklärte sie einmal der „Bahamas Tribune“. Sie hat gerne Gäste um sich.

Mit der Gastgeberidee aus den 1970er-Jahren war man auf den Bahamas der Zeit voraus. „Authentische Begegnungen sind heute mehr denn je gefragt“, findet auch Bernadette Bastian, verantwortlich für das People-to-People-Programm. Es ist auf zehn der 16 touristisch erschlossenen Bahamas-Inseln möglich (nur 35 der insgesamt 700 sind überhaupt bewohnt).

Tea Party mit Gouverneurin

Exakte Teilnehmerzahlen kennt sie nicht, aber bis heute seien Tausende Teilnehmer zu gemeinsamen Koch-Events und Marktbummel, Farm-Besuchen, Stadttouren oder auch zur Tea Party mit Gouverneurin Dame Cynthia Pratt gekommen.

Bekannt ist, dass allein gut 15.000 Deutsche jährlich direkt nach New Providence mit der Hauptstadt Nassau, nach Grand Bahama oder auf die kleineren Inseln wie Eleuthera und Harbour Island reisen. Etliche Gäste kommen außerdem im Anschluss an einen US-Aufenthalt zum Badeurlaub hierher.

Obwohl die Bahamas geografisch im Nordatlantik vor Florida liegen, gelten sie als Karibikziel. Baja Mar, flaches Meer, nannten die Spanier nach der Entdeckung durch Kolumbus 1492 die Inselgruppe. Angesichts unzähliger Traumstrände, vor denen das Wasser türkis glitzert, kein Wunder. Manche wie der Cabbage Beach auf Paradise Island beeindrucken mit strahlend weißem Sand. Andere schimmern rosa wie der Pink Sands Beach auf Harbour Island.

Auch Prominente schätzen die exklusive Abgeschiedenheit (und die Abwesenheit von Einkommensteuern bei der Vermietung ihrer Immobilie): Auf New Providence gehört Justin Timberlake mit Tiger Woods und weiteren A-Promis eine noble Wohnanlage. Auf Paradise Island entspannt sich Oprah Winfrey.

Auf Eleuthera, 30 Flugminuten von Nassau entfernt und viel beschaulicher, hat Lenny Kravitz seinen Zweitwohnsitz. Der Musiker, dessen Mutter von hier stammt, engagiert sich auch sozial. Popsängerin Mariah Carey soll immer noch ihre Villa Sea Lily auf Windermere Island besitzen.

Normaltouristen können im angrenzenden Savannah Sound bei einer Bootsfahrt einen Eindruck vom intakten Mangroven-Ökosystem gewinnen. Schildkröten schwimmen durch die Lagune. Man kann mit ihnen oder an vorgelagerten Korallenriffen mit bunten Fischen schnorcheln.

Berühmte schwimmende Schweine

Auch die berühmten schwimmenden Schweine der Bahamas sind auf Eleuthera nicht weit: Auf der Mini-Insel Meeks Patch können Urlauber mit den Tieren ins Wasser gehen. Dieser Spot ist weniger überlaufen als auf den Exumas, wo die Vorfahren der heutigen Schweine vermutlich von Seeleuten ausgesetzt wurden. Es bleibt Geschmackssache, ob man mit aufdringlich nach Futter quiekenden Schweinen im selben Wasser baden möchte.

Zurück nach Nassau zu einer Stadtrundfahrt mit zwei weiteren ehrenamtlichen People-to-People-Botschaftern: Craig Mortimer, 65, ist im Tourismus tätig, Lamont Rahming, 52, hat ein kleines Busunternehmen. Wer mit ihnen unterwegs ist, beteiligt sich nur an den Spritkosten. Es geht erst zum puderweißen Montagu Beach: „Hier wurden auch Szenen der TV-Serie Flipper gedreht“, sagt Lamont über seinen Lieblingsstrand.

Mit den beiden Gastgebern entdecken die Besucher auch Wohnviertel, die normalerweise oft links liegen gelassen werden. Wie etwa Fox Hill Village. Benannt ist es nach Samuel Fox, einem befreiten Sklaven, der hier 1802 eine eigene Plantage gründete.

Das Wohnviertel mit kleinen Shops ist für die Insulaner ein identitätsstiftender Ort. Jedes Jahr wird am zweiten Dienstag im August der Fox Hill Day gefeiert, in Gedenken an die Abschaffung der Sklaverei 1838. Vor der Akhepran International Academy, einer Privatschule, die afrikanisches Erbe und technologischen Fortschritt verbindet, sagt Craig: „Hier war ich früher Lehrer!“

Elektroschocker aus der Bäckerei

Nächster Stopp: eine Bäckerei namens „Model Bakery“ in der Dowdeswell Street, die Craigs Familie seit mehreren Generationen betreibt. Seine Nichte und seine Schwester leiten den Laden. Außer Brötchen und exzellenten Zimtschnecken sind aber auch Pfefferspray und Elektroschocker im Angebot. Ein Hinweis darauf, dass es jenseits der schicken Hotels in manchen Ecken nachts unsicher zugehen kann.

Grundsätzlich aber ist die soziale Lage für die meisten der gut 410.000 Bahamaer durch das höchste Durchschnittseinkommen im Karibikraum und politische Stabilität relativ entspannt. Doch die Lebenshaltungskosten sind hoch, das spüren Einheimische und Urlauber gleichermaßen: Um 40 Dollar (etwa 34 Euro) kostet ein typisches Mittagessen, etwa ein gegrillter Grouper (Zackenbarsch), dazu kommen noch zehn Prozent Steuer und bis zu 15 Prozent Servicegebühr.

Kulinarische Spezialitäten, die Urlauber auf den Inseln unbedingt mal probieren sollten, sind der Rum-Kokos-Cocktail „Bahama Mama“ (vor gut 40 Jahren im „Nassau Beach Hotel“ erfunden) und die faustgroße Fechterschnecke, Conch genannt (ausgesprochen: Konk). Diese Spezialität wird als Salat mit Limette serviert oder auch frittiert, in Nassau zum Beispiel bei „Mckenzie’s“ auf der Imbissmeile am Potter’s Cay oder bei „Twin Brothers“ am Arawak Cay.

Wer sich traut, kann die weiche Schnecke freilich auch roh aus dem Gehäuse essen – so wie es der Conch-Lieferant neben dem „Conch’s Queen“-Restaurant auf Harbour Island zeigt. Diese Art von Appetizer ist vielen Besuchern aber dann doch zu authentisch.

Tipps und Informationen:

Wie kommt man hin? Mit Air Canada über Toronto nach Nassau ist die schnellste Verbindung. Alternativ: mit British Airways über London-Heathrow oder mit United Airlines über New York nach Nassau. Inselhopping von Nassau zum Beispiel mit Bahamas Air oder Pineapple Air nach Eleuthera.

Wo wohnt man gut? Das „British Colonial Hotel“ in Nassau ist ein renoviertes Traditionshaus von 1901, mit Privatstrand und Poollandschaft, Doppelzimmer ab 240 Euro pro Übernachtung, Frühstück kostet 30 Euro pro Person extra (britishcolonial.com, auch buchbar über booking.com). „Unique Village“ auf Eleuthera: Beachresort mit Pool, zwölf Zimmern und zwei Villen, nur ab zwei Übernachtungen buchbar ab 260 Euro pro DZ, Frühstück ab 14 Euro (uniquevillageresort.com). „Valentine’s Resort“ auf Harbour Island, mit Marina, Tauchzentrum am Pink Sands Beach, Apartment ab 780 Euro (valentinesresort.com).

Weitere Infos: People-to-People-Programm: bahamas.com/plan-your-trip/people-to-people; Tourismus-Tipps: bahamas.com/de

Die Teilnahme an der Reise wurde unterstützt vom Bahamas Ministry of Tourism. Unsere Standards der Transparenz und journalistischen Unabhängigkeit finden Sie unter go2.as/unabhaengigkeit

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