Völlige Ruhe im Tal der letzten Dorfbewohner
Mit seinem Imponiergehabe signalisiert Jazzman: Er braucht Aufmerksamkeit, hier möchte er den Ton angeben. Wie er da auf dem verschneiten Platz vor dem „Saloon“ herumstolziert, Brust heraus, kecker Blick, die weiße Mähne schüttelnd, glaubt man durchaus an seine Führungsqualitäten. Als es dann jedoch ans Arbeiten geht, Jazzman zusammen mit Herton einen Schlitten bergauf ziehen soll, schwächelt er plötzlich.
Jetzt soll Herton übernehmen, Jazzman lässt sich zurückfallen, sodass sich Herton umso mehr ins Zeug legen muss. „He he, nicht kneifen, – komm. Jazzman!“, brummt Kutscher Roman Hassmann, und tätschelt Jazzmans mächtiges Hinterteil mit der Fahrpeitsche.
Jazzman und Herton sind Freiberger Wallache. Wegen ihres gutmütigen Charakters wird diese Schweizer Pferderasse heute oft für Sportzwecke eingesetzt. Unter einem Berg Filzdecken und Schaffellen vergraben, sitzen die Gäste an diesem Winternachmittag im von Jazzman und Herton gezogenen Schlitten.
Hinter dem Reitstall San Jon in Scuol geht es in das S-charl-Tal hinein, ein Seitental im Unterengadin. Glöckchen bimmeln, als das Gefährt unter dunklen Fichten hindurch gleitet. S-charl heißt auch das Ziel der Schlittenfahrt, eine 15-Häuser-Siedlung auf 1800 Metern knapp unter der Waldgrenze.
Das S-charl-Tal, das man im Winter nur mit dem Schlitten, mit Skiern oder zu Fuß erreicht, bildet den perfekten Rückzugsort für einige Tage Weltflucht inmitten grandioser Natur. In diesem Tal, wo die Einheimischen Rumantsch – Rätoromanisch – sprechen, tritt man sich nicht auf die Füße. In der kalten Jahreszeit ist hier nur der „Gasthof Mayor“ bewohnt, wo die Gäste übernachten wollen, um am nächsten Tag zu einer Schneeschuhwanderung aufzubrechen.
Kutscher Hassmann hat sich auf die Kälte eingestellt, drückt eine Taste an seiner Jacke, die daraufhin hellrot aufleuchtet und elektrisch beheizt wird, ebenso seine Schuhe und Handschuhe. Denn vorn auf dem Kutschbock weht ein rauer Wind, und heute zeigt das Thermometer am Reithof minus 16 Grad an. Von hier nach S-charl sind es noch zehn Kilometer durch die verschneite Wildnis.
Hinter einer Wegbiegung ragen senkrechte Festwände empor, an denen bläuliche Eiswülste kleben. Tief unten mäandert der Clemgiabach talauswärts, mehrere Arme bilden einen dunklen Zopf zwischen weiß gepolsterten Schuttkegeln. Mit einer Zigarette zwischen den Zähnen dreht sich Hassmann zu den Gästen.
Auftauen unter Hirschgeweihen
Die Pferde, über deren Leibern bald eine Dampfwolke schwebt, kennen den Weg. Auch seine Frau Julie, erzählt Hassmann, sei eine große Pferdenärrin, sie arbeite mit ihm am Reiterhof San Jon. Man mache diesen Job „nicht für die Kohle“, sagt Hassmann. „Die Pferde sind für uns wie Kinder. Julie schaut vor dem Schlafengehen immer noch bei den Ställen vorbei – um sicherzustellen, dass alles in Ordnung ist.“
Mit wild abstehendem Kopfhaar und wucherndem Bart ist Hassmann ein typischer Bewohner dieser Berggegend. Er vermittelt einem das gute Gefühl, in jeder Situation alles im Griff zu haben. Und tatsächlich meistert er die Tour ohne Zwischenfälle, obwohl der Schlitten auf dem vereisten Weg manchmal seitlich etwas abrutscht und man unten, inzwischen ist es dunkel geworden, den Clemgiabach im Mondlicht schimmern sieht. „Brav, brav!“, murmelt Hassmann seinen Pferden dann zu und bringt den Schlitten wieder in die Spur.
Bis zur Nase eingemummelt, beobachtet man das Sternenfunkeln am nachtschwarzen Himmel. Hell glänzt da Sirius am südlichsten Eck des sogenannten Wintersechseckes. Und ist das dort rechts Beteigeuze, der linke Schulterstern des Orion? Man könnte auf dem Handy im Internet nachschauen, unterlässt es jedoch, weil man dafür die Handschuhe ausziehen müsste.
Längst ist man in stille Entschleunigung versunken, als hinter einer letzten Kurve die erleuchteten Fenster des Gasthofes, das Ziel der Tour, auftauchen. Unter Hirschgeweihen in der warmen, getäfelten Stube taut man schnell auf, bevor es zu Bett geht.
Am nächsten Morgen schlägt Lukas Barth, der die Gruppe als Wanderleiter begleitet, eine Schneeschuhtour in das Tal des Gebirgsbachs Aua Sesvenna vor. „Dort scheint lange die Sonne.“ S-charl liegt nämlich im Schatten hoher Berge.
Weil die Temperaturen immer noch frostig sind, fällt die Dorfbesichtigung vor dem Start kurz aus. Den Hauptplatz mit einem Brunnen, dessen Wasserstrahl eine bizarre Eisskulptur formt, beherrscht das Knappenhaus. Am Mot Madlain, der das Dorf im Norden überragt, wurde früher Blei- und Silbererz abgebaut. Umrahmt wird der Platz von Häusern mit bauchigen Steinmauern.
Im vergangenen Jahrhundert verlassen
An einem gedrungenen Gebäude vorbei, unter dessen vorkragendem Dach Brennholz gestapelt ist, geht es am Rand einer verschneiten Wiese taleinwärts. „Hier lebte ein Rentner, der letzte Ganzjahresbewohner von S-charl“, erzählt Barth mit Blick auf das Haus, „abgesehen von Dominique Mayor, dem Wirt des Gasthofes“. Vorigen Winter habe Mayor einen Rettungswagen rufen müssen, wegen akuter gesundheitlicher Probleme des Nachbarn. „Er hielt die Einsamkeit nicht mehr aus, heute wohnt er in Scuol am Eingang des S-charl-Tals.“
Das Dorf S-charl, sagt Barth, sei im vergangenen Jahrhundert von den meisten Bewohnern verlassen worden, weil außerhalb weniger mühsame Erwerbsmöglichkeiten gelockt hätten. Heute dienten die Häuser ihren Besitzern als Feriendomizile für den Sommer. Der Wirt und seine Partnerin sind nun die einzigen dauerhaften Einwohner.
Hinter dem Wanderführer stapft die Gruppe die Aua Sesvenna entlang, über die sich Lärchen und Arven neigen. Unter der milchigen Eisschicht, die das Wasser stellenweise bedeckt, blubbern Luftblasen. Weil bereits andere Wanderer eine Schneise in den Schnee getrampelt haben, bleiben die Schneeschuhe vorläufig auf den Rucksäcken.
Barth blickt häufig in den Himmel. „Im Aufwind über dem Mot Madlain sah ich vorhin einen Bartgeier“, sagt er. Jetzt lässt sich der Vogel, der mit einer Flügelspannweite von beinahe drei Metern zu den größten Greifvögeln Europas gehört, nicht mehr blicken.
Immerhin kann Barth, der auch als Exkursionsleiter im nahen Schweizerischen Nationalpark arbeitet, viel über den Bartgeier erzählen. Etwa, dass beide Partner im Januar abwechselnd brüten. „Das Federkleid an den Beinen, ihre Daunenhosen, schützen die Eier vor Minustemperaturen.“ Weil der Bartgeier fast ausschließlich von Aas lebe, schlüpften die Küken gegen Winterende gerade rechtzeitig, denn um diese Zeit tauchten unter dem schmelzenden Schnee reichlich Tierkadaver auf, sagt Barth.
Nicht weit von hier gebe es eine „Knochenschmiede“: spezielle, mit Knochensplittern übersäte Felsen, auf die Bartgeier beim Überfliegen Knochen fallen lassen, die dadurch zerschellen – so kommen die schlauen Vögel an das nahrhafte Knochenmark. Barth kennt sich aus. Er hat einen Abschluss in Zoologie.
Knochenreste und Wolfsspuren
„Ich habe über Polarfüchse geforscht und dabei viel Wildkot gesammelt“, sagt der Guide, nachdem er sich wiederholt über eine tierische Hinterlassenschaft gebückt hat, um darin mit einer Stockspitze herumzustochern. „Die dunklen Stellen deuten auf Blut hin“, sagt Barth beim Anblick eines braunschwarzen Klumpens: „Man erkennt auch Haare und Knochenreste, es könnte sich um Wolfsspuren handeln.“
Nach ein paar Stunden ist die Alp Sesvenna erreicht, Station für eine Teepause. Hinter der Alp gibt es keine Trasse mehr, deshalb geht es nun breitbeinig auf Schneeschuhen weiter. Ein blaues Metallschild zeigt zum Wandergebiet Fora da l’Aua hinauf. „Blau bedeutet, dass dieser Weg Schwindelfreiheit und Trittsicherheit verlangt“, sagt Barth, und schlägt vor, lieber südostwärts dem gelben Schild Richtung Fuorcla Sesvenna zu folgen, einem hochalpinen Gebirgspass zwischen Engadin und Südtirol.
Unter Felsen sucht der Guide einen Weg, vorbei an schief wachsenden Arven. Wiederholt bleibt Barth stehen, um seinen Begleitern ein Fernrohr zu reichen. Auch sie sollen sehen, was er gerade mit bloßem Auge erspäht hat: Auf mehreren Grasbändern zwischen dem Schnee äsen Steinböcke und Gämsen. Die Tiere wären der Gruppe gar nicht aufgefallen, doch der Guide erspäht jede Bewegung.
Unterhalb der Fuorcla Sesvenna bildet ein ebener Platz den höchsten Punkt dieser Tour. Die Schneeschuhe werden zum Sitz umfunktioniert, und jeder holt sein Picknick hervor, danach geht es auf dem gleichen Weg zurück nach S-charl. Der mit heißem Wasser gefüllte Badebottich auf der Terrasse des „Gasthof Mayor“ ist wärmender Abschluss der Winterwanderung.
Bevor das Pferdeschlittentaxi kommt, tischt Dominique Mayor in seiner Gaststube Wildgerichte auf, von Rehtartar über Hirschpfeffer mit Butterspätzle bis zu einer Spezialität, die es weit und breit nur hier gibt: Murmeltier-Ragout mit Pilzen und Polenta – wunderbar zartes Fleisch mit sehr würziger Wild- und Kräuternote.
Als der Kutscher durchfroren zur Tür hereinschneit, dürfte es den meisten seiner Gäste wahrscheinlich lieber sein, für den Rückweg in ein vorgeheiztes Autotaxi zu steigen, statt sich jetzt erneut dick verpackt in die offene Schlittenkutsche quetschen zu müssen. Doch es gibt keine Alternative. Dafür aber ein Hausmittel: einen Bündner Schnaps zum Abschied, das perfekte Wundermittel gegen kalte Füße.
Tipps und Informationen:
Wie kommt man hin? Mit der Bahn: Von München in knapp zweieinhalb Stunden nach St. Margrethen, weiter mit dem IR 13 in etwa 50 Minuten nach Landquart, umsteigen und mit dem RE 24 in gut 40 Minuten nach Scuol-Tarasp. Mit dem Auto: von München in etwa dreieinhalb Stunden über die B 23 Richtung Fernpass/Reutte/Grainau/Garmisch. Weiter über die B 179 nach Innsbruck/Imst/Fernpass und dann über die Reschenstraße zur Via Engadina/Route 27 nach Scuol.
Wo wohnt man gut? Im „Gasthof Mayor“ in S-charl kostet die Übernachtung im Doppelzimmer mit Dusche und WC ab 95 Franken pro Person. Auf Anfrage werden geführte Schneeschuhtouren angeboten, ab 70 Franken (gasthaus-mayor.ch). Für Pferdefreunde: Im „Hotel & Saloon San Jon“ kostet das Doppelzimmer ab 110 Franken pro Person. Im Winter gibt es Pferdeschlittenfahrten, im Sommer Kutschfahrten, aber auch Ausritte und Westernreitkurse (sanjon.ch).
Schlittenfahrt: Besonders beliebt: der Pferdeschlitten-Shuttle. Die Pferdegespanne fahren im Winter nach Plan. Wer mit der Bahn anreist, wird am Bahnhof Scuol-Tarasp abgeholt. Wer mit dem Auto anreist, parkt kostenlos in San Jon. Von dort geht es dann mit dem Pferdegespann nach S-charl. Eine Einfachfahrt im Schlitten mit einem Stück Handgepäck kostet 50 Franken pro Erwachsenem. Reservierung erforderlich unter pferdeschlittenfahrten@gmail.com oder auch buchbar über sanjon.ch.
Weitere Infos: engadin.com/de; myswitzerland.com
■ Die Teilnahme an der Reise wurde unterstützt von Tourismus Engadin Scuol Samnaun Val Müstair. Unsere Standards der Transparenz und journalistischen Unabhängigkeit finden Sie unter go2.as/unabhaengigkeit
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