Wo die USA Holland und auch Franken Konkurrenz machen
Die Region
Was macht Michigan als Urlaubsziel so besonders? Es ist überall dem Wasser ganz nah. Man fühlt sich im „Great Lake State“, wie der Bundesstaat im oberen mittleren Westen an der Grenze zu Kanada auch genannt wird, fast wie am Meer – dank seiner beachtlichen Küstenlinie: mit 5291 Kilometern gibt es die längste Süßwasserküste der Welt.
Oder wie viele Michigander gern betonen und auch als T-Shirt-Spruch tragen: „No salt, no sharks.“
Mehr als 120 Leuchttürme säumen die Ufer, es gibt ozeanähnliche Sandstrände, Dünenlandschaften wie die Sleeping Bear Dunes, Klippen wie Pictured Rocks und mehr als 80 Häfen, ideal für Wassersportler. Michigan grenzt an vier der fünf „Großen Seen“ zwischen den USA und Kanada: Michigansee, Huronsee, Lake Superior und Eriesee.
Da wird im Sommer mit dem Segelboot von Hafen zu Hafen geschippert, bei Traverse City nach Schiffswracks in wenigen Metern Tiefe getaucht, entlang der Küsten gepaddelt oder einfach nur an Sandstränden gebadet, gecampt und gepicknickt. Und dazu gibt es auch noch etwa 11.000 kleinere Seen, Flüsse und Wasserfälle im Binnenland. Man ist also nie mehr als zehn Kilometer vom Wasser entfernt.
Für einen Tagesausflug ins Landesinnere empfiehlt sich für Urlauber eine Tour nach Frankenmuth. Das Städtchen, einst von fränkischen Siedlern gegründet, setzt ganz auf bayerische Tradition mit Brauerei, Fachwerkstil und auf Weihnachten zu allen Jahreszeiten. In den USA kennt es so gut wie jeder, denn hier hat ganzjährig „Bronner’s Christmas Wonderland“ geöffnet, der größte Weihnachtsdeko-Shop der Welt, gegründet 1945 von einem cleveren Geschäftsmann mit fränkischen Wurzeln.
Wer den ganz besonderen Michigan-Spirit fernab von Kommerz oder auch trubeligen Metropolregionen wie Detroit oder Grand Rapids entdecken will, der reist hoch in den Norden, „Go UP“, wie es in Michigan so schön heißt. Denn der Bundesstaat besteht aus zwei landschaftlich völlig unterschiedlichen Halbinseln – das ist wie zwei Urlaube in einem.
Oben auf UP, der waldigen Upper Peninsula, wird es richtig wild. Wie etwa im Isle Royale Nationalpark, bärenfrei, aber mit einer Population von gut 2000 Elchen. Nur per Fähre erreichbar, erwartet Besucher hier Abgeschiedenheit beim Wandern, Campen und Kajaken. Nur Elche schauen am Ufer zu.
Holland? Holland!
Die Müllerin trägt Klompen, also Holzclogs mit dicken Socken, und die funktionstüchtige Windmühle von 1761 wurde in den 1960er-Jahren extra aus den Niederlanden hierher verschifft. Im Park „Windmill Island Gardens“ wird für Besucher seither wieder Getreide gemahlen. Im Mai fühlt man sich beinahe wie im Keukenhof in den Niederlanden: In Parks und Gärten blühen gut fünf Millionen Tulpen. Die Stadt Holland am Michigansee zelebriert ihr niederländisches Erbe, das muss man mal gesehen haben.
Im Mai wird das größte Tulpenfest der USA (1. bis 10. Mai 2026) gefeiert, mit Trachtentänzen und Tulpen-Paraden. Doch wie kamen die ersten Tulpen nach Michigan? Niederländische Siedler hatten die ersten Zwiebeln um 1847 mitgebracht, als sie die Stadt gründeten.
Heute gibt es sogar eine Tulpenfarm, die besucht werden kann. Beliebt ist auch „De Klomp Delft Factory“ mit Fabrikverkauf und Schauwerkstatt, in der nicht nur Holzclogs geschnitzt werden, sondern auch Delfter Keramik handbemalt wird. Sogar die niederländische Königsfamilie war schon da.
Warum diese Brücke so irre schwankt
Die acht Kilometer lange Mackinac-Brücke, auch Big Mac genannt, verbindet seit 1957 die obere und untere Halbinsel zwischen Michigansee und Huronsee. Sie ist damit eine der längsten Hängebrücken der Welt. Zum Vergleich: Die Golden Gate Bridge ist gerade mal 2,7 Kilometer lang.
Big Mac wurde für extreme Bewegungen konstruiert, um Wind und Wetter standzuhalten. Sie kann bis zu zehn Meter schwanken und sich sieben Meter heben und senken. Die Höchstgeschwindigkeit beträgt zwar 45 Meilen pro Stunde (etwa 72 km/h), doch viele ortsfremde Autofahrer schleichen lieber.
Falls Ihnen vor der Überquerung mulmig wird oder Sie die Aussicht als Beifahrer genießen wollen: Die Mackinac Bridge Authority bietet einen 24/7-Chauffeurdienst an (für ungefähr 15 Dollar). Für Fußgänger und Radler ist die Brücke normalerweise gesperrt. Nur am Labor Day (7. September 2026) gibt es den Bridge Walk: An diesem Feiertag darf man über die dann autofreie Brücke laufen.
Willkommen im Blaubeerhimmel
33 Blaubeersorten gedeihen in Michigan. Hier kommt man an den kugelrunden Beerenfrüchtchen nicht vorbei. Zum Naschen, getrocknet, gebacken, püriert, geliert, mit Schokolade überzogen, in Muffins, im Eis und auf Pancakes ohnehin. Der Südwesten Michigans ist dank sandig-saurer Böden und hohem Grundwasserspiegel Blaubeerland: Dort wachsen die Beeren nicht nur wild in den Wäldern, sondern auch auf schier endlosen Plantagen, etwa bei New Haven, der selbst ernannten Blaubeer-Hauptstadt, direkt am Michigansee.
Es ist die Heimat der Kultur-Heidelbeeren, wie die amerikanische Blaubeere in Deutschland deklariert wird, und Michigan erntet als größter US-Produzent 45.000 Tonnen pro Jahr. Bei geführten Spaziergängen, etwa auf der Grandchamp Farm (South Haven), Reenders Blueberry Farm (West Olive) oder auch auf der ältesten Bio-Farm Pleasant Hill in Fennville lernen Besucher beim Naschen, dass Blaubeere eben nicht gleich Blaubeere ist. Die eine heißt Bluecrop (aromatisch), die andere Blueray (mild); es gibt Bluegold (süß), Osorno (am dicksten) oder auch Liberty (fruchtig), manche sind frühreif, andere spätreif.
Auf der Suche nach der besten Blaubeere tüftelt die Michigan State University in Lansing an neuen Blaubeer-Kreuzungen, die sie patentieren lässt. Spartan und Patriot gelten als deren beste Sorten zum Selbstpflücken. „U-Pick“ wird überall angeboten, in „We-Pick“-Farmen lässt man eimerweise sammeln.
Empfehlenswert für Eilige sind die gut 100 Farmer Markets und Hofläden mit selbst gemachten Blaubeerprodukten (wie etwa Blueberry Yogurt Pretzel). Gefeiert wird das blaue Früchtchen natürlich auch, und zwar im August beim National Blueberry Festival in South Haven. Blaubeeren satt.
Das Zitat
„Wenn du eine liebliche Halbinsel suchst, schau dich um“
So lautet übersetzt das lateinische Motto von Michigan: „Si quaeris peninsulam amoenam circumspice“. Es betont seit 1835 die Naturschönheit des Bundesstaats, der als einziger aus zwei Halbinseln besteht.
Um diese besondere Landschaft, Bäume und viel Grün geht es auch in der Staatshymne, die man überall hört: „Michigan, my Michigan“. Urlauber aus Deutschland können da problemlos einstimmen und fröhlich mitsummen, denn die Hymne wird zur Weihnachtsmelodie von „Oh, Tannenbaum“ gesungen.
Mackinac Island – Wo Autos und E-Bikes tabu sind
Der Beschluss ist 128 Jahre alt – und einzigartig in den USA: „Der Betrieb von pferdelosen Wagen wird verboten.“ Das entschied 1898 der Gemeinderat von Mackinac Island im Huronsee. Seither ist die Gemeinde autofrei und hält das Verbot konsequent aufrecht. Es gibt auch keine Motorroller, keine Golfcarts, nur Pferdekutschen und Fahrräder.
Wer auf die Insel will, nimmt eine der Fähren, die von April bis Oktober tagsüber alle 30 Minuten von Mackinaw City und St. Ignace ankommen. Im Hafen des einzigen Ortes (City of Mackinac Island) mit bunten Hausfassaden und Holzveranden hört man den Sound der Insel: Das Klippklapp der 600 Kutschpferde, die in Zweispännern Gäste ziehen, Mülleimer transportieren – und Pakete ausliefern. Für Besucher stehen auch 1500 Leihräder bereit, freilich ohne Hilfsmotor: E-Bikes sind ebenfalls tabu.
Die Spezialitäten – homemade, quadratisch, kultig
Wer auf einem Roadtrip durch den Bundesstaat reist, sollte die üblichen Fast-Food-Ketten, die Burger und Cola verkaufen, links liegen lassen. Denn in Michigan hat sich eine ganz eigene Snack-Kultur mit leckeren Spezialitäten entwickelt, die allesamt vor Ort kreiert wurden.
Wer die obere Halbinsel bereist, sieht überall Schilder, die auf das beliebteste Fingerfood hinweisen: Pasties, und zwar homemade. Jeder Koch hat sein eigenes Rezept für die deftige Pastete, die heiß serviert und in Bratensoße getunkt wird. Im 19. Jahrhundert war die gefüllte Teigtasche der tragbare Snack für Bergleute. Die traditionelle Füllung besteht aus Rindfleisch, Kartoffeln, Zwiebeln und Steckrüben; heute gibt es etliche Varianten, also quasi mit allem, was in die Teigtasche passt.
Auf der unteren Halbinsel ist Pizza statt Pastete populärer, und dann am liebsten die quadratische im Detroit-Style: Erfunden wurde sie 1946 von Gus und Anna Guerra im Restaurant „Buddy’s Rendezvous“ in Detroit.
In rechteckigen Pfannen gebacken, mit luftigem Teig, stets mit Peperoni – und einem knusprigen Rand mit ganz viel karamellisiertem Käse, weshalb die Eckstücke am begehrtesten sind. Und was trinkt man gern dazu? Regionale Kult-Limonade wie „Faygo“ oder auch „Vernors“, ein Vanille-Ginger-Ale, beide aus Detroit. Als süße Delikatesse empfiehlt sich in Michigan ein Fudge, das ist ein ziemlich unwiderstehliches Karamell-Schoko-Toffee-Konfekt, oft mit Pekannüssen gefüllt, erfunden 1887 auf der Mackinac-Insel.
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