Wer sich im Parc Güell mit dem Gaudí-Drachen fotografieren will, muss Schlange stehen – und in Kauf nehmen, dass sich im Hintergrund des Motivs weitere Urlauber drängen. Die Salamander-Skulptur ist nun mal das beliebteste Motiv des bekanntesten Parks in Barcelona, den Antoni Gaudí eigentlich als Gartenanlage konzipiert hatte. Der Rummel ist so groß, dass die Anwohner eigene Besuchszeiten haben.

Nicht weniger überlaufen sind weitere berühmte Werke des visionären Vertreters des Modernisme, wie der katalanische Jugendstil heißt: Menschentrauben bilden sich vor der verträumten Fassade der Casa Batlló und den verschlungenen Balkonbrüstungen von La Pedrera am Passeig de Gràcia.

Und im Oktober 2025 wurde am Christusturm der Sagrada Família das untere Element des Turmkreuzes montiert, was dem Turm seither eine Höhe von knapp 163 Metern beschert – damit überragt das noch nicht fertiggestellte Bauwerk das Ulmer Münster um mehr als einen Meter und ist der höchste Kirchturm weltweit. Ein Rekord, der für Gaudís monumentale Basilika einen weiteren Besucher-Hype bedeutet.

Zum Glück hat der für seine organischen Formen bekannte Architekt, der vor rund 100 Jahren, im Juni 1926, von einer Straßenbahn überfahren wurde und starb, noch weitere Werke hinterlassen, die weniger im Rampenlicht stehen.

Die lohnen im Jubiläumsjahr unbedingt einen Besuch, denn hier lässt sich das gefeierte Genie ebenso gut bewundern wie an seinen populärsten Bauten: Gaudí begriff Architektur als lebendigen Organismus, verband Handwerk mit damaligem Hightech und ließ seine tiefe Mystik und Symbolik bei jedem seiner Bauten bis ins kleinste Detail wirken.

Casa Vicens: das erste Haus von Gaudí

Mit der Casa Vicens setzte Gaudí seine Ideen erstmals für ein Wohnhaus um. Darin steht man im Speisesaal – und gleichzeitig draußen im Garten. Das zumindest suggeriert die Gestaltung: Motive von Kirschzweigen in der Stuckdecke, Putz in Form von Efeu an den Wänden, stilisierte Studentenblumen auf den Keramikfliesen.

Die ab 1883 erbaute Casa Vicens steht im Viertel Gràcia, damals ein Vorort von Barcelona. Gaudí ließ sich für das Sommerhaus von der Natur inspirieren, die er auf dem Grundstück vorfand. Die an den Speisesaal grenzende Veranda mit Holzjalousien und einem Brunnen lässt zusätzlich die Grenzen zwischen Innen und Außen verschwimmen. Mit dem vorzüglichen deutschen Audioguide (Kopfhörer nicht vergessen!) geht es von Raum zu Raum, jeder offenbart weitere Naturschätze.

Im Raucherzimmer sind die spektakulären Pappmaché-Gewölbe – ein damals innovatives Baumaterial – Palmblättern und Datteln nachempfunden. Im Stockwerk darüber simuliert eine Deckenmalerei den Blick in den Himmel, umrahmt von Kletterpflanzen und Vögeln. Und die Dachterrasse ist ein begehbarer Erlebnisraum mit Schornsteinen als dekorativen Elementen – schon dieses Frühwerk ist durch und durch Gaudí.

Infos: Täglich geöffnet von 9.30–18 Uhr, Ticket ab 19 Euro (inkl. Audioguide, ohne Online-Reservierung fünf Euro teurer), Kinder bis elf Jahre gratis, casavicens.org

Torre Bellesguard: Hommage ans Mittelalter

Auf engen Treppen geht es bis ganz nach oben auf die Dachterrasse des Turms. Hier gilt es, Drachen zu entschlüsseln. Denn während Gaudí das Fabeltier in anderen Werken wie der Casa Batlló sehr plakativ darstellte, ist es in diesem Landschloss im Norden von Barcelona subtil in der Architektur versteckt.

Gut, dass beim Besuch mit Audioguide auch ein echter Guide dabei ist, der beim Suchen behilflich ist. Nebenbei gibt es ein Panorama, das vom Distrikt Sarrià-Sant Gervasi am Fuß des Tibidabo bis zum Meer reicht.

Die Torre Bellesguard, ein ab 1900 im Auftrag der Witwe des Gaudí-Bewunderers Jaume Figueras entstandenes Landhaus, ist eine ganz eigene Interpretation der Gotik an historischem Ort. Hier stand im Mittelalter die Burg von König Martin I. von Aragón, deren Überreste heute in den Garten integriert sind.

Von Weitem wirkt dieses Gaudí-Werk wie eine strenge, dunkle Burg. Die geschwungenen Linien, für die der Architekt berühmt ist, gibt es hier so gut wie nicht. Beim Näherkommen zeigt sich aber: Die reliefartige Fassade aus Schieferbruchstein zeigt grüne oder beige Nuancen, dazwischen Mosaike und symbolträchtige Inschriften.

Das Genie steckt hier also in jedem Detail – von Mosaikbänken aus Keramik über farbenfrohe Fenster bis hin zum vierarmigen Kreuz in 33 Meter Höhe. Ein solches wird, in einer monumentalen Version, im Jubiläumsjahr 2026 auch die Sagrada Família krönen.

Infos: Geöffnet Dienstag bis Sonntag von 10–15 Uhr, Eintritt zwölf Euro (inkl. Audioguide), bellesguardgaudi.com

Krypta der Colònia Güell: Modell für Sagrada Família

Hier steht man in einer echten Gaudí-Kirche – und trotzdem ist weit und breit kein weiterer Besucher zu sehen. Die Krypta der Colònia Güell ist wenig bekannt und zudem eine Fahrt mit dem Nahverkehrszug vom Zentrum entfernt (ab Plaça d’Espanya bis Haltestelle Colònia Güell), das macht sie zu einem echten Geheimtipp.

Was früher eine Arbeitersiedlung am Werk des Textilunternehmers Eusebi Güell war, ist heute ein bewohntes Freilichtmuseum. Beim Streifzug durch die Colònia Güell informiert der Audioguide über die frühere Nutzung der Gebäude, die Güell ab 1890 errichten ließ. Sie erzählen die Vorgeschichte, bevor man Station 13 erreicht: besagte bei Gaudí in Auftrag gegebene Kirche.

Von außen wirkt sie rustikal und mit der Umgebung verwachsen. Doch dann: farbenfrohe Mosaiken, Weihwasserbecken aus riesigen Muschelschalen in kunstvoll geschmiedeten Eisenfassungen – man kommt sich vor wie in einer mystischen Zauberhöhle. Glasfenster in Form von Blütenblättern lassen buntes Licht in den ansonsten dunklen Raum.

Massive Basaltsäulen, schräge Stützen, flache Bögen: Bei der dynamisch wirkenden Konstruktion kamen statische Experimente wie das Hängemodell zum Einsatz. Die Kirche erwies sich als Labor für die Sagrada Família, hier wandte Gaudí seine Innovationen zum ersten Mal einheitlich an. Man möchte fast froh sein, dass wegen Geldmangels nur das untere Stockwerk vollendet wurde und der Krypta der Rummel um Gaudís spätere Werke erspart bleibt.

Infos: Geöffnet Montag bis Freitag von 10–17 Uhr, Samstag und Sonntag von 10–15 Uhr, Eintritt zehn Euro (inkl. Audioguide), gaudicoloniaguell.org

Der Autor ist Spanien-Spezialist. Gerade ist von ihm der Reiseführer „Barcelona mal anders“ erschienen, Michael Müller Verlag, 240 Seiten, 15 Euro.

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