Oben Zirkus, unten Folklore – das ist Skifahren im bulgarischen Bansko
Ein Blick aus dem Fenster verrät: ziemlich windig heute. Böen fegen den Schnee über die Bergkuppen, die gestern noch so schön in der Sonne geglänzt haben. Kann man überhaupt Ski fahren? Dimitar Kolev steht an der Rezeption im Skianzug und hat eine beruhigende Antwort parat: „Es ist windig, aber man kann gut fahren.“
Der Manager des Hotels „St. Ivan Rilski“ im bulgarischen Bansko verlässt sich nicht auf die Live-Kameras am Berg. Er macht sich frühmorgens stets persönlich ein Bild von den Bedingungen auf der Piste. Gerade ist er von seiner Testfahrt ins Hotel zurückgekommen.
Vom Hotel geht es per Shuttlebus zur Gondelstation, wo man um halb neun dem Andrang zuvorkommt. Sobald sich die Türen der Kabine schließen, beginnt die Fahrt durch eine Bergregion, die in Deutschland kaum jemand kennt, die aber für Wintersportler eine interessante Alternative zu den Alpen ist: Das Pirin-Gebirge im Südwesten Bulgariens, 150 Kilometer südlich von Sofia gelegen.
Es hat alpinen Charakter, erreicht mit über 2900 Metern respektable Höhen und bietet mit Bansko das beste Skigebiet des Landes mit insgesamt 75 Pistenkilometern, geeignet für Anfänger und Könner. Wegen der Höhenlage der Pisten gilt Bansko als schneesicher, aktuell liegen oben am Berg 120 Zentimeter; die Saison dauert bis Mitte April.
Schnäppchen, zahlbar in Euro
Nicht nur die Geografie macht den Ort für Winterurlauber interessant, sondern auch das Preisgefüge: Während die Preise für den Tages-Skipass in den Alpen mit 80 Euro aufwärts neue Gipfel erklimmen, ist Skifahren in Bansko erschwinglich: Der Tagespass für Erwachsene kostet mit 59 Euro deutlich weniger als in Österreich, Italien oder der Schweiz.
Wer sich Ski und Stiefel vor Ort leiht, zahlt zwischen sieben und 15 Euro, was ebenfalls günstig ist. Praktischerweise können Urlauber hier mit dem Euro zahlen, Bulgarien hat die Gemeinschaftswährung zum 1. Januar 2026 eingeführt.
Und auch was Landschaft und Atmosphäre betrifft, kann Bansko mithalten. Gemächlich schwebt die Gondel über schneebedeckte Kiefern und Tannenwipfel, die ersten Zacken des Wichren (mit 2914 Metern höchster Gipfel im Pirin-Gebirge) rücken ins Blickfeld. Auf den Pisten herrscht wenig Betrieb.
Es ist noch früh, das steigert die Vorfreude auf frisch präparierte, unberührte Hänge. Die Gondel endet auf einem Plateau in 1635 Metern Höhe, weitläufig bebaut mit Restaurants und Bars, die sich an den rustikalen Alpenstil anlehnen. Der Hotelmanager hatte recht: Der Schnee ist gut und griffig. Wegen des Windes sind heute jedoch einige Pisten gesperrt.
Zum Einschwingen eignen sich die Hänge unterhalb des Funparks, die mit sanftem Gefälle ein erstes Gefühl dafür vermitteln, warum sich Genussskifahrer hier wohlfühlen können. Die Schneequalität ist top, schmale Pistenstreifen schmiegen sich zwischen Nadelbäumen, manche sind durch Waldwege miteinander verbunden. So viel Idylle hat man selten in den Alpen.
Abzüge gibt es dagegen in den Komfortnoten. Die Sessellifte sind langsam, zudem unbeheizt und ohne Hauben zum Schutz vor Schnee und Sturm, was an diesem Vormittag heißt: Der Wind bläst einem schneidig ins Gesicht.
Für Skifahrer ein Höhepunkt ist die 16-Kilometer-Abfahrt, Osteuropas längste Skistrecke, die man in einem Rutsch fahren kann, wenn alle Lifte geöffnet sind. Sie führt vom Gipfel der Todorka bis hinunter in den Ort Bansko, teilweise durch verschneiten Wald – so lang ist keine Abfahrt in Österreich.
Darauf ist Ivan Obreykov besonders stolz, Marketingchef des Liftbetreibers Ulen. Schon siebenmal sei Bansko zum besten Skigebiet Bulgariens gekürt worden, schwärmt er. Man sei auch der erste Wintersportort in Europa gewesen, der 2018 Plastikflaschen und -becher verbannt habe. Obreykov war dabei, als 2003 die erste Gondel in Bansko in Betrieb ging.
Zu kommunistischer Zeit hatte das Regime die Pirin-Berge weitgehend ignoriert, sagt er, zum Wintersport reiste man von Sofia nach Borowez im Rila-Gebirge. „Damals fuhren in Bansko noch Eselskarren, wir haben den Ort aus dem Winterschlaf erweckt.“
Mit Erfolg: Die Infrastruktur in Bansko ist gut, nahe der Skistation reihen sich Après-Ski-Lokale, Pizza- und Burgerläden aneinander, umgeben von Apartmenthäusern. Der Boom scheint ungebrochen, darauf deuten Baustellen, Plakate mit der Aufschrift „Invest in Bansko“ und viele Co-Working-Spaces im Ort hin, die zunehmend ein junges Hipster-Publikum anziehen.
Das Preisniveau in der Gastronomie ist durchwachsen. An der Schirmbar „Umbrella“ beispielsweise kostet ein Glas Glühwein sechs Euro, und in der Skihütte direkt an der Piste zahlt man für eine Pizza 20 Euro – hier erreicht Bansko alpines Niveau. „Doch es gibt hier immer noch Lokale, die günstig sind, man muss halt genau hinsehen“, rät Stefan Servatius, ein Deutscher, der seit 20 Jahren mit seiner bulgarischen Frau in Bansko lebt und hier als Immobilienberater arbeitet.
Er fährt auch gern im österreichischen Saalbach-Hinterglemm Ski, freut sich aber immer wieder auf Bansko. „Hier gibt’s kein Chichi, alles ist bodenständig und entspannt, das gefällt mir an dem Gebiet.“
Abseits der Skipisten, vor allem im historischen Ortskern, findet man besagte einfache Lokale – mit Preisen, die zwei- bis dreimal günstiger sind als weiter oben im Skigebiet. Hier bekommt man tatsächlich eine Gemüsesuppe oder einen kleinen Hähnchenspieß für zwei Euro, einen Teller Spaghetti für fünf Euro und ein Bier für einen Euro.
Ein Stück altes Bulgarien
Die Altstadt lohnt sich noch aus einem anderen Grund: Mit ihren traditionellen, festungsartigen Steinhäusern, aus deren Schornsteinen Rauch aufsteigt, und mit ihren mittelalterlichen Kirchen, die nach der osmanischen Besatzung wiederaufgebaut wurden, ist Bansko eine andere Welt. Hier findet man noch das alte Bulgarien.
Insbesondere im Restaurant „Dedo Pene“, wo Boris Popov, Wirt in fünfter Generation, seinen Gästen traditionelle Speisen wie „Kapama“ (Eintopf aus Fleisch mit Sauerkraut und Reis) oder das Blätterteig-Gebäck Baniza (gefüllt mit Joghurt und Käse) auftischt, oft begleitet von bulgarischen Volksmusikgruppen, die live und mit Herzblut im Lokal auftreten.
Hristo Stoichkow, Bulgariens berühmtester Fußballer, war im „Dedo Pene“ bereits zu Gast, und auch weltbekannte Skifahrer wie Alberto Tomba, der 2013 die Skisaison in Bansko eröffnete. Nach dem Italiener wurde die schwierigste Abfahrt im Gebiet benannt, 2,5 Kilometer lang, steil, mit scharfen Kurven, oft eisig. Eine anspruchsvolle schwarze Piste, auf der sogar Weltcup-Läufe ausgetragen werden.
Wirt Popov liebt seinen Heimatort vor allem wegen seiner Vielfalt: „Das Schöne an Bansko sind seine zwei Gesichter. Oben ist Rummel und Skizirkus, unten hat man Tradition und Ruhe.“
Tipps und Informationen:
Wie kommt man hin? Von Deutschland bieten mehrere Fluggesellschaften Direktflüge nach Sofia an, etwa Lufthansa, Wizz Air, Ryanair. Von Sofia verkehren Busse in rund drei Stunden direkt ins Skigebiet (traventuria.com/airport-transfers-bulgaria).
Wo wohnt man gut? „St. Ivan Rilski Spa Resort“, familienfreundliches, modern gestaltetes Hotel oberhalb des Skiortes mit In- und Outdoorpool plus großem Wellnessbereich, DZ/HP ab 223 Euro, saintivanrilski.com. „Dedo Pene Inn“, das historische Gasthaus in der Altstadt bietet unter einem Dach ein typisch bulgarisches Lokal und fünf Gästezimmer, DZ ab 37 Euro, dedopene.com. „Four Points by Sheraton Bansko“, modernes Haus mit rustikaler Eleganz, zwei Restaurants und weitläufigem Spa, nahe der Gondelstation, DZ ab 162 Euro, marriott.com.
Wintersport: Bansko bietet 75 Pistenkilometer und 15 Lifte/Gondeln, Skipass ab 59 Euro pro Tag (banskoski.com).
Weitere Infos: visitbulgaria.com/de
Drei Winteralternativen im Osten:
Spindlermühle, Tschechien: Verschneite Wälder, sanfte Hänge, urige Hütten: Das Skigebiet Spindlermühle (Spindleruv Mlyn) hat viel Charme und eignet sich für Familien ebenso wie für Genussskifahrer. Mit alpinen Höhen lässt sich Tschechiens größtes Skigebiet zwar nicht vergleichen, der höchste Punkt liegt bei 1235 Metern. Doch so langsam wächst inmitten des Riesengebirges eines der modernsten Skizentren Mitteleuropas heran. Nach der Verbindung zweier Skiareale hat das Gebiet für die aktuelle Saison weitere Hänge ausgebaut und Lifte erneuert. Zu den 27 befahrbaren Kilometern gehören auch anspruchsvolle Pisten, darunter die FIS-Weltcup-Abfahrt über dem St.-Peter-Tal (Tagesskipass ab 34 Euro, skiareal.cz).
Zakopane, Polen: Diese Aussicht! In Zakopane gleitet man vor filmreifer Bergkulisse über die gut präparierten Pisten. Die Hohe Tatra, das höchste Gebirge Polens, ragt mit steilen Felswänden in den Himmel, aus dem genug Schnee für eine lange Skisaison fällt. Das Gebiet, bekannt vom Weltcup-Skispringen, ist mit 15 Pistenkilometern zwar überschaubar, doch einige Hänge sind durchaus anspruchsvoll. Ein Gebiet mit viel Charakter, von der traditionellen Holzarchitektur der Hütten bis zur regionalen Gastronomie. Spitze ist das Preis-Leistungs-Verhältnis: Der Goral-Tagesskipass kostet ab 44 Euro (zakopane.pl).
Vogel Ski Center, Slowenien: Langlauf, Schneeschuhwandern, Skitouren – am 1922 Meter hohen Berg Vogel ist wenig los, man kann die Ruhe genießen. Er ist Teil der Julischen Alpen, ist aber mit den klassischen Skigebieten der Zentralalpen nicht vergleichbar. Der Skibetrieb verteilt sich rummelfrei auf 22 Pistenkilometer, zum Teil mit Blick auf den Bohinj-See. Anfängerhügel gehören ebenso zum Repertoire wie steile Hänge. Highlights sind die Talabfahrt Zagarjev graben (1200 Meter Höhenunterschied) und das Pokljuka-Plateau für Langläufer (Tagesskipass ab 45 Euro, vogel.si/en).
Die Teilnahme an der Reise wurde unterstützt von der bulgarischen Botschaft und dem „St. Ivan Rilski Spa Resort“. Unsere Standards der Transparenz und journalistischen Unabhängigkeit finden Sie unter go2.as/unabhaengigkeit.
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