Geheimtipp „Chepe Express“ – Der Lokführer fährt hier noch auf Sicht
Ein kühler Morgen in Creel. Noch liegt der Bergort in Mexikos größtem Bundesstaat Chihuahua schläfrig da, das bunte Häusermeer im Schatten. Straßenhunde dösen auf Gehsteigen. Frühaufsteher finden sich zur Morgenmesse in der König-Christus-Kirche am Hauptplatz ein – und am Bahnhof. Dort steht der Chepe Express zur Abfahrt bereit. Lokführer Jesús Manuel Nájera ist startklar auf seinem Posten.
Glockenschlag acht Uhr setzt er den 300 Meter langen Zugbandwurm in Bewegung durch die Gebirgswelt der Sierra Madre Occidental. Nájera mag die Strecke am liebsten im Winter, wenn in den Hochlagen der Schnee glitzert, sagt er. Unten in den Tälern schneit es nicht, dort dominieren die Braun-Grau-Töne der Felsmassen und das Grün der Wälder.
Der Lokchef fährt auf Sicht, ohne Hightech. „Express“ hört sich schnell an, doch Nájera dreht nur bis maximal 50 Kilometer pro Stunde auf. Von Beginn an schaukelt es beachtlich.
86 Tunnel, 37 Brücken, 357 Kilometer, neuneinhalb Stunden Fahrzeit – die Strecke, auf der der Chepe Express sich vom 2330 Meter hohen Creel bis auf Meeresniveau nach Los Mochis am Pazifik herunterschraubt, gilt als Meisterwerk mexikanischer Ingenieurskunst. Erstmals rollten hier 1961 die Räder von Güterzügen auf der Linie Ferrocarril Chihuahua al Pacífico, laut Schild am Bahnhofsgebäude in Creel „eines der 13 von Menschen gemachten Wunder in Mexiko“.
Der heutige Chepe Express ist seit 2017 als reiner Passagierzug für den Fremdenverkehr unterwegs – er dürfte auch viele Europäer interessieren, bei denen Bahnreisen immer beliebter werden. Erfreulicherweise kommt man in dem mexikanischen Zug mit Englisch problemlos durch.
Luxus ist relativ
Etikettiert wird er als Luxus. Das allerdings weckt falsche Vorstellungen – der Chepe Express ist sicher nicht der Orient-Express. Er bietet eine komfortable Panoramatour, aber keinen Glamour. Auch keine Schlafkabinen – pro Strecke ist der Zug einen Tag unterwegs.
Die sich abwechselnden Aussichten sind der eigentliche Luxus, von dem an Bord eine bunt gemischte Gemeinschaft profitiert: Mexikaner und US-Amerikaner stellen die größten Passagierkontingente, Europäer folgen mit weitem Abstand.
In der Dreiklassengesellschaft der Waggons – die Touristenklasse ist die günstigste – sollte niemand am falschen Ende sparen. Denn einzig den Gästen der Ersten Klasse ist der Zugang zum sogenannten Terrassenwagen am Schluss des Zugs erlaubt. Er ist normal überdacht, aber nur dort sind die Fenster geöffnet, um das Landschaftskino wie auf einer Großleinwand an sich vorüberziehen zu lassen.
Unterwegs gibt Chefsteward Paul Soto, der aus dem Zielort Los Mochis stammt, Erklärungen per Mikrofon. Er stellt von Anfang an klar, dass man sich in einer Offline-Blase bewegt. Es gibt kein Internet an Bord. Eine Wohltat.
Der Zug legt sich in lange Kurven. Er zuckelt an Kiefern und Erdbeerbäumen mit rotbraunen Stämmen vorbei, an Agaven, moosüberzogenen Steinbrocken, Tälern, Bergausläufern, Holzverschlägen und kleinen Dörfern. Auf einem Flusslauf in der Tiefe glitzert die Sonne. Vereinzelt tauchen Maisparzellen auf. Ein ums andere Mal wird man von Tunneln verschluckt.
Drei Loks ziehen heute den Chepe Express mit 200 Gästen und einem 35-köpfigen Personalteam vom Barkeeper bis zum Koch. Die Bremsen kreischen und pfeifen ziemlich oft. Vor unbeschrankten Bahnübergängen ertönt ein röhrendes Warnsignal. Die Terrassenwagen sind die schönsten des Zugs, durch sie zieht frische Bergluft, gelegentlich mischt sich ein Hauch Lokdiesel darunter.
Man nimmt hier auf gepolsterten Rundhockern Platz, ordert Drinks nebenan in der Bar. Während der Fahrt greift der Cocktailmixer den Takt auf: definitiv geschüttelt, nicht gerührt. Die Gläser stellt man in einer Art Rinne ab, deren Inhalt schwappt trotzdem bedenklich hin und her bis zum Rand.
Tanzen an Bord, Stress abschütteln
Vor- oder Nachteil im Terrassenwagen – je nach Einstellung – ist die wummernde Musik. Beim mexikanischen Teil der Gästeschaft kommen die Cumbia- und Rancheras-Rhythmen gut an, so manches Paar legt sogar eine flotte Sohle aufs schmale Parkett und tanzt tapfer gegen das Dauergeschaukel an.
Zum Beispiel Rocío Ríos Lee und ihr Mann Gilberto Brizuela Gómez aus Guanajuato. „Wir sind nicht nur des Vergnügens willen hier, sondern auch für unsere mentale Gesundheit. Hier im Zug schütteln wir den Stress ab und schöpfen neue Kraft“, sagt er. Sie ergänzt: „Außerdem lieben wir den Kontakt zur Natur.“
Und die ist buchstäblich zum Greifen nah. Das Grün bleibt auf dem ersten Teil der Reise Wegbegleiter, immer wieder streifen Zweige den Zug. Chefsteward Soto mahnt deshalb, sich nicht hinauszulehnen. Die zweite Hälfte der Strecke ist geprägt von tropischen Gewächsen: Orangen, Bananen, Zitronen. Der Express ist kontinuierlich abwärts gefahren, die Temperatur ist inzwischen merklich gestiegen.
In der Schlucht Septentrión, einem Ausläufer des Urique-Canyons, verlangsamt der Lokführer auf Schritttempo. Grund ist der Wasserfall namens Velo de Novia (Brautschleier), der landschaftliche Höhepunkt der Tour – jeder soll genug Zeit haben, ihn zu bewundern und zu fotografieren.
Malerisch sprüht das Wasser über die Steinwände, sattgrüne Bergflanken steigen auf, dann wieder nackte Felskämme. Der Zug passiert bald eine geschwungene Flussbrücke, noch etwas später erscheint die Talsperre Luis Donaldo Colosio zur Linken im Blickfeld. Sie gehört zu Chihuahuas Nachbarregion Sinaloa, und das bedeutet: Uhren eine Stunde zurückstellen.
Blechern klackern währenddessen in der Hauptküche die an der Wand aufgehängten Pfannen. Die fleißigen Mitarbeiter im Speisewagen halten sich auf den Beinen, so gut sie können. Jeder Handgriff mit Kellen und Messern gerät angesichts des Dauerschaukelns zum Balanceakt.
Wer ein Mittagessen vorbestellt hat, begibt sich ins Bordrestaurant. Die begehrtesten Plätze sind oben unter einer Art verglaster Langkuppel mit Rundumblicken. Die Scheiben hätten allerdings besser geputzt sein dürfen. Fisch und Gemüse vibrieren leicht auf den Tellern.
Auf der letzten Etappe rollt der Zug hinaus aus dem Gebirge und rumpelt durch Wildwestkulissen. Meterhohe Kakteen bis zum Horizont, Rinder liegen im Schatten unter Bäumen. Neben einem windschiefen Haus steht ein altersschwacher Pick-up, Wäsche trocknet auf Zäunen.
Hier unten, nah am Meer, brennt die Sonne durch die offenen Fenster, heiße Luft weht hinein. Dem Barkeeper sind die Eiswürfel ausgegangen, er ist mittlerweile beschäftigungslos.
Im Bahnhof Los Mochis kreischen ein letztes Mal die Bremsen, der Zug stoppt pünktlich. Herzlich verabschiedet sich Chefsteward Soto und tritt mit beneidenswert strammem Schritt den Heimweg an. Was man von den Passagieren nicht behaupten kann: Die sind nach ununterbrochenem Geschaukel noch ziemlich wacklig auf den Beinen und müssen erst wieder lernen, geradeaus zu gehen.
Tipps und Informationen:
Wie kommt man hin? Zum Beispiel mit Lufthansa von Frankfurt/Main oder München nach Mexiko-Stadt oder mit KLM von verschiedenen deutschen Flughäfen via Amsterdam nach Mexiko-Stadt; Weiterflug nach Chihuahua mit Aeromexiko, von dort fahren Busse und Züge nach Creel, dem nördlichen Ausgangsspunkt des Chepe Express. Rückflug ab Los Mochis wieder über Mexiko-Stadt. Für die Einreise nach Mexiko brauchen Bundesbürger kein Visum.
Fahrt im Chepe Express: Auf der Strecke Creel–Los Mochis verkehrt der Zug ganzjährig dienstags, freitags und sonntags, in der Gegenrichtung montags, donnerstags und samstags. Das Ticket für die einfache Strecke kostet in der Hauptsaison 6500 Pesos/umgerechnet 307 Euro in der empfehlenswerten First Class (hin und zurück 8500 Pesos/401 Euro); Executive Class und Touristenklasse sind rund 30 beziehungsweise 50 Prozent günstiger. In der Nebensaison zahlt man im Schnitt 20 Prozent weniger. Buchungen über die offizielle Website des Chepe Express (chepe.mx). Unterwegs sind an den Stationen keine Fotostopps oder Ausflüge vorgesehen; lokale Veranstalter bieten vom Ort Creel aus aber organisierte Ausflüge an.
Weitere Infos: visitachihuahua.mx
Die Teilnahme an der Reise wurde unterstützt vom Fremdenverkehrsamt Chihuahua. Unsere Standards der Transparenz und journalistischen Unabhängigkeit finden Sie unter go2.as/unabhaengigkeit
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